Lese lieber ungewöhnlich

Lese lieber ungewöhnlich

Die Programme sind speziell, ihre Verleger oft auch. Kleine, unabhängige Verlage haben seit einigen Jahren längst mehr als nur einen Platz in der Nische, sie fallen durch mutige, nicht unbedingt marktgängige Literatur, liebevoll gestaltete Covers sowie ungewöhnliche Publikationsformen auf. Hörspiele, Schallplatten oder Scherenschnitte haben ebenso ihren Platz wie abgedrehte Graphic Novels oder hochphilosophische Essaybände.

Ihre Bücher sind allerdings nach wie vor eher selten neben den Titeln der großen Verlagshäuser auf den Präsentiertischen der Buchhandlungen zu finden, viele unter ihnen kämpfen Programm für Programm aufs Neue ums Fortbestehen. Aber schwierige Situationen erfordern kreative Ideen. So wurde im letzten Jahr etwa die „Hotlist“ ins Leben gerufen, die alternativ zum deutschen Buchpreis die besten Bücher der Saison aus unabhängigen Verlagen prämiert. Was die „Indies“ aber letztendlich so spannend macht, ist der Entdeckergeist, der Mut zu Ungewöhnlichem und nicht zuletzt die gute Portion Idealismus ihrer oftmals jungen Verleger.

Die geballte Kreativität der „Jungen Wilden“ konnte man vergangenen Samstag beim „Fest der kleinen Verlage am großen Wannsee“ im Literarischen Colloquium Berlin kennen lernen. Büchertische luden zum Stöbern und Entdecken, Lesungen zum Zuhören ein. Litaffin hat sich ein wenig bei den Verlegern umgehört: Wie ist die Stimmung? Was macht euch froh, mit welchen Schwierigkeiten habt ihr zu kämpfen? Und was haltet ihr von der Hotlist?
Mehr lesen

„Neukölln ist ein spannender Ort für alles!“

„Neukölln ist ein spannender Ort für alles!“

Ab heute im Heimathafen auf der Karl-Marx-Straße: STORY!, die erste Neuköllner Literaturwoche. An sechs Thementagen (u. a. Heimat, Krimi, Love, Reise) wird Literatur aus und über Neukölln präsentiert: Romane, Storys, Lesebühnentexte, Comics, Liebesbriefe – und Lieder. Kurz vor dem Start sprach Litaffin mit Festivalkoordinator Florian Kröckel über die große literarische Konkurrenz in Berlin, die Besonderheiten von STORY! und das Problem der Gentrifizierung.

Litaffin: Berlin ist voll von Literaturveranstaltungen aller Art, vom großen, internationalen Festival bis zur Lesenacht auf der Oranienstraße. Eine Literaturwoche gibt es z. B. auch in Prenzlauer Berg, aber einen so starken Bezug zum Kiez wie bei STORY! habe ich bisher noch nirgends gesehen – was macht Neukölln zu einem so spannenden Ort für eine eigene Literaturwoche?

Kröckel: Grundsätzlich ist Neukölln ein spannender Ort für alles! Basis von STORY! sind die erfolgreichen Lesungen, die in Zusammenarbeit mit Hugendubel am Hermannplatz regelmäßig im Heimathafen stattfinden. Nach einer dieser Lesungen kam dann am Biertisch die Idee auf, eine Literaturwoche zu gestalten – here we go!

Mehr lesen

Das Buch als Film im Kopf. Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ als Hörspiel

Das Buch als Film im Kopf. Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ als Hörspiel

Nicht jeder kann Filme zweimal sehen. Ich langweile mich dabei. Ähnlich, aber doch anders, geht es mir da bei Büchern. Viel zu viel wird geschrieben, als dass ich Anna Karenina zweimal lesen würde. Die neue Übersetzung ist bestimmt kunstvoll und ich hatte eine wunderbare Zeit, als ich den Roman das erste Mal las, aber nochmal? Äh-Äh.

Ausgenommen sind natürlich Balladen, Gedichte und Lieblingsstellen aus Lieblingsromanen und wenn ich über einen Text etwas schreiben möchte, lese ich immer und immer wieder… Aber das ist etwas anderes.

Als ich das Hörspiel  „Kleiner Mann – was nun?“ von Irene Schuck hörte, das soeben beim DAV erschienen ist, bin ich um eine Möglichkeit, Romane noch einmal zu genießen, ohne sie erneut zu lesen, bereichert worden. Das Hörspiel erscheint sinnvoll auf etwas mehr als eine Stunde gekürzt, irgendwann taucht die Stimme von einem Sprecher der Drei Fragezeichen auf und es spult sich ein Film im Kopf des Hörenden ab.
Hörprobe | Hans Fallada: „Kleiner Mann – was nun?“

„Kleiner Mann – was nun?“ von Hans Fallada las ich als Schülerin eines Geschichtsleistungskurses kurz vorm Abitur. Ich las Fallada, um das Ausmaß einer Weltwirtschaftskrise zu verstehen, um ein Bild von der Zeit zu bekommen und entdeckte beim Lesen einen für mich zu dieser Zeit viel interessanteren Aspekt: eine realistische Liebesgeschichte. Pinneberg liebt seine Frau und schafft es anfangs doch nicht, zu ihr zu stehen. Männlich will er sich Möglichkeiten in alle Richtungen offen halten, menschlich drängen ihn durchaus begründete Existenzängste. Emma Mörschel, sein Lämmchen, argumentiert gegen seine Feigheit an und bringt ihn in die missliche Lage, zu erkennen, dass sie Recht hat, er ihr dieses Recht aber nicht zugestehen möchte. Denn Pinneberg ist stolz und dies wird ihm, da er wohl nur ein mittelmäßiger Arbeiter ist, auch beruflich zum Verhängnis. Unterbewusst schuf Fallada bei mir als Teil der Dritten Generation natürlich auch einen Anflug von Ahnung, wie es zum Dritten Reich kommen konnte, doch für meinen Geschmack haben Erich Kästner und Sebastian Haffner das überzeugender hinbekommen.

Über Falladas Roman ist viel geschrieben worden. Häufig wurden Parallelen zu seinem Leben gezogen. Dieses hätte aber viel, viel mehr Stoff geboten. Er wurde sehr jung wegen Totschlags verhaftet; verbrachte einen großen Teil seines Lebens in psychiatrischen Kliniken, Gefängnissen und Entzugsanstalten. Als Junge schikanierte ihn der Vater, auch die Nationalsozialisten mochten ihn nicht und er lebte mit seiner fast 30 Jahre jüngeren Frau in ärmlichen Verhältnissen. Fallada starb an zu viel Morphium und Alkohol.

Ach ja, und aktuell, wegen Wirtschaftskrise und so… ist der Stoff auch.

Hans Fallada, Kleiner Mann – was nun?, Hörspiel, 1 CD, 74 Min, Der Audio Verlag, 14,99 Euro

Ich-Kisten – Wenn Autoren über den Literaturbetrieb schreiben

Jüngst veröffentlichte Martin Walser ein neues Tagebuch. Der Text handelt genretypisch von ihm und wie er am Literaturbetrieb leidet – ein bei Autoren erstaunlich beliebtes Thema. Auch Thomas Glavinic schrieb schon eine Nabelschau. Wie geht es dem Leser dabei?

Thomas Glavinic befürchtet eine Krankheit an seinem Hoden. Martin Walser hat Bauchschmerzen. Glavinic traut sich nicht, sein Geschlechtsteil zu betrachten. Walser lässt seiner Romanfigur das Glied abschneiden und es dessen Ehefrau überreichen. Walser braucht Geld, Glavinic möchte mehr Geld. Glavinic kennt Daniel Kehlmann und Jonathan Safran Foer. Walser kennt Max Frisch, Siegfried Unseld, Uwe Timm, Hellmuth Karasek, Jürgen Habermas, Peter Weiß und die halbe Welt. Bei beiden Schriftstellern handelt es sich um die allerschlimmste Form des Name-Droppings, der schlechten Eigenschaft, bei jeder Gelegenheit Promi-Namen – wie selbstverständlich bekannt – im Gespräch fallen zu lassen. Die schlimmste Form, da beide gerne einfach nur die Vornamen der bekannten Bekannten nennen.

Glavinic und Walser leiden, sie leiden am Literaturbetrieb, an den Paratexten, an der scheinbaren Ignoranz, die ihren Texten entgegengebracht wird. Und sie veröffentlichen ihr gesammeltes Selbstmitleid: Glavinic als Roman und Walser, etwas ehrlicher seinen Lesern gegenüber, als Tagebücher. Beide sind zu diesem Zeitpunkt schon gemachte und bewiesene Autoren, stehen aber noch vor ihrem größten Erfolg. Glavinic beschreibt das Jahr 2006, in dem sein Roman „Die Arbeit der Nacht“ erscheint, und Walser die Jahre 1974 bis 1978. Die Aufzeichnungen enden damit kurz vor Erscheinen der einzigartigen Novelle „Ein fliehendes Pferd“. Die Schriftsteller warten auf Verkaufszahlen, Kritiken und Geld. Dabei besuchen sie die anderen Akteure des literarischen Feldes. Sie gehen auf Lesungen, in Restaurants und sitzen in Jurys, telefonieren mit Agenten, Verlegern und Kollegen. Mehr lesen

In eigener Sache: Hanna Lemke liest im Ballhaus Ost

In eigener Sache: Hanna Lemke liest im Ballhaus Ost

„Es war, als würde ich langsam durch die Tage sickern wie Regenwasser durch immer feiner werdende Schichten von Gestein, bis es gesäubert am Grund anlangt, bis es draußen endlich dunkel geworden war und ich mich wieder auf den Weg machen konnte.“

Hanna Lemke (29) erzählt in lakonischem Ton und fein komponierten Sätzen von Fastdreißigern, gefangen im Gespinst der Großstadt. Auf der Suche nach sich selbst scheitern sie immer wieder an den eigenen Erwartungen, und so ist nichts gesichert in ihren Leben – weder das Einkommen oder das Zuhause, noch die Liebe.

Nach ihrem Studium am Literaturinstitut in Leipzig, mehreren Stipendien (u. a. des LCB) und zahlreichen Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften erschien 2010 im Verlag Antje Kunstmann ihr Debüt „Gesichertes“, für das sie von der Presse als „Judith Hermann der neuen Generation“ gefeiert wird.

Hanna Lemke liest am Dienstag, den 13. Juli 2010 im Ballhaus Ost (Pappelallee 15, 10437 Berlin). Die Lesung beginnt um 20.00 Uhr und kostet 3 € Eintritt.

Organisiert und moderiert wird der Abend von Studierenden unseres Studiengangs – als (hoffentlich) krönender Abschluss des Seminars Von Lesern und Vorlesern von Katharina Narbutovič (Leiterin des Berliner Künstlerprogramms).

Wir freuen uns über viele Besucher!
Per Facebook Deinen Besuch ankündigen »