#5: Zeigt her eure Bücher! Indiebookday 2017

…und zack ist schon wieder ein Jahr vergangen und wir dürfen unseren Lieblingstag feiern: den Indiebookday! Auch die Litaffin-Redaktion hat sich heute erneut auf die Suche begeben – nach tollen Büchern von noch tolleren Indie-Verlagen. Wir sagen wie jedes Jahr: Herzlichsten Dank, lieber mairisch-Verlag, für diesen grandiosen Tag. Prost!

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Luisa:

Chris Kraus: I Love Dick. Matthes & Seitz Berlin.

„I Love Dick“ erzählt die Geschichte von Chris Kraus – nicht zu verwechseln mit dem Regisseur Chris Kraus des neuen Films „Die Blumen von gestern“, klärt mich Maria aus dem ocelot sofort auf. Die amerikanische Autorin Chris Kraus von „I Love Dick“ ist eine 39-jährige „gescheitere“ Videokünstlerin, die mit Sylvére, einem 56-jährigen College Professor aus New York, zusammenlebt. Als das unglückliche Paar einen Abend mit Sylvéres Freund und Kollegen Dick, einem englischen Kulturkritiker, verbringt, entwickelt Chris eine obsessive Leidenschaft für ihn. Völlig überwältigt von ihren Gefühlen verfasst sie zunächst eine Erzählung über ihre erste Begegnung, die zu einer Reihe von Briefen führt, die sie zunächst mit Sylvére verfasst, jedoch nicht abschickt. Was als ein fanatisches Spiel beginnt, verwandelt sich in eine faszinierende doppelte Selbstanalyse.

Bei diesem Buch handelt es sich um eine Autobiographie, ein Stück Fiktion, eine Reihe von Essays und um ein Werk, durchsetzt mit kritischen Theorien. „I Love Dick“, so wurde mir vorgeschwärmt, ist das Buch über Beziehungen, das jede*r lesen sollte. Chris Kraus‘ autobiographischer Roman wurde 1997 erstmals in den USA veröffentlicht und gilt als einflussreicher feministischer Text und zugleich als Schlüsselwerk bezüglich der Debatte, wo Realität endet und Fiktion beginnt. Unglaublich, dass es so lang gedauert hat, dieses Buch auf Deutsch zu veröffentlichen. Ein großes Lob geht an den Übersetzer Kevin Vennemann für seine herausragende Arbeit. Ich freue mich auf die weitere Lektüre!

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Pjotr Pawlenski, Wladimir Velminski: Gefängnis des Alltäglichen. Matthes & Seitz Berlin

Seit kurzem bin ich großer Fan von der grandiosen Essayreihe Fröhliche Wissenschaft, die von Matthes & Seitz ins Leben gerufen wurde. Seit 2016 verfügt die Reihe auch über eine  Interviewsammlung mit dem russischen Aktionskünstler Pjotr Pawlenski.

Pjotr Pawlenski macht Kunst. Krasse Kunst. Durch seine extremen Aktionen hat er nicht nur viel Aufsehen erregt, sondern wurde durch selbige weltberühmt. Immer wieder griff er mit seinen provokanten Aktionen das russische Regime an, kämpfte gegen den Machtapparat und für die Meinungsfreihet. Er hat sich bereits den Mund zugenäht, sein Ohrläppchen auf einer psychatrischen Klinik abgeschnitten, sich nackt in Stacheldraht eingewickelt und seinen Hodensack auf dem Roten Platz in Moskau festgenagelt. „Gefängnis des Alltäglichen“ vereint verschriftlichte Interviews aus seiner Zeit im Gefängis, die von Anastasia Belyaeva, Ilja Danishevski und Wladimir Velminski geführt wurden. Ich bin gespannt zu erfahren, welche intellektuelle Schärfe hinter seinem Gesamtkonzept steht, und was für ein Mensch dieser Pawlenski nun eigentlich ist.

Ann-Kathrin:

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Michael Weins: Goldener Reiter. mairisch Verlag

Dank dem mairisch Verlag gibt es die Initiative Indiebookday überhaupt. Und neben guten Ideen hat mairisch vor allem tolle Geschichten in hübsch gemachten Büchern zu bieten. Dieses Jahr habe ich mich für den „Goldenen Reiter“ von Michael Weins entschieden. Hinreißend direkt, Satz für Satz einnehmend erzählt der Autor darin die Geschichte von Jonas Fink und seiner Mutter, die ihm plötzlich immer fremder erscheint. Sie verhält sich zusehends auffälliger, führt Selbstgespräche, schminkt sich auffällig; tut Dinge, die Jonas so von ihr nicht gewohnt ist. Als die Verhaltensauffälligkeiten seiner Mutter zunehmend ernster werden, wird sie nach „Ochsenzoll“, einer psychiatrischen Einrichtung in Hamburg, eingewiesen. Somit hat Jonas nun eine „Ochsenzoll-Mutter“ und er ist der „Ochsenzoll-Sohn“. Wie er mit diesem plötzlichen Lebenseinschnitt umgeht, erzählt Weins sehr einfühlsam. Dass die Geschichte im Präsens geschrieben ist, macht es noch einfacher, in sie hineinzusteigen und mit Jonas mit zu laufen, mitzustaunen, mit sprachlos zu sein.
Psychische Erkrankungen sind nach wie vor ein tabuisiertes, gesellschaftliches Thema, das für mich durch diesen Roman erneut ein Stück näher in den Diskurs gerückt ist. Ich bin gespannt, wie „Goldener Reiter“ weitergeht. Die ersten Seiten habe ich jedenfalls gleich heute verschlungen.

Charlotte:

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Axel Hacke: Die Tage, die ich mit Gott verbrachte. Mit Illustrationen von Michael Sowa. Verlag Antje Kunstmann

Eines Tages begegnet der Protagonist dieses kleinen, aber feinen Buches völlig unverhofft Gott. Zumindest behauptet der ältere, leicht melancholische und doch verspielte Herr ebendieser zu sein. Und die merkwürdigen Dinge, die passieren, sobald er auftaucht und die er scheinbar steuert (Schubladen, die aus dem Nichts entstehen und steinerne Löwen, die sich bewegen), deuten auch darauf hin. Doch dieser Gott hängt seine Identität nicht an die große Glocke, nur mit dem Erzähler möchte er unbedingt ins Gespräch kommen. So sprechen die beiden miteinander über das Leben und seinen Sinn, Gottes Frust und die Probleme mit der Schöpfung, seinem großen Lebenswerk. Dieses Großprojekt ist nämlich nicht so gelaufen, wie er sich das gewünscht hat. Also ertränkt er nun seinen Frust im Akohol und sucht Trost bei den Menschen, ebenjenem Teil der Schöpfung, der völlig aus dem Ruder läuft und ihm Kopfschmerzen macht. Wir folgen den Dialogen und Spaziergängen der beiden Männer, die konsequent leicht und kurz gehalten sind, dabei jedoch auf praktisch jeder Seite eine Tiefgründigkeit bieten, die die ganz großen Fragen anstößt. Und auf die eine oder andere sogar eine (manchmal neue) Perspektive für mögliche Antworten bereithält. Vor allem aber lädt dieses Buch zum Glauben und Zweifeln, Lachen und Weinen, Nachdenken und Diskutieren ein. Ein anregendes und oft auch witziges Vergnügen auf gut 100 Seiten, großartig ergänzt durch die schlitzohrigen Illustrationen von Michael Sowa.

Juliane: 

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Ron Winkler (Hg.): Schneegedichte. Schöffling & Co.

Alle sind froh, dass endlich der Frühling kommt, nur ich entscheide mich für einen Gedichtband über Schnee. Tja, das habe ich zunächst auch nicht kommen sehen, als ich im ocelot auf Indiebooksuche ging. Irgendwie hat mir dieses Büchlein sofort gefallen. Ich wünschte, ihr könntet es alle anfassen, es ist so samtig und flauschig! Ein Buch, das sich wie ein kleines Kätzchen anfühlt, musste ich einfach haben. Aber nicht nur das Äußere, sondern auch der Inhalt ist wunderbar. Ron Winkler hat hier Gedichte über das winterliche Weiß aus den letzten hundert Jahren versammelt, von Johannes R. Becher über Paul Celan bis hin zu Nora Bossong. Unglaublich, wie viele Autor*innen sich mit Schnee beschäftigt haben. Mir kommt das gerade recht, denn ich liebe den Winter. Nur hat er mir meistens, wie auch in diesem Jahr, zu wenig Schnee und zu viel Matsch. Also ziehe ich mich jetzt in mein Zimmer zurück, ignoriere kurz die Frühjahrsblüher und zelebriere den Schnee wenigstens auf dem Papier. Bei Versen wie diesen von Andreas Altmann fällt das auch gar nicht schwer: „der Schnee beginnt in den augen, / wenn der wind das licht / laut aus den pappeln treibt.“ Let it snow…now!

Ronja:

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Jiří Mahen: Der Mond. Guggolz-Verlag.

Der Guggolz Verlag widmet sich mit großer Liebe und Hingabe vergessenen Perlen nord- und osteuropäischer Literatur. Nun wurde Jiří Mahens Prosaphantasie „Der Mond“ endlich ins Deutsche übersetzt. Er rettet damit einen Autor vor dem Vergessen – Mahen nahm sich 1939 aufgrund seiner Depression und der bedrückenden Atmosphäre der deutschen Besatzung das Leben. Das Büchlein enthält dreißig dialogförmige Texte, die den verschiedenen Mondphasen zugeordnet sind. Mahen gilt als einer der scharfsinnigsten Autoren tschechischer Literatur, vereint Spott und Poesie, schreibt über Philosophie, Politik, Liebe – alles dabei in dem schmalen Buch. Beim Blättern fiel mir ein Zitat von Antonio Tabucchi ins Auge: „Aber ist es möglich, den Mond nicht zu lieben?“

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Luisa Kaiser

Luisa Kaiser

1988 in Halle/Saale geboren, verbrachte die kommenden Jahre in einem kleinen Ort nebenan als Landei bis es sie zum Studieren nach Dresden verschlug. Nach mehreren Jahren in diesem besinnlichen und behüteten Städtchen lockte dann doch der Ruf der Wildnis. Seit 2014 lebt Luisa in Berlin und studiert 'Angewandte Literaturwissenschaft'. Das Studium macht Spaß, sagt sie, jedoch falle es ihr immer noch schwer, knackige Kurzbiographien zu schreiben.
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