Ein Buch zum Erleben

Ein Buch zum Erleben

Eine Rezension von Leandra Müller

cover_einsam„Well fuck you asshole – I’ll set myself free first – the rest can wait“ mit diesen Worten begrüßt Selim Özdogan die Lesenden seines Romans “Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist” und dieser Satz könnte ebenso gut von seiner Hauptfigur stammen, wie von dem Musiker Rodney Orpheus, der sie in die Welt brachte. Alex ist 20, er studiert irgendetwas, er hat schon länger keine Universität mehr von innen gesehen und es ist Sommer. So richtig etwas mit seinem Leben anzufangen weiß er nicht, nur das Motto steht schon fest – No risk no fun! So lange es seine beiden besten Freunde gibt, wird es schon irgendwie schief gehen. Als dann die bezaubernde Esther auftaucht, in die sich Alex verliebt wie noch nie zuvor, ist die Welt ist in Ordnung und könnte nicht besser sein.

Doch jeder ist Hauptdarsteller seines eigenen Films und so muss auch Alex feststellen, dass nicht alle nach seinem Drehbuch spielen, im Gegenteil. Wer hoch hinaus will, steigert die Fallhöhe und auch an seinen Mitstreitern geht das Leben nicht ereignislos vorüber. „Well fuck you asshole“ – so steht Alex der Welt gegenüber und sie zahlt es ihm heim – dennoch ist Özdogan mit diesem Helden ein sympathischer und in jeder Situation autenthischer Charakter gelungen, der einen eindringlich daran erinnert, was es bedeuten kann 20 und verliebt zu sein. In einer Sprache die ebenso rotzig wie poetisch ist und das Erleben zum Genuss macht – Freud und Leid, Risk and Fun. The rest can wait.

Ein Buch zum Staunen

Ein Buch zum Staunen

Eine Rezension von Daniel Roßbach

cover_urpferdEs ist nicht sehr einfach, sich Geschichten vorzustellen, die unterschiedlichere Zeiten, Räume und Menschen auf extravaganteren Wegen und in präziser komponierter Sprache zusammenführen als die in den Kurzgeschichten und Erzählungen des dänischen Arabisten und Journalisten Peter Adolphsen, zuletzt in „Das Herz des Urpferdes“.

Fast noch erstaunlicher als die Geschichten Adolphsens selbst ist dabei, wie plausibel sie trotz ihrer extremen Unwahrscheinlichkeit wirken. Adolphsen erzählt mit höchster Stringenz in einer Prosa, die in manchen Passagen sehr lyrisch, in anderen (natur)wissenschaftlich exakt ist und dabei stets in den Kern des Beschriebenen vorzudringen scheint.

Die Erzählung „Das Herz des Urpferdes“ reicht so in der Tat „ab origine mundi … ad mea …tempora“, umfasst Millionen von Jahren und Kontinente, die nicht einmal existierten, als sie begann. Ein „perpetuum carmen“ ist sie gleichwohl nicht, Adolphsen benötigt nur wenig über 100 Seiten um ein Bild zu konstruieren, das den Leser verstört und zugleich verwundert hinterlässt.

Peter Adolphsen ist mehrfach mit Autoren wie Jorge Luis Borges und Peter Seeberg verglichen worden, ein Vergleich, den Adolphsen nicht benötigt: Er ist eigentümlich genug.

Ein fünfseitige Leseprobe findest Du hier >>>.

Das Phänomen „Twilight“

Seit der Erstveröffentlichung 2005 beherrscht sie die Bestsellerlisten und bringt Teenager weltweit in Wallung: Stephenie Meyers vierbändige Vampirsaga „Twilight“. Über vierzig Millionen Bücher wurden bisher verkauft, allein die kürzlich angelaufene Verfilmung des zweiten Bands „New Moon“ spielte in den ersten Wochen Rekordsummen ein. Der dritte Teil kommt bereits im Sommer 2010 in die Kinos.

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Was macht die Geschichte so erfolgreich? Ich begebe mich auf Spurensuche und lese den ersten Band „Bis(s) zum Morgengrauen“. Um es vorweg zu nehmen: das eingeklammerte „s“ im Titel enthält die gesamte Programmatik. Vampir Edward Cullen verliebt sich in die sterbliche Bella Swan und befindet sich dadurch in einem ständigen Kreislauf aus Blutdurst und Triebkontrolle. Mehr lesen

Das Café Tasso in Friedrichshain

In der Frankfurter Allee 11, nahe dem Frankfurter Tor, findet ihr das Café Tasso, in dem ihr nicht nur Kaffee und Kuchen genießen, sondern auch in Bücherkisten stöbern könnt. Alle Bücher gibt es für einen Euro und in den Kisten und Regalen entdeckt man immer wieder ungewöhnliche und lesenswerte Bücher. Von Montag bis Samstag kann man es sich hier ab halb zehn mit seinen Neuentdeckungen bei einem Kaffee gemütlich machen, sonntags ab zehn Uhr. Außerdem veranstaltet der Besitzer auch Lesungen, Filmabende, Konzerte und Ausstellungen – wann hier was los ist, erfahrt ihr auf www.cafe-tasso.de.

Literatur- und Pianobar Froschkönig in Neukölln

Literatur- und Pianobar Froschkönig in Neukölln

Von Montag bis Samstag kann man in der kleinen Literatur- und Pianobar in der Weise­­straße 17 ab 18 Uhr seinen Kaffee oder sein Bier am knisternden Kamin genießen. Neben Lesungen und der musikalischen Umsetzung literarischer Texte finden hier jeden Mittwoch Stummfilmabende mit Piano­begleitung statt.

Weitere Informationen und das aktuelle Programm findet ihr auf www.froschkoenig-berlin.de.

Ein Buch zum…Erlesen

Ein Buch zum…Erlesen

1445-der-fliegenpalast Von geradezu unauffälliger und stiller Schönheit ist Walter Kappachers neuer Roman „Der Fliegenpalast“. Auf völlig unspektakuläre Weise wird darin von zehn Tagen im Leben des alternden Hugo von Hofmannsthal erzählt. In Bad Fusch im Salzkammergut, dem Ort seiner Kindheit, hat Hugo von Hofmannsthal einige seiner berühmten, schwebend leichten Jugendgedichte geschrieben, nach Bad Fusch kehrte er Jahrzehnte später zurück, in der Hoffnung, sein Drama „Der Turm“ zu vollenden, das ihm nicht von der Hand gehen will. Obwohl dabei nicht viel passiert zieht das Buch tief hinein in die Krise der europäischen Moderne, wie sie sich Hofmannsthal dargestellt haben muss und in der er selber als Künstler sein Ende fand. Dabei bleibt Kappachers Sprache nüchtern, schnörkellos und zuweilen distanziert – und ist dennoch von einer wunderbaren Zartheit, die sich erst bei näherem Hinsehen erschließen mag. „Ein seltenes und großes Glück für die deutsche Literatur“ beglückwünschte die Süddeutsche Zeitung den Träger des Georg-Büchner-Preises 2009. Ein seltenes und großes Glück ist „Der Fliegenpalast“ nicht zuletzt auch für den Leser, der sich darauf einzulassen bereit ist.

Die ersten 18 Seiten des Buches könnt Ihr hier (PDF-Datei) lesen.

To: jonathansafranfoer@imaginarypress.com

To: jonathansafranfoer@imaginarypress.com

eating animals article picDear Jonathan,

I’ve tried, but there really is no other way to say this: what were you thinking?

I was so thrilled to stumble upon your new book “Eating Animals” in the bookstore last week. After all, it has been almost five years since I practically devoured “Extremely Loud and Incredibly Close” and I was so looking forward to what you would come up with next. It took me a mere ten enthusiastic pages to realize that “Eating Animals” was not what I had spent years waiting for. This was not a novel. Worse, it was not even fiction – but a bizarre hybrid of your family’s relationship towards food and “the truth about the food industry” with its shady and inhumane practices. Don’t get me wrong, it is indeed very informative to know that »free range« actually translates into nothing else than the fact that the animal “must have access to the outdoors” and therefore also applies to “a shed containing thirty thousand chickens, with a small door at one end that opens to a five-by-five dirt patch”. I commend you on wanting to unveil the cruelties we subject animals and our planet to (after all, “animal agriculture is the number one cause of climate change”), only to eat what we feel like – whether we need it to survive or not. Though childless myself, I also understand that fatherhood is bound to change your life in numerous ways and reshape the way you eat, think and take responsibility. So I get why you wrote this book, Jonathan. What I have trouble understanding, however, is why you wrote this book. And had it published, too.

Admittedly, as a writer, your abilities to visualize the horrors of animal agriculture exceed the stereotypical, factual documentary by far. But practically anyone could have told us that slaughterhouse workers “have been documented using poles like baseball bats to hit baby turkeys, stomping on chickens to watch them »pop«, and knowingly dismembering fully conscious cattle”. Yes, “eating and storytelling are inseparable”, but that is not a justification for simultaneously writing about your grandmother’s near starvation in World War II and the approximate length of industrial fishing lines.

Jonathan, you are one of the greatest and most talented storytellers of our time. What makes you so exceptional is that you do so in a way that nobody else can. With “Everything is Illuminated”, your very first novel, you wrote one of the most astonishing pieces of fiction I have ever had the chance and great pleasure to read and the beautiful “A Convergence of Birds” you edited at age 24 is still among my most prized possessions. You are so good at your job, Jonathan. And you’re still young, you know. You’re still learning, experimenting, finding yourself as a writer. Which is why I’ve decided not to be too hard on you for this latest work of yours and regard it as a minor glitch in your otherwise small but impressive collection.

In return, I would much appreciate if you considered this small piece of advice: Jonathan, you are a fiction writer. So please, let Michael Moore do his job. And you do yours.

Best regards always,

Anja