Nichts wie ran an die Theorie!

Sie waren voller kluger Gedanken, zudem günstig und passten in jede Manteltasche: Theoriebändchen, Theorie-Bibeln, Fledderhefte  – wie man sie auch immer nennen möchte – treue Begleiter von Studierenden und unverzichtbar für die Information und Disputation aktuellen Zeitgeschehens.

Die Generationen der 68er- und der frühen 70er-Jahre setzen sich bis zum Exzess mit linken Theorien auseinander, um gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen, und das nicht nur an Universitäten. In diesen Jahren wuchs das Interesse an linken Theorien in einer neu entstandenen Szene vornehmlich junger Leute, die sich dem bürgerlichen Leben ihrer Elterngeneration verweigern wollten. Diesen Theoriehunger befriedigte vor allem der Merve-Verlag. Ein sehr lesenswertes Buch über dessen Gründung und die von ihm geprägte Rezeptionskultur, hat der Historiker Philipp Felsch geschrieben: Der Lange Sommer der Theorie, erschienen bei C.H. Beck.

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© C.H.Beck / André Kertész, Washington Square, NYC, 1970, © The Estate of André Kertész, courtesy Stephen Bulger Gallery

Wir haben uns gefragt, wo es Theorie heute noch gibt und sind im Berliner Großstadtdschungel auf die Jagd gegangen: Zabriskie, Ocelot, proqm, die Dorotheenstädtische Buchhandlung, Schleichers und die Buchboxen sind nur eine Auswahl der gut sortierten Buchläden Berlins, die sie heute noch führen. – Warum? “Weil diese Texte spannend sind und wichtig.” Denn nach Kant schult Philosophieren unsere Kreativität im Denken und die Fähigkeit eigenständig zu urteilen. Allerdings haben die kleinen, feinen Theoriehefte von Matthes & Seitz Berlin, Diaphanes & Co. zumindest äußerlich immer weniger Ähnlichkeit mit den Fledderheften der späten 60er Jahre: edel verpackt, liebevoll gestaltet und preislich leider nicht mehr ganz so erschwinglich kommt die heutige Taschentheorie elegant daher und könnte fast als Accessoire durchgehen.

Ihre Leserschaft variiert von Stadtteil zu Stadtteil: mal sind es Mitt- und Endzwanziger sowie vornehmlich Herren über vierzig, dann wieder eine “internationale, metrosexuelle Elite” in beispielsweise Berlin Mitte. In jedem Fall aber eine Theorieerprobte Bildungselite, die dank ihrer universitären Ausbildung “Komplexes wegliest wie Belletristik.” Trotz dieses leider begrenzten Leserkreises kommt den heute stilbewussten ‘Fledderheften’ eine nicht zu verachtende Bedeutung zu. Denn, wie die Deutsche Gesellschaft zur Erforschung des politischen Denkens (DGEPD) bestätigt, ist der Austausch zwischen Theorie und Praxis angesichts der politischen Verhältnisse in Europa und weltweit unbedingt nötig. Und tatsächlich kann Theorie ansprechen und muss nicht überfordern. Glücklicherweise gibt es verschiedene unabhängige Verlage, die starke Reihen in diesem Bereich herausbringen, Suhrkamp Wissenschaft ist sicher vielen bekannt, aber wie steht es mit diesen?

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© Lena Pflueger

Die kleine Edition in verschiedenen Farben gehört zum August Verlag Berlin, einem Imprint der Buchhandlung Walther König. Die theoretische Reihe kommt den ebenfalls einfarbigen Merve-Bändchen aus den 70er Jahren vielleicht optisch am nächsten – aber auch inhaltlich gibt es Parallelen. Sie versammelt Texte international bekannter Autoren wie Jaques Rancière und Jaques Lacan und deutschsprachiger Autoren wie Christoph Menke und Gabriele Brandstetter. Handlich und ohne unnötigen gestalterischen Aufwand behandeln die Bücher gesellschaftspolitische, philosophische und ökonomische Themen. Format: 10 x 16 cm, Preis: 9,80 Euro.

Bei Diaphanes, einem Verlag für zeitgenössische Philosophie, erscheinen gleich drei für unser Thema interessante Reihen: TransPositionen, Kleine Reihe und Platon&Co. TransPositionen steht für den Transfer philosophischer Debatten zu gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Fragen und versammelt überwiegend Texte französischer Autoren wie jene der Philosophen Jean-Luc Nancy, Alain Badiou oder des deutschen Vorzeige-Literaturwissenschaftlers Joseph Vogl. Die Reihe stellt Auszüge aus wissenschaftlichen Vorträgen oder kleinere Einzelarbeiten zur Verfügung. Format: 11 x 16 cm, Preis: 8-10 Euro. In der Kleinen Reihe erscheinen als „preiswerte kleine Geschwister der TransPositionen“ energische Beiträge zu politischen Fragen und aktuellen Debatten auf maximal 120 Seiten. Format: 11 x 16 cm, Preis: 8 Euro. Platon&Co. ist eine Reihe für Kinder und zeigt ihnen, indem aus dem Leben der großen Philosophen erzählt wird, wie schön mutiges Denken sein kann. Humorvoll illustriert eröffnen die verschiedenen Titel auch Erwachsenen “eine Hintertür in die Weiten des Denkens, Fragens und Staunens”. Format: 12 x 22 cm, Peis: 12,99 Euro.

Die Reihe #Volte erscheint bei dem Leipziger Literaturverlag Spector Books. Sie entstand in Zusammenarbeit mit der Literaturzeitschrift Edit und steht für Literatur mit Formbewusstsein, Haltung und Witz. Die Titel bewegen sich an der Schnittstelle von Literatur und Sachbuch. Bis dato sind vier Bändchen erschienen: vom Dramatiker Wolfram Lotz, den Autoren Heike Geißler, Francis Nenik und zuletzt von Aboud Saeed (Übersetzung aus dem Arabischen von Sandra Hetze). Weniger wissenschaftlich als die beiden zuvor genannten Reihen, aber nicht minder klug. Format: 11 x 18 cm, Preis: 10 – 16 Euro.

Der Verlag Matthes & Seitz Berlin publiziert in der Reihe Fröhliche Wissenschaft Essays zu aktuellen Themen der Geistes- und Kulturwissenschaften. Unter den Autoren sind Byung-Chul Han, Sophie Wahnich, Frank Witzel und Philipp Felsch oder auch Neil McGregor. Ihre Schriften sind, in den Worten Michael Krügers, „alles andere als zahme, intellektuelle Langweiler“. In fröhlichen Farben gestaltet verzieren die Bändchen außerdem jedes Bücherregal. Format: 9,5 x 18 cm, Preis: 10 -18 Euro.

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© Lena Pflueger

Natürlich trägt auch die Digitalisierung ihren Teil zur schrumpfenden Leser (und Käufer) -schaft der kleinen aber feinen Theoriebände bei: philosophierende und aktuelle Themen wälzende Aufsätze, ja ganze Bände stehen mittlerweile oft kostenlos zum Download zur Verfügung, daher kann kaum noch ohne weiteres nachvollzogen werden, wieviel Theorie tatsächlich noch im Umlauf ist beziehungsweise gelesen wird. Blogs stellen häufig interne Linklisten über universitäre und freie Datenbanken sowie Theorie-Zeitschriften zusammen. Ein solcher ist etwa www.theorieblog.de, der auch auf Neuerscheinungen hinweist. Zu nennen sind hier außerdem http://kritisch-lesen.de und www.hannaharendt.net. Die mobile Kommunikation, die ja vor allem effizient sein soll, steht einer anspruchsvollen und langwierigen Lektüre mitunter im Weg. Doch, und damit wären wir wieder bei Kant, sie stärkt die Fähigkeit zu komplexen Denkvorgängen, diese wiederum das Selbst und wirkt sich positiv auf unsere Entscheidungsfähigkeit aus. Also: nichts wie ran an die Theorie!

Falls die Wahl schwerfällt, hier ein Tipp – auch weil das Thema noch und wieder so schön passt: “Europa kaputt?” – Ein Gespräch zwischen Yanis Varoufakis, Guillaume Paoli, Franco »Bifo« Berardi und Srećko Horvat mit einem Essay von Peter Trawny zum ‚Projekt Europa‘. Komplexes verständlich erklärt und lesbar in zwei U-Bahnfahrten.

Clara Sondermann und Lena Pflüger

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Ein Gedanke zu „Nichts wie ran an die Theorie!

  • 26. Juli 2016 um 14:40
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    Danke für die tolle Übersicht, auf die ich erst heute gestoßen bin. Es ist schön zu sehen, dass es noch immer (kleine) Verlage gibt, die sich an genre-, gattungs- und grenzübergreifende Literatur und Wissenschaft wagen. Die Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ kannte ich noch nicht, klingt aber toll. Die Volte-Reihe ist mir auch neu. Leider habe ich da bis auf den Nenik, den ich sehr mochte, keine Leseproben gefunden. Wird aber vielleicht noch…

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