Ein Buch der Verwunschenheit: Lisa Kreißlers „Das vergessene Fest“

Ein Roman, der ein bisschen Fantasy ist, aber kein richtiger Fantasy-Roman: Kann das funktionieren? Lisa Kreißler verwischt in ihrem neuen Roman „Das vergessene Fest“ über drei alte Studienfreunde die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum. Das Ergebnis ist eine surreale Reise in die Natur, die Erinnerung und die kleinen, besonderen Momente im Leben, an deren Ende man ohne Antwort, aber doch verändert zurückbleibt. 

 

Da ich eher eine Abneigung gegen den klassischen Fantasy-Roman habe, nahm ich Lisa Kreißlers „Das vergessene Fest“ mit einer gewissen Skepsis in die Hand. Der Klappentext verspricht, dass drei Freunde in einen Wald gehen, „wo sie Menschen wie aus einer anderen Wirklichkeit begegnen, die sie einbinden in ein fremdes Ritual“. Das hörte sich für mich schon grenzwertig fantasylastig an. Aber zum Glück habe ich mich davon nicht abschrecken lassen.

Es geht um drei alte Studienfreunde, die früher unzertrennlich waren und in der Kneipe die Nacht zum Tage machten. Jetzt heiratet eine von ihnen, Nina, und die anderen zwei, Arif und Ronda, sind eingeladen. Die drei Hauptfiguren werden einzeln anhand von kurzen Szenen eingeführt: Arif, wie er während seiner Lieblings-Soap die Wohnung putzt, Ronda, wie sie mit ihrem Sohn im Zug auf dem Weg zur Hochzeit ist, und Nina, wie sie am Tag ihrer Hochzeit nachdenklich am Fenster steht und die Geräusche im Haus ihrer Eltern wahrnimmt. Keiner von ihnen scheint besonders glücklich zu sein, eine große Melancholie schwingt in den Zeilen mit. Irgendwie scheinen sich die drei Freunde auseinandergelebt zu haben, es wird nicht näher darauf eingegangen, wie das passiert ist. Und jetzt, wo Arif geschieden und Ronda frisch verlassen worden ist, denkt man als Leser, wenigstens die anstehende Hochzeit wäre ein Grund zur Freude. Aber wenn man über Nina liest, wie sie am Fenster steht, bröckelt auch diese Hoffnung.

Wenn sich schon zu Beginn eines Buches so viel Schwermütigkeit ankündigt, fällt es nicht leicht, weiterzulesen. In Lisa Kreißlers Fall ist das Geheimrezept eine äußerst poetische Sprache, die solch kraftvolle Bilder erschafft, dass sie beinahe aus den Seiten hüpfen. Man kann sich dem Sog dieses Erzählens kaum entziehen und wird unausweichlich Teil der Geschichte.

Als Nina statt zu heiraten mit Arif und Ronda im Wald verschwindet, beginnt sich tatsächlich eine „andere Wirklichkeit“ zu entfalten. Auf einer Lichtung erzählen sie sich Geschichten, entkommen in einer Höhle dem Unwetter und vergessen die Zeit. Dass sie dann Teil eines Rituals von mysteriösen Waldbewohnern werden, braucht die Handlung eigentlich gar nicht. Die surreale Atmosphäre ist bereits auf einem Teppich ausgerollt, und man hat sich längst darauf eingelassen, dass alles, was folgt, genauso gut von einer der Figuren geträumt sein könnte.

Obwohl der Plot eine typische Struktur nicht vermeidet, ist der Spannungsbogen am Ende kaum von Bedeutung. Die ganze Handlung verpufft geradezu, weil es nicht nur ein offenes Ende, sondern gleich mehrere gibt. Man ist den Figuren kaum nähergekommen und weiß ebenso wenig, wie es jetzt mit ihnen weitergeht. Und obwohl man nicht anders kann, als sich darüber ein wenig zu ärgern (weil man beim Lesen auf Antworten und Ergebnisse gepolt ist), steht diese Entscheidung im Einklang mit dem Rest des Buches. Es ging nie um konkrete Handlungen oder konkrete Personen. Es geht um das Gefühl, in eine völlig andere Welt einzutauchen und gemeinsam mit den Figuren, die genauso auch du oder ich sein könnten, über das Leben zu rätseln, an ihm zu verzweifeln und sich an ihm zu freuen. Das Ende des Buches, als Ronda ihrem kleinen Sohn von seiner Geburt erzählt, ist eines der schönsten, das ich bisher gelesen habe.

 

Lisa Kreißler, "Das vergessene Fest"
Hanser Berlin, Februar 2018
Gebunden, 189 Seiten, 20 Euro
Lena Prisner

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