Und was macht man damit? #20 Susann Kretzschmar

„Wer will die Buddenbrooks lesen und darüber ein Referat halten? Niemand? Dann macht das Susann.“ – Was ihr in der Schulzeit anfangs wie Schikane vorkam, entwickelte sich im Verborgenen letztendlich zum Wunsch, Germanistik zu studieren –  der Deutschlehrerin sei Dank. Mittlerweile arbeitet Susann Kretzschmar in der Deutschen Welle als Assistentin der Hauptabteilungsleiterin für Wirtschaft und Wissenschaft. Nebenher unterstützt sie StenographInnen im Bundestag mit ihren flinken zehn Fingern und „schreibt buchstäblich Geschichte“. Alles in allem nur Gewinne: Sprache, Politik und Journalismus. Um es in Susanns Worten zu sagen: toll, toll toll! 

© Lovis Trummer

Was wolltest du als Kind werden?

Seltsamerweise wollte ich Lehrerin, wie meine Mutter, oder Bankkauffrau werden. Ersteres lag wohl daran, dass ich so gerne mit Kreide malte und eine Kindertafel geschenkt bekommen hatte. Zweiteres kam zustande, weil ich einen kleinen Postschalter in Miniatur besaß, den ich fälschlicherweise als Bankinstitut missinterpretierte – die Antizipation der Postbank. Obwohl ich damals schon Bücher ohne Ende verschlang, kam mir noch nicht die Idee, dass man diese Leidenschaft zum Beruf machen könnte. Das kam erst wesentlich später.

Was genau hast du studiert und warum hast du dich dafür entschieden?

Bücher waren und sind meine ständigen Begleiter. Während meiner Schulzeit las ich die Klassiker deutschsprachiger Literatur. Obwohl ich nicht sonderlich für mein schulisches Engagement berühmt war, bemerkte meine Deutschlehrerin dennoch meine große Leselust. „Wer möchte den Eingangsmonolog von Iphigenie auswendig lernen und vortragen? Niemand? Dann macht das Susann“ … „Wer will die Buddenbrooks lesen und darüber ein Referat halten? Niemand? Dann macht das Susann.“ Was mir zu Anfang wie Schikane vorkam, entwickelte sich im Verborgenen letztendlich zum Wunsch Germanistik zu studieren. Als Zweitfach wählte ich später Spanisch, weil ich mich zuvor auf Reisen für die Sprache und Kultur Lateinamerikas begeisterte. Lehrerin hätte ich damit werden können, wollte ich aber nicht mehr. Ich wollte Menschen nicht noch extra begeistern müssen, die sich von den Fächern nicht von alleine schon mitreißen lassen. Also dachte ich, dass eine Uni-Karriere vielleicht das Richtige wäre. Doch nach der tausendsten Hausarbeit im Elfenbeiturm, kam mir diese Idee zu einsam und unbedeutend vor. Deswegen wollte ich wieder weg aus der Uni. Da mir aber vor lauter Literaturwissenschaft und der ausnahmslosen Lektüre von Klassikern, völlig unklar war, was man sonst noch mit einem solchen Studium anfangen könnte, folgte ich dem Hinweis einer Freundin und katapultierte mich in die deutsche Gegenwartsliteratur und den Literaturbetrieb durch den Masterstudiengang „Angewandte Literaturwissenschaft“.

Wusstest du schon während deines Studiums, in welchen Beruf du möchtest?

Nein, nicht wirklich, aber ich sammelte Ahnungen. Im Bachelor wollte ich noch Germanistik, Hispanistik und Reiselust miteinander verbinden und dachte, das Goethe-Institut sei die richtige Adresse. Nach einem Jahr am Goethe-Institut in Mexiko-Stadt kam mir diese Arbeit allerdings zu neokolonialistisch vor. Die politischen Verstrickungen zu diesem „gemeinnützigen Verein“ waren zu explizit. Mir gefiel es auch nicht, Deutschland nach außen zu vermarkten, während die europäischen Außengrenzen mir als kaum überwindbare Mauern für Migrantinnen und Migranten vorkamen. Durch den Masterstudiengang und tolle Dozentinnen und Dozenten begeisterte ich mich dann für Berufe wie Dramaturgin, Literaturagentin und Lektorin.

Wo hast du während des Studiums Berufserfahrungen gesammelt?

Ganz querbeet. Ich habe geputzt, Karten abgerissen, Mäntel an Garderoben gehängt, Jugendfreizeiten betreut, war studentische Hilfskraft bei einer Wirtschaftsuni und bei der Stasi-Unterlagen-Behörde, tippte beim Bundestag und assistierte bei der Deutschen Welle. Praktika machte ich beim Goethe-Institut in Mexiko-Stadt und bei einer Berliner Literaturagentur. Ich hätte gerne noch weitere Praktika oder Volontariate absolviert. Abgesehen davon, dass ich es mir nicht leisten konnte, sah ich es ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr ein, unentgeltlich zu arbeiten, da ich mir als bereits ausreichend qualifiziert vorkam. So verhandelte ich vor allem mit Verlagen. Ich versuchte unbezahlte Teilzeitpraktika oder Mindestlöhne für Vollzeitpraktika zu ergattern, denn die gut gemeinten Büchergutscheine nimmt leider kein Supermarkt an. In den Bewerbungsgesprächen hörte ich immer dasselbe: „Leider kein Geld. Vielleicht bekommst du nach dem unbezahltem Praktikum ein bezahltes Volontariat. Wir mussten da auch durch. Literatur ist Leidenschaft, da verdient man halt erst einmal nichts.“ Nach einer 40-Stunden-Woche noch zusätzlich arbeiten, um mein Praktikum finanzieren zu können? Nein, danke. Und so kehrte ich dem Literaturbetrieb (vorerst) meinen Rücken zu.

Wo arbeitest du jetzt und was genau sind deine Aufgaben?

Zum Glück konnte ich auch nach der Exmatrikulation meine Studi-Jobs behalten. Ich tippe immer noch im Bundestag und assistiere immer noch bei der Deutschen Welle. Im Bundestag „schreibe ich Geschichte“, so haben mir es jedenfalls die Kolleginnen und Kollegen mal erklärt. Stimmt tatsächlich, ist aber dann bei Weitem nicht so spektakulär. Ich helfe den Stenographinnen und Stenographen bei der Niederschrift der Plenarprotokolle. Alles ist unglaublich streng getaktet: Im Fünf-Minuten-Takt wechseln die Stenographinnen und Stenographen im Plenarsaal. Anschließend kommen sie zurück in ihre Büros, wo die Schreibkräfte schon warten. Meine Stenographin oder mein Stenograph, die/den ich für diesen Tag zugeteilt bekommen habe, diktiert mir dann etwa eine halbe Stunde lang ihr/sein Stenogramm. Parallel dazu hören sie eine Live-Aufnahme, korrigieren und lektorieren, damit am Ende nicht solche Sätze herauskommen wie: „Wir halbieren die Arbeitslosen!“
Bei der Deutschen Welle arbeite ich als Assistentin der Hauptabteilungsleiterin für Wirtschaft und Wissenschaft. Meine Arbeit besteht darin, meiner Chefin und ihren Stellvertretern so viel Arbeit wie möglich abzunehmen und Arbeitswege zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und der Abteilungsleitung zu vereinfachen. Eine klare Arbeitsstruktur ist bei einer so großen Abteilung (etwa 250 Arbeitskräfte) auch dringend notwendig. Meine Arbeit ist so kleinteilig, dass man sie kaum beschreiben kann: Schichtpläne, Rechnungen, Reisen und Termine für meine Chefin planen, Telefon, Telefon, Telefon, Mails, Mails, Mails.

Wie sieht dein Arbeitsplatz aus?

Im Bundestag arbeite ich im Jakob-Kaiser-Haus in der Dorotheenstraße – ein großer gläserner Quader. Dort sitze ich den ganzen Tag zu zweit mit meiner Stenographin oder meinem Stenographen in ihrem oder seinem Büro: viel Platz, viel Tageslicht, viel Holz, viele Pflanzen. Vor den Büros eine kafkaeske Landschaft: lange Korridore mit vielen Türen. Alles geschieht im Stillen hinter geschlossenen Türen. Ständig gehen irgendwo Türen auf, Menschen in Anzügen huschen durch die Gegend, um dann wieder hinter anderen Türen zu verschwinden.
In der Deutschen Welle sitze ich im Vorzimmer meiner Chefin. Dort sitzen wir meist zu zweit oder zu dritt, denn alleine ist die ganze Arbeit nicht zu schaffen. Jede Menge Süßigkeiten sind im Umlauf und ein riesiges Fenster lässt uns auf den Humboldthain blicken.

Was gefällt dir besonders gut an deiner Arbeit?

Diskontinuität, Freiberuflichkeit und großartige Kolleginnen und Kollegen! Durchschnittlich gehe ich monatlich zwei Wochen am Stück jeweils 40 Stunden arbeiten. Der Rest des Monats ist frei und glücklicherweise reicht mein Gehalt zum Leben und Sparen. Dank der Freiberuflichkeit, könnte ich mich auch wochenlang sperren lassen und von Südseeinsel zu Südseeinsel tingeln (kommt sicher bald). Ich empfinde es als großes Glück so viel und so wenig arbeiten zu dürfen, wie ich möchte. Der ständige Wechsel zwischen Freizeit (was im Moment noch die Fertigstellung meiner Masterarbeit bedeutet), Deutscher Welle und Bundestag lässt absolut keine Langeweile aufkommen. Im Bundestag beschäftige ich mich den ganzen Tag mit Sprache und Politik. Toll! Bei der Deutschen Welle habe ich den ganzen Tag mit Wissenschafts- und Wirtschaftsjournalismus zu tun. Toll! Außerdem sind meine Kolleginnen und Kollegen alle angenehm verrückt, kreativ, kompetent und lieb, sodass meine Arbeitstage immer jede Menge Spaß und beständiges Dazulernen bedeuten.

Wenn du noch mal studieren könntest, würdest du dich für den gleichen Studiengang entscheiden? Wenn nein, was würdest du stattdessen wählen?

Ich würde alles noch einmal genauso studieren. Für mich war das Wichtigste bei der Auswahl meines Studiums, dass es mich in vollem Umfang interessiert und es mir Spaß macht. Das hat es getan und somit bin ich glücklich und zufrieden. Ich danke meiner Deutschlehrerin!

Welches Buch liest du gerade? Kannst du es weiterempfehlen? Oder hast du einen anderen Kulturtipp?

Einige parallel derzeit: Der Geschichtenerzähler (Mario Vargas Llosa), Jage zwei Tiger (Helene Hegemann), Ronja Räubertocher (Astrid Lindgren) und Rave (Rainald Goetz). Alle sind auf ihre Art großartig und wer ebenfalls (ästhetische) Diskontinuität mag, sollte sie alle in genau dieser Reihenfolge lesen. Ansonsten für alle Berlinerinnen und Berliner: Schaubühne! Schaubühne! Schaubühne!

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Luisa Kaiser

Luisa Kaiser

1988 in Halle/Saale geboren, verbrachte die kommenden Jahre in einem kleinen Ort nebenan als Landei bis es sie zum Studieren nach Dresden verschlug. Nach mehreren Jahren in diesem besinnlichen und behüteten Städtchen lockte dann doch der Ruf der Wildnis. Seit 2014 lebt Luisa in Berlin und studiert 'Angewandte Literaturwissenschaft'. Das Studium macht Spaß, sagt sie, jedoch falle es ihr immer noch schwer, knackige Kurzbiographien zu schreiben.
Luisa Kaiser

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