Ein Buch fürs Wochenende

Als die Romanautorin Siri Hustvedt aufs Podium steigt, um eine Rede zur Ehren ihres verstorbenen Vaters zu halten, beginnt ihr Körper zu zittern. Mit ruhiger Stimme beendet sie ihren Vortrag, während ihr Körper bebt. Auch in Zukunft wird sie Vorträge halten. Bei manchen zittert sie, bei anderen nicht. Die konsultierten Ärzte, Therapeuten und Psychologen können keine eindeutige Diagnose stellen. Es könnte sich um Epilepsie oder gar Hysterie handeln. Hustvedt macht sich selbst auf die Suche nach einer Erklärung. Wie besessen liest sie die großen Psychologen, Poeten mit ähnlichen Leiden und vertieft sich in die Neuropsychatrie. Siri Hustvedt, die Autorin des wunderbaren Was ich liebte, erzählt in ihrem neuen Buch Die zitternde Frau ihre Geschichte und Hustvedt ist eine Geschichtenerzählerin. Denn „wahre Geschichten können nicht vorwärts erzählt werden, nur rückwärts. Wir erfinden sie aus dem Blickwinkel einer ständig sich verändernden Gegenwart und erzählen uns selbst, wie sie sich entwickelt haben.“ So erinnert sie sich an einen Autounfall. Sie denkt, während der Rettungssanitäter sie mit einer Rettungsschere befreit, dass dies hier nicht die schlechteste Art zu sterben wäre und dann „ich nahm mir vor, auf alles zu achten, denn falls ich überlebte, würde ich das Material womöglich in einem Roman verwenden können.“ Ich empfehle, Die zitternde Frau als Roman zu lesen und die Fußnoten (die auf theoretische Texte verweisen) nicht zu beachten. Ein Roman über eine emanzipierte Frau, die gegen Kontrollverlust ankämpft; die ihren Intellekt einer scheinbar unbezwingbaren Krankheit gegenüberstellt. „Erinnerungen sind veränderlich, aber auch kreativ“.

Kein Artikel über Hustvedt, und so natürlich auch dieser nicht, ohne folgenden Hinweis: Siri Hustvedt ist mit Paul Auster verheiratet.

Hustvedt liest am Montag, den ersten Februar im Babylon.

Die ersten 20 Seiten ihres Romans gibt es hier (PDF-Datei) zu lesen.

Das polnische Fräuleinwunder in Berlin

Das polnische Fräuleinwunder in Berlin

Zum gestrigen Dorota-Masłowska-Abend im Roten Salon

Dorota MasłowskaNicht nur die Tatsache, dass sie als Star der polnischen Literaturszene gilt, sondern auch der Titel der Lesung – „Ich kann Wörter zu Torten schichten“ – wecken bei den Zuschauern hohe Erwartungen an den großen Dorota-Masłowska-Abend. „Eine Schriftstellerin, die sprachlich alle Register zieht“ – so kündigt Katharina Narbutovic vom Berliner Künstlerprogramm des DAAD den polnischen Jungstar an. Der Abend ist ein Abschiedsabend für Dorota Masłowska, in wenigen Tagen wird sie Berlin nach ihrem einjährigen Aufenthalt im Rahmen eines Stipendiums des Berliner Künstlerprogramms verlassen. Diese letzte Lesung im Roten Salon soll die Zuschauer an die junge Autorin heranführen, an ihr Schaffen sowohl im literarischen Bereich als auch in Film und Theater.
Durch den Abend führt der Schriftsteller Jakob Hein, der Mitglied der Reformbühne Heim & Welt ist und zuletzt mit seinem Buch „Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand“ für Aufmerksamkeit in den Medien sorgte.

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Der Daumen in der Wunde – „Berlin Alexanderplatz“ an der Schaubühne

Der Daumen in der Wunde – „Berlin Alexanderplatz“ an der Schaubühne

Die Schatten der Vergangenheit lauern überall. Für Franz Biberkopf wird das zur bitteren Wahrheit. Der Arbeiter erschlug aus Eifersucht seine Freundin Ida und verbüßte sein Verbrechen in der Strafanstalt Tegel. Nun ist er wieder frei und auf dem besten Weg, ein besserer Mensch zu werden – wären da nicht die selbsternannten Moralrichter, die überall auf dem Pfad der Tugend lauern und partout nicht vergessen mögen.
Der Boden der Schaubühne am Lehniner Platz ist mit Münzen bedeckt, darüber hängt in blauen Lettern das vierte Gebot „Du sollst nicht stehlen.“ Das hält allerdings nicht alle Zuschauer davon ab, sich als kleines Souvenir eines der Geldstücke leise in die Tasche zu stecken. Soviel also zur Moral.

Volker Lösch hatte für seine erste Regiearbeit in Berlin die bewährten Utensilien für einen politischen Abend im Koffer: einen Laienchor, diesmal bestehend aus Ex-Sträflingen, plakative Bilder und starken Aktualitätsbezug.

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Heißes Wasser für alle

Muss ich diesen Gästen diesen Käse kaufen? Will ich ein Leben lang in dieses Fitnessstudio gehen? Ist eine Zahnspange ganz für mich alleine nicht auch ein Glück?

Am gestrigen Abend, dem 25.1.10, fand im Literarischen Colloquium Berlin eine szenische Lesung statt – bearbeitet vom Dramaturgie-Seminar der Angewandten Literaturwissenschaft der FU Berlin und gelesen von Schauspielstudenten der UdK. Gegenstand der Lesung war Gesine Danckwarts Text „Heißes Wasser für alle“. Dieses Stück zeigt auf, wie sich die großen Themen unserer Zeit in den Falten des Alltags verstecken. In musikalisch montierten Monologen wird das Scheitern des modernen Menschen auf allen Ebenen inszeniert: Was ist das für eine Freiheit, die sich aufspannt zwischen den Ansprüchen von Konsumgesellschaft, Marktwirtschaft und den erstarrten Formeln menschlicher Beziehungen? Das Sprechen darüber macht vor allem eines deutlich: Der Dialog gerät an seine Grenzen, wenn wir uns unserer selbst, unseres Gegenübers und der Welt da draußen nicht mehr sicher sind.

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Google Book Settlement ohne die USA?

Google Book Settlement ohne die USA?

Im Fall Google Book Settlement tut sich wieder was: gleich drei Autorengruppen in den Vereingten Staaten setzen sich zur Wehr und legen morgen dem zuständigen Gericht eine Petition vor, die bereits veröffentlicht wurde. Gerade noch rechtzeitig, denn am 28. Januar läuft die Opt-Out-Frist für Autoren aus. Worum geht es genau?

Kurzer Rückblick: Schon länger läuft die Debatte rund um die Google Book Search (in Deutschland Google Buchsuche), eine Dienstleistung von Google mit dem Ziel, das in Büchern gespeicherte Wissen der Welt durch Digitalisierung für die Volltextsuche verfügbar zu machen. Aus kultureller Sicht natürlich prinzipiell wünschenswert, wenn das Internet zu einem wichtigen Zugangsportal zu Kultur und Bildung wird und Wissen zugänglich wird. Das jedoch ist nicht das Problem bei der Google Book Search.

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Wir Wunderkinder vom Prenzlauer Berg

Die Kritik ist ganz aus dem Häuschen. Helene Hegemann – Jahrgang 1992 (!!!) – hat ein Buch geschrieben. Axolotl Roadkill heißt das gute Stück und es geht darin um,  nunja, Sex, Drogen, Gewalt und Exzesse der wohlstandsverwahrlosten Nullerjahre-Generation vom Prenzlberg. Das ganze in einem ebenso kunstvollen wie schrillen Sound aus „Fuckyouall“-Jargon und nicht minder gewagten gesellschaftstheoretischen Debatten-Partikeln. Daran „werden sich dieses Jahr wohl alle deutschsprachigen Romandebüts messen lassen müssen“ kriegen sich die Reszensenten vor lauter Aufregung gar nicht mehr ein. So weit, so gut. Nun ist es so, dass Helene Hegemann keine gänzlich Unbekannte ist. Der „gestörte Teenager“, wie sie sich selbst bezeichnet, schrieb mit 15 ihr erstes Theaterstücke, ihr mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnetes Drehbuch- und Regiedebüt Torpedo hatte  2008 Premiere. Die Spatzen pfeifen es also von den Dächern des Literaturbetriebs, nein, vielmehr dröhnt es schon unüberhörbar durch die Straßen: die deutsche Literatur ist um ein Wunderkind reicher. Tatsächlich lässt sich Axolotl Roadkill problemlos in eine literarische Ahnenreihe mit Salingers Der Fänger im Roggen, Benjamin Leberts Crazy, Christian Krachts Faserland oder auch Thomas Klupps Paradiso stellen. Man fragt sich allerdings, ob man der Autorin einen Gefallen tut, indem man ihr schmissige Labels á la „Wunderkind der Digitalboheme“ und „Fräuleinwunder 2.0“ um den Hals hängt. Für die Vermarktung ist das der Jackpot, keine Frage, ein von Hegemann selbstgedrehter Buchtrailer auf youtube inklusive:

Hier mal kurz nach autobiograpahischen Parallelen gegraben, dort den Aufreger der Saison postuliert, und dann kann man wieder zum Tagesgeschäft des Literaturtbetriebs übergehen. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist ernsthaft über die literische Qualität solcher Raketen-Phänomene am Literaturhimmel zu diskutieren. Im Falle von Helene Hegemann hat man es nämlich mit gar nicht so wenig Talent und nicht geringer erzählerischer Kraft zu tun. Und schließlich werden ja auch 17-Jährige mal erwachsen und – wer weiß? – aus Wunderkindern gestandene AutorInnen. Bleibt bloß zu hoffen, dass Hegemanns fulminante Debüt-Erfahrung nicht einem Drogenrausch gleicht, über den es in Axolotl Roadkill heißt:  „Ich weiß, es wird nie wieder etwas Geileres in meinem Leben geben als Heroin. Alles, was von nun an passiert, werde ich mit diesem morbiden großbürgerlichen Heroinflug vergleichen, der gerade am Start ist.“

Ist Poesie eine Krankheit? Durs Grünbein liest unveröffentlichte Gedichte

Dienstag, 19. Januar, im sehr gut besuchten Literaturforum im Brecht-Haus, die Bühne gehört Durs Grünbein. Vor kurzem von seinem Aufenthalt in Rom in der Villa Massimo zurückgekehrt, stellt Durs Grünbein im Gespräch mit Michael Opitz sein Buch Die Bars von Atlantis vor, ein Buch in 14 Essays, das sich eher wie ein langes Gedicht liest. In der Tat, scheint sich in dem Buch alles auf das ‚Gedicht’ „Von den Flughäfen“ hinzuführen. Im Fokus der Betrachtung steht das Reisen und Durs Grünbein begreift, was Paul Celan (hierzu: Axel Schmitt) mit seinem Vergleich des Gedichts als Flaschenpost meint.

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„Ich kann Wörter zu Torten schichten“

Dorota Masłowska in Film, Lesung und Gespräch

Die junge polnische Autorin Dorota Masłowska hat bisher erst zwei Bücher veröffentlicht, die jedoch für großes Aufsehen sorgten. Mit gerade einmal 18 Jahren schrieb sie ihren ersten Roman „Schneeweiß und Russenrot„, der ebenso wie ihr Zweitwerk „Die Reiherkönigin“ in den Feuilletons begeistert besprochen wurde – immer wieder wird sie für ihren ungewöhnlichen Wortwitz und ihre Sprachgewalt gelobt. „Ich zertrümmere die Sprache in ihre Bestandteile, um sie neu zusammenzusetzen und zu sehen, was daraus wird“, sagt Dorota Masłowska selbst über ihre Kunst.
Was dabei herauskommt, das kann man sich nächste Woche Dienstag (26.01.) um 20 Uhr im Roten Salon in der Rosa-Luxemburg-Straße 1 anhören und ansehen. Das Berliner Künstlerprogramm des DAAD lädt zur Lesung und zum Gespräch mit der Schriftstellerin ein, auch ein Ausschnitt aus der Verfilmung ihres Debüts wird gezeigt. Danach kann man sich dann noch den musikalischen Vorlieben der Autorin hingeben: Im Anschluss an den großen Dorota-Masłowska-Abend gibt es ein DJ-Set von Bonaparte.
Mehr Infos zu Dorota Masłowska findet ihr auf der Webseite des Berliner Künstler­programms.