Eine amerikanische Raststätte in der Abenddämmerung.

Raststätte – Ein Essay

Die Autobahnraststätte als mythischer Ort? Unser Autor macht sich auf eine Spurensuche zwischen Zweidorfer Holz Nord und Wetterau West.

© Steffen Bach

Manchmal steige ich ins Auto, fahre auf der Wisbyer Straße, Bornholmer Straße, Osloer Straße nach Westen, bis zur Auffahrt auf die A100, immer weiter. Autobahnverkehr, stockend und anstrengend im Berliner Stadtgebiet, ein Sprinter überholt von rechts, drei Harley-Fahrer blockieren mit bollerndem Motor und viel zu langsam die linke Spur, keiner traut sich zu hupen. Autos mit Kennzeichen aus Esslingen oder Idar-Oberstein ziehen kurz vor der Abfahrt Messedamm/ICC von ganz links rüber, weil sie nicht aufmerksam genug aufs Navi geguckt haben. Ab der AVUS wird es dann ruhiger, rechts und links zieht der Grunewald vorbei, manchmal überholt man eine S-Bahn. Dann weiter nach Brandenburg, südlich an Babelsberg vorbei, am Dreieck Werder auf die A2. Die ist sonst immer voll mit osteuropäischen LKWs, die die großen Überseehäfen in den Niederlanden und Belgien ansteuern. Heute ist aber zum Glück nicht allzu viel los. Der Verkehr fließt ruhig dahin.

Kindheitserinnerungen vom Rücksitz aus

Als Kind sind wir immer mit dem Auto in den Urlaub gefahren. Den gab es mindestens zweimal jährlich, Sommer und Herbst, manchmal auch Ostern dazu. Der typische Rhythmus einer deutschen Mittelschichtsfamilie, wahrscheinlich. Vater, Mutter und drei Kinder, auf in den wohlverdienten – beziehungsweise für uns Kinder als selbstverständlich hingenommenen – Erholungsurlaub.

Zu Ostern und im Herbst ging es nach Deutschland, für nur eine Woche lohnte sich eine lange Reise nicht. Ostfriesische Inseln, Rügen, Fischland-Darß-Zingst, aber auch Pfalz, Mosel oder ins Allgäu. Im Sommer dann raus in die große weite Welt: Klitmøller in Jütland, Pornic in der Bretagne, ein oder zweimal sogar richtig in den Süden, bis nach Orange in der Provence, zu Lavendelfeldern und römischen Ruinen. Viel exotischer als die westeuropäischen Nachbarländer wurde es aber nie, meinen Eltern steckte die Angst vor der Welt hinterm Eisernen Vorhang auch nach dessen Fall wohl noch zu tief in den Knochen, als dass Badeurlaub an der Ostsee in Polen oder Bergwandern in Slowenien in Frage gekommen wären.

Auch nicht in Frage kam ein anderes Fortbewegungsmittel als das Auto. Man hätte auch mal fliegen können, Klassenkamerad:innen taten das, nach Fuerteventura und Lanzarote, und manche auch nach Ägypten, wo sie im Kiddie Club des Familienhotels am Roten Meer Choreografien zu aktuellen Pop-Hits lernten, die sie dann den neidischen Mitschüler:innen zu Schulbeginn in der großen Pause vorführten. In Dänemark und Frankreich lernte ich keine Choreografien. Es war trotzdem meistens schön da.

Lieber Burger King als Mortadella

Warum meine Eltern nur Auto fahren wollten, weiß ich nicht, vielleicht aus Sparsamkeit, vielleicht, weil kein größerer Flughafen in der Nähe unseres Wohnortes lag. Diese ewig langen Urlaubsfahrten auf europäischen Autobahnen, Motorvejen und Autoroutes sind jedenfalls wahrscheinlich der Grund dafür, dass mich auf der A2 oder anderswo im Autobahnnetz manchmal ein seltsames Gefühl überkommt, irgendwo zwischen Nostalgie, Wohligkeit und staubiger, kleinfamiliärer Enge.

Ganz besonders faszinierten mich als Kind immer die Autobahnraststätten, an denen wir nur selten anhielten. Meine Eltern, oder genauer gesagt meine Mutter hatte fast immer vor der Fahrt Brote geschmiert, für sich selbst und meinen Vater Kaffee in Thermoskannen gefüllt, Obst und Gemüse kleingeschnitten und in Tupperdosen verstaut. Das Urlaubsbudget sollte nicht der – laut meinem Vater – überteuerten Straßenrandgastronomie in den Rachen geworfen werden müssen. Und außerdem konnten so auch die quengelnden Kinder besser ruhiggestellt werden, die ab Kilometer 30 anfangen durften, an Möhren und Gurkenschnitzen zu lutschen und den Mund dann nicht mehr freihatten für nervtötende Fragen.

Ich wollte lieber zu McDonalds, oder Burger King, oder von mir aus auch einfach ein Brötchen aus der Kühlvitrine im Tankstellenshop. All das hatte so viel mehr Sex-Appeal als das Graubrot mit Mortadella, das schon etwas labbrig geworden war durch den stundenlangen Arrest im Tupper-Verlies. Auch heute noch kaufe ich mir bei Stopps an der Autobahn gerne irgendeinen Fast Food-Snack oder zumindest einen Kaffee, auch wenn die Preise wirklich ordentlich zulangen, und das Essen auch nie besonders gut schmeckt.

Ist das nur die bekannte Überkompensation, „was ich als Kind nicht durfte, mache ich jetzt doppelt“? Oder liegt es auch an dem Flair, den die Raststätte immer noch für mich hat? Immer noch spüre ich beim Gedanken an sie einen Hauch von Gegen-Ort, abseits der Normalität und des Alltäglichen. An dieser Gegenwelt will ich teilhaben, indem ich anhalte, aussteige, etwas kaufe, und auf der Asphaltfläche neben dem Auto meinen Kaffee trinke, umgeben von Verkehr auf der einen Seite und Pflanzendickicht auf der anderen. Aber woher kommt dieses Gefühl, außerhalb des Alltäglichen zu sein?

Privatisierung jenseits der Leitplanke

An den harten Fakten kann es jedenfalls nicht liegen. Die deutsche Autobahnraststätte ist ein hart umkämpftes Wirtschaftsfeld, an Romantik und Anarchie ist da nicht viel zu holen. Bis in die 1990er Jahre gehörten alle Rastanlagen dem Bund, der ja auch für die Autobahnen zuständig ist. 1998 wurde dann, ganz im neoliberalen Zeitgeist der Dekade, privatisiert: Die Tank & Rast GmbH ging für 1,2 Milliarden DM an private Investoren. Heute sind die Versicherungen Allianz und Munich Re, ein Staatsfonds aus Abu Dhabi sowie ein kanadischer Infrastrukturfonds die Eigentümer:innen. 2015 belief sich der Wert des Unternehmens auf stolze 3,5 Milliarden Euro. Betrieben werden die Raststätten durch private Franchisenehmer:innen, die offenbar gar nicht anders können, als Mondpreise zu verlangen, so hoch seien die Lizenzgebühren des Mutterkonzerns. Eher kapitalistische Realität also als verwunschener Rastplatz vom Alltag.

Aber das Gefühl ist trotzdem da, kümmert sich nicht um die Fakten. Vielleicht, weil man rumlaufen darf auf dem Raststättengelände, auf den breiten Asphaltstreifen, nur ein paar Dutzend Meter entfernt von der absoluten Todeszone für Fußgänger:innen, wo mehrtonnige Stahlgeschosse auf sechs Spuren aneinander vorbeirasen. Ein seltsamer Platz ist das in jedem Fall, nur zugänglich vom Triumphort der Automobilität aus, auf allen anderen Seiten umschlossen von dichter Natur, Bäumen, Büschen und Unterholz.

Ein bisschen ist es eine Zeitblase, denn gefühlt hat sich wenig verändert in den mehr als zwei Jahrzehnten, in denen ich bewusst Autobahnraststätten besuche. Wobei auch dieses Gefühl des Stillstands dem Faktencheck nicht wirklich stand hält: 1998 waren die Toiletten noch deutlich dreckiger, dafür kostenlos. Kaffee gab es nicht aus der Siebträgermaschine, sondern aus dem Filter. Und in meiner Erinnerung saßen auch deutlich mehr Familien auf den Tisch-Bank-Konstruktionen, um ihr mitgebrachtes Picknick zu verzehren. Heute sehe ich sie nur noch vereinzelt, an den meisten dieser Rastplatz-Design-Ikonen sitzen Trucker:innen, rauchen oder spielen am Handy.

Rasten ist doch sowas von gestern

Vielleicht fühlt sich der Aufenthalt auf der Autobahnraststätte auch einfach melancholisch, gegen-zeitlich an, weil ihr Konzept ein Auslaufmodell ist. Längere Strecken, auch innerhalb Deutschlands, fliegen viele mittlerweile lieber, als ewig auf der Autobahn zu brausen. Und auch das ICE-Netz ist, allen Unkenrufen zum Trotz, besser ausgebaut und komfortabler als in den 90ern. Wenn Elon Musk sich durchsetzt und in zehn Jahren die meisten Autos teil- bis vollautonom ans Ziel gelangen, braucht der:die entspannte Fahrer:in schon gar nicht mehr in Zweidorfer Holz Nord oder Wetterau West anhalten, um die steifen Beine auszustrecken. Stattdessen legt man sich einfach ins Auto und verschläft die Stunden bis zur Ankunft am gewünschten Zielort.

Schon das Wort Raststätte klingt altertümlich: die Stätte, an der man eine Rast einlegt. Das Grimm’sche Wörterbuch hat dazu zu berichten:

rast, f. quies, requies. 1) mit dem worte, das […] gemeingermanisch ist, bezeichnete unser alterthum nach seinen frühesten zeugnissen eine bestimmte wegstrecke: das einmal Matth. 5, 41 vorkommende rasta übersetzt griech. μίλιον, altnord. röst hat auszer der bedeutung der strecke auch die eines längenmaszes (Möbius altn. gloss. 350), für das ahd. rasta wird (vgl. Graff 2, 551. Schm. 2, 159 Fromm.) die länge von etwa drei wegstunden angenommen […].[1]

Rast stand also sowohl für das Ausruhen selbst als auch für die Strecke, die in der Zeit zwischen den Ruhepausen zurückgelegt werden konnte. Damals wurde den gemeingermanischen Reittieren alle drei Stunden eine Pause für Ruhe und Fütterung gegönnt. Heutige LKW-Fahrer:innen müssen viereinhalb Stunden durchhalten – erst dann stehen ihnen 45 Minuten zu, „in de[nen] der Fahrer keine Fahrtätigkeit ausüben und keine anderen Arbeiten ausführen darf und d[ie] ausschließlich zur Erholung genutzt w[erden].“[2] Zugegebenermaßen müssen heutige Trucker:innen auch nicht alle Waren mit eigener Kraft durch die Landschaft schleppen; ob das stundenlange Kutschieren auf Europas Hauptverkehrsadern deshalb anderthalb mal leichter ist als das Los der germanischen Pferde und Ochsen, bleibt trotzdem schwer zu beantworten.

Die kapitalistisch-liberale Beschleunigungsspirale

Wird heute weniger gerastet als zu germanischen Zeiten? Oder, weil das doch schon etwas arg lang her ist, jedenfalls weniger als vor vierzig, fünfzig, vor hundert Jahren? In seiner wissenschaftlichen Arbeit beschäftigt sich der Soziologe Hartmut Rosa mit genau dieser Frage: beschleunigt sich unser Leben mehr und mehr und werden wir dadurch rastloser? Im Interview mit dem Goethe-Institut sagt Rosa, dass diese Beschleunigung nicht nur im Gefühl vieler Menschen existiere, sondern ganz reale Gründe habe – unser gesamtes, kapitalistisch-liberales Gesellschafts- und Wirtschaftssystem sei auf einen stetigen Zuwachs an Dynamik, Optionen und Bewegung ausgerichtet. Da die Ursachen für die Beschleunigung strukturelle und kulturelle seien, reiche es also nicht, als Individuum einfach mal etwas langsamer zu machen. Stattdessen fordert der Soziologe eine Neugestaltung des Wirtschafts- und des Sozialsystems, um die menschliche Psyche nicht mit immer mehr Optionen und immer mehr Dynamik zu überfordern. Ohne solche tiefgreifenden Reformen drehe sich die Beschleunigungsspirale immer weiter.[3] So weit, so düster die Prognose für die vor uns liegenden Jahrzehnte.

Wenn Hartmut Rosa mit seinen Thesen recht hat, mag die Raststätte ein aussterbendes Konzept sein – vielleicht aber eines, das wir (die Gesellschaft, die Menschen, die Welt…) umso dringender wieder gebrauchen könnten. Gemeinplätze kommen einem in den Sinn, aus Uni-Seminaren zum produktiven Lernen: Richtig lernen kann man nur, wenn ausreichend Pausen eingelegt werden, in denen das Gehirn neue Verbindungen anlegen kann. Oder die Grundregeln, die meine Trainerin mir während meines einen Sommers im Fitnessstudio einbläute: Muskeln wachsen nicht beim Training, sondern in den Trainingspausen. Wer also einen definierten Bizeps will, muss auch Zeit für den Cooldown mit Proteinshake einplanen.

Die Kunst der Selbstoptimierung

Diese Regeln sprechen für Pausen, erinnern aber auch stark an Rosas Ausführungen zur Beschleunigung des Lebenstempos. Wenn mal eine Rast eingelegt wird vom stetig fordernden Leistungsalltag, dann muss diese Pause natürlich Sinn ergeben, gut ausgenutzt werden, schließlich auch dem Leistungsziel dienlich sein: Mehr Stoff für die Klausur draufkriegen, trainierte Abs bekommen und marathonreife Ausdauer vorweisen können. Von meiner romantischen Vorstellung der Raststätte als Gegen-Ort, außerhalb des täglichen Klein-Klein, ist da nicht viel vorhanden. Vielleicht kommt daher auch der Vorwurf an die in und nach den 90ern geborenen Menschen, sie seien eine Generation Selbstoptimierung: immer darauf bedacht, keine Lücken im Lebenslauf zu lassen, alles wasserdicht abzusichern, keine Zeit zu vergeuden für Umwege, Fehler, Unzulänglichkeiten. Wenn die Gesellschaft um einen herum Stück für Stück die Rastplätze abschafft, ist das vielleicht nur die logische Reaktion darauf, im Leben jedes:jeder Einzelnen.

Was könnten dann aber heutige, aktuelle Rastplätze sein, die tatsächlich Erholung bieten können? Mit der Erlaubnis zum Einfach-Da-Sein, ohne Funktionieren zu müssen? Vielleicht Orte, die auch öfter als altmodisch und überflüssig abgetan werden. Raststätte – Kultstätte – Kulturstätte. Zugegeben, der Kunst- und Kulturbetrieb ist auch bis oben hin voll mit Leistungslogik, Konkurrenz und Druck. Aber bei dem, was am Ende dabei herauskommt – im Museum, bei der Theatervorstellung, bei der Performance, der Lyriklesung oder im Kino – manchmal fühlt sich die Zeit dort wie ein echter Gegen-Ort an. Vor allem, wenn ich wenig bis nichts von dem verstehe, was gerade um mich herum vor sich geht. Nicht jede Ausstellung, jede Lesung, jeder Film kann das. Aber manche eben schon.

Ein sehr bildungsbürgerlicher Lösungsansatz. Aber wie sagte schon Wolfgang Herrndorf: Es gibt einen Unterschied zwischen Kunst und Scheiße.

Ich werde auch langsam müde, bin schon an Helmstedt vorbei, bald muss ich rechts abfahren auf die A39, Kreuz Wolfsburg-Königslutter. Angehalten und gerastet habe ich dieses Mal nicht, alles in einem Rutsch durch. Ausruhen kann ich mich auch, wenn ich da bin. Obwohl mein Vater will, dass ich morgen mit ihm früh aufstehe, ihm helfe, die Sichtschutzwände im Garten neu zu lasieren. Aber erstmal ankommen jetzt, und dann ab ins Bett. Vielleicht noch ein bisschen lesen. Wenn ich nicht schon zu müde bin, dafür.


[1] Vgl. https://www.goethe.de/ins/be/de/kul/mag/20575009.html, letzter Abruf am 25.11.2022.


[2] Art. 4, Buchstabe d) der Verordnung (EG) Nr. 561/2006 des Rates zur Harmonisierung bestimmter Sozialvorschriften im Straßenverkehr.


[3] Eintrag „rast, f.“ in https://woerterbuchnetz.de/, letzter Abruf am 25.11.2022.

Steffen Bach
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