Geisterwand: Von Vergangenheit und Gegenwart

In Sarah Moss‘ jüngst in deutscher Übersetzung erschienenem Roman Geisterwand lebt eine Gruppe im northumbrischen Wald wie in der Eisenzeit. Dabei verknüpft die Autorin die Kultur der Vergangenheit mit gegenwärtigen Themen und Pressionen zu einer packenden Geschichte.

von Laura Potisch

Buchcover: Geisterwand von Sarah Moss
© Laura Potisch

Eine Nachstellung alter Zeiten

In einem Moorwald in Northumberland, mit drei Archäologiestudierenden und deren Professor auf den Spuren des Lebens und der Kultur der Eisenzeit: So soll die Teenagerin Silvie mit ihren Eltern die Sommerferien verbringen. Es ist der Wille ihres beherrschenden Vaters, der eine Obsession für die britische Geschichte und einen Idealismus für die damaligen Verhältnisse – regelrecht im Gegensatz zur Gegenwart – hegt. Also sehen sich Silvie und ihre Mutter gezwungen, mit den anderen eine Zeit lang in einem einfachen Lager in der Natur wie in den damaligen Zeiten zu leben. Während die Gruppe die Angelegenheit mit Gelassenheit nimmt, betrachtet Silvies Vater die Sache allerdings mit größter, teils an Unangemessenheit grenzender Ernsthaftigkeit.

Ein Mädchen zwischen den Fronten

Die Zeit im Wald wird aus Silvies Perspektive erzählt, die das jüngste Mädchen in der Gruppe ist. Sie erscheint einerseits klug und tough, andererseits ist sie noch jung, sie ist abhängig, unfrei. Eingeschränkt in ihren Möglichkeiten, sich selbst bestimmen und ihren eigenen Weg gehen zu können. Ihr Leben bewegt sich unfreiwillig vor allem im Dunstkreis des väterlichen Interesses.

Lebenslauf, dachte ich und ein ängstlicher Schauder überlief mich, der Rückstrom meiner Verzweiflung, dass es so etwas gab, dass man die Kindheit und die Abhängigkeit hinter sich lassen und in die Welt hinausgehen konnte.“

„Meine Gedanken begannen zu flackern, mein Geist ein Vogel, der gegen das Fenster flog.“

Über ihre Wahrnehmung und Gedanken kommt man der Figur und der Handlung sehr nah, fühlt mit und hat so manches Mal das dringende Verlangen danach, in die Situation eingreifen zu können. Silvie befindet sich zwischen den Fronten: als Kind zwischen den Erwachsenen, als eine der drei Frauen zwischen den Männern.

Als sich die Männer der Gruppe in der aufkeimenden Faszination für die alten Bräuche der Eisenzeit dann entschließen, gemeinsam ein Ritual auszuprobieren, ist es Silvie, die dadurch in eine sehr prekäre Lage gebracht wird. Was passiert, wenn bestimmte Grenzen der Gegenwart überschritten werden? Was, wenn in der Nachstellung einer frühen Vergangenheit ein Stück Rationalität verloren geht?

Von damaligen und gegenwärtigen Verhältnissen

Das Leben wie in damaligen Zeiten löst Kontroversen aus, die dem Roman seine weitere Dimension geben. Es geht nicht nur um die britische Frühgeschichte, das Moor und das Leben in der Natur oder alte Kulturen und Bräuche. Es geht schnell ebenso um sehr gegenwärtige Themen wie Nationalismus, Wertvorstellungen und Moral, Gewalt und Gewaltbereitschaft, um Selbstbestimmung, Geschlechterrollen und -hierarchien. All das flicht Sarah Moss gekonnt in die Situation und die Lebensweise der Gruppe mit ein.

Spannend, fesselnd, erschütternd

Der Klappentext verspricht „eine rasiermesserscharf geschliffene[] Spannungserzählung“ – und Geisterwand hat einen tatsächlich bereits mit den ersten Sätzen, auf den ersten Seiten und bevor die Haupthandlung beginnt, fest im Griff:

„Aus den Tiefen ihres Körpers, aus dem Mark ihrer Wirbelsäule und den geweiteten Blutbahnen unter den Rippen, aus der Leere ihres Schoßes und ihrer sich hebenden Brust zittert sie. […] Gesang hebt an, Trommeln klingen schleppend, nicht synchron mit der letzten Panik ihres Herzens.“

Im Verlauf wird thematisch geradezu unterschwellig eine Spannung aufgebaut, die einen schnell in den Bann zieht. Ebenso lässt einen die Geschichte regelmäßig schockiert innehalten. Die Erzählperspektive schafft Nähe; der sprachliche Stil wirkt sogartig, gleichzeitig klar, direkt, aber auch anschaulich in der Schilderung der Natur, der Gedanken, der Emotionen. Die Geschichte wirkt definitiv nach und lässt einen fassungslos, mit klopfendem Herzen und nachdenklich zurück. Sarah Moss hat mit Geisterwand einen auf besondere Weise spannenden, aufregenden Roman geschrieben, in dem sie auf geschickte Weise wichtige und gegenwärtige Themen in einem interessanten Setting zwischen Vergangenheit und Gegenwart behandelt und verknüpft. Aus dem Englischen übersetzt wurde das Buch von Nicole Seifert. Eine packende Leseerfahrung, die im Gedächtnis bleibt!

Sarah Moss: Geisterwand. Roman, Berlin Verlag 2021.
pixelstats trackingpixel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.