Zuflucht nehmen auf der anderen Seite des Himmels

Karsten trifft Neyla in Berlin, doch Neyla ist in Gedanken noch in Syrien. Während sich Karsten in Neyla verliebt, liest er ein Buch: „Zuflucht nehmen“. Darin treffen sich zwei Frauen kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges fernab ihrer Herkunftsländer. Vor einer buddhistischen Landschaft in Ägypten und unter denselben Sternen, die auch über Berlin leuchten, kommen die Frauen sich näher.

Zuflucht suchen im Anblick des Beständigen. Foto: Marie K. Gentzel

Es sind dieselben Sterne, unter denen die Figuren dieser zwei parallelen Geschichten leben, dieselben Gefühle der Angst, des Verlustes und der Sehnsucht, die sie fühlen und derselbe Mond, auf den die Liebenden ihr „Gedicht sticken“.

Der Schrifststeller Matthias Énard ist nicht nur französischstämmiger Inhaber eines libanesischen Restaurants in Barcelona, sondern auch bekannt als literarischer Brückenbauer. Doch überall dort, wo das Gemeinsame betont wird, ist das Entzweiende als Gegenpol vorhanden. Das wird in der Graphic Novel Zuflucht nehmen, 2018 ist sie im Deutschen beim Avant-Verlag erschienen, besonders deutlich.

Auch Zeichnerin Zeina Abirached konzentriert sich auf das Verbindende: ihr Stil ist schlicht, ohne auf inhaltlicher Ebene zu vereinfachen und ihre Zeichnungen wirken sinnlich-schön ohne zu idealisieren. Abirached haben wir bereits einmal mit Ich erinnere mich besprochen. Ihre anekdotenhaften Comics besitzen durch den geometrischen Zeichenstil und die feinsinnigen, verbindenden Beobachtungen hohen Wiedererkennungswert. Für Zuflucht nehmen haben Énard und Abirached gemeinsam eine Geschichte erdacht, die Zeiten und Räume verbindet.

Jede*r lebt auf seiner Seite des Himmels. Foto: Marie K. Gentzel

Exemplarische und einzelne Leben

2016 trifft der Träumer Karsten in Berlin auf Neyla, die um ihr „verlorenes Land“ Syrien und ihre zerstörte Stadt Aleppo trauert.

„Inmitten der Bäume und den Himmel über Berlin abzuwehren? Grau. Grausig. Gräulich./ Ja, ein wenig trist./ Auf Arabisch sagt man „Das graue Aleppo“./ Wegen des Krieges?“ Foto: Marie K. Gentzel

Die Liebe zwischen Neyla und Karsten ist eine ganz andere als die zwischen zwei Frauen, die 1939 in Ägypten zueinander finden. Dabei hat sich die Begegnung zwischen Neyla und Karsten vielleicht so ähnlich zwischen vielen Karstens und Neylas abgespielt. Für die Begengung der beiden Frauen auf Reisen in Ägypten gibt es tatsächlich eine reale Vorlage.

Wer nicht die Biografie der Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach kennt, würde die feinen Anspielungen auf ihr Leben übersehen, stünde da nicht ihr Name im Klappentext. Umso froher bin ich, sie durch Zuflucht nehmen kennengelernt zu haben. Es lohnt unbedingt ein Blick auf ihr faszinierendes Leben und es ist kein Wunder, dass die außergewöhnliche Persönlichkeit Schwarzenbachs Zuflucht nehmen inspiriert hat.

Es geht nicht um Krieg

Doch der Rahmen dieses Lebens bleibt in Zufllucht nehmen verborgen. Es ist eine Stärke des Buches, dass es äußere Umstände so weit wie möglich in den Hintergrund drängt. Die Haupthandlungen spielen fernab von Krieg, Zerstörung und Chaos. Damit bleibt der eigentliche wichtige Konflikt beider Geschichten lange unsichtbar. Zufllucht nehmen ist keine Graphic Novel, die vordergründig von Flucht und Vertreibung spricht. Natürlich sind die letztgenannten Themen Teil der Geschichte, vor allem, wenn Neylas Erinnerungen dem alltäglichen Leben in Berlin und dem Klatsch unter Karstens Freunden gegenübergestellt werden. Doch noch viel mehr geht es um die gewöhnlichen Beziehungen zwischen zwei mal zwei Menschen, denen Krieg und Konvention schlicht dazwischen kommen. Plötzlich und aus dem Nichts. Es geht nicht um den Krieg, es geht um diese Leben.

Das ist dann auch das Verbindende beider Begegnungen und zugleich das Entzweiende. Für Karsten ist es leichter, Brücken zu anderen Zeiten, Sprachen und Lebensrealitäten zu bauen, als zu seinen engsten Freunden. Er hofft in Neylas Welt zu leben zu können, während diese längst daraus vertrieben wurde. Dieses Buch blickt auf Einzelschicksale aus einer größeren, einenden Perspektive und ist ein Stern im Bücherregal.

Matthias Énard, Zaina Abirached: Zuflucht nehmen, avant-Verlag 2018.
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Marie K. Gentzel

Geht gern mit dem Buch unter der Nase durch den Wald. Das birgt zwar die Gefahr des Stolperns und Aneckens, fördert aber auch die Denkleistung. Im beschaulichen Erfurt, wo sie Kunst und Literatur studierte, ging das besser als in Berlin. Dafür gibt es hier mehr tolle Menschen als Bäume.
Marie K. Gentzel

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