„Neukölln ist ein spannender Ort für alles!“

„Neukölln ist ein spannender Ort für alles!“

Ab heute im Heimathafen auf der Karl-Marx-Straße: STORY!, die erste Neuköllner Literaturwoche. An sechs Thementagen (u. a. Heimat, Krimi, Love, Reise) wird Literatur aus und über Neukölln präsentiert: Romane, Storys, Lesebühnentexte, Comics, Liebesbriefe – und Lieder. Kurz vor dem Start sprach Litaffin mit Festivalkoordinator Florian Kröckel über die große literarische Konkurrenz in Berlin, die Besonderheiten von STORY! und das Problem der Gentrifizierung.

Litaffin: Berlin ist voll von Literaturveranstaltungen aller Art, vom großen, internationalen Festival bis zur Lesenacht auf der Oranienstraße. Eine Literaturwoche gibt es z. B. auch in Prenzlauer Berg, aber einen so starken Bezug zum Kiez wie bei STORY! habe ich bisher noch nirgends gesehen – was macht Neukölln zu einem so spannenden Ort für eine eigene Literaturwoche?

Kröckel: Grundsätzlich ist Neukölln ein spannender Ort für alles! Basis von STORY! sind die erfolgreichen Lesungen, die in Zusammenarbeit mit Hugendubel am Hermannplatz regelmäßig im Heimathafen stattfinden. Nach einer dieser Lesungen kam dann am Biertisch die Idee auf, eine Literaturwoche zu gestalten – here we go!

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In eigener Sache: Hanna Lemke liest im Ballhaus Ost

In eigener Sache: Hanna Lemke liest im Ballhaus Ost

„Es war, als würde ich langsam durch die Tage sickern wie Regenwasser durch immer feiner werdende Schichten von Gestein, bis es gesäubert am Grund anlangt, bis es draußen endlich dunkel geworden war und ich mich wieder auf den Weg machen konnte.“

Hanna Lemke (29) erzählt in lakonischem Ton und fein komponierten Sätzen von Fastdreißigern, gefangen im Gespinst der Großstadt. Auf der Suche nach sich selbst scheitern sie immer wieder an den eigenen Erwartungen, und so ist nichts gesichert in ihren Leben – weder das Einkommen oder das Zuhause, noch die Liebe.

Nach ihrem Studium am Literaturinstitut in Leipzig, mehreren Stipendien (u. a. des LCB) und zahlreichen Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften erschien 2010 im Verlag Antje Kunstmann ihr Debüt „Gesichertes“, für das sie von der Presse als „Judith Hermann der neuen Generation“ gefeiert wird.

Hanna Lemke liest am Dienstag, den 13. Juli 2010 im Ballhaus Ost (Pappelallee 15, 10437 Berlin). Die Lesung beginnt um 20.00 Uhr und kostet 3 € Eintritt.

Organisiert und moderiert wird der Abend von Studierenden unseres Studiengangs – als (hoffentlich) krönender Abschluss des Seminars Von Lesern und Vorlesern von Katharina Narbutovič (Leiterin des Berliner Künstlerprogramms).

Wir freuen uns über viele Besucher!
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Litaffin-WM 2010: Wir tauschen den Ball gegen das Buch!

Heute ist es soweit: die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika beginnt. In den kommenden vier Wochen kommen 32 Länder aus allen Winkeln der Erde in den Stadien zusammen, um mit- und gegeneinander zu spielen. Mit einem Ball. Bis am Ende einer gewinnt und einen goldenen Pokal bekommt.

Dass man für eine spannende WM aber weder einen Fußball noch einen Pokal braucht, beweisen wir mit unserer LITAFFIN-WM 2010, die natürlich pünktlich zum ersten Anpfiff in Johannesburg hier auf dem Blog startet.

Wir stellen 32 Texte aus allen bei der Fußball-WM vertretenen Ländern hier online. Keine Sorge, wer mitmachen möchte, muss nicht hunderte Seiten lesen: die Auswahl reicht vom kurzen Gedicht bis zum Romanauszug, überschreitet aber nicht die Länge von drei Seiten. Und denn seid ihr gefragt: über Abstimmungen bei Doodle entscheidet ihr, welche Texte weiterkommen – und wer am Ende zum Litaffin-Weltmeister 2010 gekürt wird!

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Gruppe H | Land 4

Dämmerung senkte sich auf das fruchtbare Tal. Die grauen, hohen Baracken in Culuco glichen denen der an­deren Campos. Von weitem wirkten sie beinahe schön, bei näherer Betrachtung jedoch waren sie eng und schmutzig. Zu ebener Erde lagen die Schuppen und die Essräume, über deren wackligen Tischen Fliegen summten. Jede Ba­racke war in sechs Behausungen abgeteilt, die ein Korridor an der Vorderseite miteinander verband. Eine eiserne Stiege führte zum Eingang hinauf. An der Hinterfront be­fand sich vor jedem Raum eine schmale Holztreppe. In den kleinen, niedrigen und verräucherten Küchen stank es nach Fett, Esswaren und Schweiß.

Maximo Luján und der ehemalige Bauer Martin Samayoa kamen völlig erschöpft in Culuco an. Ihre Gesichter waren von der stechenden Sonne gerötet, die Füße schmerzten von den Strapazen des Weges, die Augen glühten wie im Fieber, und ihre Kehlen waren ausgedörrt.

Der Giftarbeiter Luján wohnte in der dritten Baracke, im zweiten Raum links. Er nahm Samayoa mit hinein. Martin blickte sich um und sah zwei Feldbetten, drei Hängematten und ein paar Holzkisten, die als Stühle dien­ten. An den Wänden hingen mehrere Messingkanister, einige Koffer, verschiedene Buschmesser, ein paar abge­nutzte Spaten, sowie schmutzige, vom Saft der Bananen­stauden und vom Grau des Giftes bespritzte Männersachen und Frauenkleider.

Auf dem Fußboden lagen Zeitungen, Zeitschriften, Fla­schen, Kleidungsstücke, Blechdosen, Bindfaden und Lum­pen bunt durcheinander. Wie alle anderen Räume war auch dieser viel zu eng, genügte lediglich einer Person, aber es wohnten sieben Menschen darin. Besser gesagt, sie schliefen dort, denn sie kamen ja nur des Nachts in diesem Loch zusammen, nachdem sie von Sonnenaufgang bis Son­nenuntergang auf den Fincas geschuftet hatten.

„Das hier ist meine Hängematte“, sagte Maximo Luján zu seinem Gefährten. „Leg dich hinein und ruh dich ans. Wenn der Aufseher Benitez von der Arbeit kommt, werde ich mit ihm reden. Er ist ein gewalttätiger Hitzkopf, sehr schwierig zu nehmen, aber mit mir hält er Frieden. Ich arbeite oft für ihn als Sekretär.“

„Dann kann er wohl nicht einmal seinen Namen schrei­ben?“

„So ist es in etwa.“

„Und weshalb ist er Aufseher?“

„Man sieht, dass du vom Leben in den Campos nicht viel Ahnung hast. Aber du wirst bald Gelegenheit haben, es kennenzulernen. Aufseher kann man auf verschiedene Weise werden. Der schnellste und sicherste Weg ist die Empfehlung eines guten Freundes, der in der Politik etwas zu sagen hat. Ansonsten muss man großes Glück haben oder den Gringos die Stiefel lecken. In den Campos ist alles vertre­ten. Du findest viele aufrechte, charakterfeste Peones, die den großen und kleinen Chefs als Vorbilder dienen könn­ten, du findest aber auch widerwärtige und verabscheuungswürdige Typen. Auch bei den Aufsehern gibt es einige vernünftige Kerle, die uns Peones noch als Menschen an­sehen, es sind aber nur wenige, mein Freund. Die meisten von ihnen spielen sich schlimmer auf als die ausländischen Chefs.“

„Und wie steht’s mit diesem Benitez?“

„Den wirst du schon noch kennenlernen.“

Plötzlich erschütterten Schritte die Dielen der Baracke. An der Tür erschien ein junger braungebrannter Indio von gedrungener Gestalt und mit kräftigen Muskeln. Luján wandte sich an ihn:

„Warum arbeitest du heute nicht, Amadeo?“

„Ich habe frei bekommen, weil der Schlauch meiner Spritze geplatzt ist.“

Während Amadeo zu Samayoa hinübergrüßte, nahm er den Gürtel mit dem Revolver ab und legte ihn unter das Kissen eines der Feldbetten.

„Hast du heute wieder Fieber gehabt?“

„Heute nicht. Im Ambulatorium haben sie mir Chinin ge­geben. Mir summen die Ohren, aber ich vermute, das Sumpffieber wird etwas eingedämmt.“

Das Pfeifen einer Lokomotive durchschnitt die unbe­wegliche Stille des Nachmittags. Der Zug rollte näher, und durch die geöffnete Tür sahen die drei Männer die Ma­schine wie ein lärmendes schwarzes Ungeheuer vorbeifah­ren. In der Luft blieb eine dichte Rauchfahne hängen, die der leise Wind in phantasievolle Figuren zerriss, die sich dann allmählich im durchsichtigen Blau des Firmaments auflösten.

Die starke Hitze war verflogen und Windstöße, warm wie Frauenlippen, trugen den Duft der Früchte von den Plantagen herüber. Das Klopfen eines Pumpenmotors ver­mischte sich mit dem heiseren Bellen eines Traktors, der eine Ladung Stangen von der Bahn in die Pflanzung schleppte und dabei dichte Staubwolken aufwirbelte.

Die Landschaft, die sich wie ein grünes Tuch ausbreitete und von endlosen Pfaden durchzogen wurde, geriet in Be­wegung und verlor die Ruhe der glühenden Tagesstunden. Es war, als verliehe ihr eine unsichtbare Hand Leben und Kraft. Langsam, in gleichmäßigen Schritten, kam der Abend mit seinen Windfächern und veränderte das Himmelsant­litz, dessen Azurblau einzelne, wie Alabasterblöcke wir­kende Wolkenfelder bedeckte. Ein goldener Feuerschein brach sich an den fernen Gipfeln der Gebirge von Sulaco und Nombre de Dios, die sich im Süden und im Norden parallel zu dem blühenden Aguán-Tal erstreckten. Übermütig kreischende Vogelschwärme schossen über die Pflan­zungen, um den Eichkätzchen die reifen, in goldenen Trau­ben wachsenden Bananen streitig zu machen.

Das Motorengeräusch einer Giftpumpe brach ab wie das Stöhnen eines müden Ochsen, tiefes Schweigen lag über den Pflanzungen. Bald begann nun das Leben und Treiben in den Baracken. Die Frauen regten sich unermüdlich in den Küchen, und mit apathisch eintönigen Schritten ström­ten die Arbeiter auf den Wegen und Pfaden nach Culuco. Es waren Stangensetzer, Bewässerungsarbeiter, Unkraut­hacker, Giftspritzer, Bahnarbeiter. Alle sahen müde und erschöpft aus, ihre schmutzigen Kleider waren verschwitzt, ihre Gesichter und Arme von der Sonne verbrannt. Diese Menschen stammten aus den verschiedensten Gegenden des Landes. Es waren Weiße, Indios, Mestizen und Schwarze; Salpeterarbeiter vom Golf von Fonseca, Tabakarbeiter aus Copán, Hirten aus den Ebenen von Olancho, Farbige und Zambos aus Colón und von der Moskitoküste; Talbewoh­ner, Gebirgler, Küstenleute, Städter; Soldaten, ehemalige Kaufleute, Arbeiter und Landstreicher; Analphabeten und Intellektuelle. Mitgerissen vom Strudel, waren sie allein oder mit ihren Familien gekommen, der Zufall hatte sie hier unter dem sternenlosen Himmel der Hoffnungslosig­keit zusammengeführt, damit sie die Kraft ihres Körpers und ihres Lebens für wenige Münzen verkauften und sich ohne Atempause in fortwährendem Kampf das harte, schwarze Brot verdienten, das ihnen die Bananengesell­schaft bot.

Wie eine Flutwelle näherte sich das Stimmengewirr dem Campo. Rufe, Gelächter und Flüche ertönten, getragene, sehnsüchtige Melodien, wehmütig wie die Seele des Indios, klangen auf, im Campo erwachte das Leben.

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Gruppe G | Land 4

In seiner »Weltgeographie« machte Reclus bei der Behand­lung Brasiliens darauf aufmerksam, wie notwendig es sei, die aus dem Tupi stammenden Ortsnamen in unserem Land zu erhalten. Sie haben, so der große Geograph, den Vorteil, dass fast alle von ihnen eine äußerst klare, unzweideutige Bedeutung haben. Diese Namen weisen nämlich auf Natur­erscheinungen hin: Sie bezeichnen die Farbe der Flussläufe, die Höhe, die Form oder das Aussehen der Felsen, die Vegetation oder die Trockenheit eines Gebietes.

In Rio de Janeiro gibt es in der Tat Tupinamen, die mit so viel Beredsamkeit den Charakter und die Reize der Ge­genden ausdrücken, dass wir, wenn wir ihre Bedeutung erfah­ren, geradezu verblüfft sind über die poetische Kraft und das hohe Maß an Gefühlsstärke, die die primitiven Kanni­balen dieses Gebietes angesichts der so schönen und einma­ligen Natur um die Stadt herum an den Tag legten. Das zeigen schon die Namen der Bucht. Wie gut drückt doch der Name Guanabara – Busen des Meeres – eine Verfüh­rungskraft, Zurückhaltung und einen Zauber aus? Und wenn das Meer hier einen Busen bildete, so deshalb, um in ihm sein Wasser zu verbergen: Niterói – das verborgene Wasser.

Diese Tupinamen sind die äl­testen Dokumente der Menschen, die hier lebten und starben, und doch verhältnismäßig jung. Die Stadt Rio de Janeiro wurde auf dem ältesten Boden der Erde errichtet, aber bis heute finden sich keinerlei Spuren eines prähistorischen Lebens, keine direkten oder indirekten Spuren einer vergangenen Existenz.

Es scheint das Schicksal dieser Gebiete zu sein, dass sie keine Eindrücke bewahren durften von den aufeinanderfol­genden Generationen, auch wenn sie deren Kommen und Gehen miterlebten. Selbst die indianischen Namen ver­schwinden allmählich, und jedermann weiß, dass ein Trupp Arbeiter, der bei irgendwelchen Ausschachtungsarbeiten eine indianische Urne findet, sich gleich daran macht, sie zu öff­nen und dann zu zerschlagen, als wäre es etwas Teuflisches, als wäre es etwas Unwürdiges für uns Menschen von heute. Das einfache Totengefäß der Tamoyos wird erbarmungslos ge­opfert.

Die Erzeugnisse der Indios und alle ihre Bauwerke waren zerbrechlich; zerbrechlich sind auch unsere Bauten von heute. Die ältesten Monumente von Rio sind nämlich nur anderthalb Jahrhunderte alt, obwohl die Stadt bald auf eine vierhundertjährige Tradition zurückblicken kann.

Unser ehrwürdiger Granit, der so alt ist wie die Erde und auf dem die Stadt ruht, will absolut nur das Zerbrechliche, das Kurzlebige. Noch heute beherrscht dieser Geist die Bauweise un­serer öffentlichen und privaten Gebäude, die jeden Augen­blick zu bersten und einzustürzen drohen. Es ist so, als wollte die Erde nicht, dass andere Schöpfungen oder Lebe­wesen auf ihr bestehen bleiben als die Wälder, die sie hervor­bringt, und die Tiere, die sie bewohnen. Dennoch lässt die Erde sie entstehen, und für einen Augenblick trägt sie Geschöpfe, die dann wieder verschwinden müssen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Welch seltsame Laune!

Sie will ein Ort der Sammlung und der Ruhe für den Strudel sein, der die Schöpfung zu einer ständigen Verände­rung der Lebewesen mitreißt. Nur das will sie sein, und sie bleibt fest und unerschütterlich, indem sie Leben schafft und in sich aufnimmt. Doch geschieht es so, dass die Nach­folgenden nicht wissen können, wer ihnen vorangegangen ist.

Wie viele Formen des Lebens hat dieses Land schon ge­sehen, seitdem seine Felsen entstanden sind? Zahllose, Tau­sende. Doch von keiner wollte es eine Erinnerung, eine Re­liquie zurückbehalten. Das Leben sollte nicht glauben, es könne mit der Ewigkeit dieses Landes rivalisieren.

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Gruppe F | Land 4

Neuseeland

Neonlichter

Manchmal sähe ich meinen Namen gern in Neonlicht gebrannt
Purpur und blau, durch die Nacht aus Samt
So viel zum Rampenlicht –
Günstiges elektrisches Lampenlicht –
Nur damit du, der in der geputzten Menge vorbeizieht,
vielleicht sagst „Ich kenne sie gut“, vielleicht etwas stolz bist.

Manchmal wär ich lieber traumgleiche Zärtlichkeit
Hauch schweigsamen Blütenblattes in deiner Einsamkeit.

Das Finale der litaffin-WM 2010 – USA gegen Portugal

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Gruppe F | Land 3

Einst lebte ein König, welcher eine Tochter hatte, die sehr grausam war. Schon in ihrer Jugend war sie sehr blutdürstig. So schnitt sie z. B. den Vögeln, die sie gefangen hatte, die Zunge oder die Füße ab und ließ sie dann fliegen; oder sie brannte ihnen die Augen aus. Wo sie einem Tier etwas zuleide tun konnte, tat sie es. Als sie älter wurde, vergrößerte sich auch ihre Grausamkeit, und sie wagte es, diese auch an Menschen auszuüben.

Sie ließ alle Bettler durch ihre Hunde aus dem Schloß hetzen, und je mehr sie von den Hunden zerbissen wurden, desto mehr Freude hatte sie. Als nun ihr Vater gestorben war, kam ein Rittersohn, um ihre Hand anzuhalten. Sie nahm diesen Antrag an, und der Trauungstag wurde festgesetzt.

Als dieser gekommen war, schickte sie den Ritter in einen andern Teil des Schlosses, daß er das Brautgeschmeide hole. Um in das bezeichnete Zimmer zu gelangen, mußte er über einen hölzernen Gang gehen, welcher so eingerichtet war, daß, wenn sie an einer Schnur anzog, derjenige, welcher darübergehen wollte, samt den Brettern in einen tiefen Brunnen fiel und darin noch das teuflische Lachen dieses grausamen Weibes hören mußte.

So waren schon neun Jünglinge zugrunde gegangen, als endlich einer kam, welcher all dies schon vorhergesehen hatte, da er ein Schwarzkünstler war. Sie hatte ihm schon ihre Hand zugesichert, und als sie ihn in jenes Zimmer schicken wollte, weigerte er sich und sagte, sie solle das Geschmeide selbst holen.

Sie redete ihm jedoch mit den freundlichsten Worten zu, er möge ihr doch diesen Gefallen tun. Allein zornig erwiderte er: „Glaubst du, ich sollte der zehnte sein, der in dem Brunnen sein Grab findet? Diesmal wird es dir nicht gelingen, denn die Zeit der Vergeltung ist gekommen.“

Über diese Rede erzürnt, befahl sie ihren Knechten, ihn zu binden und in den Brunnen zu werfen. Er ließ sich auch willig binden und in den Brunnen werfen, blieb aber auf dem Wasser und lächelte der Fürstin zu, welche in ihrer Wut Hand und Reich demjenigen zusagte, der ihren Feind töten würde. Da nahmen die Knechte ihre Armbrüste, und es zischten neun Pfeile nach dem Ritter. Die Pfeile aber verwandelten sich während des Fluges in Vögel, welche zwitschernd das Haupt des Ritters umkreisten.

„Wärst du nur hier, ich wollte dich schon töten“, sagte sie. Er aber erhob sich samt den Vögeln aus dem Brunnen, und ehe sich alle recht besinnen konnten, war er im nächsten Wald verschwunden.

Dort schrieb er neun Briefe, worin er den Tod der neun Jünglinge schilderte, band jedem Vogel einen solchen Brief an den Hals und ließ sie durch Land und Städte fliegen.

Überall ließen sie ihre Briefe lesen und kehrten endlich zur Königstochter selbst zurück und übergaben ihr die Briefe.

Diese zerriß dieselben, rang aber unaufhörlich die Hände und jammerte fortwährend, da ihr Verbrechen nun an den Tag gekommen war. Sie legte auch ihren Schmuck ab, zog ein Trauergewand an und lebte in dem Wald, in dem sich der letzte Ritter samt den Vögeln niedergelassen hatte, als Einsiedlerin.

Die Vögel kamen täglich zu ihr und sangen die ganze Begebenheit, wie sie in den Briefen geschildert war, sie aber streute ihnen unter Tränen ihr Futter vor die Hütte und bereute tausendfach ihr Verbrechen. Als dieses nun gebüßt war, verwandelten sich die neun Vögel in Jünglinge, und diese verziehen der Königstochter ihr Verbrechen. Darauf verwandelten sich die neun Jünglinge in Engel und trugen die reuige Büßerin in den Himmel.

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Gruppe F | Land 2

Ich stieg in die Gondel, die Brust von den verschiedensten Empfindungen bewegt:  ein gewisses Bedauern, die Bleidächer verlassen zu müssen, wo ich viel gelitten, wo ich aber doch manchen und mancher mich lieb gewonnen hatte – die Freude, nach so langer Einsperrung mich in der freien Luft zu befinden, den Himmel und die Stadt und die Wasser, ohne jene unseligen Vierecke der Gitter, zu sehen, die Erinnerung an die fröhliche Gondel, die mich in viel glücklicherer Zeit über dieselbe Lagune getragen, an die Gondeln des Comersees und des Lago Maggiore, an die Barken des Po, an die auf der Rhone und Saone! Ach, die lachenden Jahre, auf immer sind sie dahin! Und wer auf der Welt war so glücklich gewesen als ich?

Geboren von den liebevollsten Eltern, in jener Lage aufgewachsen, die nicht Armut ist und die dir, weil sie zwischen Arm und Reich in der Mitte gelegen ist, die rechte Kenntnis beider Zustände leichter macht – eine Lage, welche ich, das Gemüt des Menschen zu bilden, für am geeignetsten halte – so war ich nach einer Kindheit, die mir unter der milden Fürsorge meiner Eltern still und heiter verflossen, nach Lyon zu einem alten Onkel von mütterlicher Seite gekommen, zu einem Manne, der sehr reich, aber ebenso sehr seines Reichtums würdig war, und hier hatte alles, was ein der Anmut und Liebe bedürfendes Herz entzücken kann, die erste Glut meiner Jugendjahre ergötzt: von dort nach Italien zurückgekehrt, hatte ich im Hause meiner Eltern zu Mailand meine Studien fortgesetzt, der Gesellschaft und meinen Büchern mich gewidmet und hatte nur treffliche Freunde und schmeichelhaften Beifall gefunden. Monti und Foscolo, obwohl damals miteinander in Streit, hatten mir in gleicher Weise ihr Wohlwollen geschenkt. Lebhafter fühlte ich mich zu dem letzteren hingezogen, und der sonst so heftige Mann, der durch sein schroffes Wesen so viele von sich abstieß, war gegen mich die Zärtlichkeit und Herzlichkeit selbst gewesen, und ich verehrte ihn auf das innigste. Die übrigen Literaten von Ruf liebten mich ebenfalls, sowie ich sie wieder liebte. Nie traf mich ein Angriff des Neides oder der Mißgunst, oder wenn es geschah, so ging dies wenigstens nur von so verrufenen Leuten aus, die mir nicht schaden konnten. Beim Sturze des Königreichs Italien hatte mein Vater mit den übrigen Mitgliedern unserer Familie seinen Wohnort wieder nach Turin verlegt, nur ich hatte es aufgeschoben, mich mit so geliebten Personen wieder zu vereinigen, und war schließlich in Mailand geblieben, wo so viel Glück mich umgab, daß ich mich nicht entschließen konnte, es zu verlassen.

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Gruppe E | Land 4

Vor einiger Zeit komme ich des Abends durch die Kalverstraat. Da fiel mir auf einmal ein Herr ins Auge, der in der Nähe vor einem Buchladen stand und mir bekannt vorkam. Er schien mich auch zu erkennen, denn unsere Blicke begegneten sich fortwährend. Ich muß bekennen, daß ich erst später sah, daß er ziemlich ärmlich in den Kleidern stak, sonst hätte ich die Sache laufen gelassen; aber mit einem Male schoß mir der Gedanke durch den Kopf, es könnte ein Reisender eines deutschen Hauses sein, das einen soliden Makler sucht. Er hatte wohl auch etwas von einem Deutschen an sich, und von einem Reisenden auch; er war sehr blond, hatte blaue Augen, und in Haltung und Kleidung etwas, was den Fremden verriet. Anstatt eines gehörigen Winterüberziehers hing ihm eine Art von Shawl über die Schulter, als ob er so von der Reise käme. Ich meinte einen Kunden zu sehen und gab ihm eine Geschäftskarte, Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht Nr. 37. Er hielt sie an die Gasflamme und sagte:

„Ich danke Ihnen, aber ich habe mich geirrt; ich dachte das Vergnügen zu haben, einen alten Schulkameraden vor mir zu sehen, indessen … Last, das ist der Name nicht …“

„Pardon“, sagte ich, denn ich bin stets höflich, „ich bin Mijnheer Droogstoppel, Batavus Droogstoppel. Last & Co. ist die Firma, Makler in Kaffee.“

„Gut, Droogstoppel, kennst du mich nicht mehr? Sieh mich einmal gut an.“

Je mehr ich ihn ansah, je mehr erinnerte ich mich, ihn öfter gesehen zu haben; aber merkwürdig, sein Gesicht hatte auf mich die Wirkung, als ob ich fremde Parfümerien röche. Lach nicht darüber, Leser, du sollst später sehen, wie das kam. Ich bin sicher, daß er keinen Tropfen Räucherwerk bei sich trug, und doch roch ich etwas Angenehmes, etwas Starkes, etwas, das mich erinnerte an … da hatte ich’s!

„Sind Sie es“, rief ich, „der mich von dem Griechen befreit hat?“

Ja, ja, er war es, der mich aus den Händen des Griechen gerettet hatte! Denkt nun nicht, daß ich jemals durch Seeräuber bin gefangen genommen worden, oder daß ich in der Levante Krieg geführt habe. Ich habe euch bereits gesagt, daß ich nach der Hochzeit mit meiner Frau nach dem Haag gefahren bin; da haben wir das Moritz-Haus gesehen und in der Veenestraat Flanell gekauft. Das ist der einzige Ausflug, den meine Geschäfte mir überhaupt gestattet haben, weil bei uns so viel zu thun ist. Nein, in Amsterdam selbst hatte er um meinetwillen einem Griechen die Nase blutig geschlagen, denn er gab sich immer mit Dingen ab, die ihn nichts angingen.

Es war im Jahre drei- oder vierundvierzig, glaube ich, und im September, es war Kirmes in Amsterdam. Da meine alten Leute vor hatten, aus mir einen Geistlichen zu machen, lernte ich Latein. Später habe ich mich öfter gefragt, warum man eigentlich Lateinisch verstehen muß, um auf Holländisch „Gott ist gut“ zu sagen. Genug ich war auf der Lateinschule – jetzt sagen sie Gymnasium – und da war Kirmes, – in Amsterdam, meine ich. Auf dem Westermarkt standen Buden, und wenn du ein Amsterdamer bist, Leser, und ungefähr von meinem Alter, so wirst du dich erinnern, daß eine darunter war, die sich auszeichnete durch die schwarzen Augen und die langen Flechten eines Mädchens, die als Griechin angezogen war; auch ihr Vater war ein Grieche, oder wenigstens sah er wie ein Grieche aus. Sie verkauften allerlei Räucherkram.

Ich war gerade alt genug, um das Mädchen hübsch zu finden, ohne indessen den Mut zu haben, sie anzusprechen. Das würde mir auch wenig genützt haben, denn Mädchen von achtzehn Jahren betrachten einen sechzehnjährigen Jungen noch als ein Kind, und darin haben sie ganz recht. Trotzdem kamen wir Quartaner jeden Abend auf den Westermarkt, um das Mädchen zu sehen.

Nun war er, der da jetzt vor mir stand mit seinem Shawl, eines Tages dabei, obschon er ein paar Jahre jünger war als wir anderen und darum noch ein bißchen zu kindisch, um nach der Griechin zu gucken. Aber er war der Erste in unserer Klasse – denn gescheit war er, das muß ich zugeben – und spielen, balgen und boxen mochte er gern; daher war er bei uns. Wie wir nun, wir waren im ganzen zehn Mann, hübsch weit von der Bude ab zusammenstanden und nach der Griechin schielten und beratschlagten, wie wir es anlegen sollten, um ihre Bekanntschaft zu machen, wurde also beschlossen, Geld zusammenzuthun, um irgend etwas zu kaufen. Aber nun war guter Rat teuer, wer die große Ehre haben sollte, das Mädchen anzureden. Jeder wollte, aber keiner getraute sich. Es wurde gelost, und das Los fiel auf mich. Nun bekenne ich, daß ich nicht gern Gefahren trotze; ich bin Familienvater, und halte jeden, der Gefahren sucht, für einen Narren, wie es auch in der Schrift steht. Es ist mir wirklich angenehm zu erklären, daß ich in meinen Ideen über Gefahr und dergleichen mir gleich geblieben bin, da ich jetzt noch darüber dieselbe Meinung hege, wie jenen Abend, als ich da vor der Bude des Griechen stand, mit den zwölf Stübern, die wir zusammengelegt hatten, in der Hand. Aber aus falscher Scham getraute ich mich nicht zu sagen, daß ich mich nicht getraute, und außerdem, ich mußte wohl vorwärts, denn meine Kameraden drängten mich, und da stand ich nun vor der Bude.

Das Mädchen sah ich nicht, ich sah überhaupt nichts, alles war mir grün und gelb vor den Augen … ich stammelte einen Aoristus Primus von ich weiß nicht welchem Zeitwort …

„Plaît-il?“ sagte sie. Ich faßte etwas Mut, und machte weiter:

„Meenin aeide thea,“ und „Ägypten wär’ ein Geschenk des Nils“ …

Ich bin überzeugt, daß ich mit dem Bekanntschaft machen schon noch vorwärts gekommen wäre, wenn nicht in diesem Augenblick einer meiner Kameraden aus kindischer Bosheit mir einen solchen Stoß in den Rücken gegeben hätte, daß ich recht unsanft gegen den Kasten flog, der in halber Manneshöhe die Vorderseite der Bude abschloß. Ich fühlte einen Griff in meinem Nacken … einen zweiten Griff etwas tiefer … ich schwebte einen Augenblick in der Luft … und ehe ich noch recht begriff, wie die Sachen standen, befand ich mich in der Bude des Griechen, der in verständlichem Französisch sagte, „ich wäre ein Gamin, ein Straßenlümmel, und er würde die Polizei rufen.“ Nun war ich zwar in der Nähe des Mädchens, aber gefallen konnte mir das nicht. Ich heulte und bat um Gnade, denn ich hatte schreckliche Angst. Aber es nutzte nichts; der Grieche hielt mich am Arm und schüttelte mich; ich sah mich nach meinen Kameraden um … wir hatten den Morgen gerade mit Scävola zu thun gehabt, der seine Hand ins Feuer steckte … und in ihren lateinischen Sätzen hatten sie das so schön gefunden … jawohl! Keiner war stehen geblieben, um für mich eine Hand ins Feuer zu stecken …

So dachte ich. Aber da flog mit einem Male mein Shawlmann durch die Hinterthür in die Bude; er war nicht groß oder stark, und kaum so etwa dreizehn Jahre alt, aber er war ein flinker und tapferer Bursche. Noch sehe ich seine Augen blitzen – sonst blickten sie matt – er gab dem Griechen einen Faustschlag, und ich war gerettet. Später habe ich gehört, daß der Grieche ihn tüchtig verhauen hat; – aber weil ich den festen Grundsatz habe, mich nicht um Dinge zu kümmern, die mich nichts angehen, bin ich schleunigst davongelaufen und habe es also nicht gesehen.

So kam es, daß seine Züge mich so an Räucherwerk erinnerten, und so kann man in Amsterdam mit einem Griechen Streit bekommen.

Wenn bei späteren Jahrmärkten der Mann mit seiner Bude wieder auf dem Westermarkt stand, suchte ich mein Vergnügen immer wo anders.

Da ich ein Freund von philosophischen Betrachtungen bin, so muß ich dir, Leser, doch eben noch sagen, wie wunderbar die Dinge auf dieser Welt doch miteinander verknüpft sind. Wären die Augen des Mädchens weniger schwarz und ihre Zöpfe kürzer gewesen, oder wenn mich keiner gegen den Ladentisch gestoßen hätte, würdest du dieses Buch nicht lesen. Sei also dankbar, daß das so gekommen ist. Glaube mir, alles in der Welt ist gut, wie es ist, und die unzufriedenen Menschen, die fortwährend klagen, sind meine Freunde nicht.

[…]

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Die Viertelfinalpaarungen der litaffin-WM 2010 lauten wie folgt:

1 | Uruguay aus Gruppe AArgentinien aus Gruppe B
2 | USA aus Gruppe CSlowenien aus Gruppe C
3 | Niederlande aus Gruppe ENeuseeland aus der Gruppe F
4 | Portugal aus der Gruppe GElfenbeinküste aus Gruppe G

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Gruppe E | Land 3

Nsambe hatte alle seine Frauen wissen lassen, dass er keine Zwillinge haben wolle. Nun gab er aber einer von ihnen eine Medizin, so dass sie Zwillinge bekommen musste. Und tatsächlich gebar die Frau auch Zwillinge, aber weil sie sich vor ihrem Mann fürchtete, versteckte sie ein Kind, den Jungen, in einem Topf und deckte ein Bananenblatt darüber. Den Topf stellte sie in ihr Haus. Das andere Kind, ein Mädchen, behielt sie an ihrer Brust.

Als Nsambe dann kam, fragte er die Frau, ob sie Zwillinge geboren habe. Aber sie leugnete es. Da rief er am anderen Tag alle Frauen in sein Versammlungshaus und wollte wissen, ob jene Frau nicht doch Zwillinge geboren habe. Die anderen verrieten die Frau aber nicht, sondern sagten, sie wüssten es nicht. Doch damit gab sich Nsambe noch nicht zufrieden. Er fragte weiter im Dorf herum und erfuhr endlich auch von einem Mann, der es von anderen gehört hatte, dass die Frau tatsächlich zwei Kinder bekommen hatte. Nun ging Nsambe zu der Frau und sagte: „Wie ich höre, hast du doch Zwillinge geboren?“ Die aber leugnete immer noch: „Nein, es war nur das eine Kind.“ Da ging Nsambe in ihr Haus und suchte dort nach dem anderen Zwilling. Er ließ kein Körbchen unbesehen und fand schließlich den Jungen im Topf. Er nahm ihn, ging mit ihm an den großen Fluss, der ein Stück vom Dorf entfernt floss, und warf das Kind hinein. Dann kehrte er ins Dorf zurück.

Nun lebte in einem anderen Dorf in der Nähe eine Frau, die zu ihrem Kummer keine Kinder bekam. Die war zufällig am Fluss, und als sie an die Stelle kam, wo Nsambe den Jungen in den Fluss geworfen hatte, sah sie das Kind, das im Schilf und Lianengewirr hängen geblieben war, und fischte es mit dem Netz heraus. Die Frau war überglücklich. Sie lief mit ihrem Fund nach Hause zu ihrem Mann und sagte: „Sieh, jetzt bin auch ich endlich Mutter geworden. Dieses Kind habe ich im Fluss gefunden. Es gehört also mir!“ Da freute sich der Mann ebenfalls sehr. Er gab dem Jungen den Namen Bebange be Mema und ließ ihn im Dorf aufwachsen, so dass er sein Erbe würde.

Als der Junge herangewachsen war, stellte er in dem Wald, der zwischen dem Dorf von Nsambe und dem seiner Pflegeeltern lag, Fallen auf. Von Zeit zu Zeit sah er nach ihnen. Dabei begegnete er eines Tages einigen Mädchen aus dem anderen Dorf, die zum Fischen gegangen waren. Da nahm er eine Rohrratte von seinem Fang und reichte sie einem der Mädchen, diese wiederum gab ihm von den Fischen, die sie gefangen hatte. Am anderen Tag, als er noch einmal nach den Schlagfallen sah, hatte er vier Tiere gefangen, einen Quastenstachler, ein Moschustier, eine Hamsterratte und eine Rohrratte, und als die Mädchen kamen, gab er jeder ein Tier, seiner Zwillingsschwester aber – denn sie war es – das Moschustier. Die Mädchen reichten ihm jede nur einen Fisch. Darauf kehrten sie in ihr Dorf zurück und berichteten Nsambe das Erlebnis. Die Zwillingsschwester erzählte: „Wir begegneten einem sehr schönen Mann. Aber er sagte zu keiner von uns: ‚Dich will ich haben‘, sondern gab uns bloß die Tiere.“

Da suchte der Vater einen weisen Mann mit Namen Odschimesso auf und befragte ihn deswegen. Odschimesso teilte ihm mit, dass jener junge Mann sein Sohn wäre, und dass er zu dessen Stiefvater Mamambe gehen solle. Am nächsten Morgen suchte Nsambe den Mamambe auf und verlangte den Sohn von ihm zurück. Mamambe hörte ihn an und bestimmte: „Wenn du den Sohn zurückhaben willst, musst du mir acht Schafe zahlen.“ Das tat Nsambe auch und kehrte dann mit seinem Sohn in sein Dorf zurück.

Hier bewunderten nun alle Frauen den Ankömmling wegen seiner Schönheit, so dass Nsambe sich schließlich sagte: „Wenn das so weitergeht, werden mich die Frauen bald gar nicht mehr beachten. Es ist besser, ich töte diesen Burschen.“ Er ging zu seinen Leuten und befahl ihnen, sie sollten seinen Sohn nachts heimlich umbringen.

In der Nacht erschien denn auch ein Mann an Bebanges Tür und wollte ihn töten. Nun hatte aber Bebange, wenn er schlief, hinten am Kopf die Sonne und vorn den Mond. Als nun der Mann vor der Tür stand, sagte der Mond zu ihm: „Schlaf nicht, man will dich töten.“ Da befahl Bebange seinem Haumesser: „Begib dich zu dem Mann, der vor der Tür steht, und töte ihn!“ Da begab sich das Haumesser zu dem Mann und tötete ihn, kam dann zu Bebange zurück und meldete: „Ich habe den Mann getötet.“ Der sagte: „Gut so.“

Am anderen Tag rief Nsambe seine Leute noch einmal zusammen und man fragte herum, ob nicht ein Mutiger da sei, der es noch einmal versuchen wolle. Wirklich stand auch einer auf und sagte: „Ich bin sehr stark und werde es schaffen, den Auftrag auszuführen.“ In der nächsten Nacht schlich er sich vorsichtig an Bebanges Haus heran. Aber als er die Tür beiseite schieben wollte, sagte die Sonne zu Bebange: „Schlaf nicht, man will dich töten.“ Da rief Bebange wieder das Haumesser, und es folgte auf seinen Befehl dem Mann an der Tür und tötete ihn. Dann kam es wieder zu Bebange zurück und meldete: „Der Mann ist tot.“ – „Gut“, sprach Bebange.

Als nun am anderen Tag bekannt wurde, dass wieder ein Mann getötet worden war, wollte es niemand mehr wagen, den Sohn zu ermorden. Da sagte Nsambe: „Gut, wenn kein anderer den Mut hat, werde ich es selbst tun.“ Nachts kam er. Aber als er durch das Dach brechen wollte, um Bebange zu töten, rief die Sonne wieder: „Du darfst nicht schlafen!“ Und Bebange schickte sein Haumesser los, das verfolgte Nsambe bis hoch in die Lüfte. Schließlich ließ sich Nsambe wieder herabfallen und versteckte sich in einer Copaifera, aber das Haumesser fand ihn doch und tötete ihn durch einen Zauber.

Ein anderes Zauberwesen, das sich auf solche Sachen verstand, setzte Nsambe wieder zusammen, flickte auch den Kopf an und sagte zu ihm: „Morgen musst du deinen Leuten sagen: ‚Ich bin krank.‘ Und wenn sie dich fragen, warum und woher, so sagst du: ‚Ich habe meinen Sohn töten wollen, aber er ist stärker gewesen als ich und hat mich getötet.’“

Am anderen Tag sagte Nsambe: „Ich bin schwer krank.“ Da fragten ihn die Leute: „Warum und woher?“ Und Nsambe sprach: „Ja, ich habe meinen Sohn töten wollen, aber er war stärker als ich und hat mich getötet.“ Kaum hatte er diese Worte gesprochen, da starb er wirklich.

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Gruppe E | Land 2

In alter Zeit lebte einmal ein Landmann, der hatte auf der rechten Wange eine große Geschwulst, groß wie eine Birne. Als dieser Landmann eines Tages in den Wald ging um Reisig zu sammeln, wurde er von einem Gewitter überrascht und flüchtete in einen hohlen Baum, wo er Schutz vor dem Regen fand. Als das Gewitter endlich aufhörte, war es Nacht geworden und der Landmann konnte den Weg nach Hause nicht finden; deshalb blieb er in der Höhlung des Baumes sitzen und erwartete den Morgen.

Im Walde aber war es sehr einsam und schaurig und der Mann konnte vor Angst und Furcht nicht schlafen. Gegen Mitternacht hörte er plötzlich Stimmen und lautes Lachen. Verwundert streckte er den Kopf hervor und sah eine Anzahl Kobolde mit den sonderbarsten Gesichtern und in verschiedener Gestalt. Diese hatten gerade in der Nähe des Baumes, in dem der Landmann saß, Platz genommen und ergötzten sich am Trunk. Als sie genug getrunken hatten, begannen sie zu singen und zu tanzen. Der Landmann, der gern tanzte und ebenso gern einen guten Trunk Sake zu sich genommen hätte, konnte es in seinem Versteck nicht länger aushalten, denn die Lust der Kobolde wirkte auf ihn ansteckend.

Er kam also hervor und näherte sich den Tanzenden, die, als sie einen Menschen erblickten, erschraken und forteilen wollten. Er rief ihnen aber zu: „Bleibt nur da, ich will euch nur zeigen, wie man besser tanzt!“ Und gleich darauf begann er sich lustig im Tanze zu drehen.

Die Kobolde freuten sich über sein Tanzen und versuchten es ihm nachzumachen, auch gaben sie ihm zu essen und zu trinken.

War das eine Fröhlichkeit! Sie dauerte bis der Morgen graute.

Da sprachen die Kobolde: „Du hast uns durch deine Gesellschaft hocherfreut. Komme doch auch morgen Nacht wieder!“

Der Landmann sagte dies zu; aber die Kobolde wollten ein Unterpfand haben, daß er auch sicherlich käme. „Weißt du“, sagten sie zu ihm, „wir werden zur Sicherheit deine Geschwulst nehmen, du kannst sie dann morgen wieder bekommen.“

Damit griff der Sprecher gleich an die Wange des Mannes und nahm ihm die Geschwulst fort, ohne daß er einen Schmerz verspürte. Hierauf eilten alle lachend fort, ihm zurufend, nicht zu vergessen wieder zu kommen.

Der Landmann befühlte seine Wange, sie war ganz glatt und hatte keine Spur der Geschwulst mehr, nicht einmal eine Narbe; er war darüber außerordentlich froh und nahm sich vor, diesen Platz in Zukunft zu meiden und den Kobolden aus dem Wege zu gehen; denn er hatte gar kein Verlangen die Geschwulst wieder zu bekommen.

Er ging also zufrieden nach Hause, wo alle ihn verwundert anstaunten, daß er seine Geschwulst ohne jede Spur verloren hatte. Er erzählte dann, welches Glück ihm die Kobolde für sein Tanzen bereiteten, verschwieg aber kluger Weise, daß sie ihm die Geschwulst nur als Unterpfand für sein Wiederkommen abgenommen hatten.

Nun wohnte in dem Dorfe noch ein Landmann mit einer Geschwulst auf der Wange. Dieser hatte die Geschwulst auf der linken Seite.

Als er von dem Glück seines Nachbarn hörte, wollte auch er sein Geschwulst los werden und ließ sich den Platz genau beschreiben, wo der erste Landmann die Kobolde getroffen hatte.

In der Nacht ging er dorthin und traf die Kobolde auch wirklich an. Er wollte aber erst hören, was sie sagten und versteckte sich daher in dieselbe Höhlung, in der in der Nacht vorher der andere Landmann gesteckt hatte.

Die Kobolde aber sprachen nicht viel, sondern schauten sich von Zeit zu Zeit erwartend um, bis endlich einer sagte: „Unser Freund von gestern scheint heute nicht zu kommen!“

Als dies der Landmann hörte, sprang er tanzend hervor und rief: „Da bin ich schon!“

Nun freuten sich alle, gaben ihm zu trinken und forderten ihn dann auf wieder seine Kunst zu zeigen.

Er war aber ein ungeschickter Tänzer; auch konnte er nicht viel Sake vertragen, sodaß sein Tanz noch ungeschickter war und er steif und torkelnd umherhopste. Es war den Kobolden kein Vergnügen, dem Manne zuzuschauen und so riefen sie: „Du bist heute nicht so geschickt wie gestern und wir haben heute keine Freude an deiner Gesellschaft. Mach, daß du fort kommst und laß dich nie wieder bei uns sehen; da wir von dir keine Erinnerung wünschen, so hast du hier deine Geschwulst wieder!“

Der eine Kobold zog sie aus der Tasche und warf sie dem verdutzten Manne ins Gesicht, klitsch — klatsch — saß sie an der rechten Wange. Dann stieß man ihn fort und er mußte jetzt mit zwei Geschwülsten heimkehren.

Das kommt davon, wenn man neidischen Sinnes das gleiche Glück besitzen will, das andere genießen!

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Gruppe E | Land 1

Die Wochentage wollten auch einmal sich freimachen, zusammenkommen und ein Festmahl abhalten. Jeder Tag war übrigens so in Anspruch genommen, daß sie, während des ganzen Jahres, nicht freie Zeit hatten, um darüber zu verfügen; sie mußten einen besonderen ganzen Tag haben, aber den hatten sie doch auch jedes vierte Jahr: den Schalttag, der wurde in den Februar belegt, um Ordnung in die Zeitrechnung zu bringen.

Auf den Schalttag wollten sie also zusammenkommen zum Festmahl, und da der Februar der Fastnachtsmonat ist, wollten sie karnevalsmäßig angekleidet kommen nach eines jeden Empfindung und Bestimmung; gut essen, gut trinken, Reden halten und einander Annehmlichkeiten sagen und Unannehmlichkeiten in ungenierter Kameradschaft. Die Helden der alten Zeit warfen einander bei den Mahlzeiten die abgenagten Fleischknochen an den Kopf, die Wochentage wollten einander überhäufen mit Leckereien von albernen Späßen und schelmischen Witzen, wie sie zu den unschuldigen Fastnachtsscherzen gehören mögen.

Dann war es Schalttag, und dann kamen sie zusammen.

Der Sonntag, der Vormann der Wochentage, trat auf in schwarzem Seidenmantel, fromme Menschen würden glauben, daß er einen Talar trug, um in die Kirche zu gehen; die Weltkinder sahen, daß er im Domino war, um auf ein Vergnügen zu gehen und daß die flammende Nelke, die er im Knopfloch trug, des Theaters kleine rote Laterne war, die sagte: „Alles ist ausverkauft, seht nun zu, daß ihr euch amüsiert!“

Der Montag, ein junger Mensch, dem Sonntag nah verwandt und besonders dem Vergnügen hingegeben, folgte nach. Er verlasse die Werkstatt, sagte er, wenn die Wachtparade aufzieht. „Ich muß hinaus, um Offenbachs Musik zu hören; sie geht mir nicht zu Kopf und nicht zu Herzen, sie kitzelt mich in den Beinmuskeln, ich muß tanzen, ein Gelage haben, ein blaues Auge kriegen, um darauf zu schlafen, und dann packe ich am nächsten Tag die Arbeit an. Ich bin das Neue in der Woche!“

Dienstag, das ist Tyrs Tag, der Tag der Kraft. „Ja, das bin ich!“ sagte der Dienstag. „Ich packe die Arbeit an, spanne Merkurs Flügel an des Kaufmanns Schuhe, sehe in die Fabriken, ob die Räder geschmiert sind und sich drehen, sorge dafür, daß der Schneider auf der Bank und der Pflasterer auf den Pflastersteinen hockt; jeder achte auf sein Gewerbe: Ich halte mein Auge auf das Ganze, deshalb trage ich Polizeiuniform und nenne mich Polizienstag. Ist das ein schlechter Kalauer, so versucht ihr anderen, einen besseren zu machen!“

„Da komme ich!“ sagte der Mittwoch. „Ich stehe mitten in der Woche, darum nennen mich die Deutschen so. Ich stehe wie der Kommis hinter dem Ladentisch, als Blume zwischen den andern geehrten Wochentagen! Marschieren wir alle auf, dann habe ich drei Tage vor, drei Tage hinter mir, das ist wie eine Ehrenwache, ich darf glauben, daß ich der ansehnlichste Tag bin!“

Der Donnerstag stellte sich ein, gekleidet als Kupferschmied mit Hammer und Kupferkessel, das war sein Adelsattribut. „Ich bin von höchster Geburt“, sagte er, „heidnisch, göttlich! In Nordens Landen werde ich nach Thor genannt, in denen des Südens nach Jupiter, die beide verstanden zu donnern und zu blitzen, das ist in der Familie geblieben.“ Und dann schlug er auf den Kupferkessen und bewies seine hohe Geburt.

Freitag war gekleidet wie ein junges Mädchen und nannte sich Freya, auch zur Abwechslung Venus, das kam auf den Sprachgebrauch im Lande an, wo sie auftrat. Sie sei übrigens von stillem, ernsten Charakter, sagte sie, aber heute flott und frei; es war ja Schalttag, und der gibt der Frau Freiheit, da darf sie nach altem Brauch selber freien und muß sich nicht freien lassen.

Sonnabend trat auf als alte Haushälterin mit Besen und Sauberkeitsattributen. Ihr Leibgericht war Bierbrotsuppe, doch verlangte sie nicht, daß diese bei dieser festlichen Gelegenheit für alle mit aufgetischt werden sollte, sondern nur, daß sie sie bekommen könne – und sie bekam sie.

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Gruppe D | Land 3

Der tugendhafte Hund

Ein Pudel, der mit gutem Fug
Den schönen Namen Brutus trug,
War viel berühmt im ganzen Land
Ob seiner Tugend und seinem Verstand.
Er war ein Muster der Sittlichkeit,
Der Langmut und Bescheidenheit.
Man hörte ihn loben, man hörte ihn preisen
Als einen vierfüßigen Nathan den Weisen.
Er war ein wahres Hundejuwel!
So ehrlich und treu! eine schöne Seel!
Auch schenkte sein Herr in allen Stücken
Ihm volles Vertrauen, er konnte ihn schicken
Sogar zum Fleischer. Der edle Hund
Trug dann einen Hängekorb im Mund,
Worin der Metzger das schön gehackte
Rindfleisch, Schaffleisch, auch Schweinefleisch packte. –
Wie lieblich und lockend das Fett gerochen,
Der Brutus berührte keinen Knochen,
Und ruhig und sicher, mit stoischer Würde,
Trug er nach Hause die kostbare Bürde.

Doch unter den Hunden wird gefunden
Auch eine Menge von Lumpenhunden –
Wie unter uns, – gemeine Köter,
Tagdiebe, Neidharde, Schwerenöter,
Die ohne Sinn für sittliche Freuden
Im Sinnenrausch ihr Leben vergeuden!
Verschworen hatten sich solche Racker
Gegen den Brutus, der treu und wacker,
Mit seinem Korb im Maule, nicht
Gewichen von dem Pfad der Pflicht.

Und eines Tages, als er kam
Vom Fleischer und seinen Rückweg nahm
Nach Hause, da ward er plötzlich von allen
Verschwornen Bestien überfallen;
Da ward ihm der Korb mit dem Fleisch entrissen,
Da fielen zu Boden die leckersten Bissen,
Und fraßbegierig über die Beute
Warf sich die ganze hungrige Meute. –
Brutus sah anfangs dem Schauspiel zu
Mit philosophischer Seelenruh;
Doch als er sah, daß solchermaßen
Sämtliche Hunde schmausten und fraßen,
Da nahm auch er an der Mahlzeit teil
Und speiste selbst eine Schöpsenkeul.

Moral
Auch du, mein Brutus, auch du, du frißt?
So ruft wehmütig der Moralist.
Ja, böses Beispiel kann verführen;
Und, ach! gleich allen Säugetieren,
Nicht ganz und gar vollkommen ist
Der tugendhafte Hund – er frißt!

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Gruppe D | Land 2

Einem armen Mann wollte nichts recht gelingen, was auch immer er anfing. Er verdiente nicht einmal das Geld fürs tägliche Brot. So ging es Tag für Tag, und als er sah, dass er nie auf einen grünen Zweig kommen würde, beschloss er durch Betrug zu Reichtum zu gelangen.

Er füllte einen Sack mit Moos, legte Wolle oben drauf und wollte ihn zum Markt tragen. Unterwegs traf er einen anderen armen Teufel. Der trug einen Sack voll Tannenzapfen, auf die er oben Nüsse gelegt hatte. Auch er wollte seinen Sack auf dem Markt verkaufen. Sie zogen gemeinsam weiter.

Da fragte der eine den anderen: „Was hast du in deinem Sack?“

– „Nüsse! Und du?“

– „Wolle!“

– „Wollen wir tauschen? Nimm du die Nüsse und gib mir die Wolle, damit mir meine Mutter Strümpfe daraus strickt, denn ich habe keine mehr.“

– „Gut, warum sollen wir nicht tauschen? Ich esse Nüsse gern. Aber die Wolle ist teurer, du musst mir noch etwas draufzahlen.“

Sie begannen zu feilschen, denn jeder wollte den anderen betrügen. Schließlich einigten sie sich. Der, welcher den Sack mit den Nüssen hatte, sollte dem anderen für die Wolle noch zwei Groschen dazuzahlen. Da er aber kein Geld hatte, bat er um Aufschub und versprach, ihm das Geld erst bei sich zu Hause zu zahlen. Der andere aber wusste genau, dass der Betrug dort herauskommen würde, und meinte, er könne solange warten. Über den guten Handel erfreut, schlossen die beiden Brüderschaft und tauschten die Säcke aus. Jeder ging seines Wegs und schmunzelte, weil er glaubte, den anderen übertölpelt zu haben. Als sie aber nach Hause kamen, sahen beide, dass sie betrogen worden waren.

Nachdem einige Zeit vergangen war, machte sich derjenige, der Moos anstatt Wolle verkauft hatte, zu seinem Schuldner auf und verlangte die zwei Groschen. Er fand ihn im Haus des Popen, wo er sich als Knecht verdingt hatte. „Bruder, du hast mich betrogen!“

– „Du hast mich auch betrogen, Bruder!“

– „Gib mir wenigstens die zwei Groschen, die du mir noch schuldest!“

– „Ich will sie dir gern geben, denn ich pflege mein Wort zu halten. Aber ich kann es nicht, denn mein Beutel ist leer! Doch ich will dir etwas sagen. Hinter dem Haus ist eine tiefe Grube. Da steigt der Pope oft hinein und gräbt. Sicher hat er da sein Geld versteckt. Wir wollen warten, bis es Abend wird, und dann lass mich in die Grube hinab! Was ich finde, wollen wir brüderlich teilen, und dann kann ich dir auch die zwei Groschen zurückgeben.“

Gesagt, getan. Am Abend, als alles schlief, nahm der Knecht des Popen einen Sack und ein Seil, und die beiden Schlauberger gingen zur Grube. Der Knecht kroch in den Sack, und sein Wahlbruder ließ ihn hinab. Der Knecht suchte und grub überall, aber er fand nichts anderes als Weizenkörner. Er dachte bei sich: ‚Wenn ich meinem Gefährten sage, dass ich nichts gefunden habe, so lässt er mich vielleicht in der Grube sitzen. Und morgen wird mir der Pope den Buckel vollhauen.’

Er kroch also wieder in den Sack, band ihn am Seil fest und rief hinauf: „Zieh, Bruder! Der Sack ist voll Gold!“ Der andere zog und dachte: ‚Warum soll ich das Geld mit ihm teilen? Ich will den Sack fortschleppen und meinen Wahlbruder in der Grube lassen. Morgen wird ihn der Pope schon herausholen.’

Er warf sich den Sack über die Schulter und lief durchs Dorf. Die Hunde begannen zu bellen und schnappten nach ihm. Er lief und lief, bis er ganz erschöpft war. Und nun rutschte ihm auch noch der Sack vom Rücken. Da meldete sich der Knecht aus dem Sack und rief: „Heb den Sack etwas höher, Bruder, die Hunde beißen mich!“ Der andere ließ den Sack vor Schreck zu Boden fallen, und sein Gefährte kam heraus gekrochen.

„So, so“, sagte der Knecht, „du wolltest mich also wieder übertölpeln.“ – „Du hast mich ja auch betrogen!“ erwiderte der andere. Sie begannen mitten auf dem Weg zu streiten, wer der größere Lügner und Betrüger sei. Schließlich versprach der Knecht seinem Wahlbruder aufs Neue, ihm die zwei Groschen zurückzugeben, wenn er ein andermal käme.

Es verging wieder eine geraume Zeit. Der Knecht hatte inzwischen geheiratet und war in das Haus seiner Frau gezogen. Eines Tages saß er auf der Schwelle und rauchte sein Pfeifchen. Da sah er seinen Wahlbruder kommen. „Frau“, sagte er, „siehst du den Mann dort? Dem schulde ich zwei Groschen. Ich habe versprochen, sie ihm zu geben, wenn er kommt. Ich werde mich tot stellen, du aber fang an zu weinen und zu klagen. Wenn er erfährt, dass ich tot bin, wird er denken, dass meine Schuld auch getilgt ist und wieder fortgehen.“

So taten sie auch: Der Mann legte sich auf den Rücken und kreuzte die Hände. Seine Frau deckte ihn mit einem Leinentuch zu und fing an zu weinen, raufte sich das Haar und jammerte. Da klopfte schon der Wahlbruder an die Tür. Die Frau trat verweint hinaus. „Gott befohlen, Frau! Wohnt hier mein Wahlbruder?“ Und er nannte dessen Namen. Die Frau antwortete unter Tränen: „Ach, ich Ärmste! Drinnen liegt er, aber er ist tot!“

„Die Erde sei ihm leicht! Mein armer Wahlbruder! Wir haben zusammen gearbeitet und Handel getrieben. Wenn ihn so ein Unglück betroffen hat, so will ich ihn zu seiner letzten Ruhestätte begleiten und eine Handvoll Erde auf sein Grab werfen.“ Die Frau sagte ihm, dass das Begräbnis später stattfinden würde und dass er lieber gehen solle. Aber der andere blieb fest. „Ich werde warten, und wenn es drei Tage dauert.“

Der Mann hörte das und sagte leise zu seiner Frau, sie möge zum Popen gehen und ihm sagen, dass er gestorben sei. Man solle ihn auf den Friedhof tragen, vielleicht würde der Wahlbruder dann fortgehen. Die Frau holte den Popen. Er kam mit mehreren Leuten. Sie bahrten den Toten auf, brachten ihn in die Kirche und wollten ihn am nächsten Tag begraben. Der Wahlbruder aber sagte zu der Frau: „Wir haben so viele Jahre Salz und Brot geteilt, ich werde bleiben und die Totenwache in der Kirche halten.“

In derselben Nacht waren Räuber in ein reiches Haus eingebrochen und hatten viel Geld, Kleider und Waffen geraubt. Als sie an der Kirche vorbeikamen, sahen sie drinnen ein Licht brennen und meinten: „Am besten ist’s, wir gehen in die Kirche und teilen da unsere Beute!“ Als der Wahlbruder, der die Totenwache hielt, sah, dass in der Nacht Menschen in die Kirche kamen, dachte er, das könne nicht mit rechten Dingen zugehen, und versteckte sich hinter dem Altar. Die Räuber traten ein, setzten sich und machten sich daran, die Beute zu teilen: vom Geld immer eine Mütze voll mir, eine Mütze voll dir, und die Kleider und die Waffen teilten sie, wie es gerade kam. Nun hatten sie alles aufgeteilt, bis auf einen Säbel. Jeder wollte ihn haben, und sie fingen an zu streiten. Da sprang einer auf, packte den Säbel und sagte: „Wir wollen sehen, ob der Säbel wirklich so gut ist. Wenn er mit einem Streich den Kopf des Toten da abschlägt, dann ist er gut!“

Sie gingen auf die Bahre zu. Der Tote aber sprang auf und schrie: „He, ihr Toten, wo seid ihr?“ – „Hier!“ rief der Wahlbruder hinter dem Altar. „Wir sind alle bereit. Sollen wir anfangen?“ Als die Räuber das hörten, ließen sie alles stehen und liegen und liefen davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Sie liefen und liefen, bis sie endlich im Wald anlangten, wo sie etwas Atem schöpften. Der Hauptmann aber sprach: „He, Brüder, wir sind Tag und Nacht durch die Welt gezogen, haben starke Festungen und Schlösser überfallen, und uns mit so vielen Leuten geschlagen, ohne mit der Wimper zu zucken. Und jetzt sind wir vor einem Toten davongelaufen. Ist ein tapferer Kerl unter uns, der es wagt, in die Kirche zurückzugehen?“

„Ich gehe nicht!“ sagte der eine. – „Ich fürchte mich auch!“ sagte ein anderer. –

„Gegen zehn Lebende trete ich zum Kampf an, aber mit einem Toten nehme ich es nicht auf!“ sprach ein dritter. Aber schließlich fand sich ein Mutiger, der in der Kirche nachsehen wollte. Er ging zum Friedhof zurück, schlich sich leise unters Kirchenfenster und horchte. Die Wahlbrüder waren gerade dabei, die Beute zu teilen. Zu guter Letzt begannen sie um die zwei Groschen zu streiten und hätten sich fast geprügelt.

Der Räuber hörte den Streit. „Und meine zwei Groschen! Gib mir meine zwei Groschen!“ Der Schuldner wandte sich um und sah die Pelzmütze des Räubers, der unterm Fenster stand. Rasch streckte er die Hand aus, packte die Mütze und warf sie auf die Erde. „Da hast du was für deine vermaledeiten zwei Groschen!“

Der Räuber erschrak sehr und lief, so schnell er konnte, davon. Als er zähneklappernd bei den anderen Räubern ankam, war er vor Angst halbtot. „Ach, Brüder, welch ein Glück, dass wir mit dem Leben davongekommen sind! Wir konnten das Geld mit einer Mütze verteilen, und jeder von uns hätte ein paar Mützenvoll bekommen. Der Toten sind aber so viele, dass jeder nur zwei Groschen bekommt. Für einen langte es nicht einmal mehr. Da rissen sie mir meine Mütze vom Kopf und gaben sie ihm statt der zwei Groschen!“

Da machten sich die Räuber schleunigst aus dem Staube. Die beiden Wahlbrüder aber teilten sich die Beute, lebten froh und zufrieden und versuchten nie mehr, jemanden zu betrügen.

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Gruppe D | Land 1

Annaljia Tu-Bari war die Tochter eines Fürsten bei Wagana. Sie galt als überaus klug und schön. Viele Horro [Vornehme] kamen in ihre Stadt und warben um sie. Aber Annallja forderte von jedem eine Leistung, die keiner zu vollbringen wagte. Annalljas Vater hatte nur diese eine Stadt gehabt, aber viele Farmdörfer. Eines Tages war er mit dem Fürsten einer Nachbarstadt um den Besitz eines Farmdorfes in Streit geraten. Annalljas Vater war im Kampf unterlegen, er hatte den Ort eingebüßt; das ertrug sein Stolz nicht, er starb darüber. Annallja erbte die Stadt und das Land; sie forderte aber nun von jedem Horro, der ihre Hand begehrte, daß er nicht nur das verlorene Farmdorf zurückerobere, sondern dazu noch achtzig Städte und Orte rund um ihr Gebiet. Jahre vergingen. Niemand wagte den Beginn so umfangreicher kriegerischer Unternehmung. Jahre vergingen. Annallja blieb unverheiratet, wurde aber von Jahr zu Jahr schöner. Sie verlor jedoch allen Frohsinn. Sie wurde ständig schöner und trauriger. Und nach dem Beispiel der Fürstin verloren alle Horro, alle Djalli [Barden], Numu [Schmiede] und Ulussu [Hörige] ihr Lachen.

In Faraka wohnte ein Fürst Gana, der hatte einen Sohn namens Samba Gana. Als der herangewachsen war, verließ er nach Sitte des Landes mit zwei Djalli und zwei Supha [dienende Knappen] die Stadt des Vaters, um sich ein eigenes Land zu erkämpfen. Samba Gana war jung. Sein Lehrer war der Djalli Tararafe, der ihn begleitete. Samba Gana war fröhlich. Samba Gana zog lachend von dannen. Samba Gana erklärte dem Fürsten einer Stadt den Krieg. [Forderte ihn zum Zweikampf heraus.] Sie fochten. Alle Leute der Stadt sahen zu. Samba Gana siegte. Der unterlegene Fürst bat um sein Leben und bot ihm seine Stadt an. Samba Gana lachte und sagte: „Behalt deine Stadt. Deine Stadt ist mir nichts.“ Samba Gana zog weiter. Er bekämpfte einen Fürsten nach dem anderen. Er gab stets alles Gewonnene zurück. Er sagte stets: „Behalt deine Stadt. Deine Stadt ist mir nichts.“ Zuletzt hatte Samba Gana alle Fürsten in Faraka überwunden und besaß doch selbst keine Stadt und kein Land, da er immer alles zurückgab und stets lachend weiterzog.

Eines Tages lag er mit seinem Djalli am Niger. Der Djalli Tararafe sang von Annallja Tu-Bari; er sang von Annallja Tu-Baris Schönheit und Schwermut und Einsamkeit. Tararafe sang: „Nur der wird Annallja gewinnen und sie lachen machen, der achtzig Städte erobern wird.“ Samba Gana hörte alles. Samba Gana sprang auf und rief: „Auf, ihr Supha! Sattelt die Pferde! Wir reiten in Annallja Tu-Baris Land!“ Samba Gana brach mit seinen Djalli und Supha auf. Sie ritten Tag und Nacht. Sie ritten einen Tag nach dem anderen. Sie kamen in Annallja Tu-Baris Stadt. Samba Gana sah Annallja Tu-Bari. Er sah, daß sie schön war und nicht lachte. Samba Gana sagte: „Annallja Tu-Bari, zeig mir die achtzig Städte.“ Samba Gana brach auf. Er sagte zu Tararafe: „Bleib du bei Annallja Tu-Bari, singe ihr, vertreibe ihr die Zeit, mache sie lachen!“ Tararafe blieb in Annallja Tu-Baris Stadt. Er sang jeden Tag von den Helden Farakasy von den Städten Farakas, von der Schlange des Issa Beer, die eigenmächtig die Flut steigen läßt, so daß die Leute in einem Jahr Überfluß an Reis haben, in anderen Jahren aber hungern. Annallja Tu-Bari hörte alles. Samba zog in der Runde umher. Er kämpfte mit einem Fürsten nach dem andern. Er unterwarf alle achtzig Fürsten. Er sagte zu jedem besiegten Fürsten: „Geh zu Annallja Tu-Bari und sage ihr, daß deine Stadt ihr gehört.“ Alle achtzig Fürsten und viele Horro kamen zu Annallja Tu-Bari und blieben in ihrer Stadt. Annallja Tu-Baris Stadt wuchs und wuchs. Annallja Tu-Bari beherrschte alle Fürsten und Horro des weiten Landes um ihre Stadt.

Samba Gana kehrte zu Annallja Tu-Bari zurück. Er sagte: „Annallja Tu-Bari, nun ist alles, was du besitzen wolltest, dein!“ Annallja Tu-Bari sagte: „Du hast die Arbeit verrichtet. Nun nimm mich.“ Samba Gana sagte: „Weshalb lachst du nicht? Ich heirate dich erst, wenn du wieder lachst.“ Annallja Tu-Bari sagte: „Früher konnte ich vor Schmerz über die Schande meines Vaters nicht lachen. Jetzt kann ich nicht lachen, weil ich hungrig bin.“ Samba Gana sagte: „Wie kann ich deinen Hunger stillen?“ Annallja Tu-Bari sagte: »“Bezwinge die Schlange des Issa Beer, die in einem Jahre Überfluß, im anderen Not beschert.“ Samba Gana sagte: „Solches hat noch kein Mensch vermocht. Ich werde das Unternehmen beenden.“ Samba Gana zog fort.

Samba Gana zog nach Faraka und suchte die Schlange des Issa Beer. Er zog weiter und suchte. Er zog nach Koriume, fand sie nicht und zog stromauf weiter. Er kam nach Bamba, fand sie nicht und zog stromauf weiter. Dann traf Samba Gana die Schlange. Er kämpfte mit ihr. Bald siegte die Schlange, bald siegte Samba Gana. Der Djolliba [Nigerstrom] lief bald diesen, bald jenen Weg. Die Berge stürzten ein und die Erde öffnete sich in Spalten. Acht Jahre lang kämpfte Samba Gana mit der Schlange. Nach acht Jahren hatte er sie überwunden. Samba Gana hatte in dieser Zeit achthundert Lanzen zersplittert und achtzig Schwerter zerbrochen. Er hatte nur noch ein blutiges Schwert und eine blutige Lanze. Die blutige Lanze gab er Tararafe und sagte: „Geh zu Annallja Tu-Bari, gib ihr die Lanze, sage ihr, daß die Schlange überwunden ist und sieh, ob Annallja Tu-Bari nun lacht.“

Tararafe kam zu Annallja Tu-Bari. Er sagte, was ihm aufgegeben war. Annallja Tu-Bari sagte: „Kehr zu Samba Gana zurück und sage ihm, er solle die überwundene Schlange hierher bringen, damit sie als mein Sklave den Strom in mein Land leite. Wenn Annallja Tu-Bari Samba Gana mit der Schlange sehen wird, wird Annallja Tu-Bari lachen.“

Tararafe kehrte mit der Botschaft nach Faraka zurück. Er richtete die Botschaft an Samba Gana aus. Samba Gana hörte die Worte Annallja Tu-Baris. Samba Gana sagte: „Es war zuviel.“ Samba Gana nahm das blutige Schwert, stieß es sich in die Brust, lachte noch einmal und starb. Tararafe nahm das blutige Schwert, bestieg sein Pferd und ritt in die Stadt Annallja Tu-Baris. Er sagte zu Annallja Tu-Bari: „Hier ist das Schwert Samba Ganas; an ihm ist das Blut der Djollibaschlange und das Samba Ganas. Samba Gana hat zum letzten Mal gelacht.“

Annallja Tu-Bari rief alle Fürsten und Horro, die in ihrer Stadt versammelt waren, zusammen. Sie bestieg ihr Pferd; alle Leute bestiegen Pferde. Annallja Tu-Bari ritt mit allen ihren Leuten ostwärts. Sie ritten, bis sie nach Faraka kamen. Annallja Tu-Bari kam zur Leiche Samba Ganas. Annallja Tu-Bari sagte: „Dieser Held war größer als alle vor ihm. Baut ihm ein Grabmal, das das aller Könige und Helden überragt.“ Die Arbeit begann. Achtmal achthundert Menschen gruben die Schächte. Achtmal achthundert Menschen bauten das Haus [die unterirdische Leichenkammer]. Achtmal achthundert Menschen bauten die Halle [den oberirdischen Opferraum]. Achtmal achthundert Menschen trugen Erde herbei und häuften sie über die Halle, schlugen und brannten sie. Der Berg [die tumulusartige Pyramide] stieg höher und höher.

Jeden Abend stieg Annallja Tu-Bari mit ihren Fürsten, Horro und Djalli auf die Spitze des Berges. Jeden Abend sangen die Djalli Lieder von dem Helden. Jeden Abend sang Tararafe das Lied von Samba Gana. Jeden Morgen erhob sich Annallja Tu-Bari und sagte: „Der Berg ist nicht hoch genug. Baut ihn, bis ich Wagana sehen kann.“ Achtmal achthundert Menschen trugen Erde herbei und häuften sie über den Berg, schlugen sie und brannten sie. Acht Jahre lang stieg der Berg höher und höher. Am Ende des achten Jahres ging die Sonne auf, Tararafe sah umher und rief: „Annallja Tu-Bari, heute kann ich Wagana sehen.“ Annallja Tu-Bari sah nach Westen. Annallja Tu-Bari sagte: „Ich sehe Wagana! Samba Ganas Grab ist so groß, wie es sein Name verdient.“ Annallja Tu-Bari lachte. Annallja Tu-Bari lachte und sagte: „Nun geht ihr alle, ihr Ritter und Fürsten auseinander, verbreitet euch über die ganze Erde und werdet zu Helden gleich Samba Gana.“ Annallja Tu-Bari lachte noch einmal und starb. Sie wurde neben Samba Gana in der Leichenkammer des Grabberges bestattet.

Die achtmal achthundert Fürsten und Horro zogen aber von dannen, jeder in einer Richtung, kämpften und wurden große Helden.

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