Sotschi – Das neue Petersburg?

конéц! Aus! Ende! Ginge es nach Russlands Präsidenten Wladimir Putin, dann ist seit dem 7. Februar Schluss mit der kritischen Berichterstattung über Unterdrückung von Opposition und Homosexuellen. Ganz zu schweigen von den Problemen rund um das international größte russische Prestigeprojekt seit dem Zerfall der Sowjetunion. Für 16 Tage soll der Schein des Olympischen Feuers in Sotschi die Augen der Weltöffentlichkeit blenden und Russland in ein besseres Licht rücken.

 © Hanser Berlin
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Seit dem 7. Februar ist Russland auch ein sicherer Ort, zusammen geschrumpft und konzentriert auf einen Fleck zwischen Schwarzem Meer und dem Kaukasusgebirge. Allein um die 1,4 Milliarden Euro sollen in die Sicherheit investiert worden sein. Weder die Drohungen tschetschenischer Terroristen noch Kriminalität sollen der Strahlkraft der russischen Spiele etwas anhaben können.

Vermutlich nicht in diese Summe mit eingerechnet ist die Mundtotmachung russischer Kritiker. Aber pauschal zu behaupten, dass der Kreml jegliche Art nonkonformer Meinung abstraft, ist falsch. Denn es gibt Stimmen, die es wagen, die putinsche Großtat in kyrillischen Lettern laut zu hinterfragen. Einer, der sich dieser Stimme gekonnt bedient und gleichzeitig auf mehreren Ebenen argumentiert, ist der Autor Viktor Jerofejew.

In der ersten Ausgabe des Spiegels dieses Jahres wurde sein Essay mit dem Titel „Das Paradies! Die Hölle!“ veröffentlicht, in dem Jerofejew mit sich selbst ein Zwiegespräch führt. Zum einen ist da seine kritische Seite, die Sotschi als „historische Replik auf Petersburg“ versteht. Wie damals unter Peter dem Großen, wird der Ruhm auch heute wieder den Mächtigen zuteil. Die Frage nach den Arbeitern und den Verhältnissen, unter denen sie schufteten, wird ungestellt bleiben. Auch die Freilassung von politischen Gegnern ist für ihn nichts anderes als eine „eitle Selbstdarstellung“ der Politik. Immer wieder ätzt er in aufklärerischer Manier gegen die Ungerechtigkeit in seinem Heimatland und legt den Finger tief in die wunden Stellen der Fragen seines Alter Egos.

Diese andere Seite wirkt auf den ersten Blick naiv, denn sie versucht, die positiven Punkte aus dem breiten Rahmen des negativen Hintergrundes hervorzuheben. So führt er unter anderem an, dass Sotschi, wie einst eben Petersburg, seinen Anteil an der „Europäisierung“ Russlands haben wird. Hinter dieser vordergründig leichtgläubigen Sicht verbergen sich allerdings ein fundiertes Verständnis des russischen Wesens und die Einordnung der momentanen Lage Russlands in seinen historischen Kontext. Als Sohn von Stalins persönlichem Französisch Dolmetscher und später, als geschasster Mitbegründer des regierungskritischen Literaturalmanachs Metropol in der UdSSR, hat Jerofejew sowohl Vorzüge als auch die geballte Faust der Sowjetzeit erfahren. Er kennt sein Land gut und weiß, dass das Damals in Russland noch immer gegenwärtig ist, dass sich die Geschichte wiederholt. Putin ist ein „guter Stalin“, der dem russischen Volk die Spiele bringt, komme da, was wolle.

Einen wesentlich tiefer gehenden, wenn auch ziemlich bizarren literarischen Einblick in die russische Seele gewährt uns Jerofejew mit seinem neusten Buch. Der Titel: Die Akimuden. Die Handlung:  Im Herzen des russischen Reiches taucht der Botschafter (aka Akimud, aka Jesus Christus) eines nicht existierenden Staates, den Akimuden, auf, um mit Hilfe seiner Getreuen, einer Geheimagentin und dem Ich-Erzähler Viktor Jerofejew eine neue religiöse Ordnung einzurichten. Wie es sich für diese Erlöserfigur gehört, wird er im Laufe der Geschehnisse gekreuzigt, ersteht wieder auf und mit ihm die russischen Toten der letzten 200 Jahre. Soviel sei verraten: das gesamte Experiment schlägt fehl.

Die Toten sind dabei das Hauptmotiv, an dem Jerofejew eindrücklich die große Problematik seines Landes aufzeigt. Es ist der Widerspruch zwischen dem Traditionellen, welches fest in der russischen Seele verankert ist und der mangelnden Reflektion über die eigene Vergangenheit. Die plötzlichen, politischen Systemumbrüche bringen das Neue so schnell mit sich, dass man zwar das Wissen der vorherigen Verhältnisse mit sich nimmt, aber vergisst, es dem Jetztzustand gegenüber zu stellen. Immer mit im Gepäck: die Tradition, welche die eigene Geschichte fast immer positiv färbt. Der Prunk von Petersburg oder der Kult um Stalin bestehen bis heute, doch ihre Toten geraten zunehmend in Vergessenheit.

Nun ändert diese Erkenntnis aber weder etwas an dem Schicksal Sotschis, das in Jerofejews Buch von der eigenen Regierung zerbombt wird – nur ein Beispiel der derben Art von Kritik, mit welcher der Autor in literarischer Form durch sein Werk prescht -, noch an den Ungerechtigkeiten rund um das olympische Sotschi. Es darf keine Ausrede für die gesetzliche Unterdrückung von Minderheiten oder Gegenstimmen sein, die auch nach den Spielen weiter gehen wird. Aber gerade weil sich die Geschichte, das neue Petersburg wiederholt, ist Jerofejew nach zwei Seiten voller Selbstzwist schlussendlich für die Spiele. Nicht für die putinschen, sondern für jene, die dank der Bauarbeiter erst möglich gemacht wurden und an denen sich die Fans und Sportler erfreuen sollen. Er begreift die Olympischen Spiele als Chance: für Russland und gegen das Verdrängen.

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Marc Dieke

1987 in Hildesheim geboren. Studierte Ur- und Frühgeschichte und Alte Geschichte in Heidelberg. Seit 2013 ist er an der FU Berlin, wo er seinen Master in "Angewandter Literaturwissenschaft" macht.

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