„Neukölln ist ein spannender Ort für alles!“

Ab heute im Heimathafen auf der Karl-Marx-Straße: STORY!, die erste Neuköllner Literaturwoche. An sechs Thementagen (u. a. Heimat, Krimi, Love, Reise) wird Literatur aus und über Neukölln präsentiert: Romane, Storys, Lesebühnentexte, Comics, Liebesbriefe – und Lieder. Kurz vor dem Start sprach Litaffin mit Festivalkoordinator Florian Kröckel über die große literarische Konkurrenz in Berlin, die Besonderheiten von STORY! und das Problem der Gentrifizierung.

Litaffin: Berlin ist voll von Literaturveranstaltungen aller Art, vom großen, internationalen Festival bis zur Lesenacht auf der Oranienstraße. Eine Literaturwoche gibt es z. B. auch in Prenzlauer Berg, aber einen so starken Bezug zum Kiez wie bei STORY! habe ich bisher noch nirgends gesehen – was macht Neukölln zu einem so spannenden Ort für eine eigene Literaturwoche?

Kröckel: Grundsätzlich ist Neukölln ein spannender Ort für alles! Basis von STORY! sind die erfolgreichen Lesungen, die in Zusammenarbeit mit Hugendubel am Hermannplatz regelmäßig im Heimathafen stattfinden. Nach einer dieser Lesungen kam dann am Biertisch die Idee auf, eine Literaturwoche zu gestalten – here we go!

Litaffin: War es schwierig, genügend Unterstützer für die Veranstaltung zu finden?

Kröckel: Nein, es war gar nicht so schwer, Partner zu finden. Die Idee von einer Literaturwoche in Neukölln fanden viele gut und spannend. Das Stadtmagazin TIP und die taz waren schnell als Medienpartner dabei und Support in Sachen Catering gab es problemlos vom Café Rix und den Neuköllner Blutwurstrittern am Karl-Marx-Platz. Zu den Autoren kamen wir über die Verlagskontakte unseres Mitinitiators Hugendubel und über persönliche Kontakte der Hafenmädels (Anm.: Leitung des Heimathafen Neukölln).

Litaffin: Euer Programm ist sehr vielfältig, so dass man nicht gleich ein klares Zielpublikum eingrenzen kann. Hofft ihr – überspitzt gesagt – darauf, auch alteingessene Neuköllner und nicht nur zugezogene Studenten für Literatur aus dem und über den Kiez zu begeistern?

Kröckel: STORY! ist für alle Berliner! Das Feedback zeigt uns auch, dass sich nicht nur Neuköllner angesprochen fühlen. Zugute kommt uns dabei natürlich die aktuelle Diskussion und der Hype um Neukölln als neues Prenzlauer Berg usw. Wir haben viele Neuköllner Autoren im Programm: Johannes Groschupf, Uli Hannemann und Mike Ries, dessen Buch Kreuzkölln bei unserem Gentrifizierungs-Tag Premiere feiert.

Litaffin: Neben Lesungen habt ihr ja auch eine Menge Musik im Programm, u. a. den Abschlusswettbewerb Unser Lied für Neukölln, außerdem Impro-Theater und eine Comic-Tattoo-Aktion. Könnt ihr euch vorstellen, bei einer Neuauflage auch weitere Kunstformen zu integrieren oder wollt ihr auf jeden Fall eine klar akzentuierte Literaturveranstaltung bleiben?

Kröckel: Ja, wir können uns sehr gut vorstellen, auch andere Formen der Präsentation zu integrieren. Möglich wären beispielsweise multimediale Installationen oder Hörspiele. Eine Kooperation mit dem Hörspielsommer aus Leipzig ist auch denkbar und war für dieses Jahr eigentlich angedacht – leider hat es aus terminlichen Gründen nicht geklappt.

Litaffin: Die Programmeinteilung in die verschiedenen Tage finde ich spannend, vor allem den Gentrifizierungs-Tag. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass ihr mit dem Vorwurf konfrontiert werdet, mit STORY! selbst einen Teil zur Gentrifizierung Neuköllns beizutragen. Wie steht ihr dazu und wie würdet ihr euch gegen diesen Vorwurf wehren?

Kröckel: Darüber, dass wir sie vorantreiben, sind wir uns bewusst und haben nicht zuletzt deshalb dieses Thema auch mit ins Programm genommen. Das ist ja der schmale Grat auf dem wir wandern, zum einen wollen wir natürlich, dass in Neukölln Kultur geboten wird, sind aber anderseits mit den negativen Folgen wie höheren Mieten nicht einverstanden. Aber was soll die Konsequenz daraus sein? Nichts zu machen? Nein! Ein bewusster Umgang mit dem Thema und den sich daraus ergebenen Problemen muss die Lösung sein. Deshalb haben wir unser Programm auch noch um einen Vortrag zum Thema erweitert, Einzelheiten dazu gibt es allerdings erst in den kommenden Tagen. Es wird darum gehen, was Gentrifizierung überhaupt ist und wie sie in Berlin abläuft.

Litaffin: Das Bild, das der Großteil der Menschen außerhalb Neuköllns von Neukölln im Kopf hat, ist vor allem geprägt von Klischees wie Multikulti. Und es ist ja tatsächlich so, dass in Neukölln stärker als anderswo die unterschiedlichsten Kulturen und Lebensentwürfe aufeinanderprallen. In eurem Programm findet sich allerdings weder so etwas wie ein Multikulti-Tag noch Autoren mit Migrationshintergrund. War das eine bewusste Entscheidung, um vermeintliche Klischees nicht zu bedienen?

Kröckel: Nein, bewusst haben wir uns gegen gar nichts entschieden. Es gab leider wenig Angebote und Möglichkeiten, Lesungen von Autoren mit Migrationshintergrund zu machen. Nicht zu vergessen ist, dass von der Idee zu STORY! bis zur Umsetzung gerade einmal vier Monate vergangen sind. Allerdings haben wir mit Intercity Instanbul-Berlin ein Buch im Programm, das von Berliner und Istanbuler Autoren gemeinsam geschrieben wurde – zwei Städte, die sich von außen sehr unterscheiden, aber intern doch mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben.

Litaffin: Kannst du zum Schluss ein paar Details zur Gentrification Gala (Donnerstag, 29.07., 21 Uhr) verraten?

Kröckel: Die Gentrification Gala wird von den Saalslam-Machern gestaltet. Vier Autoren und ein Liedermacher werden eigene Texte vortragen. Es wird allerdings kein klassischer Poetry Slam – es wird keinen Gewinner geben. Dabei sind: Maik Martschinkowsky, Frank Klötgen, Lea Streisand und Anselm Neft. Was sie lesen ist noch ihr Geheimnis, dass es gut wird, ist aber keine Frage.

Das Interview führte Florian Ringwald.

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