Rattenlinien in den Regenwald

In ihrem Sachbuch über die Familie Ertl, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in Richtung Südamerika verließ, taucht Karin Harrasser ein in den dunklen Sumpf aus entflohenen Nazis im Dschungel und rechten Netzwerken kreuz und quer über den Atlantik. Entstanden ist ein atemberaubendes, lesenswertes Buch.

© Steffen Bach

Der Begriff der Rattenlinien dürfte den meisten aufmerksamen Zeitgenoss*innen schon einmal untergekommen sein – er bezeichnet jene Fluchtrouten, über die hochrangige Funktionäre des NS-Regimes nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Südamerika entkamen. Unterstützt durch Teile der katholischen Kirche war besonders Argentinien als Fluchtziel beliebt, aber auch in anderen Ländern des Kontinents siedelten sich die entkommenen Faschisten an. In ihrer neuen Heimat konnten sie dann teils steile Karrieren in Wirtschaft und Politik hinlegen.

So weit, so bekannt. Wie umfassend und lebendig die Netzwerke von ehemaligen Nazi-Größen in Südamerika aber ausfielen, die nach wie vor auch aktive Kontakte zu alten Kameraden in Europa pflegten, das ist bislang in der deutschen Öffentlichkeit weit weniger umfassend beleuchtet worden. Unter fleißiger Mithilfe von rechten Diktatoren und westlichen Geheimdiensten konnte rechtsradikales Gedankengut Made in Germany auch in Südamerika Fuß fassen – und die Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs entscheidend prägen.

Kameramann der Wahl für Riefenstahl und Rommel

Genau hier setzt Karin Harrassers Surazo. Monika und Hans Ertl: Eine deutsche Geschichte in Bolivien an. Mit Fokus auf das Vater-Tochter-Paar verfolgt die Autorin die vielfältigen Nachwirkungen, die die NS-deutsche Emigration auf die politische Landschaft Südamerikas nach 1945 genommen hat. Dabei bereitet Harrasser vor allem die verstörenden wie beeindruckenden Schicksale von Vater Hans sowie Tochter Monika Ertl auf, die heutzutage in Deutschland größtenteils in Vergessenheit geraten sind.

Zunächst nimmt Karin Harrasser den Bergsteiger und Kameramann Hans Ertl in den Blick, der in den 1930er Jahren als wagemutiger Alpinist und Mitarbeiter in Filmproduktionen von Leni Riefenstahl Karriere machte. Ertl avancierte während des Krieges zum favorisierten Kameramann von Generalfeldmarschall Erwin Rommel und pflegte auch sonst eine enge Verbindung zum NS-Kulturbetrieb, auch wenn er selbst nicht in der Partei oder in anderen NS-Organisationen aktiv war.

Auch wenn Hans Ertl nach dem Krieg nur als Mitläufer eingestuft wurde und nicht fliehen musste, gelang es ihm nicht seine Karriere in der jungen Bundesrepublik fortzusetzen, wohl auch wegen fehlender (ostentativer) Distanzierung von seinen Erfolgen im NS-Staat. Frustriert wanderte Ertl Anfang der 1950er Jahre dann doch nach Südamerika aus, das er schon Ende der 30er Jahre bei Dreharbeiten für einen NS-finanzierten Spielfilm bereist hatte. Mitsamt Frau und drei Töchtern ließ sich Ertl in Bolivien nieder, in dem er bis zu seinem Tod bleiben sollte.

Deutsche Verbindlichkeit im bolivianischen Tiefland

Hans Ertl fand im Bolivien der Nachkriegszeit eine lebendige deutsche Oberschicht vor, in die er sich schnell integrierte. „Altdeutsche“, also Nachfahren von Auswander*innen des 19. Jahrhunderts, gehörten hier ebenso dazu wie entkommene Jüd*innen, die in den 30er Jahren Schutz vor der Verfolgung in Deutschland suchten – und eben neu dazugekommene (Alt-)Nazis. Anhand von Hans Ertls Verwicklungen mit diesen unterschiedlichen Gruppen, die doch alle in der deutschen „Community“ eng miteinander im Verhältnis standen, zeigt Karin Harrasser den vielfältigen Einfluss auf, den deutsche Auswanderer auf die Politik und die Zivilgesellschaft Boliviens wie anderer südamerikanischer Staaten nahmen.

So vermittelte Hans Ertl etwa dem gerade neu in Bolivien angekommenen Klaus Altmann Anfang der 50er Jahre eine Stelle in einem Sägewerk – angeblich ohne zu wissen, dass es sich bei diesem in Wahrheit um den gesuchten Kriegsverbrecher und „Schlächter von Lyon“ Klaus Barbie handelte.

Ebenso freundete sich Ertl im Laufe der Zeit mit seinem deutschstämmigen Nachbarn im bewaldeten Tiefland Boliviens, einem gewissen Hugo Banzer, an. Dieser Hugo Banzer Suárez, General von Beruf, putschte sich Anfang der 1970er Jahre an die Macht und ließ politische Gegner mittels Folter, Erschießungen und „Verschwindenlassen“ bekämpfen. Beraten wurde Banzer dabei, passenderweise, vom ehemaligen Gestapo-Mann Klaus Barbie, der so seine Folterkenntnisse aus Europa gewinnbringend weitergeben konnte.

Guerillera aus gutem Hause

All diese und noch weitere Zusammenhänge zeichnet Karin Harrasser mit einer Konsequenz und Genauigkeit nach, dass einem der Atem stockt. Besonders spannend und emotional ambivalent wird die Geschichte der Familie Ertl, wenn Hans‘ mittlerweile erwachsene Tochter Monika in den 60er Jahren die Bildfläche betritt.

Monika Ertl, die nach ihrer Heirat mit einem deutschstämmigen Bergbauingenieur eigentlich ein ruhiges Leben in der bolivianischen Oberschicht führen könnte, politisiert sich im Laufe der 60er mehr und mehr, vor allem angesichts ausbeuterischer Zustände in den Bergwerken, die sie dank dem Beruf ihres Mannes oft besucht. Dieser Weg führt Monika Ertl von der Gründung einer Hilfsorganisation für indigene Frauen bis zum Einstieg in die linke Guerilla Ejército de Liberación Nacional (ELN), die Anfang der 70er ausgerechnet die Militärregierung unter Banzer mit Waffengewalt bekämpft – die Regierung des Nachbarn und Freundes ihres Vaters Hans also.

Liest man diese Verknüpfungen und Querverbindungen, in die Harrasser Seite für Seite tiefer hinabsteigt, kann es einem mitunter schwindlig werden. Gut gewählt ist dabei Karin Harrassers Erzählweise des komplexen Stoffes, die an den New Journalism erinnert. So macht die Kulturwissenschaftlerin immer wieder ihre eigene, subjektive Sichtweise auf die Zusammenhänge explizit und thematisiert auch die Schwierigkeiten, so schillernden Personen wie Hans und Monika Ertl über die Jahrzehnte hinweg und bei spärlicher Quellenlage näher zu kommen.

Langsames Herantasten an ambivalente Persönlichkeiten

Als passend zum Stoff erweist sich auch die Struktur des Buches. Karin Harrasser schreibt fragmentarisch, springt in kurzen Kapiteln immer wieder in den Zeitebenen hin und her. Einmal geht es um Hans Ertls Tätigkeit als Filmer und Frontfotograf im Dritten Reich, dann um seine Ankunft in Südamerika, das komplizierte Verhältnis zur erwachsenen Monika sowie um deren Entwicklung von der angepassten Bürgertochter zur linksradikalen Guerillera und Rächerin an den Mördern Che Guevaras.

Diese Sprünge machen es mitunter schwer zu folgen, denn auch die Perspektiven wechseln immer wieder, mal verfolgt man die Autorin aus ihrer subjektiven Sicht bei Recherchereisen durch Südamerika, dann wiederum zitiert sie Berichte von Zeitzeugen oder bringt ihre Vorstellung von dem, was in den Leerstellen der historischen Dokumente passiert sein könnte, zu Papier.

Das alles erfordert eine*n aufmerksame*n Leser*in, der*die konzentriert bleibt und die Zeitebenen ebenso wie die Perspektiven einzuordnen weiß. Es ist aber auch eine Herangehensweise, die besonders gut geeignet ist, die verworrenen Verhältnisse der alten und neuen deutschen Einwander*innen im Bolivien nach dem Zweiten Weltkrieg sichtbar zu machen, sowie die schwierige Quellensuche und das langsame Herantasten an die komplexen Persönlichkeiten Hans und Monika Ertls durch die Autorin zu thematisieren.

Bei diesem positiven Gesamteindruck des Buches fallen nur wenige Aspekte negativ ins Gewicht – so versteigt sich Karin Harrasser manchmal in Deutungen, die etwas weit hergeholt wirken, etwa wenn sie autobiografische Aufzeichnungen von Hans Ertl psychoanalytisch als verdrängte Schuld ob der Kollaboration mit dem Nazi-Regime auslegt. Solche Abschnitte lassen den*die Leser*in etwas ratlos zurück. Ebenso stören manche Ungenauigkeiten bei der Wiedergabe von spanischen Zitaten und Eigennamen, hier hätte ein weiterer Korrekturlauf dem Buch gut getan.

Alles in allem handelt es sich bei Surazo. Monika und Hans Ertl: Eine deutsche Geschichte in Bolivien aber trotz dieser kleinen Kritikpunkte um ein lohnenswertes Leseabenteuer, das ein wenig beleuchtetes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte erhellt und ebenso hilft, die politische Geschichte großer Teile Südamerikas bis in die heutige Zeit hinein besser zu verstehen.

Karin Harrasser – Surazo. Monika und Hans Ertl: Eine deutsche Geschichte in Bolivien, 270 Seiten, Hardcover gebunden, Matthes & Seitz Berlin 2022, 26,- EUR.

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