Learning by doing: Der Berliner Elfenbein Verlag

Ingo Držečnik (l.) mit Autor Ulrich Holbein (r.)Dass es ein mutiges Unterfangen ist, als Student ohne verlegerische Vorkenntnisse, einen eigenen Verlag zu gründen, haben wir gerade erst hier gelesen. Wie es geht, zeigt Ingo Držečnik. Vor fünfzehn Jahren gründete er zusammen mit einem Studienfreund in Heidelberg den Elfenbein Verlag.

Durch die Mitarbeit an der Literaturzeitschrift metamorphosen lernten die Studenten 1995 den Lyriker Andreas Holschuh kennen. Dessen Gedichtsammlung Unterderhand begeisterte sie auf Anhieb und so beschlossen die beiden, Holschuhs Gedichte als Buch zu veröffentlichen. Der Grundstein des Elfenbein Verlags war gelegt und es dauerte nicht lange, da lag auch schon das nächste Manuskript auf ihren Schreibtischen. Das „Projekt Verlag“ wurde zu einem Selbstläufer; das Handwerkszeug haben sich die Verleger im Laufe der Zeiten selbst beigebracht, getreu dem Motto „learning by doing“.

Das Programm des Elfenbein Verlags umfasst klassische und zeitgenössische deutsche und internationale Literatur. Es zeichnet sich vor allem durch zu Unrecht vergessene Autoren aus: 1999 erschien die bibliophil gestaltete zweisprachige Ausgabe von Os Lusíadas – Die Lusiaden von Luís de Camões, einem der bedeutendsten Dichter im Portugal des 16. Jahrhunderts.

Einer der erfolgreichsten Titel des Verlags ist der Berlin-Roman U5, das Litaffin-Interview mit dem Autor Pol Sax könnt ihr euch anhören. Im Jahr 2001 zog der Verlag nach Berlin. Zusätzlich zu dem kleinen Büro, betreibt der Elfenbein Verlag eine kleine Literaturhandlung in der Gaudystraße im Prenzlauer Berg, in der neben den eigenen auch Bücher anderer kleiner Verlage verkauft werden.

Elfenbein Literaturhandlung

Litaffin hat mit Verleger Ingo Držečnik über aktuelle Entwicklungen auf dem Buchmarkt gesprochen.

Litaffin: Wie schätzt du die aktuelle Situation kleiner Verlage ein?

Držečnik: Kleine Verlage arbeiten natürlich mit anderen Maßstäben als große. Für mich ist es schon ein Erfolg, wenn ich 1000 Exemplare eines Titels verkaufen kann. Meistens finanzieren zwei bis drei Titel das gesamte Programm, das aus etwa sechs Titeln im Jahr besteht. Diese Zahlen kann ich natürlich gut überschauen, alle Abläufe kontrollieren, insofern ist ein kleiner Verlag viel weniger krisenanfällig. Die Präsenz in den Feuilletons ist allerdings problematischer, hier verdrängen die großen die kleinen, aber das ist ja bei der Menge an Neuerscheinungen auch verständlich.

Litaffin: Nutzt du Social Media als Plattform für den Verlag?

Držečnik: Ich nutze seit kurzem Facebook, hier gibt es große Resonanz, die Seite des Verlags hat bald über 1000 Fans, sodass ich mit sehr wenig Aufwand viele Menschen erreichen kann, um für neue Bücher und Veranstaltungen zu werben.

Litaffin: Empfindest du eBooks als Gefahr oder Fortschritt?

Držečnik: Ich habe mir ein Lesegerät gekauft, um selbst zu sehen, wie meine Bücher in digitaler Form aussehen könnten und welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Für Lektoren ist das eBook sicher ein großer Fortschritt, sie müssen weniger tragen und schonen gleichzeitig die Umwelt. Auch für wissenschaftliche Fachzeitschriften ist es sehr sinnvoll, Ausgaben zu digitalisieren. Aber ich denke nicht, dass eBooks eine Gefahr für das gedruckte Buch darstellen, es wird immer Menschen geben, die, nicht nur aus haptischen Gründen, einen Roman in gebundener Form bevorzugen.

Litaffin: Du bist nicht nur Verleger, sondern seit ein paar Jahren auch Buchhändler. Wie können kleine Buchhandlungen neben den Buch-Kaufhäusern überleben?

Držečnik: Die Buch-Kaufhäuser müssen ja ständig wachsen und verdrängen dadurch die kleinen Buchhandlungen in ihrer Umgebung. Nicht nur um ihre Umsätze zu steigern, müssen sie fressen, sondern einfach, um in Zukunft zu überleben. Aber der Umsatz pro Quadratmeter Verkaufsfläche sinkt, das ist eine fatale Entwicklung für diese Unternehmen und ihre Mitarbeiter. Man muss sie eigentlich bemitleiden, denn die werden eines Tages wieder sehr schmerzhaft schrumpfen müssen. Ich denke, das Geheimnis einer guten Buchhandlung ist es, sich von den anderen hervorzuheben, sich abzusetzen, anstatt den Buch-Kaufhäusern nachzueifern – das rentiert sich doch nicht. Ein guter Buchhändler sollte vor allem seinem eigenen Geschmack und Gespür folgen und Bücher abseits des Mainstreams auf den Tischen präsentieren. Die Kunden werden das zu schätzen wissen.

Fotos von Susanne Klatt

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Susanne Klatt

Was sie mag: Bücher zum Lachen, Weinen und Nachdenken.
Solche schreibt zum Beispiel: Jonathan Safran Foer.
Interessiert ist sie außerdem an: der Schnittstelle von Literatur und Bildender Kunst.
Sie hätte daher gerne gelebt: im Berlin der Jahrhundertwende.
Weil das nicht geht, will sie später: in einer kulturellen Institution arbeiten.

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