„O Szenen der schönen Welt! Nie habt ihr euch empfänglicheren Augen dargeboten.“
Warum nicht einfach mal zugeben, dass man ein Lieblingsbuch hat?

„O Szenen der schönen Welt! Nie habt ihr euch empfänglicheren Augen dargeboten.“Warum nicht einfach mal zugeben, dass man ein Lieblingsbuch hat?

Kürzlich haben hier zehn der LitaffinautorInnen eine lange Liste ihrer Lieblingsbücher zusammengestellt. In loser Reihenfolge werden wir nun einzelne literarische Favoriten vorstellen – leidenschaftliche Plädoyers statt abgewogener Rezensionen, Überzeitliches statt Aktualitätszwang. Den Anfang macht ein moderner Klassiker der Deutschen Literatur, der zuweilen von einem großen Lebenswerk an den Rand gedrängt wird.

Die Frage nach dem Lieblingsbuch stellt vor allem Vielleser vor große Schwierigkeiten. Man erinnert sich an durchlesene Nächte in Kindheit und Jugend, die jede für sich eine neu erblühende Liebe für das eine, dagegen eine erblassende für das andere Buch bedeuten konnte. Die Antwort kann immer nur Momentaufnahme sein. Mag sein, dass sie sich mit zunehmendem Alter irgendwann zumindest für eine längere Zeit Festlegung und Geltung verschafft. Doch jedes neu gelesene oder gar zuweilen wiedergelesene, wiederentdeckte Buch bedeutet Gefahr für die Hierarchie im Bücherregal.

Mein Lieblingsbuch sind die Buddenbrooks, oder nein, es ist: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil. Thomas Manns letzter Roman.
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SuB, SaB, RuB und RaB
Der Stapel ungelesener Bücher oder: Die stille Reserve

SuB, SaB, RuB und RaBDer Stapel ungelesener Bücher oder: Die stille Reserve

Stapelweise ungelesene Seiten

Mein SuB und ich, eine unendliche Geschichte. Ein bisschen wie dreckiges Geschirr in der Spüle führt er mir jeden Tag vor Augen, was ich irgendwann einmal lesen wollte und müsste, wenn ich könnte – wären da nicht 100 andere Verlockungen. Ich träume davon, ihn eines Tages zu besiegen. Die Chancen stehen schlecht.

Zeig mir deinen SuB und ich sage dir, wer du bist!

Als ich neulich im Internet nach Literaturblogs suchte, fielen mir immer wieder drei Buchstaben ins Auge. Die Literaturblogger dieser Welt beschäftigt ein Phänomen, das alle Leser wohl nur zu gut kennen: der Stapel ungelesener Bücher, kurz: der SuB. Mit erstaunlicher Hingabe und großer Dokumentationsfreude wird alles geordnet, was nur darauf wartet, gelesen zu werden – alphabetisch, nach Dringlichkeit oder nach Dauer des Verweilens unter Artgenossen. Jeder scheint eine ganz persönliche stille Reserve zu haben, auf die ganz nach Bedarf zurückgegriffen werden kann. Auch in Literaturforen wird diskutiert, wer den Schönsten, Größten und Anspruchsvollsten hat. Frei nach dem Motto: Zeige mir deinen SuB und ich sage dir, wer du bist. Hier zählt nicht, was man gelesen hat, sondern was man nicht gelesen hat. Je mehr, desto besser. Manche Blogger berichten gar von ganzen RuB, Regalen ungelesener Bücher. Für Parallelleser und Buchabbrecher lohne sich übrigens auch das Anlegen eines SaB – so können ANgelesene Bücher besser von UNgelesenen unterschieden werden. Vom imaginären SuB, dem langen Wunschzettel aller Bücher, die man so gerne lesen möchte, aber noch nicht besitzt, will ich hier gar nicht erst anfangen.

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Another Country English Language Second Hand Bookshop

Another Country English Language Second Hand Bookshop

Nachdem in unserer Vorstellungsreihe die Krimibuchhandlung „Hammett“ an der Marheineke Markthalle den Anfang gemacht hat, gehen wir nun einige Straßen weiter in die Riemannstraße. Hier pflegt das englischsprachige Antiquariat „Another Country“ Gelassenheit und literarischen Kulturaustausch.

Thomas Pynchon würde diesen Ort lieben, denke ich und stolpere in den Laden. Die Treppenstufen zum Eingang hinauf sind glatt. Vielleicht war ich aber auch nur zu befangen von dem Sog der Buchhandlung. Ich betrete den Eingangsraum mit seinem gefliesten Boden und den vollgestellten Holzregalen und weiß, dass es hier um gelebte Literatur geht, nicht um das Verkaufen von Büchern.

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„Holy Shit!“ Bücher auf dem Weihnachtsmarkt

„Holy Shit!“ Bücher auf dem Weihnachtsmarkt

holyshitshopping_2010Seit 2004 ist das Holy.Shit.Shopping zu Weihnachten eine willkommene Alternative zu öden, kitschigen Weihnachtsmärkten an den Touri-Ecken Berlins. Künstler und Designer präsentieren und verkaufen ihre selbstgemachten Produkte, made in Berlin, und locken damit die Berliner Szene jedes Jahr an andere Orte. Letztes Jahr wurde im Postbahnhof konsumiert, dieses Wochenende luden gleich drei Galerien: in der Spandauer- und der Karl-Liebknecht-Straße. Jedes Jahr sind auch Buchverlage dabei. Bücher auf dem Weihnachtsmarkt, passt das? Wir haben uns mal umgeschaut.

Cross Cult verkauft, zwischen T-Shirts, die Comic-Vorlagen von Surrogates, Sin City und 24. Igor mag das „kreative Design“ des Weihnachtsmarktes. „Wir passen hier hin. Das Konzept funktioniert.“

Und wie verkauft es sich?

„Naja, die Leute sind schon interessiert und kommen schauen, aber die suchen zum größten Teil nichts für sich, sondern Geschenke. Und dafür sind unsere Sachen etwas zu herb.“

Danielas Verlag kookbooks ist gefühlt der erste, der den Vertriebsweg Weihnachtsmarkt wählte. Aber eben nur gefühlt:
„Der Verbrecher Verlag ist auf jeden Fall schon länger dabei. Ich mach das hier seit dem zweiten Jahr Holy.Shit.Shopping, also seit 2005. Neben kookbooks biete ich auch das großartige Programm von supposé mit an.“
Dafür ist Daniela auch auf den Weihnachtsmärkten am Schloss Charlottenburg und in der Domäne Dahlem vertreten, wo eigentlich nicht ihre Zielgruppe bummelt.
„Diesmal habe ich außerdem Bücher von edition ebersbach und :Transit dabei. Die laufen hier allerdings nicht so gut, dafür am Weihnachtsmarkt vorm Schloss Charlottenburg besser, wo wir zu viert einen Stand betreiben: Verlage aus Charlottenburg.“
Die neuen Räume in den Galerien gefallen ihr gut: „Ich mag die Stimmung hier. Gleich gehe ich auch selber mal `ne Runde.“

Sandras Stand von Blumenbar , ist direkt neben dem DJ-Pult, daher muss der Büchertisch neben der verdunkelten Tanzfläche auch mit Kerzen beleuchtet werden. Hinter ihr steht ein Kinderwagen samt Baby.

Und wie läuft’s heute?

„Geht so. Die Leute gucken lieber. Aber es lohnt sich schon auch für uns. Gerade habe ich noch nebenher Zeit, das Baby zu betreuen.“

Wie lange seid ihr schon mit Büchertischen auf dem Weihnachtsmarkt dabei?

„Eigentlich schon immer. Unsere Zielgruppe ist schließlich hier.“

Und welche Titel werden hauptsächlich gekauft?

„Eher die bekannteren Autoren: Jasmin Ramadans ‚Soul Kitchen‘ und Leonard Cohen.“
Sebastian ist für den Vertrieb beim Graphic Novel-Verlag reprodukt zuständig. Der dritte Band der Mumin-Reihe ist schon ausverkauft.

„Wir sind gleich für das erste Jahr von den Veranstaltern angesprochen worden, ob wir dabei sein wollen. Wir dachten: Komm`, wir versuchen das einfach. Es klappt sehr gut. Wir müssen alternative Vertriebswege gehen, da wir es als kleiner Verlag in den Buchhandlungen schwer haben. Unsere Bücher scheinen die richtigen Produkte für diesen Weihnachtsmarkt zu sein. Die Leute verschenken sie gerne.“

In eigener Sache: Der literarische Abend um Kubin war toll

In eigener Sache: Der literarische Abend um Kubin war toll

Gleich zu Beginn: Wir sind voreingenommen.  Natalie Junger und Dennis Grabowsky sind nicht nur gute Freunde, sondern auch Autoren dieses Blogs. Demnach ist dieser Text zu hinterfragen.

Wir sprechen uns an dieser Stelle häufiger für neue Formate von Literaturveranstaltungen aus. Der Text leidet nicht zwangsläufig, nur weil ein bisschen mehr auf der Bühne passiert, als dass ein Autor die ersten 20 Seiten seiner Neuerscheinung vorliest, ab und zu einen Schluck Wasser trinkt und anschließend die Zuschauerfrage beantwortet, wieviel von seinem eigenen Erlebten im Text steckt.
Es gibt andere Möglichkeiten, literarische Abende zu gestalten, ohne dass Schriftsteller turnen oder Witze erzählen müssen.

Natalie und Dennis präsentierten gestern Abend eine eigens konzipierte Veranstaltung im Buchhändlerkeller. Die Reihe Wiedergelesen widmet sich Klassikern, die nicht in Vergessenheit geraten sollen. Die Auswahl des Titels Die andere Seite von Alfred Kubin begründeten die beiden mit der enormen Fülle an interpretatorischen Ansätzen, die die Literaturwissenschaft zu diesem Roman produzierte sowie mit der Begeisterung für die schriftstellerische Leistung, Traumbilder zu erschaffen. Kubins Roman, sein einziger, berichtet von einem Ich-Erzähler, der sich samt Ehefrau aufmacht, in einer Traumwelt zu leben, die nach ganz eigenen Regeln funktioniert, die nie völlig klar werden. Der Autor illustrierte das Buch selbst mit grotesken, phantastischen, gruseligen Kohlezeichnungen.
Da Kubin ein gefragter Illustrator war, zeigten die Veranstalter beim Vorlesen von ausgesuchten Passagen, Bilder via Beamer. Es lasen drei verschiedene Stimmen, zudem wurden Kubin und sein Lebensweg vorgestellt, die interpretatorischen Möglichkeiten genannt und die Handlung erzählt. All dies geschah in durchdachter Komposition, auflockernd abwechselnd wurde frei gesprochen und vorgelesen, und nicht einfach wischi-waschi hinternander wech. Damit war der Abend auch für diejenigen interessant, die den phantastischen Roman bereits kannten.

Aber wie gesagt, wir sind voreingenommen.

“BERLIN trifft NEW YORK”
Zwei Großstadtautoren und die Suche nach dem Glück

“BERLIN trifft NEW YORK”Zwei Großstadtautoren und die Suche nach dem Glück


Von Katharina Kohlhaas und Dennis Grabowsky

Lucy Fricke und John Wray lasen am Montag im Kultursalon Roderich aus ihren Romanen „Ich habe Freunde mitgebracht“ und „Retter der Welt“. Die Hamburgerin Fricke wohnt seit zehn Jahren in Berlin und der New Yorker Wray durfte dank der American Academy drei Monate am Wannsee leben und schreiben. Sie liest und spricht mit fester Stimme, er mit vereinnahmendem amerikanisch-österreichischen Akzent. Beide haben etwas gemein: Sie leben in Metropolen und verarbeiten ihre Erfahrungen in Romanen. Im Laufe des Abends stellt sich jedoch heraus, dass das ihre einzige Gemeinsamkeit ist.

Zwischen Glockenlilien auf einem kleinen Podest, das wie die Sofas und Sessel der Zuhörer von Bücherregalen eingerahmt ist, beginnt eine Diskussion, die einen Rahmen bilden wird um die Lesungen aus ihren Büchern. Die Fragen und Antworten kreisen dabei immer wieder um das Phänomen, wie schnell man sich in Städten verlieren kann. Dabei offenbaren sich zwei sehr unterschiedliche Betrachtungsweisen.

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In eigener Sache: Veranstaltungshinweis
14.12. – Wiedergelesen: Alfred Kubin „Die andere Seite“

In eigener Sache: Veranstaltungshinweis14.12. – Wiedergelesen: Alfred Kubin „Die andere Seite“

Alfred Kubin (1877-1959), weltbekannt geworden als Grafiker des Grotesken und Illustrator, hatte einen Hang zum Fantastischen, Bizarren, Visionären.

Davon zeugt auch sein 1909 erschienener Roman „Die andere Seite“. Dessen Protagonist, ebenfalls ein Zeichner, gerät – bzw. reist dabei völlig aus freien Stücken – in ein Traumreich, das nahtlos zwischen Wunsch- und Albtraum changiert, sich schließlich zunehmend zu letzterem auswächst.
Jede Definition von Realität und deren Grenzen geht dabei verloren. Das ist Kubins Thema – und Leitmotiv dieses Abends.

„Die andere Seite“ ist zu modern, v.a. aber zu furios und einfach zu gut, um in Vergessenheit zu geraten.
In der Reihe „Wiedergelesen“ im Buchhändlerkeller Berlin will diese multimediale Veranstaltung dafür sorgen, Lust auf das Wiederlesen eines Klassikers zu machen.

Dienstag, 14. Dezember 2010
Beginn: 20:30 Uhr
Buchhändlerkeller Berlin, Carmerstr. 1
Berlin-Charlottenburg
Eintritt: 5 / 3 €

Konzipiert und präsentiert von Natalie Junger und Dennis Grabowsky

Hier könnt Ihr, wenn Ihr wollt, via Facebook Euer Kommen ankündigen.

Unternehmerischer Mut, preisgekrönt: Matthes & Seitz

Unternehmerischer Mut, preisgekrönt: Matthes & Seitz

Preisverleihungen sind eigentlich nicht so mein Ding. In feierlichem Rahmen werden zumeist steife Reden gehalten, die entweder für die Institution des Laudatoren oder aber für den Bepriesenen selbst Eindruck schinden sollen. Selbst eine Wasserglaslesung kann da spannender sein. Dass das durchaus auch anders geht, bewies vergangenen Dienstag Laudator Michael Krüger, seines Zeichens Geschäftsführer des Carl Hanser Verlags bei der Verleihung des Prix de l’Académie de Berlin an die Kleinverlage Matthes & Seitz sowie L’Arche Éditeur. Letzterer trieb u.a. die Verbreitung deutscher Dramatiker in Frankreich voran.

Die Académie de Berlin wurde 2006 gegründet und will den kulturellen Austausch und Dialog zwischen Deutschland und Frankreich fördern. Finanziellen Rückhalt erhält sie vor allem von der Robert-Bosch-Stiftung. Ehrenpräsident der Académie de Berlin ist Richard von Weizsäcker, zu den Mitgliedern zählen Prominente wie Wim Wenders, Karl Kardinal Lehmann, Peter Scholl-Latour und Patrick Süskind. Wer es noch rechtzeitig in den Festsaal schaffte, konnte also das ein oder andere Autogramm ergattern oder Moderator Ulrich Wickert die Hand schütteln.

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Sex und Drogen? Nein: Literatur im Berghain

Sex und Drogen? Nein: Literatur im Berghain

Was können sich elektronische Musik und Literatur sagen? Das war die Leitfrage von „elektro.lit“, einem Experiment des Tonlabels und Verlags KOOKbooks, das am Donnerstagabend im Berghain stattfand. Monika Rinck, Lucy Fricke und Jörg Albrecht lasen im vermeintlich hippsten Club Europas; Holger Zilske, Stimming und Frank Bretschneider vertonten das Ganze elektronisch.

Man kennt ja die Klischees, die das Berghain begleiten. Ein Muss für alle, die mal so richtig Berlin erleben wollen, sagt man. Schließlich legt der Kalkbrenner da auf. Und es gibt überall Sex und Drogen. Und man muss Stunden anstehen, um dann vielleicht vom Türsteher heimgeschickt zu werden, wenn ihm die Visage nicht passt. Voll hip eben, total Berlin und so. Da soll Literatur einen Platz finden? Schaun mer mal, denke ich mir als literatur- und elektroaffine Neuberlinerin. Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass in Szeneclubs gelesen wird. Airen las im Berghain und Hegemann im Tresor. Also machte ich mich auf den Weg. In Jogginghose.
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