Diverse Verschmelzung(en)

Ein sensationelles Identitätspanorama: Bernardine Evaristo verwischt in Girl, Woman, Other vermeintlich fixe Grenzen und zelebriert die Vielfältigkeit subjektiver Erfahrung.

Girl, Woman, Other von Bernardine Evaristo
© Mara Hartung

Wie im Nu ist ein weiteres Jahr vergangen und der Booker-Prize-Träger 2020 steht mit Douglas Stuart fest. Dabei hatten wir hierzulande noch kaum die Möglichkeit, auf eine der Gewinnerinnen des vorletzten Jahres zu schauen. Erst am Samstag ist Bernardine Evaristos preisgekrönter Roman Girl, Woman, Other in deutscher Übersetzung erschienen. Höchste Zeit, das Werk der ersten schwarzen Preisträgerin des renommierten britischen Literaturpreises genauer unter die Lupe zu nehmen. 

Zwischen Prosa und Poesie

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Ungefähr in diesem Stil – wobei es anmaßend wäre zu behaupten, die Autorin hätte ihren 450-seitigen Roman ganz nebenbei in seine Form gegossen – werden zwölf fiktive Lebensgeschichten, angesiedelt im heutigen Großbritannien erzählt. Von traditionellen Genrekonventionen lässt sich Evaristo wenig beeindrucken. Es wird gemunkelt, ihre Vorliebe für freie Formen stamme aus ihrer Zeit als Theaterregisseurin und Dramaturgin in den 80er Jahren. 1994 debütiert die damals 35-Jährige dann mit dem Gedichtband Island of Abraham. Seitdem hat sie sieben Romane veröffentlicht. In fast allen bricht sie mit klassischen Genrekategorien. 

So auch in Girl, Woman, Other. In ihrem neusten Roman verzichtet sie auf Interpunktion, bevorzugt stattdessen Zeilenumbrüche. Es entsteht eine Prosa, die mal mehr, mal weniger an lyrisches Schreiben erinnert – und bis zum Schluss ungreifbar bleibt. Während man im einen Moment noch überzeugt ist, es handle sich um gewöhnliche Prosa in poetischer Form, folgen im nächsten metrisch fein konstruierte Passagen, die ebenso aus einem Lyrikband stammen könnten:

the feeling of being
un
moored
un
wanted
un
loved
un
done
 
a
no
one.

Verschmelzung Vielfalt Subjektivität

Doch warum dieses stilistische Potpourri? Girl, Woman, Other ist ein Werk voller Verschmelzungen. Die Handlung beginnt im London der Gegenwart. Zu Ammas Theaterpremiere reisen Familie, Freund*innen und Bekannte an, von denen zwölf zu Protagonist*innen des Romans werden sollen. Fast alle weiblich, fast alle schwarz, alle zu Hause in Großbritannien – so fasst es der Coverumschlag der englischen Ausgabe passend zusammen. Ausgehend von dieser Rahmenhandlung reist Evaristo in zwölf Kapiteln durch die Gedanken und Geschichten ihrer Figuren. Figuren, die aus drei Generationen stammen und Wurzeln in der ganzen Welt haben. Ohne das gegenwärtige London zu verlassen, führen die Erinnerungen zurück in zahlreiche Orte, die Zeitspanne erstreckt sich über knapp 150 Jahre. Zwölf individuelle Lebenswege und Entscheidungen, die zu diesen führen. Doch die Charaktere begegnen sich immer wieder, beeinflussen Entscheidungen der jeweils anderen. 

Sie lasse die Geschichten „ineinanderfließen“, so Evaristo in einem Interview mit der Buchhandelskette Waterstones im Anschluss an die Booker-Preisverleihung. Sie selbst bezeichnet ihren Roman als „fusion fiction“. Verschmelzung auf allen Ebenen – in den Geschichten der Figuren, von Gegenwart und Vergangenheit, London und Diaspora, Prosa und Poesie. Auf den Seiten entsteht ein poetisches Muster, das die Leser*innen von einem Vers in den nächsten fließen lässt. Die experimentierfreudige Autorin findet auch in ihrem jüngsten Roman einen innovativen, auf den Inhalt zugeschnittenen Stil. Ein Stil, der niemals konstruiert wirkt und von Beginn an leicht zugänglich ist – große Kunst!

Es sind große Themen, die Evaristos Figuren auf unterschiedliche, dennoch verbindende Weise umtreiben. Rassismus, Schwarzsein, Otherness, Weiblichkeit, Gender, Sexualität, Milieu. In diesem Tempo werden die Themen immer neu zusammengebracht und diskutiert. Intersektionalität und Erfahrungen von Mehrfachdiskriminierung spielen eine zentrale Rolle. Aber nicht für alle Figuren sind die Themen gleichermaßen relevant. So zum Beispiel für das Mutter-Tochter-Gespann Bummi und Carole: Bummi ist eine nigerianische Migrantin, die stolz auf ihre Herkunft ist, ihren Slang liebt und sich für ihre Tochter Carole nichts sehnlicher wünscht als einen Mann nigerianischer Herkunft. Doch die hat ihre eigenen Vorstellungen. Als Carole einen Studienplatz in Oxford ergattert, landet sie in einem weißen Freundeskreis. Beginnt sich die Verhaltensweisen ihres neuen Umfelds anzueignen, wirft plötzlich mit poshen Ausdrücken wie „I’m just popping to the loo“ um sich. Es kommt zu Unverständnis und Streit.

Wer liegt richtig, wer falsch? Das lässt sich kaum beantworten. Das ist auch der Autorin klar – sie stellt nebeneinander ohne zu werten und schafft einen diskursiven Modus, indem sie die Figuren miteinander diskutieren und streiten lässt. Das hat nicht nur einen hohen Unterhaltungswert, sondern jede Figur kann und muss für sich selbst sprechen. Evaristo gelingt es, subjektive Identitäten schwarzer (trans*) Frauen glaubhaft darzustellen. Sie entwirft ein diverses Identitätspanorama, das in keinem Satz – oder Vers – didaktisch motiviert ist. Die Inspirationsquelle sind Gespräche aus ihrem Umfeld. Die Erfahrungen und Einstellungen ihrer Mitmenschen wolle sie in dem Roman sammeln, erkunden und verarbeiten, erklärte Evaristo einmal.

Empowerment?

Eine positive Annäherung an Lebenserfahrungen schwarzer Menschen verfolgte Evaristo bereits in ihren früheren Werken. Diese hatten – anders als Girl, Woman, Other – häufig ein geschichtliches Setting, spielten beispielsweise im antiken London. Der Fokus lag jedoch nicht auf der Darstellung der Gräueltaten von Kolonialisierung und Sklaverei. Vielmehr versuchte die Autorin die Rolle schwarzer Menschen – insbesondere schwarzer Frauen – und ihre Errungenschaften in der Menschheitsgeschichte zu zelebrieren. Es sind Geschichten der Selbstermächtigung, der Individualität von Erfahrung und des Ausbrechens aus einer durch die weiße Geschichtsschreibung zugewiesenen Opferrolle.

Auch in Girl, Woman, Othergeht um Schwarzsein. Es geht darum, wie individuell und wandelbar das Verständnis von Schwarzsein ist. Es geht um das Ausbrechen aus Schubladen. Es geht darum, all diesen Frauen eine Stimme zu geben. Eine subjektive Stimme, die gegen Klischees ankämpft. Die sich nicht rechtfertigen muss. Natürlich erinnern diese Botschaften an die US-amerikanische Black Lives Matter Bewegung, die letztes Jahr auch international zusehends laut wurde. Doch das Buch ist bereits 2019 erschienen. In Großbritannien, nicht in den USA. Es würde daher zu kurz greifen, es in den neuen Aufschwung der Bewegung einzuordnen. Aber die gesellschaftliche Debatte macht es umso aktueller und relevanter.

Feminismus?

Ebenso ist es ein Buch über Frauen. Und trans* Frauen. Über Weiblichkeit und Rollenbilder. Es geht um fluide Genderkonzepte und komplexe Sexualität. Und es geht um Gewalt und Missbrauch. Die Leser*innen wohnen Vergewaltigungsszenen bei, sie werden Zeug*innen von toxischen homo- und heterosexuellen Beziehungen. Deshalb lässt einen die deutsche Übersetzung des Titels – Mädchen, Frau etc. – ratlos zurück. Abgesehen davon, dass „etc.“  auf einem Romancover verboten aussieht, klammert es die zahlreichen Bedeutungsebenen des englischen Begriffs Other aus. Und ersetzt sie durch eine inhaltslose, technische Abkürzung, die der Vielschichtigkeit des Originaltitels nicht gerecht wird.

Es ist ein feministisches Buch, aber ohne feministische Mission. Wenn man es feministisch liest, würde man es dem intersektionalen Feminismus zuordnen. Es erinnert an Romane wie Die verschwindende Hälfte von Brit Bennett oder Queenie von Candice Carty-Williams, die ebenfalls schwarzen Protagonistinnen eine subjektive Stimme verleihen. Es schlägt in dieselbe Kerbe wie Essays von Reni Eddo-Lodge oder Chimamanda Ngozi Adichie, die sich mit den Themen Rassimus und Sexismus intersektional auseinandersetzen.

Alles kann, nichts muss

Doch Girl, Woman, Other ist anders, besser. Denn es muss nicht in dieser Tradition gelesen werden. Es funktioniert auch ohne Vorwissen über Feminismus und Black Lives Matter. Es kann auch einfach das literarische Meisterwerk bleiben, in dessen Form man sich verliert. Es funktioniert für Menschen jeglicher Geschlechtsidentität. Jeder Hautfarbe. Jeden Alters. Überall auf der Welt. Egal wie, wann und wo: Es macht schlauer, weiser, bewusster, ohne dies explizit zu forcieren. Lässt die Leser*innen mühelos durch die literarischen Passagen fließen, von einer Geschichte in die nächste. Und bleibt gerade deshalb in Erinnerung. 

Bernardine Evaristo: Girl, Woman, Other. Hamish Hamilton 2019. Die deutsche Übersetzung mit dem Titel Mädchen, Frau etc. erschien am 23. Januar 2021 im Tropen Verlag.

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