Lina Kokaly

TddL Janesch0034 Die offizielle Jury

Pluspunkte erhält der Autor beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, wenn er Nagetiere, Raumfahrt, Leistungssport oder Stoffservietten in seinem Text vorkommen lässt. Minuspunkte gibt es für Markennamen, Clowns, Hunde, die in der Ferne bellen und eine Waffe, die knapp außerhalb der Reichweite liegt. Das sind allerdings nicht die Kriterien der offiziellen, dieses Jahr unter anderem aus Meike Feßmann, Hubert Winkels und Burkhard Spinnen bestehenden Jury, vielmehr handelt es sich um einen kleinen Auszug der Kriterien für einen alternativen Preis. Die Autoren des Blogs Riesenmaschine vergeben dieses Jahr zum dritten Mal den Automatische Literaturkritikpreis der Riesenmaschine.
Angela Leinen schrieb bei dessen Kriterienliste mit und beschäftigt sich darüber hinaus seit Jahren mit den Texten und Jurydiskussionen des Bachmannwettbewerbs. In ihrem neuen Buch Wie man den Bachmannpreis gewinnt nennt Leinen natürlich keinen todsicheren Weg zum Literaturpreis, sondern filtert vielmehr gängige Mittel und Klischees aus den vergangen Texten heraus und wägt diese ab. So resümiert sie über das Schreiben zum Thema DDR: Der Reiz sei hier, dass das Leben unter politischer Unterdrückung eines der großen Themen ist, aber das Risiko „für Westautoren: Protektionismus. Für Ostautoren: Ostalgie“. (weiterlesen …)

Lina Kokaly

„Ich bin drin. Sie sind draußen. Und Sie wollen rein.“, resümierte Literaturkritiker Gregor Dotzauer vor Kurzem an dieser Stelle über den Literaturbetrieb. Und wie empfinden wir Literaturwissenschaftler unseren Berufseinstieg?

Reich sein – das wollten wir schon als Kinder nicht.
Hauptsache das, was wir später beruflich machen, macht uns glücklich.
Ich träume einen Alptraum. Ich treffe einen Kumpel auf einem Klettergerüst, er isst eine Currywurst und erzählt mir, er hätte nen Job bei dem Magazin bekommen, für das ich hin und wieder schreibe. Ich wurde nicht angefragt. Ich wache schweißgebadet auf und kann nicht mehr einschlafen.
Unser Studium neigt sich dem Ende zu: Im Praxis-Colloquium erklärte uns eine Frau vom Arbeitsamt, wie wir Hartz IV beantragen. Unfassbar: Hallo, Arbeitsmarkt, hier sind wir. Lasst uns ran, wir haben Ideen, wir haben Energie, wir haben Lust, das, was wir gelernt haben umzusetzen. Wir haben mehrere Fächer studiert, gute Noten, jede Menge Praktika absolviert, ein paar Veröffentlichungen, und, hey, gebt es zu, ihr seid alle etwas müde – und die Digitalisierung und Eventisierung einfach ignorieren, das läuft nicht so gut, wie anfangs gedacht. Ihr braucht uns. Hier sind wir.
Und wir erklären zum soundsovielten Mal, dass auch unser Studium etwas wert ist, auch wenn es Bachelor/Master heißt. Mensch, das gibt’s doch nicht erst seit gestern, sondern seit sechs Jahren, fast überall. Dass wir einen praxisnahen Aufbaustudiengang studiert haben und wissen, wie man nen Stift hält und welche Abteilungen zu einem Verlag gehören. Ach, und ich bin so jung, denn mich trieb der Baföganspruch.
Normal ist also ein Volontariat nach dem Studium. Hmh. Ok, scheint zunächst ein Überbleibsel aus der Zeit, in der Geisteswissenschaftler Theorie und Praxis deutlich trennten. Müssen Berufsanfänger denn schon gleich alles können? Aber, wir können es nicht beurteilen und warum auch nicht? Dann sickern die ersten Zahlen durch. (weiterlesen …)

Lina Kokaly

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki wird am 2. Juni 90 Jahre alt

Marcel-Reich-Ranicki-korrigiertDas Publikum lachte verhalten. Es verstand wohl die Tragweite der Worte nicht, die Marcel Reich-Ranicki bei der Verleihung des Fernsehpreises 2008 vom Podium spuckte: „Ich kann nur diesen Gegenstand von mir werfen. Ich kann das nicht annehmen.“ Reich-Ranicki beleidigte die anderen Preisträger des Abends, wollte nicht mit ihnen in einer Reihe stehen, lehnte den Preis für sein Lebenswerk ab und nannte das zuvor Prämierte „Blödsinn“. Thomas Gottschalk eilte auf die Bühne und sagte tatsächlich, nachdem er selbst die Sendung moderiert hatte: „Sie haben wie immer Recht.“ Das Publikum klatschte.
Stimmt man heute Ranicki zu – in welchem Punkt auch immer –, begibt man sich augenblicklich in eine Verteidigungshaltung. Anschließend imitiert mindestens die Hälfte der dabei Anwesenden seinen Akzent. Das kann bekanntlich jeder, jeder kann aber auch in die Ecke scheißen. Und? Macht das irgendwer?
Sich über Reich-Ranicki lustig zu machen, ist ungefähr so ignorant, wie sich über Alice Schwarzer zu amüsieren. Trägt man Reich-Ranicki seine verallgemeinernde Kritik am deutschen Fernsehprogramm nach, sollte dies nur mit gleichzeitiger Nennung seiner einzigartigen Rolle in der Literaturvermittlung einhergehen. Ranickis Polemik rüttelte das eingelullte Galapublikum wach, das soeben die Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ beklatscht hatte. Er hat im Kern recht, mehr auch nicht, aber immerhin. Er äußerte seine Meinung zur Kultur. Sein Leben lang. (weiterlesen …)

Lina Kokaly

Literaturquickie-300x225 Irgendwie hatten alle die gleichen. Über Generationen hinweg. Deswegen eignen sie sich auch so gut zum Partygespräch. Da so kurz, ließen sich Verwandte schneller noch zum Vorlesen überreden und da so leicht, werden sie immer in diesen Netzen an Buggys und Kinderwagen mitgeschleppt. Pixibücher sind eine der erfolgreichsten Marketingstrategien auf dem Buchmarkt. Die überlebensgroße Pixi-Figur in Buchhandlungen trägt eine durchsichtige Schüssel voll von Büchleins, Kind kann von allen Seiten schauen und wühlen. Perfekt. Auch ein “Grabbel- und Mitnahmeprodukt” nennt Verleger Lou A. Probsthayn seine neue Kreation. Er gründete den Literatur Quickie Verlag und gibt Pixis für Erwachsene heraus: Booklits. Man hört es an den Begrifflichkeiten – Probsthayn kommt aus der Werbung. Doch Literaturvermittlung ist ihm schon länger eine Herzensangelegenheit. Gemeinsam mit Freund Gunther Gerlach organisiert er seit Jahren erfolgreich Kurzzeitlesungen in einer Hamburger Bar. Die Booklits sind zwar ebenso kurzweilig, bestechen aber nicht nur durch ihr hübsches Design, sondern liefern anspruchsvolle, nach-hallende Geschichten. Neben den Großen der jungen deutschen Literatur, Juli Zeh und Jasmin Ramadan (“Soul Kitchen”), stehen eher unbekanntere Autoren mit lesenswerten Kurzgeschichten. Die Texte machen Lust auf mehr, sind aber keine bloßen Leseproben, sondern abgeschlossene Erzählungen. Vertrieben über den Buchhandel, trägt sich der Verlag mittlerweile selbst. Ein Zeichen dafür, dass sich Büchermachen, echte aus Papier, noch lohnt.

Eine Liste der bereits erschienen Titel findet sich hier, jedes Booklit kostet 3 Euro.

Lina Kokaly

Bennett-161x300Alan Bennett, das ist der Autor, der auf Fotos immer entweder auf einem Fahrrad sitzt oder ein Schwein an der Leine führt. Und er hat den Bestseller „Die souveräne Leserin“ geschrieben. Einmal ein Foto von ihm gesehen, kommt man nicht umhin, sich das Muttersöhnchen in „Ein Splitter im Zucker“, der ersten Geschichte im neuen Buch, genau so vorzustellen. Fast schon rassistisch, da so typisch britisch. Typisch britisch scheinen alle Figuren in dem nun in Deutschland erscheinenden Geschichtenband „Ein Kräcker unterm Kanapee“. Die Hauptfiguren sind selbstbewusste Frauen. Der Leser liest ihre Monologe, nur ergänzt durch knapp gehaltene Regieanweisungen. Das ist erstmal hochgradig komisch (eine Schauspielerin, die sich nicht scheut, sich auch mal auszuziehen, eine Pfarrersgattin, die wirklich nicht geschickt ist im Arrangieren von Blumen, aber prima Messwein stibitzen kann, und eine Mittesiebzigjährige, die einfach gründlicher putzt, als ihre Haushaltshilfe) und schlägt dann jedes Mal um: Vera lernt im hohen Alter noch einen Kavalier kennen und lässt sich dieses unerwartete Glück bestimmt nicht von ihrem Sohn madig machen, dem dieser Mann nicht ganz koscher ist. Miss Ruddock weiß, was Recht und Unrecht ist und schreibt ihre Beschwerdebriefe und Doris ist eben beim Putzen gestürzt, sie wird es schon wieder auf die Beine schaffen.

Eins ist allen Frauen wichtig, sie wollen keine Hilfe, sie kommen alleine zurecht. Aber die Figuren unterlaufen sich in ihren Gedankengängen selbst, der Leser meint die Damen durchschaut zu haben, über einen Wissensvorsprung zu verfügen und doch liest er lediglich ihre Gedankenströme. Jede der sehr unterhaltsamen sechs Momentaufnahmen verfügt über ihren ganz eigenen Kipppunkt, an dem das überlegene Lachen dem Leser im Hals stecken bleibt und plötzlich das zuvor noch so gönnerhafte Mitleid in wahres umschlägt.

Lina Kokaly

Jetzt haben sie alle mal getanzt und dies nicht nur im sprichwörtlichen Sinne. Die Betriebsnudeln im literarischen Feld auf der Hegemann-Party. Bourdieu beschreibt den Literaturbetrieb als ein Netz, in dem die Akteure um ihre Machtposition ringen. Der Autor ist einer dieser Akteure, aber der kulturbeflissene Zeitungsleser weiß: Nichts läuft heute ohne Agenten, Verleger, Lektoren, Journalisten etc. Und, das ist auch nichts Neues, wird aber ständig als dieses präsentiert, ohne den Leser. Der darf nicht vergessen werden, eigentlich ja auch nicht die weibliche Form des Nomens, aber das mieft nach Patschuli.
Ich habe das nicht ganz verstanden, wo wird jetzt exakt der Leser vergessen? Der Leser sorgte für die Topplatzierung auf der Bestsellerliste und eigentlich liest der größte Anteil der Leserschaft auch kein Feuilleton. Heißt es immer. Habe ich natürlich nur in meinem Bekanntenkreis überprüft. Und das sind auch alles Betriebsnudeln.
Elke Heidenreich tanzt wie keine zweite auf der großen Betriebsparty. Das beweist erneut ihr Artikel in der SZ. (weiterlesen …)

Lina Kokaly

Ein Beitrag von Nora Boeckl und Lina Kokaly

Man möchte meinen, dass nun wirklich alles gesagt ist. Also wirklich alles. Und doch war der Literaturbetrieb gestern noch groß geladen. Helene Hegemann feierte nämlich Geburtstag, ihren achtzehnten. Luftballons, Kuchen, Sushi, Wodka und Zuckerwatte sind zwar für einen Geburtstag schlüssig, erzeugen in dieser Mischung im Technotempel Tresor aber eine ganz eigene Ästhetik. Die Presseveranstaltung als Event. Offiziell Bookrelease, aber das Buch Axolotl Roadkill ist ja schon lange da, deswegen in erster Linie Party. Das ihr gesungene  Happy Birthday dankte die Gastgeberin mit einer kurzen Lesung, dann wurde getanzt, zu sonst für den Club doch recht unüblicher Musik (Madonna! Bee Gees!). Für Veranstaltungen dieser Art ebenfalls ungewöhnlich, war der enorme Andrang vor dem Eingang des Bunkers. Schlange stehen ist man vorm Tresor ja schon gewohnt. Diesmal war es dann aber doch etwas anders. Und nicht nur, weil es so früh am Abend war. Einige fühlten sich deutlich unwohl und scharrten ungeduldig mit den Hufen. Genützt hat das nichts – Gästelisten müssen nun mal ordnungsgemäß abgehakt werden.

Was sonst noch dazu zu sagen wäre? Tolle Party. Aber was bitteschön hat diese Art von Buch-Event eigentlich noch mit (in diesem Fall: guter!) Literatur zu zun?

Lina Kokaly

Literaturkritiker und Alfred-Kerr-Preisträger Gregor Dotzauer zu den Perspektiven des Feuilletons, der Bücher und den Studierenden aus Leidenschaft

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Gregor Dotzauer (© Tagesspiegel)

Rede anlässlich der Immatrikulation der neuen Studienenden und der Verabschiedung des höheren Jahrgangs der Angewandten Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin am 26.10.2009 im Literarischen Colloquium Berlin

Kernaussagen Dotzauers:

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Lina Kokaly

Hustvedt-183x300Als die Romanautorin Siri Hustvedt aufs Podium steigt, um eine Rede zur Ehren ihres verstorbenen Vaters zu halten, beginnt ihr Körper zu zittern. Mit ruhiger Stimme beendet sie ihren Vortrag, während ihr Körper bebt. Auch in Zukunft wird sie Vorträge halten. Bei manchen zittert sie, bei anderen nicht. Die konsultierten Ärzte, Therapeuten und Psychologen können keine eindeutige Diagnose stellen. Es könnte sich um Epilepsie oder gar Hysterie handeln. Hustvedt macht sich selbst auf die Suche nach einer Erklärung. Wie besessen liest sie die großen Psychologen, Poeten mit ähnlichen Leiden und vertieft sich in die Neuropsychatrie. Siri Hustvedt, die Autorin des wunderbaren Was ich liebte, erzählt in ihrem neuen Buch Die zitternde Frau ihre Geschichte und Hustvedt ist eine Geschichtenerzählerin. Denn “wahre Geschichten können nicht vorwärts erzählt werden, nur rückwärts. Wir erfinden sie aus dem Blickwinkel einer ständig sich verändernden Gegenwart und erzählen uns selbst, wie sie sich entwickelt haben.” So erinnert sie sich an einen Autounfall. Sie denkt, während der Rettungssanitäter sie mit einer Rettungsschere befreit, dass dies hier nicht die schlechteste Art zu sterben wäre und dann “ich nahm mir vor, auf alles zu achten, denn falls ich überlebte, würde ich das Material womöglich in einem Roman verwenden können.” Ich empfehle, Die zitternde Frau als Roman zu lesen und die Fußnoten (die auf theoretische Texte verweisen) nicht zu beachten. Ein Roman über eine emanzipierte Frau, die gegen Kontrollverlust ankämpft; die ihren Intellekt einer scheinbar unbezwingbaren Krankheit gegenüberstellt. “Erinnerungen sind veränderlich, aber auch kreativ”.

Kein Artikel über Hustvedt, und so natürlich auch dieser nicht, ohne folgenden Hinweis: Siri Hustvedt ist mit Paul Auster verheiratet.

Hustvedt liest am Montag, den ersten Februar im Babylon.

Die ersten 20 Seiten ihres Romans gibt es hier (PDF-Datei) zu lesen.

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