„Angefallen wegen Provokation“
Kai Schlüter: Günter Grass im Visier. Die Stasi-Akte

Vorsicht: Verbrennungsgefahr – Teil 4. Litaffin hat die Vorschläge für die Hotlist gelesen, um vorzukosten, ob da wirklich alles so “hot” gegessen wird, wie es gekocht wird.


Irgendwo auf diesem Bild hat sich ein Nobelpreisträger versteckt.

Wie kleidet man sich, wenn man unter ständiger Beobachtung steht?
oder
Wie einmal ein großer Dichter von einem kleinlichen Geheimdienst bespitzelt wurde

Wenn er dann auf einmal vor einem steht, ist alles gar nicht so aufregend, wie man es sich ausgemalt hatte.
„Herr Grass, wären Sie so nett…?“
Was soll man schon sagen? Zumal der Nobelpreisträger, der als geduldiger Autogrammschreiber gilt, die lange Reihe der Unterschriftensammler schon abgearbeitet glaubte.
Es war ein gelungener Abend in Leipzig. Der Alte Rathaussaal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Und dieser war wie immer natürlich in der ersten Reihe, von wo aus man aber wenig überraschend auch den besten Blick hatte auf ihn, der hier heute im Rahmen der Buchmesse sein neues Buch vorstellte. Wobei, eigentlich ist das Buch gar nicht von ihm, sondern vom Journalisten Kai Schlüter. Streng genommen stammt die Idee dazu sogar von jemand noch ganz anderem, nämlich aus der Zentrale der Staatssicherheit der DDR, und ist etwa 50 Jahre alt. Dort kam man nämlich darauf, den in Westdeutschland – und mit Die Blechtrommel auch in der ganzen Welt – berühmt gewordenen Schriftsteller Günter Grass unter Beobachtung zu nehmen. Mehr lesen

Ein bunter Vogel
Ulrike Almut Sandig: Flamingos

Ein bunter Vogel Ulrike Almut Sandig: Flamingos

Vorsicht: Verbrennungsgefahr – Teil 3. Litaffin hat die Vorschläge für die Hotlist begutachtet, um vorzukosten, ob da wirklich alles so “hot” gegessen wird, wie es gekocht wird.

Cover Flamingos
„Sie erwecken den Anschein, als wären sie gar nicht da. Sie sind aber da.“

Die bisher als Lyrikerin bekannte Autorin Ulrike Almut Sandig wagt in Flamingos einen ersten Ausflug in fremde Erzählwelten und landet dabei sicher auf neuem Boden.

Wie viele ihrer Kollegen entschied sich auch Ulrike Almut Sandig, nach ihrem Studium der Religionswissenschaft und modernen Indologie, für eine Ausbildung am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, an dem sie in diesem Jahr ein Schriftstellerdiplom ablegte. Somit reiht sich die 1979 in Riesa geborene Autorin zwischen bekannten DLL-Absolventen wie Juli Zeh, Clemens Meyer, Kristof Magnusson und Hanna Lemke ein. Die Befürchtung, sich nun durch einen Einheitsbrei an Leipziger Institutsprosa blättern zu müssen, erweist sich mit Flamingos allerdings als unbegründet. Schließlich bewies die Leonce-und-Lena-Preisträgerin bereits mit zahlreichen Lyrikbänden und Hörspielen ihre literarische Wandelbarkeit.

In ihrem Erzähldebüt Flamingos zeichnet Ulrike Almut Sandig Menschen, die wie Randgestalten wirken, die in Außenseiterpositionen gedrückt werden, aber eine eigene Geschichte zu erzählen haben. Sandigs Figuren ähneln den Flamingos, die sie eingangs beschreibt: Sie sind unter uns, kaum bemerkbar, laufen uns davon und fliegen irgendwann auf. Mehr lesen

Ein Buch für Literaturkenner
Paul Auster: Unsichtbar

Ein Buch für LiteraturkennerPaul Auster: Unsichtbar

Zwischen den leider oft verborgenen Schätzen der Neuerscheinungen in den kleinen Verlagen, die wir hier gerade in loser Folge vorstellen, zur Abwechslung mal wieder einer der Etablierten: Paul Auster steht auf der deutschen Bestsellerliste. Sein aktuelles Buch ist ganz große Literatur in nahezu jedem Sinne.

Born heißt die Figur in Austers neuem Roman Unsichtbar, und dies ist ein ironisch sprechender Name, denn Born tötet und der angehende Dichter im Studium Adam Walker versucht diesen Mord zu rächen.
Born übt eine Faszination auf seine Umwelt aus und es gestaltet sich schwer, diese davon zu überzeugen, dass Born gefährlich ist. „Hinter Borns freundlichem Geplauder und seiner falschen Jovialität lauert etwas Gereiztes, ein gespannter, angestrengter Ton, der darauf hinzudeuten scheint, dass er auf der Hut ist.“ Dabei ist Walker schlau, sich seiner Sache völlig sicher und hat nur wenige Schwächen. Eine davon ist Borns Freundin und die andere seine eigene Schwester…

Dieses Buch ist ein Experiment, das an Austers frühere Titel Reisen im Skriptorium und Oracle Night erinnert. Auster kennt sich in der Romantik aus: Walkers Manuskript seiner an Born verlorenen Studentenzeit fällt dem Autor zufällig in die Hände. Er veröffentlicht tapfer und spielt dabei erneut mit den Lesern Scharade: „Ich habe Walkers Notizen aufpoliert. Was die Namen betrifft, so sind sie alle … frei erfunden, und der Leser kann sich sicher sein, dass Adam Walker nicht Adam Walker ist … Nicht einmal Born ist Born … Zu guter Letzt muss ich wohl nicht noch eigens darauf hinweisen, dass mein Name nicht Jim ist.“ Mehr lesen

Mehr als nur Mord und Totschlag
Giancarlo De Cataldo: Romanzo Criminale

Vorsicht: Verbrennungsgefahr – Teil 2.  Litaffin hat Titel aus der Hotlist herausgepickt, um vorzukosten, ob da wirklich alles so “hot” gegessen wird, wie es gekocht wird.

Cover Romanzo CriminaleEindeutige Bildsprache, doch es steckt mehr dahinter …

Wer wird sie je vergessen können, die Szene mit dem blutverschmierten Pferdekopf unter der Bettdecke aus Mario Puzos Der Pate? Das Epos aus dem Jahre 1969 war ein großer Bestseller, der auch dank Verfilmungen und Fortsetzungen die Wahrnehmung Italiens im Ausland wesentlich prägte. Paternalistische Strukturen, blutrünstige Schießereien und abgedunkelte Hinterzimmer – was sonst, von Terracotta-Romantik einmal abgesehen, sollte den deutschen Durchschnittsleser an Italien interessieren?

Die hohe Präsenz italienischer Krimis auf dem deutschen Buchmarkt lässt vermuten, dass das Etikett „Mafia“ fast immer zieht, zuletzt eindrücklich bewiesen durch das als Enthüllungsbuch gefeierte Gomorrha von Roberto Saviano.

Auch die Aufmachung von Romanzo Criminale lässt sofort an die genretypischen Kategorien denken. Doch der „Kriminalroman“, verfasst noch in der Prä-Saviano-Zeit (2002) von dem Richter Giancarlo De Cataldo, ist mehr als ein einfacher Thriller und mehr als ein Lamento über die italienischen Zustände. Mehr lesen

Orpheus in der Unterwelt.
Sten Reen: Kornblum – sprachmächtig und verstörend

Orpheus in der Unterwelt. Sten Reen: Kornblum – sprachmächtig und verstörend

Vorsicht: Verbrennungsgefahr! Die Hotlist ist die Antwort der unabhängigen Verlage auf die Long-, Short- und sonstigen Listen mit denen alljährlich die Jury des Deutschen Buchpreises einen Ein-Jahres-Lesekanon aufstellt, kräftig unterstützt vom Feuilleton, das sich im Dominoeffekt diesem Lektürediktat unterwirft. Gegen die Listenherrschaft hilft nur eine List: eine Hotlist! Die unabhängigen, kleinen, jungen Verlage finden ihre Titel nur selten auf der Buchpreisliste wieder – und dümpeln so unverdient oft unterhalb der Wahrnemmungsschwelle. Die heiße (oder scharfe?) Liste soll das ändern, in diesem Jahr wird sie sogar per Publikumsabstimmung bestückt. Litaffin hat sich ausgewählte Titel aus dem langen Vorschlagskatalog herausgepickt, um vorzukosten, ob da wirklich alles so „hot“ gegessen wie es gekocht wird.

Welchen Himmelsfahrten und Höllenritten kann das intensivste aller menschlichen Gefühle standhalten? In seinem Debütroman Kornblum erzählt der unter Pseudonym schreibende Sten Reen eine ebenso sprachmächtige wie verstörende Geschichte einer Liebe der Extreme.

Geburtstage sind für Robert Kornblum, Dachdecker und Gelegenheitsbauarbeiter, Halbintellektueller, in Berlin gestrandete Existenz, eine flüssige Angelegenheit. Seit drei Jahren ist er trocken, nur an diesem einem Tag erlaubt er sich das gnädige Abgleiten in die Besinnungslosigkeit. Als er nach solch einer durchzechten Nacht mit Filmriss wieder aufwacht, sieht er sich mit einer Frau konfrontiert, die nur mal eben Frühstücksbrötchen holen war und der er in der offensichtlich durchvögelten Nacht einen Antrag gemacht hat. Vor ihm steht Theresa, genannt Terri, Mind, keine Heilige und über einen durchaus sprechenden Namen verfügend, wie sich noch erweisen wird.
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