From Panels With Love #2 — The Elephant in the Room

Ein Jahr kann ganz schön lang werden, wenn man auf die nächste Ausgabe des SPRING Magazins wartet. Unter dem Titel „The Elephant in the Room“ haben sich diesmal 16 spannende  Zeichnerinnen aus Indien und Deutschland zusammengetan. Herausgekommen sind dabei 264 Seiten, die durch Stilvielfalt brillieren und überzeugen. Die mittlerweile 13. Ausgabe des Magazins ist nun im mairisch Verlag erschienen. 

SpringMagazin_Portrait
© mairisch

Indien ist nicht schwarz oder weiß. Indien ist auch blau, grün, gelb, pink, orange oder violett. Kaum ein anderes Land ist so lebhaft, farbenfroh und vielseitig. Indien ist aber auch ein Land voller Widersprüche und nirgends trifft dies mehr zu, als bei der Frage nach den Frauenrechten, auch wenn die Verfassung Frauen inzwischen Gleichberechtigung garantiert. Viele von ihnen besetzen einflussreiche Geschäftsposten und entwickelten durch finanzielle Unabhängigkeit in den letzten Jahren ein neues Selbstbewusstsein. Starke Frauenbewegungen und Liebesheirat gehören heute zu ihrem Alltag. Dennoch sind viele von ihnen trotz all der Bemühungen weiterhin von Diskriminierungen und Gewalttaten betroffen.

Für die aktuelle Ausgabe widmeten sich im Rahmen einer Schriftstellerresidenz acht deutsche Zeichnerinnen und acht ihrer indischen Kolleginnen dem Land voller Gegensätze und erzählen vom Alltag als Frau in unterschiedlichen Kulturen und deren Umgang mit Körperlichkeit, Body Image und Sexualität. In individuellen Geschichten begegnen wir Frauen, die uns an ihren Hoffnungen, Wünschen und Ängsten teilnehmen lassen, von Gewalt und Konflikten berichten, und uns nicht zuletzt mit offenen Fragen zurücklassen.

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SPRING #13

Schon seit 2004 bündeln die Macherinnen der Anthologie jährlich eine spannende wie ungewöhnliche Auswahl an Comics, Illustrationen und diversen Zeichnungen zu jeweils einem Thema. Die Künstlerinnengruppe besteht aus jungen Illustratorinnen aus Berlin und Hamburg, die mittlerweile als ein solides und renommiertes Netzwerk für Zeichnerinnen in ganz Deutschland gilt. 2010 erhielt SPRING den »Sonderpreis der Jury für eine bemerkenswerte Comicpublikation« beim ICOM Independent Comic Preis.

So sehr sich die Künstlerinnen auch in der diesjährigen Ausgabe in ihrem Zeichenstil, ihrer sprachlichen Sensibilität und Erzählstrategie unterscheiden, drehen sich viele der Geschichten um den einen bestimmten Zustand, bei dem ein unübersehbares Problem von allen ignoriert wird – The elephant in the room“, wie es im Englischen so schön heißt. Die Kinderbuchillustratorin und Trickfilmzeichnerin Priya Kuriyan aus New Delhi berichtet beispielsweise in „Ebony & Ivery“ von der gescheiterten Ehe ihrer Großeltern, Matthew & Rose. In liebevollen Buntstiftzeichnungen erinnert sie sich an ihre eigentümliche Großmutter Rosalind und berichtet von Familiengeheimnissen, Vorurteilen und welchen Preis Rosalind einst bezahlen musste, um ihre Kinder schützen zu können.
Beeindruckend sind ebenfalls die holzschnittartigen düsteren Zeichnungen der jungen indischen Kollegin Prabha Mallya, die anhand einer Straßenhündin mit dem Namen „Bitch“ (übersetzt auch als Hündin) die Erwartungshaltungen hinterfragt, die Frauen in Indien immer noch entgegengebracht werden. In unserem Sprachgebrauch ist der Begriff „Bitch“ eher negativ belastet und gilt als Schimpfwort. Heutzutage kommt es aber vor, dass Frauen selbst den Begriff benutzen, um ihre Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit auszudrücken. Mallya spielt mit dieser Dualität und stellt veraltete Geschlechterrollen in Frage.
In „Otherly urges“ entgegnet Archana Sreenivasan mit verspielten wie erheiterten Bildern der Annahme, jede Frau wünsche sich eines Tages, Mutter zu werden. Frauen, die einfach keine Kinder wollen, stoßen immer wieder auf Unverständnis, auch wenn der finanzielle und soziale Status von Frauen heute nicht mehr durch ihre Heirat und ihre Mutterschaft bestimmt wird. Die Illustratorin aus Bangalore hinterfragt in ihrem Comic das besonders in Indien problematische Frauenbild, indem ihre Heldin ihr Aktionsfeld nicht allein in der Familie und im Muttersein sieht.

Leseprobe-SPRING
aus „Bitch“ von Prabha Mallya

 

Zurückhaltend sind die indischen Comic-Zeichnerinnen keineswegs. Ihre Geschichten amüsieren, bewegen und ermutigen. Diese Ausgabe ist etwas ganz Besonderes. Es gibt die poetischen, religiösen und ganz persönlichen Geschichten, die unbedingt entdeckt werden sollten.

Die Zeichnerinnen der Ausgabe #13: Anpu Varkey / Archana Sreenivasan / Barbara Yelin / Garima Gupta / Katrin Stangl / Kaveri Gopalakrishnan / Kruttika Susarla / Larissa Bertonasco / Ludmilla Bartscht / marialuisa / Nina Pagalies / Prabha Mallya / Priya Kuriyan / Reshu Singh / Ulli Lust / Stephanie Wunderlich

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Luisa Kaiser

Luisa Kaiser

1988 in Halle/Saale geboren, verbrachte die kommenden Jahre in einem kleinen Ort nebenan als Landei bis es sie zum Studieren nach Dresden verschlug. Nach mehreren Jahren in diesem besinnlichen und behüteten Städtchen lockte dann doch der Ruf der Wildnis. Seit 2014 lebt Luisa in Berlin und studiert 'Angewandte Literaturwissenschaft'. Das Studium macht Spaß, sagt sie, jedoch falle es ihr immer noch schwer, knackige Kurzbiographien zu schreiben.
Luisa Kaiser