So viele Ursprünge der Welt

Die Theatergruppe FoK*ollektiv bringt Liv Strömquists Comic Der Ursprung der Welt unter dem Titel Die Ursprünge der Welt auf die Bühne. Die schwedische Comicvorlage befasst sich mit der Kulturgeschichte der Vulva und erschien 2017 auf Deutsch. Im Theater X in Berlin liefen im Dezember und Januar die ersten Vorstellungen.

Szene 1: Von neugierigen Männern und Vulven © FoK*ollektiv

Der Saal ist dunkel, das Publikum schweigt. Der Lichtkegel beleuchtet eine einzelne Frau*. Sie beginnt zu sprechen, trägt einen Text vor, der in der Betonung an Poetry-Slam erinnert. Sie erzählt, dass ihre Eltern sich für ihr Kind schämen, weil sie auf dem Plakat des FoK*ollektivs für die Inszenierung Die Ursprünge der Welt zu sehen ist. Darauf trägt sie eine helle Hose mit einem roten Fleck zwischen den Beinen. Es steht ein Thema im Raum, dass uns die nächsten Stunden begleiten wird: Scham. Und die Frage, ob wir uns überhaupt schämen sollten.

 

Jede Menge Lachen

 

Der Ernst des Auftakts bleibt nur kurz, es geht rasant weiter mit einer Szene, die den Leser*innen von Liv Strömquists Der Ursprung der Welt bekannt ist: eine Preisverleihung für „Männer, die sich zu sehr dafür interessieren, was als das weibliche Geschlechtsorgan bezeichnet wird.“ Plötzlich verwandelt sich die Bühne in das erste Kapitel des Comics. Hinter einem Banner tauchen Pappfiguren im Zeichenstil der Autorin auf und propagieren, was sie auch in der Vorlage von sich geben. Vor dem Banner liegen drei Frauen* in gestreiften Hosen mit gespreizten Beinen und lassen die Pappmänner über ihre Vulva richten.

In diesem Akt kommt zum Beispiel John Harvey Kellogg zu Wort. Der erfand nicht nur trockene Frühstücksflocken, sondern setzte sich auch dafür ein, Frauen davon abzuhalten, sich selbst zu berühren. Gebärmutterkrebs, Epilepsie und Wahnsinn sollten Folgen davon sein. Dr. Kellogg propagierte eine einfache Behandlungsmethode: Man solle den Mädchen* und Frauen* Säure auf die Klitoris tropfen, um die „abnormen Wallungen“ zu unterdrücken.

Ein weiterer Mann, der sich zu sehr für die Vulva interessierte, war Dr. Isaak Baker-Brown. Er riet bei dem Verdacht der Onanie direkt zu einer Kliteridektomie. In Kritik geriet er, weil er den Frauen* ohne Absprache die Klitoris entfernte. Das Problem daran: Er fragte die Ehemänner nicht. Die Figuren im Comic bemerken:

„Gegen eine korrekt durchgeführte Kliteridektomie ist nichts einzuwenden! Sofern man die Zustimmung des Ehemanns einholt!“

Die Fakten sind erschreckend und oft unbekannt, die Inszenierung führt, wie auch der Comic, mit dem richtigen Maß Humor zu einer Fassungslosigkeit, bei der das Publikum nur noch trocken lachen kann.

 

Eigene Interpretationen

 

Direkt diese erste längere Szene zieht die Zuschauer*innen ins Stück, gleichgültig, ob sie den Comic kennen oder nicht. Die nächsten Stunden entspinnt sich eine Abfolge von Szenen, in denen die Printvorlage deutlich hervortritt. Dennoch werden sie mal näher am Original, mal freier interpretiert. Da gibt es den Denker, der bei genauerem Hinsehen vielleicht in feiner Melancholie des PMS-Syndroms verweilt. Sofern man ihm zugestünde, menstruiren zu können. Oder die alte Baubo aus der griechischen Mythologie, die zur Belustigung von Athene ihren Rock hebt, worunter eine bunte selbstgenähte Vulva zum Vorschein kommt. Und die Superheldin Morrigan mit Vulvalippen bis zu den Knien, die

Heldin Morrigan im Gespräch mit der Klitoris © FoK*ollektiv

ein Interview mit der personifizierten Klitoris führt und den Raum auffordert, gemeinsam Worte wie „Klitoris“ und „Vulvalippen“ zu rufen. Und da ist sie wieder, die Scham. Beim ersten Wort ist das Publikum noch verhalten, die nächsten Anläufe werden selbstbewusster, lauter.

 

Liv Strömquist weiß Bescheid

 

Das FoK*ollektiv, das sich aus Laien eigens für die Inszenierung gegründet hat, spielt mit Herzblut, mit persönlichen Geschichten und jeder Menge aufwändiger Requisiten. Während eines Anbetungstanzes tragen alle Schauspieler*innen eine selbstgenähte Vulva über den schwarzen Leggins. Bei der Stammtischrunde mit Sigmund Freud gibt es lange Bärte und volle Weingläser. Und als die Vorstellung aufkommt, was Aliens zu den gezeichneten Körpern nackter Männer* und Frauen* sagen könnten, wird ein selbstgedrehtes Video in den Hintergrund projiziert.

Es gelingt der Gruppe, die richtige Mischung aus Elementen der literarischen Vorlage, ihrer  Interpretation und den oft schambesetzten Erlebnissen der Schauspieler*innen zur Vulva, Menstruation und dem eigenen Körper zu treffen. Die Themen sind ernst, absurd und lustig und nach jeder Szene ist die Vorfreude auf die nächste schon da. Das Stück fordert dazu auf, sich nicht für sich, den eigenen Körper oder Erfahrungen zu schämen. Deswegen kann sich das Publikum nach dem Stück gegen Spende auch ein selbstgeschriebenes Scham-Zine  mitnehmen, in dem die schon angedeuteten eigenen Geschichten der Mitglieder des FoK*ollektivs noch einmal verschriftlicht sind.

Liv Strömquist war im Juni für eine Lesung mit ihrem zweiten feministischen Comic Der Ursprung der Liebe in Berlin. Hierzu führte Redakteurin Angie Martiens für Litaffin bereits ein Interview mit der Polyamorie-Aktivistin und Bloggerin Inna Barinberg.

Als Teile der Gruppe die Autorin nach ihrer Lesung fragten, ob sie es in Ordnung fände, dass sie Strömquists Ideen auf die Bühne bringen, gab die ihren Segen und meinte nur: „Macht das! Macht das!“

Die Comicvorlage zum Stück ©Karolin Kolbe

Von Karolin Kolbe

 

Liv Strömquist: Der Ursprung der Welt, avant-verlag 2017.

 

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Karolin Kolbe

Karolin wohnt glücklich in einer großen WG mit Katze, rettet Lebensmittel, jodelt in einer Demogruppe und schreibt Jugendbücher. Lesen tut sie auch gerne, studierte erst "Filmwissenschaft" und "Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft" und seit 2018 "Angewandte Literaturwissenschaft" in Berlin.

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