Abrechnung mit Helene Hegemann

Der Verband Deutscher Schriftsteller sorgt sich um das Urheberrecht: Kurz vor der Leipziger Buchmesse wurde eine Petition veröffentlicht, die eine uneingeschränkte Beachtung des Urheberrechts fordert, und von namhaften Autoren wie Sibylle Lewitscharoff, Günter Grass, Christa Wolf und Günter Kunert unterzeichnet wurde. Das merkwürdige an dieser „Leipziger Erklärung zum Schutz geistigen Eigentums“: Der Name Helene Hegemann fällt kein einziges Mal – und doch liest sich diese Erklärung wie eine Abrechnung mit der Autorin und ihren Unterstützern im Literaturbetrieb. Der Ton ist anklagend bis vorwurfsvoll belehrend, die Forderung eindeutig: Plagiate verdienen keinen Preis.

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Und immer wieder Hegemann

Und immer wieder Hegemann

Nun ist Helene Hegemann also nominiert, mit ihrem Roman „Axolotl Roadkill“, in der Kategorie „Belletristik“ des Preises der Leipziger Buchmesse. Und die Diskussion um Remixen & Abschreiben, Untergrund und Hype, Originalität & Echtheit will einfach nicht enden. Da geht es um einen Verlag, der versagt hat, um ein Feuilleton, das versagt hat, um eine Jury, die versagt hat. Aber eigentlich geht es auch ums Internet und seine „Kultur“. Wer blickt da noch durch?

gestaltet mit wordle.net

Also: Rewind. Noch mal von vorne. Mehr lesen

Hörtipp: „Stadt & Literatur“ im uniRadio

Morgen gibt es Literatur auf die Ohren: Am Sonntag läuft von 17 bis 18 Uhr die Sendung „Dahlemer Diwan“ im uniRadio 97,2 – gestaltet von Studierenden der Allgemein Vergleichenden und der Angewandten Literaturwissenschaft. Thema der Sendung ist „Stadt & Literatur“. Vorgestellt werden eine Gedicht-Plakataktion in Leipzig, der Roman „U5“, Literaturcafés in Berlin sowie der Poetry Slam im Rosi’s. Zu hören sind außerdem Umfragen, Veranstaltungstipps und natürlich gute Musik. Also: Ran an die Radios.

Mehr Infos zur Sendung „Dahlemer Diwan“ sowie alte Beiträge vergangener Sendungen gibt es [hier].

Warum man junge Literaturzeitschriften nicht lesen kann

Ich bin die Zielgruppe. Ja, ich interessiere mich für junge Literatur, ja, ich entdecke gerne Abseitiges und Ungewöhnliches, und ja, ich will JETZT schon lesen, wer nächstes Jahr den Open Mike gewinnt und übernächstes Jahr seinen ersten Roman veröffentlicht. Also greife ich zu Literaturzeitschriften. Die von der Sorte jung, innovativ und experimentell, versammelt unter junge-magazine.de.

Sie tragen klangvolle Namen wie „BELLA triste“, „sprachgebunden“, „lauter niemand“ oder „Krachkultur“, sie werden von ambitionierten Machern in Bremen, Hildesheim, Leipzig und Berlin herausgegeben und sie erleben begeisterte Zustimmung in den Feuilletons. Jedoch: Spaß macht das Lesen der jungen Literaturzeitschriften nicht.

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Ein Buch zum Erleben

Ein Buch zum Erleben

Eine Rezension von Leandra Müller

cover_einsam„Well fuck you asshole – I’ll set myself free first – the rest can wait“ mit diesen Worten begrüßt Selim Özdogan die Lesenden seines Romans “Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist” und dieser Satz könnte ebenso gut von seiner Hauptfigur stammen, wie von dem Musiker Rodney Orpheus, der sie in die Welt brachte. Alex ist 20, er studiert irgendetwas, er hat schon länger keine Universität mehr von innen gesehen und es ist Sommer. So richtig etwas mit seinem Leben anzufangen weiß er nicht, nur das Motto steht schon fest – No risk no fun! So lange es seine beiden besten Freunde gibt, wird es schon irgendwie schief gehen. Als dann die bezaubernde Esther auftaucht, in die sich Alex verliebt wie noch nie zuvor, ist die Welt ist in Ordnung und könnte nicht besser sein.

Doch jeder ist Hauptdarsteller seines eigenen Films und so muss auch Alex feststellen, dass nicht alle nach seinem Drehbuch spielen, im Gegenteil. Wer hoch hinaus will, steigert die Fallhöhe und auch an seinen Mitstreitern geht das Leben nicht ereignislos vorüber. „Well fuck you asshole“ – so steht Alex der Welt gegenüber und sie zahlt es ihm heim – dennoch ist Özdogan mit diesem Helden ein sympathischer und in jeder Situation autenthischer Charakter gelungen, der einen eindringlich daran erinnert, was es bedeuten kann 20 und verliebt zu sein. In einer Sprache die ebenso rotzig wie poetisch ist und das Erleben zum Genuss macht – Freud und Leid, Risk and Fun. The rest can wait.

Ein Buch zum Staunen

Ein Buch zum Staunen

Eine Rezension von Daniel Roßbach

cover_urpferdEs ist nicht sehr einfach, sich Geschichten vorzustellen, die unterschiedlichere Zeiten, Räume und Menschen auf extravaganteren Wegen und in präziser komponierter Sprache zusammenführen als die in den Kurzgeschichten und Erzählungen des dänischen Arabisten und Journalisten Peter Adolphsen, zuletzt in „Das Herz des Urpferdes“.

Fast noch erstaunlicher als die Geschichten Adolphsens selbst ist dabei, wie plausibel sie trotz ihrer extremen Unwahrscheinlichkeit wirken. Adolphsen erzählt mit höchster Stringenz in einer Prosa, die in manchen Passagen sehr lyrisch, in anderen (natur)wissenschaftlich exakt ist und dabei stets in den Kern des Beschriebenen vorzudringen scheint.

Die Erzählung „Das Herz des Urpferdes“ reicht so in der Tat „ab origine mundi … ad mea …tempora“, umfasst Millionen von Jahren und Kontinente, die nicht einmal existierten, als sie begann. Ein „perpetuum carmen“ ist sie gleichwohl nicht, Adolphsen benötigt nur wenig über 100 Seiten um ein Bild zu konstruieren, das den Leser verstört und zugleich verwundert hinterlässt.

Peter Adolphsen ist mehrfach mit Autoren wie Jorge Luis Borges und Peter Seeberg verglichen worden, ein Vergleich, den Adolphsen nicht benötigt: Er ist eigentümlich genug.

Ein fünfseitige Leseprobe findest Du hier >>>.