Das erste Lichtlein brennt – Weihnachtsempfehlungen #1

Alle Jahre wieder haben wir literarische Weihnachtsempfehlungen für Euch. Zum ersten Advent wird es diesmal nostalgisch, berlinerisch, feministisch und schokoladig.

Advent © Sofie Mörchen
Advent, Advent… © Sofie Mörchen

 

Walter Benjamin, Berliner Kindheit um neunzehnhundert (Suhrkamp) © Angie Martiens
Walter Benjamin, Berliner Kindheit um neunzehnhundert (Suhrkamp) © Angie Martiens

Angie empfiehlt: Berliner Kindheit um neunzehnhundert – von Walter Banjamin, erschienen bei Suhrkamp.

Darum geht’s: Der Philosoph und Übersetzer Walter Benjamin schrieb in den 1930ern in Form anekdotenhafter Skizzen und Erinnerungen über seine Kindheit – eine Kindheit um 1900 in Berlin. Berlin: Siegessäule, Tiergarten, mit der Fähre zur Pfaueninsel,  Hallesches Tor und Genthiner Straße. Kindheit: der Zoologischer Garten mit Ottern, das kalte Schwimmbad, Schmetterlingsjagden im Sommerurlaub, Weihnachten mit Nüssen und Marzipan, der Glanz dieser kleinen, in unterschiedlichen Farben verpackten und aufeinander gestapelten Schokoladentäfelchen, die mit einem rauen Goldfaden zu einem winzigen Päckchen verschnürt sind. 1900: deutsches Kaiserreich, Ofenheizung, Markthalle, Hausmädchen in bürgerlichen Familien. In der Lektüre werden Benjamins Erinnerungen manchmal zu meinen – als Berliner Stadtkind erkenne ich vieles wieder. Doch zugleich merke ich stets, dass das erzählte Berlin aus einem anderen Jahrhundert stammt. Ein Jahrhundert aus dem sich manch Standhaftes wie die Herrschaftswohnungen im wilhelminischen Stil oder die bunten Schokotäfelchen ins Heute herübergerettet haben, doch dessen Lebensbedingungen mir als Teil der Generation Y fremd sind. Diese Spannung aus Vertrautem und Unbekanntem erzeugt eine ganz eigene Situation des Erinnerns und zugleich Entdeckens, die ich allen ans Herz lege, die im ‚dicken B obn an der Spree‚ aufwuchsen, lebten oder leben.

Das perfekte Geschenk für: Alle Kinder Berlins – ganz gleich, ob gebürtig oder adoptiert.

Dazu passt: Ne Runde U-Bahn fahrn. Mita BVG – weils ihr im typischen Berlinmodus ejal is und weil se dich liebt.

 

Charlotte empfiehlt: Living a Feminist Life von Sara Ahmed, Duke University Press, 26€, deutsche Übersetzung von Emilia Gagalski:  Feministisch leben! Ein Manifest für Spaßverderberinnen, erschienen bei Unrast Verlag, 19,80€.

"Living a Feminist Life" von Sara Ahmed © Charlotte Steinbock
„Living a Feminist Life“ von Sara Ahmed © Charlotte Steinbock

Darum geht’s: Feministisch leben, wie sieht das eigentlich aus? In ihrem Buch spürt Sara Ahmed dieser Frage in allen Facetten nach und verbindet dabei persönliche Erfahrungen mit philosophischen, literarischen und politischen Überlegungen.  Darüber hinaus schafft sie es, mit der Sprache zu spielen und so immer wieder neue Gefühle und Blickwinkel zu eröffnen. Besonders im englischen Original entfaltet die poetische Sprache einen ganz eigenen Rhythmus. Ausgehend von persönlichen Erfahrungen entspinnt sie die Idee von Feminismus als gelebte Theorie. Sie arbeitet sich an Figuren ab, die sie schon in früheren Büchern entwickelt hat, wie dem Feminist Killjoy, der feministischen Spaßbremse. Doch trotz der teils vernichtenden Urteile, die sie über unsere heutige Welt fällt, versprüht dieses Buch Kampfgeist, Optimismus und jeder Menge anregender Ideen. Nicht zuletzt zeigt sich das im letzten Teil des Buches, wo die Autorin ein Killjoy Survival Kit und ein Killjoy Manifesto zusammengestellt hat. Das Buch gleicht einer künstlerischen Performance, da es zyklisch immer wieder um die gleichen Themen kreist, sie in allen Farben und von allen Seiten zum Leuchten bringt, erfahrbar und spürbar macht. Es ist leicht zugänglich, und doch tiefgründig und bewegend.

Das perfekte Geschenk für: Feminist*innen und Spaßverderber*innen und alle, die es vielleicht mal werden wollen.

Dazu passt: Mit Freund*innen bei Kakao und Keksen ein eigenes Killjoy Survival Kit zusammenstellen.

 

Marie empfiehlt: Schokolade – Geschichten über zartbittere Versuchungen von Nino Haratischwili, Martin Walker, Thomas Meyer u.v.a., erschienen bei Diogenes. 

Schokolade © Dagmar Gentzel
„Schokolade – geschichten über zartbittere Versuchungen“, herausgegeben von Anna von Planta © Dagmar Gentzel

Darum geht’s: Die Erfindung der cremigsten aller Schokoladen, althergebrachte Familienrezepte, Kindheitsträume und Kriminalfälle, Idyllen und Zwistigkeiten bei dem heißen Getränk  die Sammlung schildert das ganze Panorama der wohl wichtigsten Weihnachtsleckerei.

Bekannte, immer wieder gern durchschmökerte Geschichten stehen neben selbstironischen Texten zeitgenössischer Autoren. Unter dem Weihnachtsbaum mit dem Duft von Zimt, Nelken und eben Schokolade in der Nase, auf jeden Fall eine passende Lektüre. Allerdings sind nicht nur originär kurze Formate, sondern auch Auszüge aufgenommen worden. Wer in Ruhe und im Ganzen durch Charlie und die Schokoladenfabrik blättern möchte, den wird das eher stören. Ein Gewinn ist es für jene, die sich nicht entscheiden wollen zwischen Sachlichem und Malerischem, Kritischem und Leichtem. Gerade auch das Nebeneinander der unterschiedlichen Entstehungszeiten der Geschichten verblüfft und macht schmunzeln. Denn dabei treffen unverhofft ganz vielfältige Frauenbilder aufeinander. Agatha Christies plappernden Zimmermädchen und kühlen Aristokratinnen begegnet man gleich nach Thomas Meyers  selbstoptimierenden Feministinnen, die insgeheim Liebhaberinnen von Pralinen und Männern sind. So eignet sich dieses Buch wohl am besten zum gegenseitigen Vorlesen, Diskutieren und gemeinsamen Schwelgen in Schokolade. Zusammen essen macht ja auch nicht dick, sondern glücklich.

Das perfekte Geschenk für: Naschkatzen, Krimiliebhaber und Nostalgiker.

Dazu passt: Eine heiße Schokolade nach Rezepten im Buch und eine Schachtel Pralinen.

Hier geht es zu unseren weiteren adventlichen Buchtipps 2018:
Weihnachtsempfehlungen Teil 1
Weihnachtsempfehlungen Teil 2
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Marie K. Gentzel

Studierte Germansitik und Kunst im beschaulichen Erfurt, bis die Angewandten Literaturwissenschaften in Berlin lockten. Geht gern mit dem Buch unter der Nase durch den Wald. Das birgt zwar die Gefahr des Stolperns und Aneckens, fördert aber auch die Denkleistung.

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