Ein Buch, das niemand geschrieben hat
Nino Haratischwili: Juja


„Ich wurde ins Leben gefickt.“ So so …, aber wer nicht?

Am Anfang steht Verlust. Auch in Nino Haratischwilis Roman Juja: „Ich war ein EMBRYO und wusste alles. Ich wurde ins Leben gepresst und vergaß mein Wissen. Ich wurde ins Leben gefickt. Man entnahm mir mein Wissen. Ich will Rache.“ So lauten die ersten Zeilen von Juja; sie gehören Jeanne Saré, einer jungen Frau mit weißer Haut, etwas zu langen Armen und sich abzeichnenden Rippen, mit einem starren Gesicht, das leblose Lippen, eine kleine Nase, hohe Wangenknochen und tiefe, sumpfgrüne Augen unter einer breiten Stirn beherbergt. So sieht ein Mädchen aus, das aufgebrochen war, „um die Welt zu beenden.“ Angeblich. Ein Mädchen, das apokalyptisches Gedankengut in poetischen Zeilen fixiert, aus denen Einsamkeit und Verzweiflung ebenso laut herausschreien wie eine tiefsitzende, unerfüllte Sehnsucht nach – Liebe, Leben? So schreibt ein Mädchen, das ihr Dasein gegen den Tod eintauscht. Angeblich. Jeanne Saré soll in den 1950er Jahren in Paris gelebt haben, bis sie sich im Alter von 17 Jahren am Gare du Nord vor einen Zug warf. Ihre Schriften gelangten knapp 20 Jahre später an die Öffentlichkeit, wo sie 14 Frauen in den Freitod führten. Weil diese sich wiedererkannten in der Weltverlorenheit des jungen Mädchens, um das sich angesichts der wenigen Informationen zu ihrer Person ein Mythos rankte. Und „einen Mythos hinterfragt man nicht. Deswegen ist es ja auch ein Mythos“, so der Verleger von Sarés Texten.
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