„Wenn man es härter will, muss man Bücher schreiben“

Der Kinder- und Jugendbuchautor Andreas Steinhöfel erzählt von seinem Weg als Fahrer am Set zum Gründer einer eigenen Produktionsfirma und verrät, was es mit seinem aktuellen TV-Serien- und Buchprojekt „Völlig meschugge?!“ auf sich hat.

von Harriet Finn

© Dirk Steinhöfel 

Ihre Motivation fürs Bücherschreiben war ein schlechtes Kinderbuch. Wie kamen Sie zum Film?

Film war das, was ich eigentlich immer machen wollte. Ich weiß noch, an einem Mittwoch hatte ich meine letzte Examensprüfung an der Uni. Und Donnerstagmorgen um fünf habe ich als Fahrer für eine ZDF-Produktion angefangen. In der irrigen romantischen Annahme, du arbeitest dich hier hoch vom Fahrer zum Regisseur. Da säße ich wahrscheinlich heute noch am Steuer. Parallel dazu ergab sich dann aus einem Jux die Schreiberei. Das Bücherschreiben war einfach wirtschaftlich ein Ding, wo ich Fuß fassen konnte. Ich habe aber parallel dazu durch einen glücklichen Zufall mit dem Drehbuchschreiben anfangen können. Man lernt ja unterwegs im Leben die unglaublichsten Leute kennen, die dann später Gott weiß wo sitzen. Und auf einmal riefen die an – hast du nicht Lust?

Ist die Arbeit als Schriftsteller und als Filmemacher sehr unterschiedlich?

Das ist ein ganz anderes Arbeiten. Nicht nur, weil man für ein Team oder mit einem Team arbeitet, sondern weil man sich zurücknehmen muss. Als Autor kann ich die Sau rauslassen, da mache ich einfach mein Ding. Das bekommt dann nachher beim Verlag die Lektorin und dann ist das durch. Wenn ich aber etwas als Produzent mache, dann geht das durch ungezählte Hände, die da alle draufgucken und noch etwas sagen. Ich habe eigentlich gelernt, autokratisch zu arbeiten, und jetzt muss ich Teamarbeit leisten. Und das heißt, sich zurücknehmen bei vielen Dingen. Oder auch einfach beballert werden mit Kritik und das irgendwie verarbeiten können. Wer eine unabhängige Kunstform möchte, muss wirklich in die Literatur gehen. Aber Drehbuch oder Fernsehen, überall wo externe Geldgeber hinzu kommen, da kannst du komplett vergessen, dass du dich kreativ austoben wolltest. Da sind zu viele Leute an Board. Aber es macht Spaß, das zu koordinieren und dann doch zu einem gemeinsamen Ding zu kommen. 

Deswegen haben Sie zusammen mit dem Drehbuchschreiber Klaus Döring eine eigene Produktionsfirma gegründet.

So mit fünfzig, da bekam der Autor dann eine kleine Midlife-Crisis. Im Sinne von – wars das jetzt? Steht dann später auf dem Grabstein: Das war der mit Rico und Oskar? Das kann es ja nicht sein! Ich glaube, dass viele Menschen, hauptsächlich Männer, dann denken „Oh Gott oh Gott, ich bin abgehängt, ich muss jetzt noch etwas ganz Tolles machen. Ich kaufe mir einen Sportwagen“. In meinem Fall war es – „Ich mache eine Produktionsfirma auf.“  Deswegen haben wir die Firma gegründet. Dadurch dass wir selbst als Produzenten fungieren, haben wir mehr kreative Kontrolle. Und es läuft richtig super, es sind tolle Sachen in der Mache.

Eines dieser Projekte heißt „Völlig meschugge!?“. Zeitgleich kommen im Frühjahr eine Serie im ZDF und eine Graphic Novel im Carlsen Verlag heraus. Worum geht es in dieser Geschichte?

Das ist die Geschichte von drei Kindern, die seit der Grundschule befreundet sind. Ein Mädchen, ein jüdischer Junge und ein arabischer Junge. Die kommen alle super miteinander aus, bis sich der jüdische Junge outet. Der hat sich vorher nie einen Kopf darum gemacht, was es bedeutet, dass er jüdisch ist. Aber als sein Großvater stirbt, will er sich darüber bewusster werden. Das verkündet er dann seinen beiden Freunden und von dem Moment an ist der Wurm drin. Weil der kleine arabische Junge total angepisst ist, dass er jetzt einen Juden als Freund haben soll. Weil er von zu Hause, speziell über den älteren Bruder, ständig gesagt bekommt, Juden sind scheiße. Das hinterfragt er gar nicht. Das ist ja das Problem bei Rassismus. Der fragt nicht, warum sind die angeblich scheiße, sondern die sind scheiße, weil es von oben diktiert wird. Zudem gibt es an der Schule der Kinder gerade so eine riesige Handy-Diebstahl-Serie und es wird versucht, das auf den jüdischen Jungen abzuwälzen. Das geht dann ganz schnell, dass diese Mobbingwelle hochschwappt, weil einfach Vorurteile rauskommen, derer die Kinder sich nicht einmal bewusst waren. Der Antisemitismus und das Mobbing kommen wirklich von allen Seiten. Völlig unabhängig von der Ethnie oder der Religion.

Thema Antisemitismus – ist es Ihnen wichtig, dass politische Themen in Kinder- und Jugendbüchern behandelt werden?

Ganz eigentlich bin ich jemand, der das nicht gerne macht. Ich als Kind zum Beispiel habe das überhaupt nicht gemocht. Ich mochte keine Texte, die politisch waren oder wo ich das Gefühlt hatte, ich müsste etwas lernen oder soll etwas beigebracht bekommen. Deswegen haben wir hier probiert, das im Prinzip beiläufig zu erzählen. Was wir hier erzählen ist die Krise einer Freundschaft und nicht die Krise des Antisemitismus. 

Das heißt, das Thema wird nicht noch näher erklärt?

Es gab eine Stimme, die hat gesagt, da hätten Sie doch mal an dieser oder jener Stelle erklären können, woher dieser Konflikt kommt zwischen Juden und Arabern. Klar, dachte ich, das bekommen Erwachsene schon nicht auf die Reihe. Aber im Kinderbuch mache ich das mal eben in zwei Sätzen. Das geht so überhaupt nicht. Wo die Ursachen für diese Konflikte sind, das wird auch gar nicht weiter aufgearbeitet. Das müssen dann wirklich interessierte Leser machen. Aber das ist genau das, was ich nicht mag, mich da hinzustellen und zu dozieren: „Jetzt passt mal auf Kinder, jetzt kommt hier jemand der euch erstmal erklärt, wie dieser ganze Konflikt funktioniert!“ Nee, das will ja kein Schwein lesen. Nicht in einem Buch, das man liest, um sich vordergründig zu unterhalten. Ich finde, wer Politik macht, soll ins Sachbuch gehen. Politik kann immer nur, zumindest bei mir, der Auslöser für irgendwas sein.

Wie sind Sie dann zu der Idee gekommen, dieses Thema zu behandeln?

Vor ein paar Jahren haben wir eine Serie gemacht, die hieß „Dschermeni“, eine mehrteilige Produktion über Flüchtlingskinder. Und dann kam der ZDF und meinte, macht doch etwas zum Thema Antisemitismus, das brennt uns auf den Fingern. Das brennt der ganzen Gesellschaft auf den Fingern. Ich dachte, prinzipiell superwichtiges Thema, da bin ich gerne dabei. Aber da muss ich erstmal gucken, ob wir dazu irgendwas auf die Reihe kriegen, was nicht vordergründig politisch ist. 

Und das hat funktioniert?

Schwierig ist natürlich immer, das alles ordentlich abzuwägen. Das ZDF war da unglaublich vorsichtig. Es gab eine jüdische Kulturbeauftragte, es gab eine muslimische Kulturbeauftragte, es gab Beauftragte von allen Seiten, die sich das angeguckt haben. Als Künstler kann ich so etwas überhaupt nicht brauchen. Eigentlich darf Kunst ja auch provozieren. Aber das Thema ist halt so sensibel. Da will man sich irgendwie absichern. Dafür sind die Redaktionen beim Sender ja auch da, unter anderem. Um da korrigierend einzugreifen oder zu sagen, du, das kann man in einen falschen Hals bekommen, wenn wir das so und so machen. Mir sind die oft zu weich, zu ängstlich. Auf der anderen Seite kann ich das aber auch verstehen. Trotzdem muss man so manche Kröte schlucken. Ich wäre da normalerweise etwas härter gewesen. Aber wenn man es härter will, muss man Bücher schreiben. 

Deswegen dann die Graphic Novel?

In der Graphic Novel gab es dann natürlich die Möglichkeit, solche Spitzen, die wir beim ZDF aus der Fernsehfassung rausgenommen haben, wieder reinzubringen oder zu erweitern. Und das hab ich auch gemacht. Jetzt nicht im Sinn von, boah, jetzt setz ich mal einen drauf. Einfach da, wo es sich angeboten hat, die Sprache etwas verschärft. Das war toll!

Wie lief denn die Zusammenarbeit mit der Illustratorin Melanie Garanin?

Ich habe mir das Drehbuch geschnappt und geguckt, wie ich das für ein illustriertes Buch verwenden kann. Wo kann ich neue Sachen reinbringen? Melanie habe ich dann einen großen Plan gemacht für jede Episode. Damit sie beim Zeichnen entsprechend Platz lassen kann, sonst passt nachher so viel Text gar nicht auf das Bild. Sie hat diesen gigantischen Lageplan bekommen und hat sich dann da durchgekeult. Ich weiß nicht, wie sie das gemacht hat, es sind jetzt fast 300 Seiten geworden. Die hat wirklich rangeklotzt wie eine Wahnsinnige. Ich habe dann die Rohfassung von ihr in Schwarz-Weiß bekommen und konnte da noch Anmerkungen zu machen – die ich mir aber immer verkneife. Ich finde, man muss die Leute machen lassen, was sie machen. Und genauso hat Melanie sich nicht in meinen Text reingehängt. Sie hat an ein paar Stellen witzige eigene Ergänzungen gemacht, das war toll. Aber ansonsten hat die mich auch in Ruhe gelassen. Und das lief dann unglaublich gut. 

Sie sind also zufrieden mit der Illustration Ihres Textes?

Das wird echt ne Bombe das Ding. Das wird unglaublich schön. Die atmen so, die Bilder von ihr, da ist so viel Platz, auch für eigene Lesergefühle und Gedanken. Ich glaube, das wird sehr, sehr schön. 

Neben Ihrer Arbeit als Autor und Produzent übersetzten Sie noch oder lesen Hörbücher ein. Wollen Sie weiterhin so viele verschiedene Projekte gleichzeitig machen?

Ich muss so langsam ein bisschen auf die Gesundheit gucken. Das ist zum Teil schon Raubbau, was man da betreibt. Der Kopf macht das immer noch mit, aber der Körper sendet eindeutige Signale – so, jetzt aber nicht mehr. Und das heißt, ich fahre in ein paar Sachen zurück. Sonst lebt man nicht mehr lange. Letztes Jahr war zu viel und daher habe ich mal aussortiert und hoffe, dass ich jetzt in ruhigere Fahrwasser gerate. 

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