Tauchen im Bongwasser

Nachwendezeit in Mecklenburg-Vorpommern: Hendrik Bolz, eine Hälfte des Hip-Hop-Duos Zugezogen Maskulin, hat seine Jugend in Stralsund aufgearbeitet. Dabei herausgekommen ist ein Buch, von dem einem noch lange nach dem Lesen der Kopf dröhnt.

© Marit Blossey

Die Glatzen und Springerstiefel der 90er werden langsam abgelöst von MTV, Markenjeans und Deutschrap. Trotzdem prägen Gewalt und Perspektivlosigkeit den Stralsunder Stadtteil Knieper West, in dem Hendrik Bolz aufgewachsen ist. Bolz, der ein Jahr vor dem Mauerfall in Leipzig geboren wurde, berichtet schonungslos von diesen Nullerjahren, in denen im Westen längst eine wiedervereinigte Normalität herrscht, die sich im Osten nicht einstellen will.

Ob in der Schule oder im Fußballverein, wer Schwäche zeigt, ist raus. In Hendriks Welt werden auf dem Spielplatz Nasenbeine gebrochen, und Erwachsene lachen Kinder dafür aus, dass sie sich das auch noch haben gefallen lassen. In diesem Buch gibt es erst mal ordentlich auf die Fresse. Der erste Hitlergruß passiert etwa auf Seite drei, denn die Baseballschlägerjahre mögen langsam vorbei sein, doch Nazis gehören weiterhin zum Stadtbild in Knieper West wie die Plattenbauten, in denen Hendrik mit seinen Freunden abhängt.

Gewalt, Drogen, Langeweile

„Nullerjahre“ schwimmt irgendwo zwischen Roman und Autobiografie. Hendrik Bolz nimmt uns mit zurück zum Anfang der 2000er, in sein 12. Lebensjahr, und wir begleiten ihn, bis er vielleicht 17 oder 18 ist. Wir erleben mit ihm seinen ersten Vollrausch, als er bei einem Konzert der Toten Hosen feststellt, wie gut sich Selbstzweifel und Unsicherheit in Bier ertränken lassen. Unglaublich, wie leicht man so alle Probleme beiseite schieben kann! Kein Wunder, dass die Erwachsenen sich das Zeug schon ab mittags täglich reinschütten, das ist ja das reinste Zaubermittel, Verdrängung und Aggressionspotenzial zugleich. 

„Was für ein genialer Zaubertrank, warum bin ich da nicht viel früher drauf gekommen? Angst, Aufregung, Trauer, Langeweile, all dieser kindische Dreck von der gelben Glückswelle WEGGESPÜLT, stattdessen MUTIG, STABIL, SELBSTBEWUSST, meine Laune ist BLENDEND. MEIN SCHÄDEL DRÖHNT, wir leeren Becher um Becher und holen wieder neue.“

Alkohol wird schnell selbstverständlich, bald ist Kiffen interessanter, und auf einmal sind drei Jahre vergangen, in denen Hendrik nicht viel erlebt hat außer das tägliche Eintauchen ins warme Bongwasser, kein Zeitgefühl, tief eingesunken in irgendeine gammlige Couch, den Blick auf den Fernseher gerichtet, Schule egal, Liebeskummer egal, alles egal. Was soll man sonst auch machen den ganzen Tag, hier in Knieper West, wo sowieso gar nichts blüht, nichts passiert, ständig der nächste Konflikt sich anbahnt?

Man fühlt sich dabei immer ganz nah dran an dem 12-Jährigen Hendrik, am 14-Jährigen Hendrik, am 17-Jährigen Hendrik. Bolz’ Erzählweise ist eine unmittelbare, seine Sprache genau die, die zwischen ihm und seinen Freunden damals herrschen musste, derb, aggressiv, immer darauf bedacht, niemals eingeschüchtert zu wirken. Härter, härter, härter. So muss man sein. Das Repetitive, mit dem sich Hendrik immer wieder selbst einhämmert, bloß nicht das letzte Glied der Nahrungskette zu sein, anerkannt zu werden von denen, die älter, stärker, gewaltbereiter sind.

Zwischendurch wird man immer wieder kurz abgeholt, in welchem Jahr der Nullerjahre wir uns gerade befinden. Das geschieht mal durch die Einordnung ins Weltgeschehen, mal durch zahlreiche popkulturelle Referenzen, die eine Art Geländer für die Erzählung bilden. Immer wieder streut Bolz Textzeilen ein; das kann Nelly Furtado sein, die durch die Großraumdisko schallt, Samy Deluxe, Eminem oder die Bloodhound Gang, was auch immer gerade im Hintergrund bei MTV rauf und runter läuft.

Dazwischen zoomt Bolz aber auch immer wieder raus aus der Ich-Perspektive. Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung haben viele Menschen hier die Hoffnung aufgegeben, einen Platz im neuen System zu finden. Und so untermauert Bolz seine Erinnerungen mit ausgiebig recherchierten Fakten zu sozial-politischen Hintergründen, stellt Bezüge her zu Gerhard Schröders Ostpolitik oder dem, was von der Politik und Mentalität der ehemaligen DDR noch geblieben ist.

„Obwohl so viele die Stadt schon verlassen hatten, lag die Arbeitslosenquote in Stralsund zur Jahrtausendwende bei 21 Prozent und damit knapp vor Greifswald, Rostock, Neubrandenburg und allen anderen kreisfreien Städten in MV, das Doppelte des Bundesdurchschnitts.“

Der Sound des Buches wird bestimmt von den Songtextfetzen, die immer wieder auftauchen – natürlich könnte es bei der Quasi-Biografie des Zugezogen Maskulin-Rappers auch kaum anders sein. Hörte man in den 90ern im Viertel noch die Böhsen Onkelz, so übernehmen in den frühen Nullerjahren bei Hendrik und seinen Altersgenossen allmählich andere die Spitze: Die Zeit des Deutschraps hat begonnen, Aggro Berlin, in Hendriks Kopf laufen Bushido und Sido, er kann jede Zeile von „Mein Block“ auswendig. Es gilt so cool zu sein wie die, so hart, die erste Picaldi-Jeans ist wichtig, vielleicht will Hendrik auch irgendwann nach Berlin, in die härteste Stadt Deutschlands. Vielleicht macht er dafür sogar die Schule fertig.

Am Ende hat er es geschafft: Hendrik Bolz lebt inzwischen seit Jahren in Berlin, ist als Rapper erfolgreich, hat eine Distanz geschaffen zwischen seinem heutigen Ich und dem Teenager, der mit Gewalt gegen sich selbst und andere versucht hat, sich zu behaupten. „Nullerjahre“ ist ein erschütterndes Buch, das in seiner Schonungslosigkeit eine Sogwirkung entwickelt, die man gleichzeitig kaum aushält. Das liegt an Bolz’ detaillierten Erinnerungen, an seinem authentischen Ton – und auch daran, dass man beim Lesen immer wieder den Kopf schüttelt darüber, wie wenige dieser Geschichten aus der Realität des „wiedervereinten“ Deutschlands bisher so erzählt wurden.


Hendrik Bolz: Nullerjahre. Kiepenheuer & Witsch, 331 Seiten.

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Marit Blossey

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