Entrückt in Leipzig: Buchmesse – Episode II

„Leipzig ist so cool“, hören wir ein ungefähr achtjähriges Mädchen hinter uns sagen, während der Bus das Messegelände verlässt. Wie immer zu wenig Raum für zu viele Menschen, Erschöpfung in ihren Gesichtern. Zufrieden scheinen sie trotzdem. Wir fühlen uns als seien wir seit Wochen hier. Dabei sind es nur 2 Tage.

Unser Samstag in Fragmenten:

Die Nacht war kurz. Mit dem ersten Messetag in den Knochen und noch mehr Kaffee im Blut betreten wir die Glashalle. Und da sind sie auch schon: Manga- und Animefans in farbenfrohen – zugegeben teilweise skurrilen – Outfits. Die Anziehungskraft des Cosplay ist ungebrochen. Sie bevölkern die Glashalle, schieben sich in ihren Kostümen – von sperrig bis spärlich – durch die Gänge und auch akustisch kommt man nicht an ihnen vorbei. Ein junger Mann mit roten, riesigen Flügeln schiebt sich notgedrungen im Krebsgang durch die Menge. Die Frage drängt sich auf: Was wäre denn mit einem eigenen Event für die Fans im Rahmen der Buchmesse? Oder macht speziell der bunte Mix aus Besuchern den Reiz aus?

So oder so: Hier werden Leser sichtbar, das Publikum erhält einen öffentlichen Raum. „Die Einbindung und die Nähe zu den Lesern ist in Leipzig besonders“, sagt Joachim Höper vom W. Bertelsmann Verlag, der mit seiner Tochter (auch Fan!) angereist ist. Hier treffen Leser auf Autoren und Verlagsmenschen. Die Gelegenheit des direkten Austauschs werde gerne genutzt, sagt Kristina Wengorz vom Verbrecher Verlag. „Wo kommt der Name her?“ ist die Frage des Tages.
Was uns natürlich interessiert: Was gibt es für Erwartungen an den Branchennachwuchs? „Pfiffig und kreativ sollte man sein“, meint Inci Bürhaniye vom mehrfach ausgezeichneten binooki Verlag. In dieselbe Richtung argumentiert auch Markus Zwecker vom Berlin Verlag: „Der beste Studiengang wird nicht helfen, wenn es persönlich nicht passt.“ Eine „Herzentscheidung, ein sich ausprobieren“ (Joachim Höper) ist ausschlaggebend für den Erfolg. So erzählt uns Ulrike Gerstner von Egmont LYX, dass ihre Programmleiterin Biologie studiert hat und sich nun mit Liebesromanen befasst: „So kann es gehen.“

Abendprogramm: Zu Gast bei der Sputnik LitPop – der Literaturparty zur Leipziger Buchmesse 2013. Wir stehen auf den Stufen vor dem Neuen Rathaus. Um uns herum Plakate zur LitPop. Ein älteres Ehepaar geht auf uns zu – sichtlich irritiert. Die Dame fragt „Lit?“. Wir antworten unisono „Pop“. Sie schüttelt den Kopf, das ist wohl nichts für sie. Ihr Mann hakt bei uns nach: „Eine Musikveranstaltung, ne?“ Wir klären ihn auf. Begeistern können wir sie damit nicht – sie gehen lieber zur Lesung in die Universitätsbibliothek.

Pop. Pomp. Das Neue Rathaus hat sich herausgeputzt und wir staunen nicht schlecht. Was für eine Kulisse.

Neben Autoren wie Paul Bokowski, Wigald Boning, Andreas Izquierdo und Inger-Maria Mahlke stellen auch Thomas Rath und Jorge Gonzalez, bekannt durch Germany’s Next Topmodel, ihre Bücher vor. Popcorngeruch, Scheinwerferlicht. Mittendrin eine Bühne des MDR; hier werden Autoren interviewt. (Wir fragen uns, wie das gehen soll, bei der vitalen Geräuschkulisse drum herum.) Münder bewegen sich, sprechen in Mikrofone. Die Szenerie wirkt surreal, denn das Gespräch können wir nicht hören. Dazu bräuchten wir, wie das Team vom MDR, Kopfhörer. Für uns gibt’s derweil sphärische Klänge von The xx.

Kontrastprogramm: von der Wandelhalle in den Ratsplenarsaal zur Lesung von Inger-Maria Mahlke aus ihrem Buch „Rechnung offen“. Dämmriges Licht, Menschen sitzen auf den Holzdielen, die Musik ist nur noch gedämpft zu hören. Die Autorin beginnt zu lesen.

Verschluckt. Eine andere Welt.

Plötzlich stapft ein Kamerateam in den Raum, schlängelt sich durch ein Labyrinth von Körpern und reißt uns für einen kurzen Moment aus der Geschichte. Der nächste Bruch erst wieder beim Verlassen des Raumes. Lichter, Musik, Menschen – es ist voll geworden. Wir spüren unsere Beine, Bewegungen fallen schwer: Tanzen werden wir heute nicht mehr.

Entrückt. Auf eine angenehme Weise der Wirklichkeit entzogen. Vielleicht geht es den 168.000 Interessierten ebenso, die vom 14. bis zum 17. März die Leipziger Buchmesse besucht haben. Wir sagen, danke Leipzig, es war schön – wir sehen uns im nächsten Jahr!

Übrigens: Wir freuen uns und sind gespannt, das Interview mit Inger-Maria Mahlke nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören. Heute Abend wird um 22.10 Uhr ein Spezial zur LitPop im MDR-Fernsehen ausgestrahlt. Darin enthalten sind Einblicke vor und hinter die Kulissen, Interviews mit Autoren und Lesungen. Viel Spaß dabei!

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Anne Stukenborg

1987 in Vechta geboren, studiert "Angewandte Literaturwissenschaft" an der FU Berlin und arbeitet nebenbei als Werkstudentin in der Webredaktion des Suhrkamp Verlags.

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3 Gedanken zu „Entrückt in Leipzig: Buchmesse – Episode II

  • 18. März 2013 um 09:39
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    Ich hab mir die LitPop im Fernsehen angeschaut -- da war alles sehr schnipselig. 1-Minuten-Interviews, 1-Minuten-Lesungen. Wie war es „in echt“? Ich hatte im TV das Gefühl, dass alles sehr pseudojugendlich und schnell sein sollte, aber dass die Literatur etwas kurz kam. Dass es mehr Show als Inhalt war. Wie war dein Eindruck?

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  • 18. März 2013 um 10:38
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    Also ich muss zugeben, dass ich den Beitrag ziemlich schlecht fand. Zu gewollt, zu pseudohip -- wie du schon sagst, zu schnipselig. (Das Führen der Interviews dauerte tatsächlich ca. 8-10 Minuten; gelesen wurde immer eine halbe Stunde in drei verschiendenen Sälen mit anschließendem „fliegenden Wechsel“.)
    Die Veranstaltung selbst war auch mehr Pop als Lit. Das zeigt sich vor allem darin, dass B- oder C-Promis aus der Popwelt mehr Aufmerksamkeit bekommen als bekannte Autoren aus der Literatur. Nun gut, es ist natürlich auch dem Format der Veranstaltung geschuldet -- locker, mit anschließenden Konzerten und Party. Und was erwartet man von einer Party?

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  • 18. März 2013 um 10:53
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    Mich würde interessieren, wer diese Veranstaltung organisiert. Ob es jüngere Leute sind -- oder Verlagsleute, die was für „die Jungen“ machen wollen. Party an sich ist ja total ok -- aber diese zwanghafte Popifizierung der Literatur führt meines Erachtens nicht zu mehr Lesern oder mehr Buchkäufern, sondern wertet die Arbeit von Autoren irgendwie ab. Nach dem Motto: Haha, alles so lustig und locker hier. Dabei geht es selbst in dem Buch von Jorge um ziemlich ernste Dinge.

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