Experience is wasted on the old


Ich will Ihnen nicht ausmalen, wie wenig sich solche Bemühungen auszahlen, wenn man sie, anders als Brodsky, rein ökonomisch betrachten wollte. Lassen Sie sich die Arbeitsbedingungen von Übersetzern schildern. Sprechen Sie mit freien Lektoren. Und falls Sie ein Leben als freier Tageszeitungskritiker beabsichtigen, rechnen Sie damit, die pointierte, kenntnisreiche, elegante Feuilletonprosa, die Sie vielleicht von sich selbst erwarten, in den kommenden vierzig Berufsjahren bei einem Zeilenhonorar von fünfzig Cent bis zu einem Euro herzustellen. Schon richtig: Es gibt besser bezahlte Teile der Branche. Aber auch hier werden Honorare ohne Ankündigung gekürzt und gedrückt und Sie können nur dafür sorgen, dass wenigstens die Auftragslage stabil bleibt. Manche ziehen daraus die Konsequenz, ihr Talent dort einzusetzen, wo es noch eher Früchte trägt: in der Werbung oder der Pressearbeit. Dafür kann man geboren sein – und es sind ehrenwerte Berufe im Kampf der Aufmerksamkeiten. Grundsätzlich aber hat Journalismus mit PR so wenig zu tun wie Kunst mit Werbung.

Gut möglich, dass Sie meine Bedenken nicht teilen. In gewisser Weise spricht rein lebensgeschichtlich für Sie sogar alles dagegen, sie allzu ernst zu nehmen: Man kann nicht an seinen beruflichen Aussichten zweifeln und
gleichzeitig alle Kräfte mobilisieren. Wenn Sie aber nichts von meiner Skepsis nachvollziehen können, und damit komme ich auf den Anfang meiner Rede zurück, worin besteht dann der mögliche Wert meiner Erfahrung? Wenn ich Ihnen mit George Bernard Shaws herrlich paradoxer Sentenz „Youth is wasted on the young“ komme, würden Sie sich mit einem Spruch revanchieren wie „Experience is wasted on the old“? Worin besteht die Kontinuität dessen, womit ich mich auseinandersetze und mit dem nun Sie sich auseinandersetzen müssen? Seit Jahren beschäftigt mich, wie überhaupt noch Traditionen und Verbindlichkeiten entstehen, ja womit sich, auf einer viel elementareren Ebene, das Wichtige vom Unwichtigen trennen lässt.

Wie auf allen Gebieten gibt es auch im Bereich der Angewandten Literaturwissenschaft kein ewiges, kulturell uncodiertes Wissen, aber auch keines, das sich im Jahresturnus ändert. Die Bewertungen wechseln, die Grundprobleme bleiben. Die Kontinuität ist stärker als der Wandel, und selbst wenn uns noch einige kopernikanische Wenden bevorstehen: Was würde ein echter Bruch in unserem Weltverständnis bedeuten? Wie sollte es, um gleich den dramatischsten Fall zu nehmen, dazu kommen, dass der Mensch sich nicht mehr als Mensch erkennt? Weder genetische Mehrklassengesellschaften noch das Zusammenleben mit Androiden werden uns jemals von unseren Erfahrungen als Gattungswesen völlig abschneiden. Das haben wir im Zweifel am besten selber vermocht, indem wir andere zu Untermenschen gestempelt haben. So, wie die Literatur davon Zeugnis abgelegt hat, wird sie auch von allen neuen Konstellationen Zeugnis ablegen.

Wo liegt die Kontinuität meiner Erfahrungen? Wenn ich an meine inzwischen zwanzig Jahre zurückliegende Zeit an der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität und die ersten Schritte in den Beruf des journalistischen Schreibens nachdenke, überkommen mich regelmäßig drei Wünsche. Mein erster Wunsch wäre, alles noch einmal von Grund auf neu in Angriff zu nehmen. Nicht, dass ich mit meinen Fächern, der Germanistik, der Philosophie und der Musikwissenschaft, damals die falsche Wahl getroffen hätte. Aber ich würde, so bilde ich mir ein, besser mit meiner Zeit haushalten, mich mit den meisten Dingen ernsthafter auseinandersetzen, und ich würde in Seminaren engagierter mitreden. Denn das erste, woran ich mich zumindest in der Germanistik erinnere, ist Schweigen, minutenlanges, unerschütterliches Schweigen und die verzweifelte Frage der Professoren: Wer möchte etwas dazu sagen?

Mein zweiter Wunsch ist einfacher zu erfüllen. Ich will diese Zeit nie wieder durchmachen. Ich habe drei Kreuze geschlagen, als ich der Massenuniversität entronnen war. Die Aussichtslosigkeit, mit der man Dinge in Angriff nimmt, zu denen man weder intellektuell noch handwerklich in der Lage ist, und die mehr oder wenige pädagogische Skepsis, die einem von Professoren, erfahrenen Journalisten oder Verlagsleuten entgegenschlägt, ist demütigend. Zugleich ist das Glück des Lernens, zumal wenn man es von der Mühsal des Schreibens abhängig macht, ausgesprochen beschränkt. Man verflucht sich dafür, nicht schneller von der Stelle zu kommen. Man versteigt sich zu preziösen Formulierungen, deren Unmöglichkeit einem ein guter Mentor sofort vor Augen führen könnte. Wie jeder Musiker muss auch jeder Autor jahrelang seine Muskeln trainieren, bevor er seine Mittel einigermaßen im Griff hat.

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2 Gedanken zu „Experience is wasted on the old

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