Audrey, der Tod und die Geburt von Bud Roses

 

Das Orangelab am Ernst-Reuter-Platz ist ein Ort, an dem man oft vorbeigehen kann, ohne Notiz von ihm zu nehmen. Hoch reckt sich das Gebäude direkt neben dem U-Bahnhof in den Himmel. Ein Klotz voller Büros und Gewerbeflächen. Im November ändert sich sein Charakter aber vollkommen. Dann finden im Erdgeschoss die 30 Tage Kunst statt. Dieses Jahr wurde in diesem Rahmen u.a. Audrey, der Tod und die Geburt von Bud Roses präsentiert.

 

Beim Betreten des Gebäudes wunderte ich mich. Durch einen Büroeingang gelang  ich in einen großen Raum im Erdgeschoss, mit riesigen Fenstern und direktem Blick auf den Kreisverkehr des Ernst-Reuter-Platzes, auf dem die Schnur der Autos auch abends nicht abreißt. Alles in allem ein kunst- und kulturferner Ort, an dem die 30 Tage Kunst 2012 stattfinden, eine Initiative, die dem Schauspieler Hans Brückner zu verdanken ist. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen bieten die Veranstalter hier einen Monat lang täglich ein reiches Kulturprogramm voller Liederabende, Vorträge, Filme, Kabarett, Theater, Kunst und natürlich auch Lesungen.

Vorn im Raum eine kleine Bühne aufgebaut, der Rest ist voller Stühle und Tische. Hinten schenkt eine kleine, gemütliche Bar Getränke aus. In diesem Raum haben sich am 21. November Oliver Kyr und Snorre Schwarz getroffen. Oliver Kyr und Hans Brückner lasen aus Kyrs Buch Audrey und der Tod und Snorre Schwarz begleitete die Lesung mit seiner Musik und der Geschichte von Bud Roses. Die Mischung war vollkommen.

In Audrey und der Tod meldet sich ein außergewöhnlicher Ich-Erzähler zu Wort. Der Tod. Sein Leben ist düster und monoton, bis er die kleine Audrey kennenlernt. Diese sollte eigentlich am Tag ihrer Geburt sterben. Er verschonte  sie jedoch. Seit diesem Moment ist er bei ihr, immer. Der Tod begleitet sie, schaut ihr über die Schulter und verliebt sich in sie. Verzweifelt versucht er ein Mensch zu werden, um bei ihr sein zu können. Was melodramatisch klingt, ist lebendig und überzeugend. Oliver Kyr erzählt mit Audrey und der Tod ein schwarzes Märchen für Erwachsene. Er erzählt von seiner Tochter, Geliebten und Gefährtin – von Audrey. Mit einem außergewöhnlichen Gespür für Details hat Oliver Kyr ein zärtliches Bild des Todes gezeichnet – und die Besucher der 30 Tage Kunst damit bezaubert.

Der Text harmonierte perfekt mit der Musik von Snorre Schwarz. Der Musiker präsentierte Gedichte und Lieder aus seinem Album Petit Berlinois. Auch seine Klänge sind ruhig. Sie handeln von Komik und Trauer, Weisheit und Verlust. Letzten Endes thematisieren sie die Lust am Leben. Mit klaren und einfachen Melodien erzeugt Snorre Schwarz Bilder. Seine Musik klingt manchmal melancholisch und manchmal tröstend, erlaubt sich viele Pausen und erzählt viele Geschichten vom Alltag und von Abgründen.

Die beiden Künstler boten an diesem Abend keine Lesung, begleitet von Musik, sondern eine Verschmelzung von Buch und Ton, sodass beide Elemente als Einheit wahrgenommen wurden. Ein durchaus gelungenes Experiment, von dessen Sorte man sich mehr wünscht.

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