Ich heiße Fatima Daas

Fatima Daas ist Französin, gläubige Muslima, Feministin und Lesbe. Gefangen zwischen den traditionellen Rollenbildern ihrer muslimischen Eltern und ihrer Homosexualität versucht sie, ihre inneren Widersprüche zu vereinbaren. Sie fühlt sich zerrissen zwischen den Welten und will sich nicht für eine entscheiden müssen. Stattdessen erhebt sie ihre Stimme: Mutig, laut und entschlossen stellt sie sich uns in ihrem Debütroman Die jüngste Tochter vor.

© Johannes Berger

Mit den Worten „Ich heiße Fatima“ lässt Fatima Daas jedes Kapitel ihres Debütromans Die jüngste Tochter beginnen und geht auf die Suche nach sich selbst: Mal ist sie Fatima, die jüngste Tochter einer algerischen Familie, die im Pariser Vorort Clichy-sur-Bois aufwächst. Dann ist sie Fatima, die junge Pariserin mit den kurzen Haaren, die lieber Kapuzenpulli als Kleid und High Heels trägt. Und dann Fatima, die praktizierende Muslimin, die sündigt, wenn ihr Herz für eine Frau schneller schlägt. Fatimas Identität ist voll von vermeintlichen Widersprüchen. Doch die Autorin versucht, sich von starren Stereotypen zu befreien. Mit jedem Kapitel des Romans begreifen wir mehr, dass sich ihre Identität nicht einfangen und in eine soziologische Schublade stecken lässt.

Heimat und Herkunft

Ich heiße Fatima Daas. Ich bin Französin. Ich bin Algerierin. Ich bin Französin algerischer Herkunft.

Fatima ist die Jüngste der Familie, die Mazoziya, und als einziges Familienmitglied in Frankreich geboren. Ihre Eltern kommen aus Algerien und sind muslimisch. In Clichy-sur-Bois, dem Banlieue, in dem sie aufwächst, sind fast alle Familien muslimisch. Schon als Kind begreift Fatima, dass die Pariser „Peripherie“ mehr als nur eine geographische Grenze ist, die Paris von seinen Vororten trennt. Auf ihren stundenlangen Fahrten in den überfüllten Metros nach Paris fühlt sie sich wie eine Touristin und sehnt sich nach Zugehörigkeit. Doch auch ihre algerischen Wurzeln können ihr dieses Gefühl nicht ersetzen.

Wenn ich Algerisch spreche, versteht man mich manchmal schlecht oder überhaupt nicht, also wird meine Mutter gefragt: Was hat sie gesagt? […] Ich will nicht, dass meine Mutter als Vermittlerin zwischen meiner Familie und mir steht. Ich will nicht, dass sie mich ihnen übersetzt. Ich will keine Fremde sein.

Auf ihren Algerienreisen macht Fatima die schmerzhafte Erfahrung auch dort als Fremde betrachtet zu werden. Ihr Algerisch hat einen französischen Akzent und für ihre Verwandten ist sie die, die „dort“ geboren ist. Fatima befindet sich in einem Dazwischen: zwischen den Nationalitäten, zwischen den Sprachen und zwischen den Kulturen.

Ecken und Kanten

Ich heiße Fatima Daas. Ich trage den Namen einer symbolischen Figur des Islam. Ich trage einen Namen, den man nicht beschmutzen darf, einen Namen, den ich ehren muss.

Wie ein Gebet wiederholt Fatima ihren eigenen Namen immer und immer wieder und erklärt seine religiöse Bedeutung. Der Islam spielt dabei eine große Rolle für sie. Doch zum Islam gehören auch die steifen Rollenbilder in Fatimas Familie, die festgeschrieben sind und sie einengen. Fatima fällt es schwer, die Erwartungen ihrer Eltern zu erfüllen. In ihrer Kindheit hängt sie lieber mit den Jungs aus ihrem Wohnblock herum und trägt Jungsklamotten. Als Jugendliche ist sie laut, unangepasst und widerspenstig. In der Schule sucht sie Streit mit ihren Lehrer*innen. Wenn ihre Hausaufgaben besonders gut gelingen, stellt ihr Lehrer sie zu Rede: bei wem sie denn abgeschrieben hätte? Fatima eckt immer wieder an. Sie fühlt sich anders als die anderen. Als sie sich schließlich zum ersten Mal in ein Mädchen verliebt, weiß sie, dass sie anders ist.

Scham und Sünde

Doch der Koran erlaubt keine Homosexualität – geschweige denn ihre Eltern, vor denen sie ihre Gefühle verbirgt. Sexualität ist zu Hause ein Tabuthema. Eine Frau zu lieben eine Sünde. Fatima schämt sich und lebt dennoch aus, was sie nicht unterdrücken kann. Sie lernt Nina kennen und verliebt sich Hals über Kopf in sie.

Ich habe gesündigt. Ich habe aufgehört zu sündigen. Ich habe erneut gesündigt. Ich heiße Fatima Daas. Ich bin eine Lügnerin.

Verzweifelt versucht Fatima einen Weg zu finden, ihren Glauben und ihre Homosexualität zu vereinbaren. Sie macht Therapien, besucht Imame und betet zu Gott, Ar-Rahman, dem Allbarmherzigen. Das Gefühl, ein Doppelleben zu führen, lässt sie jedoch nicht los.

Ein doppelter Sprachschatz

Unheimlich berührend schreibt Fatima Daas von ihrer innerlichen Zerrissenheit und der tiefen Empfindung, niemandem gerecht werden zu können. Mit einer faszinieren Sprachgewalt bewegt sich die junge Autorin zwischen ihren Identitäten hin und her und erzählt in unchronologischen Textfragmenten von ihrem Heranwachsen.

Erstaunlich gut gelingt es ihr dabei, große Themen wie Herkunft, Religion und Sexualität in einer sehr einfachen und klaren Sprache zu verhandeln. Die kurzen, rasanten Sätze wirken atemlos, dringlich und prasseln nur so auf uns ein. Spielerisch mischt Daas arabische Ausdrücke in ihr Erzählen, übersetzt, definiert, tastet sich durch ihren doppelten Sprachschatz. Bald schon verschwimmt die raue Punchlines eines Rapsongs mit dem demütigen Vers einer Koran-Sure. Fatima Daas bricht aus gewohnten Erzähltraditionen aus und lässt auch auf sprachlicher Ebene ihre verschiedenen Identitäten miteinander verschmelzen. Die Suche nach den richtigen Worten wird dabei zu der Suche nach ihrer eigenen Wahrheit.

Befreiung

In Frankreich wurde Fatima Daas‘ Debütroman als Befreiungsschlag und „literarische Sensation“ gefeiert. In Deutschland steht Die Jüngste Tochter auf der Shortlist für den HKW Literaturpreis. Die Resonanz ist groß: Schon jetzt wird die Autorin in einem Atemzug mit literarischen Größen wie Virginie Despentes, Eduard Louis oder Annie Ernaux genannt. Das liegt vor allem daran, dass sich Daas mit ihrem Text in die literarische Tradition der französischen Autofiktion einreiht. Dass es sich hier um autofiktionales Schreiben handelt und nicht etwa um einen autobiografischen Text, betont die junge Autorin im Interview: Sie habe keine Lust ihre eigene Geschichte zu erzählen, sondern bediene sich der Autofiktion, um in erster Linie etwas Wahres zu schreiben.

Etwas Unwahres am Text gibt es dann aber doch: Der Name Fatima Daas ist ein Pseudoynm. Ein Umstand, der bei all der Authentizität des Textes zwar zunächst irritiert, auf den zweiten Blick dann aber doch wie ein kleines, charmantes Augenzwinkern erscheint. Denn schließlich bekräftigt das Pseudonym, dass sich Identitäten auch von Namen nicht begrenzen lassen.

Die Jüngste Tochter ist alles andere als ein gewöhnlicher Coming of Age Roman. Es ist ein Plädoyer für Identitätspolitik, Glaube, queere Liebe und intersektionalen Feminismus. Und so wird Fatimas Identitätskonflikt am Ende von der Einsicht abgelöst, dass man sich zwischen seinen Welten nicht entscheiden muss.

Fatima Daas: Die jüngste Tochter, aus dem Französischen übersetzt von Sina de Malafosse, Ullstein, Berlin 2021, 192 Seiten.

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Thekla Noschka
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