Zwischen Krieg und Putzlappen

 

Der umstrittene Büchnerpreisträger Martin Mosebach hat einen neuen Roman geschrieben: „Das Blutbuchenfest“ schaffte es sogleich auf die Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse 2014 – und ging leer aus. Marc Dieke erklärt, warum sich der Blick ins Buch lohnt.

Mosebach_24479_MR.inddAuf dem Bucheinband reckt der emporgehobene Kopf einer Krähe die Schale einer Krebszange in die Höhe, so, als wolle sie auf etwas anstoßen. „Das Blutbuchenfest“ von Martin Mosebach steht gleich nebenan gedruckt. Ein schweres Cover mit schwerem Titel für ein schweres Buch, das durch eine Masse an Bildwelten und Detailverliebtheit auffällt und Klasse beweist. Diese brachte dem Buch, das von der bosnischen Putzfrau Ivana inmitten einer verpixelten Clique des gehobenen Frankfurter Milieus erzählt, bis auf die Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse 2014.

Das erzählende Ich – ein Kunsthistoriker, Mitte 30, Prototyp des geisteswissenschaftlichen Überlebenskämpfers auf dem freien Arbeitsmarkt – weiß Bescheid, auch wenn es selbst nicht immer zur Stelle ist. Doch diese und andere logische Unstimmigkeiten wie Handys und Laptop zu Anfang der 90er Jahre fügen sich sanft in die schwelgerische Sprache des Autors ein. Bis auf die wahren geschichtlichen Begebenheiten der sich anbahnenden Schatten des Krieges in Bosnien, könnte die Handlung auch in unserer heutigen Gegenwart stattfinden.

Tragikomische Befleckung

Die Geschehnisse im entfernten Jugoslawien und in der Frankfurter Upper Class verbinden sich in der Putzfrau Ivana, die als Außenstehende mal mehr, mal weniger in die Machenschaften ihrer wohlhabenden und/oder angesehenen Kunden hinein schlittert. Am Anfang sind die Protagonisten noch nicht weiter tragisch oder komisch befleckt, im Laufe des Buches vermischen sich aber die Beziehungen zueinander fortwährend auf verschiedenen Ebenen – hier geschäftlich, dort liebestechnisch – um sich im finalen Kapitel, dem Blutbuchenfest zu entladen.

Da gibt es Rotzoff, der seine Werbeagentur gegen die Wand gefahren hat und mit einer ordentlichen Portion Arroganz und breiter Klappe seinen gegenüber zu übertrumpfen versucht. Dieser ist es auch, der ein großes teures Fest für die Schickeria  in dem Haus eines befreundeten Bankdirektors plant, um aus dem Erlös seine Schulden gegenüber Merzinger, in dessen Lokal die Romanfiguren ein- und ausgehen, abzuzahlen. Derweil bandelt der Erzähler mit Winnie an, einer herzkranken Mitarbeiterin der PR-Beraterin Markies, und gleich daneben geht es zwischen einem Konferenzveranstalter, dessen hübscher Freundin Maruscha und einem Immobilienlöwen her wie in einem Sommernachtstraum. Alle verbunden, wenn auch unbewusst, durch Ivana. Ihre Erscheinung sowie die Vorkommnisse in ihrem Heimatland konterkarieren dabei den Dunstkreis der Frankfurter Gesellschaft auf eine schrecklich-komische Weise.

Mosebachs Hauptwaffe ist nicht die Handlung

Überall findet man seine detailreichen Metaphern, die sich wie Wellen über den Ozean durch das Buch ziehen und die Figuren und Geschehnisse bis in ihre tiefsten Ecken und Kanten hinein skizzieren. Mit diesen bildlichen Schleiern, die sich des Öfteren in träumerischen Ausführungen ergehen, glättet er aber gleichzeitig seine Charaktere, sodass der Leser sich zwar an ihnen stoßen, aber nicht schneiden kann. Das Hintergründige ist keine endgültige Feststellung, sondern erscheint anhand des Großteiles der gut getroffenen, wenn auch oft wunderlichenVergleiche als eine auf den Erzähler zugeschnittene Sicht, die, durch seine häufige Abwesenheit innerhalb der Geschichte unterstrichen, nicht mehr als Ahnung und Annahmen sind.

Die Stimmung des Buches entsteht nur marginal durch die Spannung der Handlung. Wirklich entfaltet sie sich erst, wenn die Beschreibungen, wie von der erröteten Ivana beim spätrömischen Kaiser Diokletian in seinem Palast im heutigen Split enden. Meistens funktioniert das. An manchen Stellen aber verkleben die Bilder dort zu sehr, wo die Geschichte mehr Fahrt verdient hätte. So muss man sich durch den ein oder andere zähen Kaugummiabsatz kämpfen, um wieder auf die kunstvoll geschnitzten Seiten zu kommen.

Das gemeißelte Kunstwerk

Nicht selten gibt es im Roman Reminiszenzen an die bildende Kunst. Dabei ist Mosebach selbst ein Bildhauer, der mit der Sprache eindrücklich Tragik und Komödie in die Köpfe meißelt. „Das Blutbuchenfest“ ist ein schweres Kunstwerk geworden, das nicht trivial runtergelesen werden sollte. Dass Mosebachs Art des Schreibens trotz mancher Kritik hoch angesehen ist, beweist unter anderem der ihm verliehene Georg-Büchner-Preis 2007 und die diesjährige Nominierung zum Preis der Leipziger Buchmesse.

Martin Mosebach: Das Blutbuchenfest. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2014. 448 Seiten. Gebunden. 24.90 €.

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Marc Dieke

1987 in Hildesheim geboren. Studierte Ur- und Frühgeschichte und Alte Geschichte in Heidelberg. Seit 2013 ist er an der FU Berlin, wo er seinen Master in "Angewandter Literaturwissenschaft" macht.

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