Von tierischen Merkwürdigkeiten

Spannend, kurios und tierisch: Mit Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen legen Florian Weiß und Lucia Jay von Seldeneck im Kunstanst!fter Verlag Tiermeldungen aus zwei Jahrtausenden vor, die für Hand, Hirn und Augen keine Wünsche offen lassen. 30 Geschichten nach wahren Entdeckungen über die Tierwelt.

„© Florian Weiß & Lucia Jay von Seldeneck / kunstanst!fter
© Florian Weiß & Lucia Jay von Seldeneck / kunstanst!fter

Eine Geschichte auf sechs Seiten

Eine entfaltete Doppelseite © Florian Weiß & Lucia Jay von Seldeneck / kunstanst!fter
Eine entfaltete Doppelseite © Florian Weiß & Lucia Jay von Seldeneck / kunstanst!fter

Auf je sechs Seiten erzählen Lucia Jay von Seldeneck und Florian Weiß in Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen Tiergeschichten, die an Kuriosität kaum zu überbieten sind. Insgesamt 30 Mal erlebt die Lesende den Moment, in dem sie eine Doppelseite aufklappen kann, um endlich das Tier zu sehen, über das sie soeben Skurilles, Amüsantes oder Erschütterndes gelesen hat und dessen Fühler, Tentakel, Flossen und Krallen sich bereits kokett um die auszuklappende Seite schlängeln. Wer sich dann von den anmutigen Illustrationen von Florian Weiß lösen kann und umblättert, wird mit den harten Fakten belohnt, auf denen die unterhaltsamen Erzählungen aus der Feder von Lucia Jay von Seldeneck beruhen. Auf historisch anmutendem Kartenmaterial kann außerdem nachvollzogen werden, auf welchem Flecken Erde sich das soeben Gelesene zugetragen hat.

Die Erzählungen

Auch wenn zunächst die illustrierten Merkwürdigkeiten ins Auge fallen, haben die fantasievollen Erzählungen von Lucia Jay von Seldeneck einen besonderen Reiz, denn sie mäandern im Spannungsfeld zwischen ’nach einer wahren Begebenheit‘ und charmanter Fiktion. Jeweils ausgehend von einer Zeitungsmeldung entwirft die Autor*in mögliche Szenarien, die sich im Zuge der historisch verbürgten tierischen Entdeckungen und Phänomene zugetragen haben könnten:

So folgen wir in der Erzählung zum Saguinus imperator dem Gedankengang der 16-Jährigen Emilia Oliveira, die im Jahr 1907 im Arbeitszimmer eines Tierpräparators in Brasilien in einem Anfall von Trotz die Schnurrbarthaare eines Äffchens nach oben zwirbelt, die eigentlich herabhängen. Bis heute ist dieses Äffchen unter dem Namen Kaiserschnurrbarttarmarin bekannt. Und die Auflösung auf der nächsten Seite verrät:

Erst Jahre später wird sich herausstellen, dass der Krallenaffe in Wirklichkeit herunterhängende Schnurrbarthaare hat. Die irreführende Bezeichnung aus dem Jahr 1907 wird auf einen Scherz des Präparators zurückgeführt.

Entfaltete Doppelseite zum Weißstorch © Florian Weiß & Lucia Jay von Seldeneck / kunstanst!fter
Entfaltete Doppelseite zum Weißstorch © Florian Weiß & Lucia Jay von Seldeneck / kunstanst!fter

Eine besonders bahnbrechende Entdeckung wird in der Geschichte zum Weißstorch erzählt, aus der auch der Buchtitel Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen stammt: Erst im Jahr 1822 gibt es ein erstes Anzeichen dafür,  dass sich die Störche im Winter nicht in die Sümpfe zurückziehen, sondern gen Süden fliegen. In der Erzählung liegt dem Professor des Akademischen Museums Rostock ein ausgestopfter Storch vor, in dessen Hals ein Pfeil steckt. Von diesem wurde der Storch zwar verwundet, lebte jedoch damit weiter, bis man ihn in Mecklenburg-Vorpommern endgültig mit Pulver und Blei vom Himmel schoss. Der Professor überlegt, wo denn noch mit Pfeilen geschossen werde? Und kommt zu dem Schluss, dass es sich nicht um das Werk von Kindern, sondern von tropischen Jägern handeln könnte. Doch was soll er dem Großherzog antworten, von dem er diese Schenkung erhalten hat:

Oder vielleicht doch ein kleiner Nachsatz am Ende? Einer, der etwas andeutet, aber noch nichts verrät? Ich schreibe: „PS: Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen.“

Die Illustrationen

Buchcover © Florian Weiß & Lucia Jay von Seldeneck / kunstanst!fter
Buchcover © Florian Weiß & Lucia Jay von Seldeneck / kunstanst!fter

Leitfaden der tierischen Abenteuer sind die filigranen Illustrationen von Florian Weiß, die in schwarz-weiß gehalten sind. In ihrem Stil ähneln sie den taxanomischen Zeichnungen, die der schwedische Naturforscher Carl von Linné ab 1735 in Systema Naturae veröffentlichte. Somit tragen sie zum Nostalgie-Faktor des Buches bei, der durch die historisierend Machart das Kartenmaterials noch betont wird. Für die Erstellung der Tierillustrationen hat Weiß eine ganze eigene Technik entwickelt: Eine Tätowiermaschine wurde zur Punktiermaschine umgebaut und sorgt so für den zarten und doch beinahe lebensechten Look der Tiere.

 

 

Die Ausstattung

Das großformartige Hardcover (19,3 x 30 cm) mit 30 Aufklappseiten und Halbleinen ist auf insgesamt 196 Seiten ein reines Vergnügen für bibliophile Bildverzauberte, Kuriositäten-Schätzer*innen, fernwehgeplagte Weltenbummler*innen und Schreibtisch-Pionier*innen. Dabei gibt es keine Seitenzahlen und keine erkennbare Anordnung der Geschichten. Ideal, um sich im tierischen Kosmos des Buches zu verlieren.

Florian Weiß und Lucia Jay von Seldeneck

Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen. Tiermeldungen aus zwei Jahrtausenden

Buchgestaltung: Claudia Eder

Kunstanst!fter Verlag, 2017 

28,- Euro
*Lucia Jay von Seldeneck arbeitet als Autorin und Pressesprecherin für das Berliner Theater Heimathafen Neukölln. Im Emons Verlag veröffentlichte sie bereits 111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss und zwei weitere Werke zu 111 Berlinern und Berliner Orten, die man unbedingt kennen sollte.

*Florian Weiß veröffentlichte bereits 2011 im Kunstanst!fter Verlag das Wimmelbilderbuch Ringel Seepferdchen. Als Illustrator und freier Künstler arbeitet Weiß in Berlin in den Bereichen Zeichnerei, Tätowierung sowie analoger Fotografie.

 

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Leonie Hohmann

Leonie Hohmann

„Kein Feuer, keine Kohle, kann brennen so heiß als […]“das Herz der gebürtigen Essenerin (Jahrgang ’94) für Literatur, Theater, Tanz, Musik und Großstadtluft. Nach dem Grundstudium in Bochum ereilte sie der Ruf nach Berlin, wo sie seit 2017 Angewandte Literaturwissenschaft studiert.

[Zitat entnommen: Volkslied, anonym, 18.Jh.]
Leonie Hohmann

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