Queere Buchempfehlungen zum Pride Month

Im Juni wird jedes Jahr weltweit der Pride Month gefeiert. Zeit für unsere Redaktion, ihre liebsten queeren Bücher herauszusuchen, um sie euch (auch nach dem Juni) zu empfehlen.

Constance Debré: Love Me Tender

Von Lilli Anlauf

Die Protagonistin Constance macht einen radikalen Schritt. Sie verlässt ihren Mann Laurent nach 20 gemeinsamen Jahren. Seit der Trennung teilen sie die Zeit mit ihrem achtjährigen Sohn Paul gleichberechtigt auf. Drei Jahre lang geht das gut, bis sie ihrem Ex geradeheraus mitteilt: „Ich hab jetzt was mit Frauen.“ Noch sind die beiden verheiratet, doch als Constance das Thema Scheidung anspricht, beginnen die bisher friedlichen Verhältnisse zu kippen. Laurent will nicht darüber sprechen, behält Paul länger als abgemacht bei sich. Die Situation eskaliert immer weiter, bis Laurent Constance schließlich anzeigt, sie des Inzests und der Pädophilie an ihrem Sohn beschuldigt. Constance will sich vor Gericht wehren, war sie doch selbst bis vor Kurzem noch Anwältin. Doch bis eine gerichtliche Entscheidung vorliegt, bleibt das Sorgerecht allein bei Laurent. Ihr Lesbischsein, ihre neuen Lebensumstände, ihr Umfeld und auch ein von ihr veröffentlichtes Buch werden in diesem Prozess zu Gründen geformt, die sie zur nicht geeigneten Mutter stilisieren sollen. 

„Die Realität ist, dass das Recht immer noch beim Stärkeren liegt und die Gerechtigkeit eine Farce bleibt.“

Love Me Tender begleitet in protokollartigen Miniaturen das Leben der Protagonistin während dieses Sorgerechtsstreits. Begegnungen mit Frauen, Treffen mit ihrem Sohn, Auseinandersetzung mit ihrem neuen Ich, grundsätzliche Fragen nach Liebe und Familie, Wut. Ihr freieres Leben ohne Mann und Sohn und die lesbische Identität lassen Constance der Welt anders gegenübertreten. Die raue Sprache balanciert gekonnt zwischen stakkatohaften Sätzen und Passagen mit längeren Aufzählungen. Und immer schweben die Fragen von der ersten Seite über diesem Text:

„Warum sollte die Liebe zwischen einer Mutter und einem Sohn nicht genau wie jede andere sein? Warum sollten wir nicht aufhören können, einander zu lieben? Warum sollten wir uns nicht trennen können? Warum nicht ein für alle Mal auf die Liebe pfeifen, die sogenannte, in all ihren Formen, auch dieser?“

Love Me Tender von Constance Debré, aus dem Französischen von Max Henninger, Matthes & Seitz Berlin 2024, ca. 149 Seiten.


Joan Nestle: Begehren und Widerstand

Von Emma Rotermund

„Die Zeiten sind nicht leicht, doch es sind Zeiten, die sein müssen“, schrieb Joan Nestle 1993, nachdem sie monatelange öffentliche Diskussionen über die Menschlichkeit von Lesben und Schwulen in den Zeitungen verfolgt hatte. Auch auf unsere heutige Zeit, in der insbesondere die Rechte von trans Personen regelmäßig in den Medien und von Politiker*innen als verhandelbar dargestellt werden, was den Kampf für queere Selbstbestimmung umso wichtiger macht, lässt sich dieser Satz ohne weiteres übertragen. So verhält es sich mit vielen von Nestles Texten, die größtenteils in den Achtzigern und Neunzigern verfasst wurden und nun im Band „Begehren und Widerstand“ erstmals gesammelt auf Deutsch erscheinen.

Joan Nestle, geboren 1940, ist Aktivistin, Autorin und Mitbegründerin des Lesbian Herstory Archives in New York, das zwanzig Jahre lang in ihrer Wohnung beheimatet war. Sie war gewerkschaftlich und in der Bürgerrechtsbewegung aktiv und beschäftigte sich in ihren Texten hauptsächlich mit lesbischem Begehren und der queeren Bewegung. Bekannt ist sie insbesondere für ihre Texte über Butch-Fem-Beziehungen in ihrer Anthologie The Persistent Desire: A Femme-Butch Reader, die 1992 erschien und zu einem Standardwerk der lesbischen Theorie wurde.

Von lustvollen Kurzgeschichten über politische Reden bis hin zu persönlichen Essays – die Texte im Sammelband geben einen vielfältigen Überblick über das Werk einer wichtigen lesbischen Theoretikerin.

Begehren und Widerstand von Joan Nestle, herausgegeben von Lara Ledwa, aus dem Englischen von Johanna Davids, Desz Debreceni, Sabine Fuchs, Anna Kuntze und Bettina Wind, etece buch 2024, ca. 301 Seiten.


Julia Jost: Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht

Von Theresa Bareth

Wie ein Versteckspiel – so muss sich das Leben queerer Kinder im Kärnten des Jahres 1994 angefühlt haben. Und tatsächlich, ein Versteckspiel hat Julia Jost zum Rahmen ihres bösen, sprachspielerischen Debütromans gemacht. Nur 100 Sekunden umfasst die erzählte Zeit. So lange hockt die elfjährige Erzählerin unter dem geparkten Umzugslaster vor dem Gratschbacher Hof, dem Gasthaus der Eltern. Vierzig Kilometer von dort, Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht. 100 Sekunden, so lange zählt ihre aus Bosnien stammende Freundin Luca – die schöne Luca, die weiß, dass sie „kein vollständiger Junge“ ist, und sie trotzdem küsst – herunter, bevor sie sie suchen kommt. Aber so richtig finden werden sich die beiden nicht mehr, es ist der Anfang vom Ende, ein Wegzug, der keine Befreiung bedeutet. Und es ist der Ausgangspunkt für heitere Rückblicke auf eine höllische Dorfkindheit zwischen Nazi-Nostalgie und neuen Rechten, zwischen „Stammtisch und Beichtstuhl“, wie der Suhrkamp-Verlag schreibt. Hier ist Julia Josts großes Buch im Frühjahr erschienen. Den Vergleich mit Elfriede Jelinek braucht es nicht zu scheuen: Frisch, fröhlich, furchteinflößend! 

Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht von Julia Jost, Suhrkamp 2024, 231 Seiten.


Hannah K. Bründl: Mother_s

Von Jacquelin Strobel

„aus mir heraus ist ein baby / auf den boden gefallen“

In Hannah K. Bründls Lyrikdebüt Mother_s geht es um Flintakörper, die als Mütter gelesen werden. Es geht um Muttersprache. Um das Aufbrechen der Metapher: Die Mutter kümmert sich am meisten, am besten, die Mutter kümmert sich zuerst. Und um die Frage, was wir einander durch Sprache weitergeben.

Die weiblich gelesenen Körper in Mother_s verweigern sich gesellschaftlichen Zuschreibungen. Sie sind versehrt, produzieren keine Milch, sind der Gewalt patriarchaler Strukturen ausgesetzt. Sie setzten sich aber auch eigener Gewalt aus, erkunden ihre Körperflächen, ihr Inneres, weiten sich aus, modellieren sich zurecht. Manchmal sind sie dabei ganz und gar schmerzfrei, manchmal ist ihre Körperlichkeit bis ins Monströse gesteigert. Eines ist ihnen allen gemein: Durch die Manifestierung des Schmerzes widersetzen sich ihre Körper der Tradition der Objektivierung. Aber sie greifen auch nach Handlungsmacht und setzen ihr Queersein fragend in Beziehung zur sogenannten Natur. Mit poetischer Direktheit findet Bründl in ihrem Lyrikdebüt eine neue Sprache, eine, die sich öffnet, die zulässt:

„spezialisierte muskeln zum schleichen / alge als körper / farbzellen / lurchschwanz / puppy eyes schnabel / hamsterbauch als körper / giftdrüsen als körper / stellvertretend brustimplantate vaginoplastie lipliner / stellvertretend auf dem land hocken zwischen flieder / stellvertretend bringe ich raum mit und dornen“ 

Kollektive Stimmkörper

In ihre dichterische Spurensuche fädelt Bründl die Biografien anderer weiblicher, als weiblich gelesener, queerer Personen ein. Mittels der Dialogizität ihrer Poetik gelingt es ihr, eine Vielfalt an Diskursen, Zuschreibungen und Projektionen sowohl der unmittelbaren Gegenwart als auch Vergangenheit zur Schau zu stellen. Mothers_s regt zur eigenen Recherche der an den Seitenenden nur mit Namen und Geburts-/Todestag markierten Personen an, verweist auf vom Kanon abweichende alternative Archive. Dabei verläuft die Zeit nicht in einer linearen Spur, sie nimmt die Toten in sich auf und spinnt das Netz einer kollektiven Überzeitlichkeit: einer Körperzeit, in der sich das weibliche* Gedächtnis nicht nur durch Sprache fortträgt. 

Mit Geschichten und Perspektiven von: Jo Cameron, Kybele, Johanna Hedva, Echidna, Paula Preradović, Biwi Kefempom, Krimhild, Marianne Bachmaier, Aileen Wournos, Patti Smith, Rose Lokissim, Sylvia Riviera, Marsha P. Johnson, Maë Schwinghammer, Osh-Tisch, Kayla Shyx, Lastesis, Iza, Anna, Agnieszka, Marta, Dorota, Kathleen Folbigg, June und Jennifer Gibbons, Wallada Bint Al-Mustakfi, Caconrad, Audre Lorde, Kim Kardashian, McKenzie Wark, Carambolage, Miss International Gay Rodeo Priscilla Toya Bouvier, Eileen Myles, Heloisa Epeida Paes Pinto Mendes Pinheiro, Caroline Polachek, Julia Wong Kcomt, Aryanna Falkner, Nina Simone oder Rachel Carson.

Mother_s von Hannah K. Bründl, roughbooks 2023, 84 Seiten.


Ian Penman: Fassbinder. Tausende von Spiegeln

Von Sidney Kaufmann

450 Notizen über die ästhetische Psychogenese des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder. In den Beobachtungen, Zitaten und historischen Kommentaren fängt Ian Penman Glamour und Ambivalenz vom Fassbinder-Mythos ein: vom cineastischen Erwachen in der Kindheit, den autodidaktischen und machtmissbräuchlichen Anfängen im Antitheater-Kollektiv über Erfolg und Sucht bis zum frühen Tod.

Fassbinders Werk zeigt sich als anmaßend produktiv: In 13 Jahren stellte er circa alle 100 Tage einen Film fertig. Er prägte eine lustvoll-künstliche Ästhetik der Überinszenierung – als leblose Allegorie auf leblose Leben. Alles ist unerträglich. Die Menschen streiten und missbrauchen sich, sind unterkühlt oder überreizt. Sie stecken unlösbar im Loop des Wiederholungszwangs. Jede Beziehung besteht bis ins Letzte aus toxischen Verstrickungen und Unterdrückung. Immer Mikro-Faschismus, nie Utopie. 

Penman überlegt, ob aus Fassbinder keine queere Ikone geworden ist, weil er vielen nicht als Vorbild taugt: Er stehe für die Unfreundlichkeit des Lebens. Sein Intellekt sei zu bullig, sein Auftreten zu zwielichtig-ungepflegt. Außerdem die vielen Widersprüche – politisch wie privat: Egozentrik, manipulative Hypersexualität, linksradikal-queerer Anarchismus, exponierte Verwahrlosung, Empfindsamkeit, Paranoia, Mobbing, Drogensucht. Er sei schwer einzuordnen, streitbar und gebe keine leicht erkennbare Moral.

Kann man einem, der »gleichzeitig der schillerndste Kritiker und das gruseligste Exempel« menschenfeindlicher Reproduktions-Mechanismen ist, in seiner Analyse trauen? Gibt es wirklich keinen Ausweg? Und wann wird der Schmerz zum Fetisch?

Fassbinder. Tausende von Spiegeln von Ian Penman, aus dem Englischen von Robin Detje, Suhrkamp 2024, 234 Seiten.

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