Sprache, Mut und Zauberei

Er hat den Soldat das Grammophon reparieren und uns die Uckermark lieben lernen lassen. Nun hat Saša Stanišić einen Erzählband geschrieben. Was das besondere an FALLENSTELLER ist, könnt ihr in Ann-Kathrins Rezension lesen.

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©litaffin

Vor mir liegt eine bunte Libelle. Sie ist abgedruckt auf einem Buch mit blau-rotem Umschlag, das auf meinem Nachttisch liegt. Bedeutend prangt darauf ein Name: Saša Stanišić. Autor von  „Wie der Soldat das Grammophon repariert“ und „Vor dem Fest“. Für Letzteres wurde der gebürtig aus Bosnien stammende Autor mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2014 ausgezeichnet. Seine literarische „Fallstudie“ über die Uckermark und ihre Bewohner überzeugte mit neuer, literarischer Kraft, die sich in einem „Wir“ als Erzählstimme manifestiert. Man muss diese beiden Werke nennen, um zu verstehen, was dieser Erzählband nun bedeutet. Der Autor wagt sich auf neues Terrain und schreibt zum ersten Mal kürzere Geschichten. Erzählungen und Novellen scheinen es oft schwerer zu haben als Romane, kann man doch an den vielen, kurzen Texten mehr auszusetzen finden.
Während ich mich auf mein Bett lege, das Buch in die Hände nehme und die ersten Seiten aufschlage, bin ich angespannt, denn nach der Lektüre der ersten Romane sind meine Erwartungen hoch. Ich erinnere mich an die Lesung, auf der der Autor erzählte, wie der Titel entstand und dass jede einzelne Geschichte mit ihren Figuren und ihrer Sprache, Fallen stellen kann.

Der Autor himself © Katja Sämann

Und dann falle ich hinein in die Erzählung „Die große Illusion am Säge-, Holz- und Hobelwerk Klingenreiter Import Export“. Hier dreht die Handlung sich um einen Hobby-Zauberer, der von seinem Familienschicksal gezeichnet ist und dessen Zaubertricks nicht funktionieren. Ich lerne in „Die immens schönen tragischen blöden glückseligen deutschen Flüsse“ zwei Freunde kennen, die gemeinsam als Inkognito-Menschenrechtsaktivisten vom Rhein bis nach Schweden pilgern. Ich lasse mich in Bann ziehen von den Erzählungen über Hirten in „Die Fabrik“ im Herzen der Romanija sowie vom Langstreckenflug eines verstimmten Justiziars, der in „Georg Horvath ist verstimmt“ zu viel Instant-Weißwein trinkt.
Stanišić gibt Einblick in sein Autorenhirn und offenbart damit, wie viel Stoff noch in ihm schlummert. Dass er ein leidenschaftlicher Erzähler ist, merkt man immer wieder an divergenten Themen und an manchen Erzählungen, die er innerhalb des Buches fortsetzt. So schildert er durch eine Vernissage, auf der ein surrealistisches Bild des Syrienkriegs zum Hauptthema wird, ganz unmerkbar aktuelle Diskurse, wie die Flüchtlingskrise und Bürgerkriegsdebatte.

Die Vernissage war ein sicherer Ort. […] Mo gab sich zwar mitunter eine falsche Nationalität, um für bestimmte Milieus relevanter zu erscheinen, aber in der Galerie ging er die Sache als Deutscher an, womöglich um mit Merkels Politik der irgendwie quasi fast offenen Grenzen für eine junge Ärztin ohne Grenzen, die einen Kapuzenpulli mit der Aufschrift #safepassage trug, positiv hervorzustechen, auch ohne solch ein T-Shirt.

Zwar holpert es beim Lesen dieser Schachtelsätze ein wenig, gleichwohl tun dies auch die Protagonisten auf der Vernissage. Die Sprache passt hier also zu den Figuren. Diese werden durch die Stereotypen, mit denen der Autor spielt, glaubhaft, und zeigen dem Leser Verhaltensmuster auf, die er von sich selbst und von anderen in diesem Kontext kennt. Andere zu schnell in Schubladen zu stecken oder in der Flüchtlingsdebatte immer die richtige Meinung haben zu wollen sind nur einige Beispiele. Kurz vor Schluss zeigt sich dann der geheime Clou des Erzählbandes. Mit einer Geschichte, die die titelgebende Überschrift „Fallensteller“ trägt, lande ich im Dorf Fürstenfelde, das in der Uckermark liegt.

Es ist Zeit vergangen, seit du bei uns warst. Jetzt gibt’s wieder was zu erzählen. Jetzt ist der Fallensteller da.

Ich muss lachen. Was für ein listiger Kniff des Autors, an sein erfolgreiches Werk „Vor dem Fest“ anzuknüpfen und den Leser erneut mit diesem „Wir“ zu konfrontieren, auch wenn diejenigen, die noch nichts von Stanišić gelesen haben, hier leider ohne Vorwissen nicht profitieren können.
In dieser Erzählung schildert er die Auswirkungen seines Romans auf das kleine Dorf und lässt reale Geschehnisse mit der Fiktion verschwimmen. Das „Wir“ berichtet, dass „so ein Jugo-Schriftsteller“ ein Buch über das Dorf geschrieben und dafür einen Preis gewonnen habe. Mit einem Mal ist man erneut vereint mit Ulli, dem stummen Suzi und all den anderen, vertrauten Fürstenwalder Bewohnern aus „Vor dem Fest“. Der Schriftsteller ist zwar nicht mehr da, dafür gibt es jetzt einen Fallensteller, der die Bewohner von den lästigen Tieren des Dorfes befreien soll. Angefangen bei den Ratten und endend bei den Wildscheinen. Vor Freude möchte ich das Buch in die Luft werfen, denn die vorige Schilderung eines Jungen im Freizeitlager, hätte ich fast zu geklappt, da sie mich im Kontrast zu den anderen langweilte und mit belanglos schien. Zurück in der Uckermark fühle ich mich nun sehr wohl.
Die Sprache strömt und der Leser kann, wenn er will, mit ihr durch das Buch fließen.

Der Fallensteller verbeugt sich, mit der Hand aus dem Handgelenk kreiselnd, wie es der Teufel tut nach getaner Arbeit in einem Theaterstück. Es gibt einen Knall, Nebel sprüht auf die Bühne, und wenn er sich wieder gelichtet hat, ist der Teufel verschwunden. Eine rauchen an der Promenade. Eine Libelle küsste die eigene Reflexion im See.

Er findet Freude an den Wortspielen, an dem Schreibfluss, den Gedankengängen und den bunten Figuren. Alliterationen sorgen für Witz, Tiermotive für Mystik. Libellen, Schlangen, Füchse und Wölfe tauchen immer wieder auf. Der Fallensteller charakterisiert sich dadurch, dass er immer reimt, „Nationalismus, Protektionismus… Europas größte Fallen… Sich Ressourcen krallen, bis vor Ort sich Fäuste ballen“, wenn er spricht. Dieses Dichten verleiht der Figur Tiefe. Der Fallensteller spricht oft über Relevantes und analysiert die Dorfbewohner. Das macht neugierig, wer genau sich hinter der Person verbirgt. Fallensteller, das sind in diesem Werk viele. Zum einen der eben genannte, zum anderen auch die zwei kunstkritischen Freunde auf der Vernissage, die dem Leser ein Spiegelbild vor Augen halten, auch wenn er denkt, dass er rein gar nichts mit der Situation und den beiden gemeinsam hat. Ein Fallensteller ist zudem der Autor selbst, der uns auf die Hürden des Deutschen aufmerksam macht und zeigt, dass uns Sprache Fallen stellen kann. Als nicht gebürtig deutschsprachiger Autor, zaubert Stanišić damit. Zum Beispiel in der Erzählung „Die Fabrik.“

Die Fabrik, sagen sie, hat sich geräuspert vor Zeiten. Was heißt das, frage ich, wie räuspern sich Gebäude, ist das ein Witz.

So auch in der Erzählung „Georg Horvath ist verstimmt“ in der sich der Protagonist fragt, ob man „zerknüllen im Deckenzusammenhang“ und „zerstören im Quadratzusammenhang“ sagen kann. Doch nicht nur diese Kapitel heben den Erzählband auf ein hohes Podest. Auch die letzte Geschichte „In diesem Gewässer versinkt alles“ in der ein Ich-Erzähler mit den Geistern seiner Vergangenheit sowie Kriegserfahrungen kämpft, stellt Stanišić einfühlsam auf zwei Erzählebenen dar. Zum einen durch die Rückblenden in die Kindheit des Ich-Erzählers zum anderen durch seine Gegenwart als erfolgreicher Start-Up-Unternehmer, der ein Wochenende in Paris verbringen will, während sein Großvater im Sterben liegt.

Seit der Flucht habe ich ihn nicht gesehen. Auch all die Jahre auf seine Frage gewartet, warum ich nicht kam. Ich hatte die Antwort parat: Weil ich in das Land des Hasses nicht zurückwollte, den Tätern, die frei herumliefen, nicht in die Augen sehen wollte. Was für eine egoistische Ausrede. Mein Großvater liegt im Sterben.

Ich fühle mich in meinem literarischen Anspruch bestätigt. Diese Erzählung wirkt durch die vom Leben gezeichnete, nachvollziehbare Figur als stärkste des Bandes in mir nach. Ich schließe das Buch und betrachte erneut den Libellenkörper. Mein Kopf dreht sich ein wenig von all dem Gelesenen. Ja, es ist schon wirklich ein „uckermarkscherschütterndes“ Werk, das durch seine individuellen Protagonisten sowie die Liebe zur Sprache und zu den Figuren überzeugt.

Mutter taucht auf in unserem lichtdurchfluteten Haus, in dem in Wirklichkeit die Gardinen eine halbe Kindheit lang zugezogen waren. Mutter schläft, sie ist warm und hell. Großvater taucht auf, aus dem Fluss, ich liege auf seinem Arm.

Dennoch steht eines fest: Stanišić liegt das kurze Erzählen nicht so gut wie das der Romane. Darin entwickelt er die Menschen bis zum Schluss, schickt sie auf die Reise und den Leser gleich mit. In den kurzen Handlungen bricht diese Fahrt zu schnell ab. In mir bleibt bis zuletzt ein großer Wunsch bestehen: Dass all diese kleinen Fallen, in einzelne, große Geschichten verwandelt werden; denn ich will mehr davon. Ein Buch über den Start-Up-Unternehmer und dessen Vergangenheit, über die Hirten oder eine Fortsetzung von „Vor dem Fest“. Wer weiß. Vielleicht geht dieser Wunsch mit „Sprache, Mut und Zauberei“ ja noch in Erfüllung. Potenzial dafür steckt in jeder einzelnen Erzählung.

Litaffin hatte außerdem die Möglichkeit, ein kleines „Entweder-oder-Spiel“ mit Saša Stanišić zu machen.

Literaturblog oder Feuilleton?
Beides, und beides nur wenig.
Wo ist mehr Sportteil?

Roman oder Erzählung?
Beides, und beides nur wenig.

Franzbrötchen oder Pfannkuchen?
Beides, und beides recht viel.
Auf Reisen: Franzbrötchen.
Zuhause: Pfannkuchen.

Autonama oder Nationalelf?
Ich habe ein Mal bei der Autonama im Training mitgemacht, danach mussten die Nägel meiner großen Zehen gezogen werden.
Ich habe noch nie bei der Nationalelf mitgemacht.

Ham.Lit oder Prosanova?
Beides, und beides gern.

open mike oder Bachmannpreis?
Beim Bachmannpreis habe ich mal den Publikumspreis gewonnen, weil ich eine große Familie habe.

Libelle oder Fähe?
Beide fantastisch.

Uckermark oder Sternschanze?
Fürstenwerder und Elbe.

Anti-Feminismus- oder Satire-Debatte?
Ich habe mal eine Adlige dazu verführt, mit mir Karaoke zu singen in einer New Yorker Bar, und zwar „Paradise City“.

Dein Buchtipp des diesjährigen Frühjahrsprogramms!
E.T.A. Hoffmann: „Musikalische Novellen und Aufsätze“ (Insel-Bücherei Nr. 142)

Saša Stanišić und Ann-Kathrin bei der Buchvorstellung von "Fallensteller" ©litaffin
Saša Stanišić und Ann-Kathrin bei der Buchvorstellung von „Fallensteller“ ©litaffin
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Ann-Kathrin Canjé

Ann-Kathrin Canjé

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"Ich habe manchmal Heimweh, ich weiß nur nicht, wonach" -Mascha Kaléko
Ann-Kathrin Canjé

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