Linus Giese: „Ich musste lernen, mich abzugrenzen“

Linus Giese ist Buchblogger, Aktivist und arbeitet als Buchhändler bei She said, Berlins erster queerfeministischer Buchhandlung. Mit seiner Autobiografie „Ich bin Linus“ wurde der 36-Jährige zur Identifikationsfigur für junge trans Männer in Deutschland – eine Rolle, in der er sich nicht immer wohl fühlt.    

© Marit Blossey

Es ist ein sonniger Nachmittag im März, einer der ersten Tage, die schon nach Frühling riechen, aber noch ganz schön kalt sind. Ich treffe Linus vor der Tür von She said auf dem Kottbusser Damm, wo die ersten Mutigen ihre Hafercappuccinos bereits draußen in der Sonne schlürfen. „Glaubst du, ich brauch’ meine Jacke?“, fragt Linus mich unsicher. Wir lassen es drauf ankommen.

Wir spazieren in Richtung Kanal und unterhalten uns über das seltsame Zögern, über andere Dinge zu sprechen als über das, was zur Zeit in der Ukraine passiert. Wie viele andere Menschen mit einer großen Reichweite hat auch Linus sich in den vergangenen Tagen die Frage gestellt, welchen Content er auf seinem Account gerade teilen will. „Mein Account ist ja kein Nachrichtenkanal“, sagt Linus. Trotzdem versucht er, Informationen zur aktuellen Situation zu teilen, die für seine Community wichtig sein könnten. Zum Beispiel, wie man trans Menschen auf der Flucht unterstützen kann.  

„Da war auf einmal ein riesiges Interesse an meiner Person“

Mehr als 20.000 Menschen folgen Linus  mittlerweile auf Instagram. Ein paar Tausend waren es, als er noch hauptsächlich über Bücher schrieb: Auf seinem Buchblog „Buzzaldrins Blog“ rezensierte er Literatur und wurde Teil der damals noch recht kleinen Buchblogger-Szene in Deutschland, fuhr zu den Buchmessen, knüpfte Kontakte. Am Ende seines Germanistikstudium hatte Linus wenig Plan gehabt, was er nun eigentlich damit anfangen wollte. So kam erst das Bloggen, später dann der Quereinstieg als Buchhändler. Dann folgte sein Coming Out als trans Mann. Das war im Herbst 2017.

„Plötzlich wurden bei Instagram und Twitter nicht mehr bloß Menschen auf mich aufmerksam, die sich für Bücher interessieren“, erinnert sich Linus. „Ich war nicht mehr nur der Buchblogger, da war auf einmal ein riesiges Interesse an meiner Person.“ Wie fühlt es sich an, wenn man etwas so Intimes mit der ganzen Welt teilt? „Ich hatte schnell den Eindruck, dass die Menschen sehr viele Fragen haben und es ganz, ganz wenig Wissen darüber gibt, was es bedeutet, trans zu sein“, erinnert sich Linus an die Wochen nach dem Post, in dem er verkündet hatte, dass er ab sofort mit einem neuen Namen angesprochen werden möchte. „Also dachte ich: Mir macht es Spaß, davon zu erzählen, und es stößt bei den Leuten auf Interesse, also warum nehme ich meine Follower nicht ein bisschen mit auf dieser Reise?“

„Plötzlich wurden bei Instagram und Twitter nicht mehr bloß Menschen auf mich aufmerksam, die sich für Bücher interessieren“

Wir legen einen kurzen Stopp bei Brammibal’s Donuts ein, bestellen zwei Kaffee, betrachten die Auslage. Vor zwei Wochen hat Linus ein Foto von sich mit einer großen Donut-Box gepostet, jeder Donut in Form eines Buchstabens: 1 Year No Boobs. Linus’ Mastektomie ist jetzt ein Jahr her, seitdem dürfen seine Follower ihn bei Instagram regelmäßig oberkörperfrei sehen, auch das hat Mut gekostet. Denkt er eigentlich lange darüber nach, bevor er etwas postet? Linus zuckt mit den Schultern: „Ehrlich gesagt, ich poste schon längst nicht mehr das, was ich noch vor drei Jahren gepostet hätte. Oft teile ich etwas lieber nicht, weil ich genau weiß, was danach passieren würde.“

Mit der Aufmerksamkeit in den Sozialen Medien kamen nicht nur wohlwollendes Interesse und bestärkende Worte von anderen Nutzer*innen. Immer wieder bekommt Linus hasserfüllte Nachrichten, Kommentare, ganze Accounts widmen sich der Beschäftigung, seine Seiten mit Beleidigungen und Morddrohungen zu fluten. Es bleibt nicht im Digitalen, schon bald wird daraus eine reale Bedrohung: „Irgendwann bekam ich an meiner alten Arbeitsstelle Post von jemandem, der mich von Twitter kannte“, erzählt Linus.

Sie besuchten die Buchhandlung, in der er damals arbeitete, machten Fotos von ihm, sprachen ihn mit seinem alten Namen an. Am nächsten Tag klebt ein Schild mit seinem alten Namen an seinem Briefkasten. Woher sie seine Adresse kennen, weiß er nicht. 

Einmal steht abends jemand vor seiner Wohnungstür und klingelt. Als er die Polizei anruft, sagen sie ihm, er solle doch mal aufmachen, es könnte ja auch der Pizza-Bote sein. Er zieht um.

Linus sucht sich Unterstützung: Er erstattet Anzeige, startet eine Spendenaktion für die Anwaltskosten. Zwei Jahre lang geht er außerdem zu einer Therapeutin, die sich auf den Umgang mit Hasskommentaren im Internet spezialisiert hat. „Es ist sehr schwer, mit jemandem über diese Dynamiken zu sprechen, der keine Ahnung hat, wie Twitter funktioniert“, erzählt Linus. Die Therapie hilft ihm, damit umzugehen. 

Ein Arbeitsplatz wie eine Bühne

Wir bleiben am Kanal auf einer Mauer sitzen, und hin und wieder bleiben die Blicke der vorbei spazierenden Menschen an uns hängen. Inzwischen wird er öfter auf der Straße erkannt, sagt Linus. So richtig scheint er sich nicht daran gewöhnen zu können. „Als ich mich entschieden habe, online über mein Leben zu sprechen, hab ich wirklich nicht geahnt, dass ich dann der S-Bahn oder auf der Straße erkannt werde, und Leute so viel in mich hinein projizieren“, sagt Linus nachdenklich. 

Im August 2020 erschien sein autobiographischer Roman Ich bin Linus. Ende 2020 begann er, bei She said zu arbeiten. Die Buchhandlung ist die erste in Deutschland, die ausschließlich Literatur von weiblichen und queeren Autor*innen verkauft. In den Regalen stehen Rebecca Solnit, Carmen Maria Machado oder bell hooks, regelmäßig finden hier auch Lesungen von deutschsprachigen und internationalen Autor*innen statt. Weiblich, queer, divers sind die Menschen, die durch den Laden streifen und oft sogar davor Schlange stehen; das Team ist es ebenfalls. Oft stehen erwachsene Menschen vor den Kinderbüchern und sagen Sätze wie: „Wenn es solche Bücher schon in meiner Kindheit gegeben hätte, dann hätte mein Leben vielleicht ganz anders aussehen können.“ She said ist nicht nur ein Geschäft, es ist ein Treffpunkt für die Community geworden, und eine Anlaufstelle für Interessierte – an der Literatur, an der LGBTQIA+-Szene, an Linus.

Oft stehen erwachsene Menschen vor den Kinderbüchern und sagen Sätze wie: „Wenn es solche Bücher schon in meiner Kindheit gegeben hätte, dann hätte mein Leben vielleicht ganz anders aussehen können.“

Oft fühlt sich der Arbeitsplatz für ihn an wie eine Bühne: Jederzeit können Menschen den Laden betreten und Linus in Anspruch nehmen, und das nicht nur in seiner Rolle als Buchhändler, sondern auch als jemand, dessen Buch sie gelesen haben und mit dessen Geschichte sie sich vielleicht identifizieren. „Durch die Arbeit im Buchladen bin ich so verfügbar für Leute. Wenn ich in einem Büro sitzen würde, könnte ja niemand kommen und mich einfach ansprechen“, erzählt Linus nachdenklich. „Bei meinen eigenen Lesungen zum Beispiel ist das für mich etwas anderes, da bin ich in meiner Rolle als Autor oder Aktivist oder was auch immer, und dann nehme ich mir die Zeit auch wahnsinnig gerne, mit den Leuten zu sprechen.“ Dieser öffentliche Arbeitsplatz aber ist etwas, mit dem er manchmal hadert: „Das ist auf der einen Seite schön, und bisher waren nur nette Leute da, aber die kommen ja auch mit einer gewissen Erwartungshaltung und wollen mit mir sprechen. Und machmal frage ich mich: Will ich das noch?“, gibt er zu.

„Ich bin kein Therapeut“

Manchmal reisen Menschen extra aus anderen Städten an, um mit ihm zu sprechen, erzählt Linus, und an seinem Ton ist nicht klar erkennbar, ob er das rührend oder vor allem unheimlich findet. Es kommt vor, dass 16-Jährige im Laden vorbeikommen, die sein Buch gelesen haben und ihn kennenlernen möchten, und wenn es möglich ist, nimmt sich Linus ein bisschen Zeit, mit ihnen einen Kaffee zu trinken. Es passiert aber auch, dass er von diesen Jugendlichen später bei Instagram Nachrichten bekommt, in denen sie ihm ihr Herz ausschütten, ihm von Missbrauchserfahrungen erzählen, ihn um Hilfe bitten. „Ich musste wirklich lernen, mich da krass abzugrenzen“, sagt Linus und schüttelt den Kopf. „Ich bin kein Therapeut. Wenn jemand professionelle Hilfe braucht, ist das nichts, was ich geben kann.“ 

Aber hat er sein Buch nicht vielleicht auch gerade aus diesem Grund geschrieben: um anderen Hilfe und Unterstützung zu geben? „Mein Ziel war immer, Menschen eine Perspektive zu geben“, erklärt Linus. Als er sich die Frage stellte, wer das Zielpublikum seines Buches sein sollte, war für ihn schnell klar, dass er nicht nur ein Buch schreiben wollte, sondern auch für Menschen, die noch nie Berührungspunkte mit dem Thema hatten. Es sollte eine Mischung werden: Ein Buch, das Menschen helfen kann, die selbst auf einem ähnlichen Weg sind, aber eben auch ein Buch, das Verständnis schaffen kann bei denjenigen, die noch nie damit in Kontakt gekommen sind. 

Eine Rolle, in der er sich trotzdem nicht gerne wiederfindet: „Ich habe keine Freude daran, Eltern von trans Kindern zu erklären, dass das nichts Schlimmes ist und sie keine Angst haben müssen“, schüttelt er den Kopf und wirkt plötzlich sehr entschlossen. „Sorry, dafür bin ich einfach der Falsche.“ Auch das kommt vor: Vor Kurzem war eine Mutter im Laden und bat um Beratung, denn ihre Tochter habe sich geoutet und möchte jetzt ein „er“ sein. „Da bin ich innerlich leider schnell auf 180 und muss mich bemühen, freundlich zu bleiben. Das ist natürlich auch unfair der Person gegenüber, die ja wirklich nach Hilfe sucht“, gibt Linus zu, „aber vielleicht müssen das eher andere Eltern machen.“

„Klar, Coming-Out-Storys sind empowerend – aber ich glaube, andere Perspektiven könnten es auch sein.“

Situationen wie diese zeigen, wie viel Aufklärungsbedarf es noch immer zu diesen Themen gibt, und wie groß der Mangel an Identifikationspersonen für junge trans Menschen ist. Linus fängt auf, dass Menschen versuchen, sich irgendwo wieder zu finden, und sich mit ihren Fragen und ihrer Unsicherheit an ihn wenden. Wenn es mehr Bücher von trans Menschen geben würde, würde das nicht alles auf seinen Schultern lasten, ist Linus sicher: „Gerade für trans Männer gibt es einfach noch nicht so viel, vor allem nicht auf Deutsch. Es wird gerade ein bisschen mehr, aber ist echt noch überschaubar.“ 

Er selbst wird vielleicht noch ein weiteres Buch schreiben – aber erst in ein paar Jahren, sagt er. Es ist ein Phänomen, dass Medien sich oft für trans Menschen an dem Punkt interessieren, an dem sie gerade erst ihr Coming Out haben und deshalb selbst vielleicht noch gar nicht so gefestigt in ihrer Identität sind. Schon heute würde er ein ganz anderes Buch schreiben als vor zwei Jahren, glaubt Linus. „Ich fänd es total schön und erleichternd, mal von trans Menschen zu lesen, die alt geworden sind und auf ihr Leben zurückblicken“, sagt er. „Klar, Coming-Out-Storys sind empowerend – aber ich glaube, andere Perspektiven könnten es auch sein.“ Er selbst könnte sich vorstellen, irgendwann mal darüber zu schreiben, dass auch trans Menschen glückliche Beziehungen führen können – ein Thema, das er in der Literatur bisher für sehr unterrepräsentiert hält. „Früher habe ich immer gedacht, dass ich als trans Mann besonders kompliziert oder schwer zu lieben bin“, sagt er. „Darüber würde ich gern schreiben.“ Vielleicht wird es aber auch ein Kinderbuch. 

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Marit Blossey

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