Die Kleidung wird kürzer und die Beinhaare länger

Mit steigenden Temperaturen und luftigerer Kleidung, die der Sommerhitze gerecht wird, werden auch dieses Jahr wieder Haut und Körperbehaarung in der Öffentlichkeit sichtbarer. Kein Thema? Leider doch. ‚Super(hairy)woman*‘ ist ein Sammelband, der verschiedene Perspektiven auf den Umgang mit Behaarung und deren gesellschaftlicher Stigmatisierung darstellt.

© Anouk Spilker

Während ich dieses Buch lese, warte ich mit jeder Seite auf eine überordnende Einbettung in den politischen Diskurs – auf eine Kritik am patriarchalen Kapitalismus. Doch das System, das unseren Körpern die haarlose Norm aufdrängt, wird nur am Rande erwähnt. ‚Super(hairy)woman*‘ ist kein Buch, das ausführlich theoretisch einordnet. Was es macht, ist vor allem eins: Einer Vielzahl an Stimmen Gehör verschaffen, die immer wieder die gleiche Geschichte unterschiedlich erzählen. Die Geschichte von der Scham über die eigene Körperbehaarung.

Der von Anna C. Paul zusammengestellte Sammelband besteht aus 56 Texten verschiedenster Personen, die meist von ihren eigenen sehr intimen Erfahrungen mit Haaren und Enthaaren berichten. Der Großteil der Texte wurde von FLINTA*-Personen verfasst, sind sie es schließlich, denen die strengsten gesellschaftlichen Regeln zur eigenen Körperbehaarung auferlegt werden. Das Buch ist zudem auch nur ein Teil eines interaktiven Projekts, das auf superhairywoman.com immer weitere Erfahrungsberichte veröffentlicht. Dabei werden Beiträge von Menschen aus unterschiedlichen Altersgruppen gesammelt: Die jüngste im Sammelband vertretene Person ist 12 Jahre alt, die älteste 81. Und (Überraschung!) allen Altersgruppen sind Gefühle von Scham über die eigene Körperbehaarung sehr gut bekannt.

Systemkritik durch Stimmenvielfalt?

Das Buch lässt mich vor allem mit einer Frage zurück: Benötigen wir immer eine systemkritische Einordnung? Oder macht bereits das Abbilden einer Vielzahl an Stimmen, alle mit derselben Erfahrung, auf persönliche und unakademisierte Weise deutlich, dass es sich hier um kein individuelles Problem handelt?

Es ist nicht so, dass nie eine Systemkritik in den Texten mitschwingt ­ allerdings steht diese nicht im Mittelpunkt und ist, wenn sie vorkommt, eher allgemein gehalten, mit Sätzen wie „Die Enthaarungsnorm ist eins der Symptome der strukturellen Ungleichbehandlung, ein Symptom patriarchaler Kontrolle und stereotyper Rollenbilder.“ Allein um diese Aussage detailliert auszuführen, könnte man ein ganzes Buch füllen. Doch mit ‚Super(hairy)woman*‘ gibt Anna C. Paul vor allem den persönlichen Erfahrungen von Menschen ganz viel Raum und die meisten Beiträge geben keine Antworten, sondern lesen sich eher wie eine nicht abgeschlossene Aushandlung mit sich selbst.

Meine Körperbehaarung und ich haben seit meiner Pubertät eine ebenso innige wie gestörte Beziehung, denn sie will nicht immer so wie ich, was gerade in Teenagerjahren ein erhebliches Problem darstellte. Vielleicht habe ich mich auch so lange an ihr gestoßen, weil sie von jeher etwas kann, das ich noch immer am Erlernen bin: wachsen, ohne auf die Meinung anderer zu achten.

TF, 35 Jahre: „Meine Lehrmeisterin“, S. 62 – 64

Es geht um den so intimen und tiefgehenden Schmerz, der mit dem Gefühl einhergeht, der eigene Körper sei falsch und eklig und dürfe so eigentlich nicht existieren. Indem derartig viele Menschen in diesem Buch immer wieder von der gleichen Erfahrung sprechen, wird ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass man mit diesem Gefühl nicht alleine dasteht. Und kommt nicht vor jedem Zusammenschluss die Erkenntnis, doch nicht allein zu sein mit der eigenen Scham und Wut?

Die Sache mit dem Individuum

Ganz wichtig: Das Buch schafft es, den gesellschaftlichen Zwang zur Körperenthaarung in Frage zu stellen ohne dabei Leser*innen unter Druck zu setzen, ihre eigenen Haare in einem feministischen Befreiungsakt sprießen zu lassen. Stattdessen wird anerkannt, dass es viel mentale Energie kostet, sich dem haarlosen Mainstream zu widersetzen.

Ich kann begeistert den neuen feministischen Debatten über Körperbehaarung folgen und trotzdem zum Rasierer greifen.

Kerstin, 54 Jahre: Gedanken vor dem Regal, S. 53 – 56

Auch unsere eigenen Schönheitsideale wurden von dieser Gesellschaft geprägt und es ist gar nicht so einfach, sich davon zu lösen. Deshalb ist es umso schöner, dass man zwischen den einzelnen Texten immer wieder kunstvoll abgelichtete Fotos von haarigen Körpern findet. Auf diese Weise wird eine Gegenästhetik zum haarlosen Mainstream gestellt. Zwar ist Sichtbarkeit nie das Ende des Kampfes gegen Ungleichbehandlung, stellt jedoch einen notwendigen Schritt dar.

© Anouk Spilker

Und für alle, die sich doch ein bisschen mehr systemkritische Einordnung wünschen: Wie die kluge Silvia Federici festgestellt hat, ist im patriarchalen Kapitalismus der Hauptschauplatz für Unterdrückung (und Widerstand!) weiblich gelesener Menschen immer der eigene Körper.  Das kann man erkennen am Kampf ums Abtreibungsrecht, an erschreckend hohen Fallzahlen für Femizide – oder eben auch an Vorschriften dazu, wie ein weiblicher gelesener Körper auszusehen hat, wo Haare wachsen dürfen und wo nicht. Was es also bedeutet, Kapitalismus am eigenen Körper, in der intimsten Sphäre seiner selbst zu erfahren, darüber kann man in ‚Super(hairy)woman*‘ lesen.

Anna C. Paul (Hg.): SUPER(HAIRY)WOMAN*. Erfahrungsberichte im Zeitalter der Haarlosigkeit, Ventil Verlag, 20,-EUR.

Anouk Spilker

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