Pinocchio im Zuckerrausch

Pinocchio im Zuckerrausch

Die Geschichte vom kleinen Pinocchio kennen wir alle. Dachten wir zumindest. Doch wie so oft, haben sich die Disney-Bilder wie ein Zuckerfilm über das Original gezogen. Die Performance-Gruppe bösediva liefert mit ZUCKER I : PINOCCHIO einen drastischen Gegenentwurf zu „Walt Disneys Diktatur des Zuckerglücks“ und schickt alle Illusionisten auf Entzug. Der perfekte Ort für ihre Mission: das alte Krematorium Wedding. Respekt für alle, die danach noch Lust auf Zuckerwatte haben! Mehr lesen

Kennen ist anders – Ein Erfahrungsbericht zur Schlingensief-Ausstellung

Kennen ist anders – Ein Erfahrungsbericht zur Schlingensief-Ausstellung

Es ist dunkel. Projektionen an der Holzkonstruktion und flimmernde Fernsehbildschirme erhellen den Raum ab und zu. Ein paar Lämpchen hier und da geben Flackerlicht. Ansonsten düster. Ein Bunker oder eine Art Kapsel, Sofas, vollgekritzelte, halbtapezierte Holzwände, verstörende, ja wirklich ziemlich verstörende Bilder im TV. Blut, nackte Menschen, seltsame Szenen. Hitlerparodien sind überall. Mal hier an der Wand, mal dort auf dem Schirm. Alles bewegt sich, denn der „Animatograph“ steht auf einer riesigen Drehscheibe. Und man selbst auf dem Animatographen. Mehr lesen

Ein Recht auf Pathos

Der Stückemarkt 2010 eröffnet mit einer Debatte über europäische Dramatik

Unter dem Titel „Import – Export. Über Grenzen, Zwischenräume und Chancen neuer Dramatik in Europa“ wurde am Mittwoch der Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2010 mit einer Expertendiskussion eröffnet. Acht der knapp dreihundert eingesandten Stücke wurden von der Jury ausgewählt; fünf davon sind als szenische Lesung während des Festivals zu sehen. Wer von ihnen als Preisträger nach Hause gehen darf, entscheidet sich jedoch erst am 21. Mai.

Ja, es mutet etwas seltsam an. Beim Heidelberger Stückemarkt wurden vor ein paar Tagen gleich alle Nominierten ausgezeichnet, da keiner eindeutig als Sieger hervorzuragen vermochte. In Wien sagte man den Wettbewerb letztes Jahr aufgrund mangelnder Qualität der Einsendungen ganz ab. Die Nachwuchsförderung in der Krise?
In Berlin hat die Jury entschieden. Zu den diesjährigen Auserwählten zählt der rumänische Autor Peça Stefan, was dazu inspirierte, den Stückemarkt mit einer Debatte über europäische Dramatik zu eröffnen. Deutlich wurde in der Diskussion mit Roland Schimmelpfennig, der georgischen Dramatikerin und Regisseurin Nino Haratischwili und Yvonne Büdenhölzer vor allem eines: Der „Schleudergang Dramatik“ ist noch lange nicht beendet. Mehr lesen

Grandios! Bolaños 2666 in der Schaubühne

Grandios! Bolaños 2666 in der Schaubühne

Àlex RigolaJeder im Publikum wusste, dass man nun, da das Stück zu Ende war, klatschen musste. Doch die meisten zögerten, es fiel schwer, man konnte gar nicht genau in Worte fassen, was da gerade geschehen war, was man fühlte, was man fühlen sollte. Doch von vorne. Als sich vergangenen Samstag um kurz vor 20 Uhr das ausverkaufte Studio der Berliner Schaubühne füllte, wussten viele nicht, was sie erwarten würde. Die einen, die Bolaño nicht gelesen haben, waren dankbar über die Einführung in 2666 durch den katalanischen Regisseur und Direktor des Teatro Lliure in Barcelona Àlex Rigola (Foto). Die anderen, die schon das Glück hatten, dieses Buch gelesen zu haben, fragten sich, was aus dem umfangreichen Werk gezeigt wird und wie man das umsetzen könnte. Keine leichte Aufgabe, die sich Rigola da vorgenommen hatte, nicht umsonst hat Juan Villoro 2666 als totalen Roman und vielleicht erste große Saga der globalen Literatur bezeichnet. „Da gebe ich ihm absolut recht“, sagt Rigola, „und es ist das beste Buch, das in den letzten 20 Jahren geschrieben wurde. Man kann ihm aber nicht gerecht werden, nicht nur wegen des Umfangs. 2666 ist mein bestes Stück, aber das Buch ist noch besser.“

Damals hatte er nach etwas Besonderem gesucht. Es sollte eine richtige Show werden, nichts Gewöhnliches. Durch einen Freund, der ständig davon gesprochen hat, ist Rigola schließlich auf das Buch aufmerksam geworden. „Ein Jahr habe ich mit dem Dramaturg Pablo Ley daran gearbeitet. Wir haben Szenen ausgewählt, die eine gewisse Spannung erzeugen, und bestimmte Erfahrungen von Figuren, die sich für eine Adaption eignen. Doch das Wichtigste, das was mich am meisten faszinierte, war die Fähigkeit des Menschen, Dinge zu ignorieren, einfach wegzuschauen. Das ist es auch, was Bolaño zeigen will: Jedes Problem auf der Welt ist unser Problem. Also lasst uns nicht wegschauen!“ Mehr lesen

Veranstaltungstipp – Die drei Amerikas in Berlin

Veranstaltungstipp – Die drei Amerikas in Berlin

Heute startet zum zehnten Mal das FESTIVAL INERNATIONALE NEUE DRAMATIK der Berliner Schaubühne – kurz: F.I.N.D. Wie immer gibt es einen thematischen Schwerpunkt, dieses Mal sind dies die drei Amerikas. Einerseits natürlich anlässlich des 200. Jubiläums der Unabhängigkeit spanischer Kolonien von Feuerland bis Mexiko, andererseits weil das Problem der Identitätsfindung zu sozialen, ökonomischen und kulturellen Konflikten führt, die in Lateinamerika offen ausgetragen werden und diesen Kontinent stark prägt, was sich entsprechend auch in der Literatur und dem zeitgenössischen Theater zeigt.

Das Programm des F.I.N.D. kann sich mehr als sehen lassen. Sogar Rafael Spregelburd wird anwesend sein und, heute beginnend, an vier Abenden jeweils um 22:30 Uhr eine szenische Lesung zu seiner Theaternovela Bizarra präsentieren. Stattfinden wird das Ganze in einem ehemaligen Fitnessstudio am Adenauerplatz, wobei die große Glasfront, die den Blick auf die Stadt erlaubt, als Bühnenbild fungieren wird. Gelesen wird jeweils nur ein Auszug und Spregelburd wird so einführen, dass man auch mal die eine oder andere Lesung verpassen kann. Außerdem wird mit Paranoia der dritte Teil seiner „Heptalogie des Hieronymus Bosch“ aufgeführt. Das vorherige Stück Die Panik, das ich im Badischen Staatstheater damals gesehen habe, war wirklich großartig. Paranoia wird da mit Sicherheit in nichts nachstehen.

Besonders interessant für Liebhaber lateinamerikanischer Literatur (und nicht nur für diese) dürfte eine weitere Lesung sein, die am Samstag stattfinden wird. Bolaños 2666, erschienen im Hanser Verlag, dürfte inzwischen wohl jedem ein Begriff sein. Es ist nicht nur ein sehr dickes und sehr erfolgreiches, sondern auch ein wirklich hervorragendes, beeindruckendes Buch, aber leider auch Bolaños letztes. Àlex Rigola, der weltweit der Einzige ist, der über die Aufführungsrechte verfügt (und deshalb ebenfalls anwesend sein wird), hat daraus eine 5-stündige Theaterfassung gemacht. An der Schaubühne wird eine Kurzfassung dieses Stückes in Form einer inszenierten Lesung präsentiert, auf die man mit Sicherheit gespannt sein darf.

Italienische Verhältnisse im Berliner Ensemble

Italienische Verhältnisse im Berliner Ensemble

Angekündigt hatte das Berliner Ensemble für den Freitag-Abend eine „einmalige Veranstaltung“ mit dem italienischen Literaturnobelpreisträger Dario Fo und seiner Ehefrau, der Theaterautorin und Politikerin Franca Rame. Die soeben im Rotbuch-Verlag erschienene Autobiographie Rames „Ein Leben aus dem Stegreif“ sowie die bereits 2008 erschienene Biographie Dario Fos („Die Welt, wie ich sie sehe“) sollten Anlass geben zum Gespräch mit Claus Peymann. So weit, so vielversprechend. Doch es kam alles anders.

Dario Fo in Aktion

Quelle: flickr/Ghirigori

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Der Daumen in der Wunde – „Berlin Alexanderplatz“ an der Schaubühne

Der Daumen in der Wunde – „Berlin Alexanderplatz“ an der Schaubühne

Die Schatten der Vergangenheit lauern überall. Für Franz Biberkopf wird das zur bitteren Wahrheit. Der Arbeiter erschlug aus Eifersucht seine Freundin Ida und verbüßte sein Verbrechen in der Strafanstalt Tegel. Nun ist er wieder frei und auf dem besten Weg, ein besserer Mensch zu werden – wären da nicht die selbsternannten Moralrichter, die überall auf dem Pfad der Tugend lauern und partout nicht vergessen mögen.
Der Boden der Schaubühne am Lehniner Platz ist mit Münzen bedeckt, darüber hängt in blauen Lettern das vierte Gebot „Du sollst nicht stehlen.“ Das hält allerdings nicht alle Zuschauer davon ab, sich als kleines Souvenir eines der Geldstücke leise in die Tasche zu stecken. Soviel also zur Moral.

Volker Lösch hatte für seine erste Regiearbeit in Berlin die bewährten Utensilien für einen politischen Abend im Koffer: einen Laienchor, diesmal bestehend aus Ex-Sträflingen, plakative Bilder und starken Aktualitätsbezug.

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Heißes Wasser für alle

Muss ich diesen Gästen diesen Käse kaufen? Will ich ein Leben lang in dieses Fitnessstudio gehen? Ist eine Zahnspange ganz für mich alleine nicht auch ein Glück?

Am gestrigen Abend, dem 25.1.10, fand im Literarischen Colloquium Berlin eine szenische Lesung statt – bearbeitet vom Dramaturgie-Seminar der Angewandten Literaturwissenschaft der FU Berlin und gelesen von Schauspielstudenten der UdK. Gegenstand der Lesung war Gesine Danckwarts Text „Heißes Wasser für alle“. Dieses Stück zeigt auf, wie sich die großen Themen unserer Zeit in den Falten des Alltags verstecken. In musikalisch montierten Monologen wird das Scheitern des modernen Menschen auf allen Ebenen inszeniert: Was ist das für eine Freiheit, die sich aufspannt zwischen den Ansprüchen von Konsumgesellschaft, Marktwirtschaft und den erstarrten Formeln menschlicher Beziehungen? Das Sprechen darüber macht vor allem eines deutlich: Der Dialog gerät an seine Grenzen, wenn wir uns unserer selbst, unseres Gegenübers und der Welt da draußen nicht mehr sicher sind.

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