Von geraubten Herren und betrunkenen Wörtern

Liebeskummer nach der Trennung von einem geliebten Menschen kennen viele, doch nur wenige verarbeiteten ihn so eigensinnig und facettenreich wie Raquel Nobre Guerra in „Senhor Roubado“.

Raquel Nobre Guerra: Senhor Roubado. Hochroth Berlin 2019 © Rebecca Zeil

Bereits der Titel des Gedichtbandes der portugiesischen Lyrikerin, lässt erahnen, dass es um den Verlust eines Mannes geht (Senhor Roubado heißt geraubter Herr). Immer wieder wird er mit „du“ angesprochen, ohne jemals eine Antwort zu geben.

Wer sich in Lissabon auskennt, weiß allerdings auch, dass die gelbe Metrolinie nach Odivelas, einen Vorort von Lissabon führt und eine Station auf dieser Strecke den gleichen Namen trägt. Dort angekommen steht das Denkmal des Senhor Roubado, welches an geraubte Reliquien der Inquisitionszeit erinnert. Noch heute ist er für Christ*innen ein wichtiger Ort zur Wallfahrt.

So mehrdeutig wie der Titel des Bandes, sind auch die darin enthaltenen Texte. Ihre Themen gehen ineinander über, wie auch die Gedichte selbst. Sie tragen keine einzelnen Titel, sondern sind in einem Fluss aneinander gereiht. Neben den üblichen Seitenumbrüchen, sind es Widmungen an andere, portugiesische Autor*innen und Zitate von Lyriker*innen , die einigen Texten vorangestellt sind und einen neuen Sinnabschnitt signalisieren.

Im Verlauf des Bandes lässt Raquel Nobre Guerra  ein lyrisches Ich durch Lissabon schweifen, das über die Poesie sinniert, den Wert des Schreibens und auf der Suche nach sich selbst mit Zweifeln kämpft. Gedanken an ein „du“ bilden dazu einen Rahmen, einen Fluchtpunkt, auf den stetig zurückgegriffen wird. Als versuchte das lyrische Ich, sich mit anderen Eindrücken abzulenken, um letztendlich immer wieder bei der verflossenen Liebe zu verharren und in melancholischen Erinnerungen zu schwelgen.

Einmal hast du mir Bananen geschenkt
Blumen für dich, stand auf einem Zettel
[…]
Und ich renne nach Hause mit einem Blumenstrauß
aber du bist nicht da.

Ich bin gekommen, um mit dir die eingebildete Krankheit der Liebenden zu teilen.
Ich bin nicht schuld daran, wenn ich gedacht hab, die Nacht sei für so etwas nützlich.

Gleichzeitig zeichnet sich ein Bild der portugiesischen Hauptstadt ab, die sich ebenso im Wandel befindet, wie das lyrische Ich. Cafés und Buchhandlungen werden erwähnt, die vor Jahren der Gentrifizierung zum Opfer gefallen sind oder von Tourist*innen belagert werden, wie die berühmte Straßenbahnlinie 28.

Wer hat noch nie an der Haltestelle der 28 gezögert
gedacht: Hier fährt die Metapher meines Lebens.

Mit lakonischer Ironie kritisiert die Autorin, teilt aus und macht dabei vor sich selbst keinen Halt. Sie beschwört das Klischee vom portugiesischen Schriftsteller, der in seinen literarischen Ambitionen endlich einen Grund für seine schlechte Kleidung und ungepflegtes Auftreten gefunden hat. Sie schreibt von Dealern und Prostituierten in ihrem Viertel, für das sie sich einerseits schämt, deren Bewohner*innen sie gleichzeitig doch auch gern Hoffnung schenken würde. Diese Zwiespältigkeit zieht sich wie ein roter Faden, durch den gesamten Band. Es lässt sich förmlich sehen, wie eine Person immer wieder einen Gedanken zu Papier bringt, um es gleich darauf zu zerreißen. Auf diese Weise, gewinnt das Geschriebene an Aufrichtigkeit und vermittelt ein Gefühl von Verletzlichkeit.

Es entstehen Verse, die immer wieder zum Innehalten und Nachdenken animieren:

Schreibe vom Betrunkensein der ausgewählten Wörter
weil niemand je geschrieben hat aus Überheblichkeit
man schreibt, um Angst in eine Form zu bringen und ihr Gewicht
erträglicher zu machen.

An anderen Stellen wirkt es, als schreibe die Autorin sich sämtlichen Ärger von der Seele. An der portugiesischen Metropole selbst, lässt sie kein gutes Haar, wenn von Lissabon als „schrecklich trauriger Hohlweg“ die Rede ist. Sie macht auf prekäre Lebensumstände in dem Land, speziell als Kunstschaffende aufmerksam und kritisiert ebenso, die vorherrschende Schreibkunst.

Verzeiht mir, werte Herren Huren, es ist nicht einfach
diesen Mist hier unter einem verständnisvollen Blick zu lenken
in einem Land, in dem die Dichter uns Schlachtplatten nach Hause liefern
und man vor Hunger stirbt, in einem Land mit Dichterdichte.

Bei all der Kritik an Land und Leuten werden immer wieder Lokalspezifika in die Texte eingestreut. So bestellt das lyrische Ich eine „Bica“, oder geht nicht mehr so oft zum „Cais“.

Odile Kennel lässt in ihrer raffinierten Übersetzung ins Deutsche diese Spezifika so stehen und erklärt sie erst am Ende des Buches in einer Art Glossar. Dadurch ermöglicht sie der nicht-portugiesischsprachigen Leserschaft eine Brise des portugiesischen Flairs zu erhaschen und bringt kulturelle Eigenheiten näher, ohne zu befremden. Bei einem Blick in das Original, wird deutlich, dass Kennel weniger Wert auf Wortwörtlichkeit, als auf Vermittlung von Rhythmik, Atmosphäre und Bildern legt. Diese Schwerpunktseztung überzeugt, gerade in Anbetracht der bildreichen Lyrik. Genauso wie das Original zieht der Text in Bann und verdreht den Lesenden den Kopf mit verqueren Metaphern und Personifizierungen.

Noch immer bin ich dieses Raubtierkind
das die Nacht mit den Zähnen zur Seite schiebt.
Ich erwache auf der härteren Seite der Erde
[…]
und der Morgen stürzt wie ein Kranich herab.

Wer sich darauf einlässt kann eine feine Poesie entdecken, die aus vermeintlichen Widersprüchen entsteht.

Raquel Nobre Guerra versteht es mit ihrer Sprache malerische Bilder heraufzubeschwören, um sogleich mit vulgären Worten die Illusion zu zerplatzen, ehe sie zu Kitsch verkommt:

Gelegentlich habe ich mich in der Muse verheddert
wollte mich hingeben diesem sanften Humor
und hab das Brötchen in die Fresse bekommen
nur weil ich dachte, das Steak auf dem Tisch wäre meins.
Doch das Stillleben der Metaphern gab meinem Gedicht kein Fleisch.

Die Texte des Gedichtbandes „Senhor Roubado“ halten das angedeutete Versprechen, was mit der Vieldeutigkeit des Titels anklingt. Sie handeln nicht „nur“ von vergangener Liebe, melancholischen Erinnerungen an Zweisamkeit und der Suche nach einer eigenen Identität fern des Partners. Die junge Autorin greift Großstadtthemen auf, die sich ebenso auf Metropolen wie Berlin oder Paris beziehen lassen. So wie sich die Gläubigen an ihre Wallfahrtsorte wenden, lässt Raquel Nobre Guerra die Poesie sinnstiftend wirken. Immer wieder schafft sie dabei den Ausgleich zwischen melancholischer Nachdenklichkeit und humorvoller Ironie. Und am Ende bleibt die Frage, ist dieses „du“ tatsächlich an einen Mann gerichtet, oder bezieht es sich viel globaler auf eine verlorene Liebe zu einer Stadt, wie sie so nicht mehr existiert?

von Rebecca Zeil

Raquel Nobre Guerra ist als Lyrikerin und Philosophin in Lissabon tätig, dort veröffentlichte sie bereits einige andere Gedichtbände und wurde für ihre Poesie mit einem Stipendium des portugiesischen Kulturministeriums ausgezeichnet. „Senhor Roubado“ ist ihr erster Gedichtband, der ins Deutsche übersetzt wurde, es bleibt zu hoffen, dass daraus noch sehr viel mehr werden.

Der Gedichtband erschien in diesem Jahr im Verlag Hochroth Berlin, der in aufwändiger Handarbeit die Texte in eine optisch und haptisch ansprechende Form gebracht hat.

Raquel Nobre Guerra: Senhor Roubado. Hochroth Berlin 2019. Aus dem Portugiesischen von Odile Kennel
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