Die neuen Leiden der Kritiker

Jetzt haben sie alle mal getanzt und dies nicht nur im sprichwörtlichen Sinne. Die Betriebsnudeln im literarischen Feld auf der Hegemann-Party. Bourdieu beschreibt den Literaturbetrieb als ein Netz, in dem die Akteure um ihre Machtposition ringen. Der Autor ist einer dieser Akteure, aber der kulturbeflissene Zeitungsleser weiß: Nichts läuft heute ohne Agenten, Verleger, Lektoren, Journalisten etc. Und, das ist auch nichts Neues, wird aber ständig als dieses präsentiert, ohne den Leser. Der darf nicht vergessen werden, eigentlich ja auch nicht die weibliche Form des Nomens, aber das mieft nach Patschuli.
Ich habe das nicht ganz verstanden, wo wird jetzt exakt der Leser vergessen? Der Leser sorgte für die Topplatzierung auf der Bestsellerliste und eigentlich liest der größte Anteil der Leserschaft auch kein Feuilleton. Heißt es immer. Habe ich natürlich nur in meinem Bekanntenkreis überprüft. Und das sind auch alles Betriebsnudeln.
Elke Heidenreich tanzt wie keine zweite auf der großen Betriebsparty. Das beweist erneut ihr Artikel in der SZ. Mehr lesen

Hegemann, die Dritte

Ein Beitrag von Nora Boeckl und Lina Kokaly

Man möchte meinen, dass nun wirklich alles gesagt ist. Also wirklich alles. Und doch war der Literaturbetrieb gestern noch groß geladen. Helene Hegemann feierte nämlich Geburtstag, ihren achtzehnten. Luftballons, Kuchen, Sushi, Wodka und Zuckerwatte sind zwar für einen Geburtstag schlüssig, erzeugen in dieser Mischung im Technotempel Tresor aber eine ganz eigene Ästhetik. Die Presseveranstaltung als Event. Offiziell Bookrelease, aber das Buch Axolotl Roadkill ist ja schon lange da, deswegen in erster Linie Party. Das ihr gesungene  Happy Birthday dankte die Gastgeberin mit einer kurzen Lesung, dann wurde getanzt, zu sonst für den Club doch recht unüblicher Musik (Madonna! Bee Gees!). Für Veranstaltungen dieser Art ebenfalls ungewöhnlich, war der enorme Andrang vor dem Eingang des Bunkers. Schlange stehen ist man vorm Tresor ja schon gewohnt. Diesmal war es dann aber doch etwas anders. Und nicht nur, weil es so früh am Abend war. Einige fühlten sich deutlich unwohl und scharrten ungeduldig mit den Hufen. Genützt hat das nichts – Gästelisten müssen nun mal ordnungsgemäß abgehakt werden.

Was sonst noch dazu zu sagen wäre? Tolle Party. Aber was bitteschön hat diese Art von Buch-Event eigentlich noch mit (in diesem Fall: guter!) Literatur zu zun?

Experience is wasted on the old

Literaturkritiker und Alfred-Kerr-Preisträger Gregor Dotzauer zu den Perspektiven des Feuilletons, der Bücher und den Studierenden aus Leidenschaft

Gregor Dotzauer (© Tagesspiegel)

Rede anlässlich der Immatrikulation der neuen Studienenden und der Verabschiedung des höheren Jahrgangs der Angewandten Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin am 26.10.2009 im Literarischen Colloquium Berlin

Kernaussagen Dotzauers:

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Ein Buch fürs Wochenende

Als die Romanautorin Siri Hustvedt aufs Podium steigt, um eine Rede zur Ehren ihres verstorbenen Vaters zu halten, beginnt ihr Körper zu zittern. Mit ruhiger Stimme beendet sie ihren Vortrag, während ihr Körper bebt. Auch in Zukunft wird sie Vorträge halten. Bei manchen zittert sie, bei anderen nicht. Die konsultierten Ärzte, Therapeuten und Psychologen können keine eindeutige Diagnose stellen. Es könnte sich um Epilepsie oder gar Hysterie handeln. Hustvedt macht sich selbst auf die Suche nach einer Erklärung. Wie besessen liest sie die großen Psychologen, Poeten mit ähnlichen Leiden und vertieft sich in die Neuropsychatrie. Siri Hustvedt, die Autorin des wunderbaren Was ich liebte, erzählt in ihrem neuen Buch Die zitternde Frau ihre Geschichte und Hustvedt ist eine Geschichtenerzählerin. Denn „wahre Geschichten können nicht vorwärts erzählt werden, nur rückwärts. Wir erfinden sie aus dem Blickwinkel einer ständig sich verändernden Gegenwart und erzählen uns selbst, wie sie sich entwickelt haben.“ So erinnert sie sich an einen Autounfall. Sie denkt, während der Rettungssanitäter sie mit einer Rettungsschere befreit, dass dies hier nicht die schlechteste Art zu sterben wäre und dann „ich nahm mir vor, auf alles zu achten, denn falls ich überlebte, würde ich das Material womöglich in einem Roman verwenden können.“ Ich empfehle, Die zitternde Frau als Roman zu lesen und die Fußnoten (die auf theoretische Texte verweisen) nicht zu beachten. Ein Roman über eine emanzipierte Frau, die gegen Kontrollverlust ankämpft; die ihren Intellekt einer scheinbar unbezwingbaren Krankheit gegenüberstellt. „Erinnerungen sind veränderlich, aber auch kreativ“.

Kein Artikel über Hustvedt, und so natürlich auch dieser nicht, ohne folgenden Hinweis: Siri Hustvedt ist mit Paul Auster verheiratet.

Hustvedt liest am Montag, den ersten Februar im Babylon.

Die ersten 20 Seiten ihres Romans gibt es hier (PDF-Datei) zu lesen.