Kindheit, Jugend, Abhängigkeit: Ein Frauenleben

Die dänische Schriftstellerin Tove Ditlevsen, Jahrgang 1917, war lange Zeit weitgehend unbekannt im deutschsprachigen Raum. Nun wird sie posthum wiederentdeckt. Und es lohnt sich: In drei schmalen Bänden schreibt Tove Ditlevsen über ihr Leben überwältigend intensiv und strahlend schön.

© Johannes Berger

Kindheit, Jugend und Abhängigkeit – so unterteilt Tove Ditlevsen ihren Lebensweg. Sie erzählt von dem kleinen Mädchen, das in armen Verhältnissen im Kopenhagen der 1920er Jahre aufwächst. Von der jungen Frau, die entschlossen ihren ganz eigenen Weg geht. Und von der Ehefrau und Mutter, die sich in den Wirren des Lebens verliert. Es sind drei schmale Bände voller Leuchtkraft und Poesie, in denen man versinkt, als wäre es das eigene Leben.

Kindheit

Der Kindheit kann man nicht entkommen, sie hängt an einem wie ein Geruch. Man bemerkt sie auch an anderen, und jede Kindheit riecht anders.“

Tove wächst als Tochter einer mittellosen Arbeiterfamilie in Vesterbro, einem Arbeiterstadtteil in Kopenhagen, auf. Um sie herum wütet die große Depression der 1920er Jahre: Arbeitslosigkeit, Armut und Alkohol. Doch das zarte Mädchen fühlt sich fremd in ihrem Leben. Tove flüchtet sich in eine Welt der Bücher und beginnt, heimlich Gedichte in ihr Poesiealbum zu schreiben. Das Schreiben wird zum Schutz vor der rauen Wirklichkeit und in ihr hegt sich ein immer zielstrebigerer Entschluss: Sie will Dichterin werden.

Jugend

Doch es ist ein steiniger Weg bis zur Erfüllung ihres Traumes. Als junges Mädchen verlässt sie die Schule, um als Dienstmädchen die Monatskasse ihrer Eltern aufzubessern. Unbeholfen versucht sie sich in der Welt der Erwachsenen zurechtzufinden, nicht ohne ständig irgendwo anzuecken.

Das Jungsein ist ein vorübergehender, zerbrechlicher und unbeständiger Zustand. Er muss überwunden werden, einen anderen Sinn hat er nicht.“

Sie lernt die ungestüme Nina kennen, die sie mitnimmt zu Tanzabenden in den nahegelegenen Lokalen. Tove macht Bekanntschaften mit Männern, küsst sie im geschützten Dunkel der Nacht und verlobt sich mit dem kindlichen Aksel. Doch während sich die politische Lage in Europa immer weiter zuspitzt, sehnt sich Tove zunehmend nach Eigenständigkeit.

Ein junges Mädchen zu sein, das für seinen eigenen Lebensunterhalt aufkommen muss, hat etwas Schmerzliches, Schutzloses. Man sieht kein Licht am Horizont. Und ich möchte meine Zeit so gern selbst besitzen, anstatt sie zu verkaufen.“

Sie verlässt das elterliche Heim und zieht in eine kleine Pension, wo sie in ihrem ersten eigenen Zimmer endlich in Ruhe schreiben kann. Hoffnungsvoll schickt sie ein Gedicht an eine Kopenhagener Zeitschrift für literarische Nachwuchstalente. Der Wilde Weizen druckt es nicht nur ab, sondern befindet es auch für gut. Der Verleger der Zeitung, Viggo F. Møller, macht Tove mit den literarischen Berühmtheiten der Kopenhagener Bohème bekannt und hilft ihr bei der Publikation ihres ersten Gedichtbandes. Tove, glücklich über die Erfüllung ihres Traumes, heiratet diesen Mann.

Abhängigkeit

Während Tove zunächst die finanzielle Sicherheit einer verheirateten Frau genießt, beginnt sie sich schon bald in dem dunklen Haus zu langweilen. Ihr Mann wird zunehmend schweigsamer und die Stille im Haus lähmt sie.

Ich bin erst zwanzig Jahre alt, aber ich habe das Gefühl, außerhalb dieser grünen Zimmer würden die Tage für alle anderen Menschen wie von Pauken und Trompeten begleitet davonrauschen, während sie auf mich so unmerklich herabsinken wie Staub, einer genau wie der andere.“

Als sich Tove die Gelegenheit bietet, gründet sie einen Club für junge Künstler und Künstlerinnen. Bei den wöchentlichen Treffen lebt sie auf und stürzt sich in Affären – bis sie Ebbe kennenlernt, den sie zu lieben beginnt. Bald schon ist Tove schwanger und verlässt ihren Verleger voller Vorfreude auf das Kind. Es beginnt eine glückliche Zeit für die junge Familie. Vor allem für Tove, die ein Buch nach dem anderen veröffentlicht. Bis sich auch in ihre Ehe mit Ebbe der Alltag eingeschlichen hat und das Leben ihr entgleitet. Sie trifft Carl, einen Medizinstudenten, der sie mit Pethidin und Metadon verführt. Wenn sie die Droge durch ihre Venen fließen spürt, vergisst sie alles um sich herum, ihre Familie, Ebbe, ihr Schreiben. Carl, ein zwielichtiger, psychotischer Mann, bindet sie mit seinen täglichen Spritzen an sich. Was als Rausch beginnt, wird bald zur jahrelangen Abhängigkeit und einem Abwärtsstrudel, aus dem sich Tove nur mit Müh und Not zu befreien schafft.

Ein Leben für die Kunst

Es ist dieses Leben einer Frau voller Leidenschaft, Leid und Kraft, das einen gleichwohl inspiriert wie sprachlos werden lässt. In einer Zeit, in der Frauen an den Küchenherd verdammt wurden, hat eine junge Frau geschafft, wovon viele nur träumten: Anerkennung als Autorin und Dichterin zu erlangen. Tove Ditlevsen, geboren 1917, veröffentlichte trotz steinigem Weg mehrere Romane, Gedichtbände und Erinnerungen. Als sie sich 1976 mit einer Überdosis Schlaftabletten im Alter von 58 Jahren das Leben nahm, trauerte mit ihr eine ganze Generation von Däninnen. Zu ihrer Beerdigung gingen tausende Frauen in Kopenhagen auf die Straßen und würdigten ihr außergewöhnliches Werk und Leben.

Wiederentdeckt

Es erscheint absurd, dass diese großartige dänische Schriftstellerin im internationalen Raum bisher weitestgehend unbekannt blieb. Nur sehr wenige ihrer Werke wurden bisher ins Deutsche übersetzt. Mit der Kopenhagen-Trilogie hat der Aufbau Verlag Tove Ditlevsen dieses Jahr nun endlich nach Deutschland geholt. Meisterhaft hat die Übersetzerin Ursel Allenstein es geschafft, Ditlevsens geheimnisvolle und zärtliche Sprache für uns zugänglich zu machen. Denn eines ist gewiss: Schreiben, das kann Tove Ditlevsen. Ihre klare Sprache ist mal zaghaft leise, mal von einer ungeheuerlichen Wucht. Wer einmal angefangen hat zu lesen, hängt an ihren Lippen, als gäbe es kein Morgen mehr.

Frauen erzählen

Fünfzig Jahre hat es gedauert, bis Ditlevsen auch in Deutschland die ihr gebührende Anerkennung erfährt. Und nun heißt es: Tove lesen, unbedingt! Denn Tove Ditlevsen schreibt nicht nur über ihre bewegte Jugend, ihre Abtreibungen, Ehen und die sie zernagende Drogenabhängigkeit. Sie schreibt vor allem über das Leben als Frau. Indem sie ihr eigenes Schicksal nachzeichnet, macht sie die Lebenswirklichkeit einer ganzen Generation von Frauen deutlich. Auch wenn wir dabei in eine andere Zeit eintauchen, sind ihre Beschreibungen heute noch relevant für uns.

Was viel zu lange als „Frauenliteratur“ abgetan wurde, ist in Wahrheit ein radikales Bekenntnis zum Autofiktionalen Schreiben. Lange bevor ein Knausgård das Licht der Welt erblickte, ebnete diese Frau den Weg einer ganzen Generation von Autor*innen wie Annie Ernaux, Rachel Cusk oder Deborah Levy.

In Kindheit schreibt Tove Ditlevsen: „Irgendwann möchte ich all die Wörter aufschreiben, die mich durchströmen. Irgendwann werden andere Menschen sie in einem Buch lesen und sich darüber wundern, dass ein Mädchen doch Dichter werden konnte.“

Höchste Zeit also, dieser Frau ihren wohl verdienten Platz in der Literaturgeschichte einzuräumen!


Die Kopenhagen-Trilogie

  • Tove Ditlevsen: Kindheit. Teil 1 der Kopenhagen-Trilogie. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Aufbau Verlag, Berlin 2021, 118 Seiten
  • Tove Ditlevsen: Jugend. Teil 2 der Kopenhagen-Trilogie. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Aufbau Verlag, Berlin 2021, 154 Seiten.
  • Tove Ditlevsen: Abhängigkeit. Teil 3 der Kopenhagen-Trilogie. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Aufbau Verlag, Berlin 2021, 176 Seiten.
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Thekla Noschka
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