From Panels with Love #12: Art meets Comic – „Berlin 1931“

Der Comic-Band „Berlin 1931“ von Felipe H. Cava und Raúl behandelt nicht nur eine vergangene – und thematisch dennoch aktuelle – Zeit, sondern ist selbst mittlerweile schon ein historisches Stück Comicgeschichte. Die erneute Auflage im avant-verlag rückt nun Altes wieder in den Blickpunkt.

Felipe H. Cava / Raúl: Berlin 1931 (avant-verlag 2018) © Tabitha Anders
Felipe H. Cava / Raúl: Berlin 1931 (avant-verlag 2018) © Tabitha Anders
Berlin, 1931:

Es ist die Zeit der Weimarer Republik; in Cafés gleichwie Spelunken lässt man sich von der Kabarettkultur unterhalten; junge Frauen tragen den Bubikopf; die Weltwirtschaftskrise hat eine hohe Armuts- und Arbeitslosenrate produziert; kommunistische und nationalsozialistische Bewegungen haben großen Zulauf; die NSDAP ist mit 18,3 Prozent die zweitstärkste Partei und die SA greift politische Gegner*innen sowie Juden und Jüdinnen auf offener Straße an.

Felipe H. Cava / Raúl: Berlin 1931 (avant-verlag 2018) © avant-verlag
Felipe H. Cava / Raúl: Berlin 1931 (avant-verlag 2018) © avant-verlag
Kriminalgeschichte

In dieser unruhigen, aufgewühlten Zeit gelangt der Brite Hewitt im Auftrag der Polizei als Spitzel in den linken Untergrund. Er verliebt sich in Martha, die Geliebte mit jüdischen Wurzeln eines der Gruppenmitglieder, und steht am Ende vor der Entscheidung die Gruppe und damit auch Martha an die Polizei ausliefern zu müssen oder selbst zum polizeilich Gejagten zu werden.

Spanischer Comic aus den 80ern

Soweit zur Handlung der Geschichte Reise nach Swinemünde, der Hauptgeschichte des Bandes Berlin 1931. Die Zeit der Weimarer Republik und die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands sind – wie auch international erfolgreiche Spielfilm-Produktionen immer wieder zeigen – über deutsch-österreichische Grenzen hinaus ein spannendes wie wichtiges Motiv. In diesem Fall stammt die Auseinandersetzung mit diesen Themen aus Spanien – und ist ursprünglich auch schon etwas älter. Das spanische Original erschien erstmals Ende der 1980er Jahre in der größten spanischen Tageszeitung El País als serieller Comic. Im Band Berlin 1931 wird die Kriminalgeschichte Reise nach Swinemünde nicht nur im Ganzen abgedruckt, sondern zudem auch durch eine Einleitung des Autors Felipe H. Cava sowie durch zwei Kurzgeschichten ergänzt. Beide Kurzgeschichten (Der König des Kongo und Alles Träume) sind zwar eigenständig, doch greift Reise nach Swinemünde inhaltlich und stilistisch auf sie zurück. So liefert Berlin 1931, das in dieser Zusammenstellung im spanischen Original übrigens schon 1992 erschien, wichtigen Kontext mit, um die Arbeit des Autors Cava und des Zeichners Raúl zu verstehen.

Aktualität des Vergangenen

Die deutsche Ausgabe war 2001 eines der ersten Bücher des damals noch frisch gegründeten avant-verlags. Mit ihnen begründete er sein Programm an internationalen, oft politisch reflektierten Graphic Novels. Im August dieses Jahres nun hat der Verlag eine neue Auflage von Berlin 1931 herausgebracht – scheinbar passender denn je, erinnert doch die gesellschaftliche Stimmung in Reise nach Swinemünde in so manchem Punkt an das heutige Deutschland. In seinem Vorwort für die erste deutsche Auflage 2001 schreibt Cava:

Die Gefahr einer Rückkehr des Totalitarismus nahm in den letzten dreißig Jahren nicht ab. Im heutigen Europa sind die Arbeitslosigkeit, das nationalistische Gedankengut und die Fremdenfeindlichkeit zwar noch weit entfernt von den Ausmaßen des Sommers 1931. Aber es ist unmöglich, sich nicht zu sorgen, wenn man das stete Wachstum der Organisationen und Parteien sieht, die uns an die finsteren Zeiten erinnern. (Felipe H. Cava, März 2001; aus der Einleitung „Gefahr und Niederlage“ in: Berlin 1931)

Eine Geschichte, die von 1931 erzählt, die in den 1980ern unter anderem aufgrund der Aktualität der Thematik geschrieben wurde und die dem Autor im Jahr 2001 nach wie vor Anlass gibt, auf die bestehende Gefahr einer Wiederholung der Geschichte hinzuweisen. Wo stehen wir heute? Und wo steht diese Geschichte heute? Was würden Cava und Raúl im Jahr 2018 angesichts der Neuauflage äußern? Das Buch verrät es leider nicht – wenngleich die Neuauflage eine schöne Gelegenheit gewesen wäre, die Künstler erneut zu Wort kommen zu lassen. In jedem Fall gibt die nun zweite Auflage von Berlin 1931 Anlass über jene Zeit kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialist*innen nachzudenken.

‚Entartete’ Kunst
Felipe H. Cava / Raúl: Berlin 1931 (avant-verlag 2018) © avant-verlag
Felipe H. Cava / Raúl: Berlin 1931 (avant-verlag 2018) © avant-verlag

Reise nach Swinemünde enthält nur wenige Verweise auf konkrete geschichtliche Ereignisse jener Zeit und die reflektiert der Atmosphäre und gesellschaftlichen Stimmungen. Dies verläuft insbesondere auf ästhetischer Ebene, denn alle drei Geschichten erinnern stilistisch an die impressionistische und avantgardistische Kunst des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts: expressionistische Bildgestaltungen und Farben wie bei Ernst Ludwig Kirchner, Oberflächendarstellungen wie bei Max Liebermann und Erich Heckel, verzerrte und doch noch realistische Figuren die an George Grosz oder Oskar Kokoschka erinnern. Der Zeichner Raúl führt hier wichtige künstlerische Strömungen der damaligen Zeit zusammen, entwickelt dabei aber keinen festen Stil für den Comic; vielmehr wechselt der Stil von Panel zu Panel, von Seite zu Seite, wahrt dabei aber im Ganzen die Ästhetik(en) jener Zeit. Die Geschichten in Berlin 1931 greifen damit einen Stil auf, der im Nationalsozialismus als ‚entartet’ galt. Die Rolle von künstlerischer Freiheit und freier Meinungsäußerung werden hier auf der zeichnerischen Ebene reflektiert, ohne explizit ausgesprochen zu werden – ein wahrer Kunstcomic!

Schwieriger Stil – großartige Arbeit
Felipe H. Cava / Raúl: Berlin 1931 (avant-verlag 2018) © avant-verlag
Felipe H. Cava / Raúl: Berlin 1931 (avant-verlag 2018) © avant-verlag

Der in sich gebrochene Zeichenstil lässt das Lesen zu einer leicht mühsamen Arbeit werden: Die handelnden Figuren sind immer wieder anders dargestellt; ein und dieselbe Szene ändert sich von Panel zu Panel plötzlich in ihrer Darstellung. Doch gerade dieser Stil Raúls ist großartig und macht den Akt des Lesens zu einer spannenden Erfahrung. Dass die Grundstruktur des Bandes mit seinen einzelnen, schwarz umrandeten Panels nicht aufgebrochen wird, bietet das nötige Gerüst, um dennoch mehr oder weniger fließend lesen zu können.

Fazit:

Berlin 1931 ist ein fantastisches Stück Comic-Kunst, das an aktueller Relevanz nicht Verloren hat und dessen erneute Auflage ein unbedingter Anlass zur Lektüre sein sollte. Es sei jedoch noch einmal betont, dass dieser Comic vorrangig eine Kriminalgeschichte um politische Spionage erzählt; die Thematisierung des Künstlerischen sowie der Atmosphäre jener Zeit steht deutlich mehr im Fokus als die Reflexion des Nationalistischen und Antisemitischen. Eine Analyse der komplexen gesellschaftlichen Entwicklungen jener Zeit darf von diesem Band jedoch gewiss nicht erwartet werden.

 

Felipe H. Cava / Raúl: Berlin 1931
2. Aufl., avant-verlag 2018.
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Angie Martiens

Angie Martiens

1991 in Berlin geboren, bleibt Angie der Stadt weitestgehend treu. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft in Berlin und Stockholm, dann was ganz Verwegenes: Neuere deutsche Literatur und Tanzwissenschaft. Mit Interesse für die Schnittstellen von Politischem und Kulturellem, Diskursivem und Künstlerischem bewegt sie sich gerne durch Texte, Räume und Theorien.
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