Experience is wasted on the old


Mit der Erfüllbarkeit meines dritten Wunsches schließlich ist es so eine Sache. Er lautet schlicht, dass ich zwischen Wunsch eins und zwei nicht zerrissen werden möchte. Jetzt hat er die Pointe, auf die er hingesteuert hat, werden Sie sagen, eine billige Pointe, deren Lunte gerade noch zischt, und jetzt als Blindgänger liegen bleibt. Im wirklichen Leben hat er doch ohnehin keine Wahl. Aber ich möchte die Pointe so ernst nehmen wie mir die Unmöglichkeit, alle drei Wünsche miteinander zu vereinen, bewusst ist. Als Stachel sitzt sie so tief, dass sie die Einbildung wach hält, ich könnte mein Koordinatensystem – wenn nötig – radikal verschieben.

Räumt, wer sein Leben mit Literatur verbringt, sein Zimmer nicht ständig um, auch wenn er nicht anders kann, als alles, was ihm begegnet, im Horizont seiner erworbenen Erfahrungen zu deuten? Diese Erfahrungen sind zwangsläufig endlich – zu unser aller Betrübnis und zu unser aller Glück. Wie erleichtert war ich, als ich beim Lesen von Richard Rortys Studie „Freiheit, Ironie und Solidarität“ auf eine Interpretation von Philip Larkins Gedicht „Continuing to live“ stieß, in der die notwendige Begrenztheit des geistigen Inventars, das jeder mit sich herumträgt, als Segen dargestellt wird. Zugleich kommt es aber darauf an, die kontingente, die zufallsblinde Prägung, der unser aller Tun unterliegt – „the blind impress / All our behavings bear“ – dadurch zu erweitern, dass man sie mit den Inventarlisten anderer Menschen abgleicht und als Produkt einer bestimmten Epoche zu begreifen lernt. Das ist auch eine soziale Aufgabe.

Zur zufallsblinden Prägung gehört sicher auch mein Umgang mit Informationen – und wie fremd mir manche über Jahre erworbene Gewohnheiten dabei geworden sind. Lange bevor sich entschieden hatte, dass ich beruflich mit Büchern zu tun haben würde, habe ich, um einen Überblick über die Buchproduktion zu gewinnen, noch die Taschenbuchkataloge von Suhrkamp, Fischer und dtv mehr oder weniger auswendig gelernt. Welcher Triumph war es später für mich, der ich mich noch durch die Zettelkataloge der Bibliotheken gefressen habe, mit einer Handvoll Kopien aus den Klebearchiven der „FAZ“ zurückzukehren und ein kleines Dossier über Claude Simon zu besitzen. Nichts davon war geheimes Wissen, aber allein das Auftreiben des Materials kostete Zeit, Wege und nicht selten Geld.

Ich weine dieser verlorenen Zeit keine Träne nach. Das Glück, etwas zu entdecken, nachdem man sich einen halben Tag lang durch Fußnoten gefräst hat, mag größer sein, als es binnen Sekunden auf den Rechner gefunkt zu bekommen, aber ich persönlich kann darauf gut verzichten. Ja ich profitiere von den Vorzügen der Gegenwart ganz ungeniert. Wie komfortabel es geworden ist, Informationen über einen Autor und sein Werk zu finden, versteckte Zitate aufspüren oder, im Fall von Übersetzungen, an ausländische Rezensionen zu kommen, muss ich Ihnen nicht schildern, glaube aber, dass weder Sie noch ich angemessen beschreiben können, was die potenzielle Allgegenwart dieses Wissens für unseren kulturellen Haushalt bedeutet. Ein Ergebnis, scheint mir, sind im ungünstigen Fall oft Texte, in denen noch einmal zusammengetragen wird, was andere bereits zusammengetragen haben, weil, wie es so schön heißt, zwar zu fast allem schon fast alles gesagt ist, nur nicht von jedem. Im günstigeren Fall kann die intellektuelle Konsequenz nur lauten, Texte herstellen zu wollen, die über die reine Information hinausgehen, Texte, in denen über das hinausgedacht wird, was jedem und dem kollektiven Maschinengedächtnis ohnehin durch den Kopf geht. Wenn dadurch die Bedeutung von Journalismus – und übrigens auch von Literaturwissenschaft – auf eine neue Probe gestellt wird, ist das kein Anlass zu kulturpessimistischer Sorge, sondern eine positive Angelegenheit.

Was ich für Tugenden der Auseinandersetzung mit Büchern halte, hat sich in einer Welt herausgebildet, in der das Gedruckte noch ein kanalisiertes, wenngleich schon über alle Ufer tretendes Angebot bildete. Vielleicht sind mir davon einige übertrieben romantische Vorstellungen geblieben, was es heißt, ein Schreib- und Lese-Leben zu führen. Aber ich werde den Eindruck nicht los, dass ein guter Teil dessen, womit wir uns Tag für Tag abmühen, noch auf die banalsten Dinge des Lebens abfärbt. Das ist im Guten eine Hoffnung – im Schlechten eine Drohung. Es liegt nun auch an Ihnen, herauszufinden, wie es sich damit verhält.

© Gregor Dotzauer

Gregor Dotzauer am 26.10.2009 im Literarischen Colloquium Berlin
©Kathrin Unterberg
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2 Gedanken zu „Experience is wasted on the old

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