Adventskalender: Vierte Woche

Ob ihr noch dringend ein Buch zum Verschenken oder zur Ablenkung vom Feiertagsstress sucht oder einen Film, vor dem ihr euch auf dem Sofa zusammenrollen könnt – im Litaffin-Adventskalender werdet ihr fündig. In unserem Adventskalender werden wir über den Dezember bis Weihnachten Rezensionen veröffentlichen, seid gespannt! Jeden Tag auf Instagram und am Wochenende hier auf litaffin.de 

Annemarie Schwarzenbach – Eine Frau zu sehen

„Eine Frau zu sehen: nur eine Sekunde lang, nur im kurzen Raum eines Blickes, um sie dann wieder zu verlieren, irgendwo im Dunkel eines Ganges, hinter einer Türe, die ich nicht öffnen darf“.

Weihnachten 1929, die Ich-Erzählerin verbringt ihren Winter im Skiurlaub in den Schweizer Alpen – und macht im Fahrstuhl ihres Hotels eine Begegnung, die alles für sie ändert. Die fremde Frau im weißen Mantel wird zum Zentrum ihres Daseins, jede Information, die sie über sie bekommen kann, saugt die Erzählerin gierig auf. 

Es ist ein impulsives, fieberhaftes Verliebtsein, das Annemarie Schwarzenbach in dem schmalen, eher fragmentarischen Band beschreibt. Weder die Protagonistin selbst noch ihr Umfeld hinterfragt ihr Begehren, es erscheint natürlich, dass sie sich zu einer Frau hingezogen fühlt.

„Es war ein Zufall, dass ich ihr begegnete, aber dieser Zufall lehrte mich, Frauen zu lieben“.

So stürmisch, wie sich die Protagonistin ihrer Sehnsucht und dem Verlangen nach der Frau hingibt wirft, ist der Text erzählt; man fühlt mit ihr die Ungeduld ihrer jungen Verliebtheit. Ein kurzer, dichter Text, der Jahre nach seiner Fertigstellung zum Glück im Nachlass der Autorin wiederentdeckt wurde und perfekt in die Jahreszeit passt! 

Von Emma @emmarotermund

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YOYI! Care, Repair, Heal (Ausstellung)

Heilen weltweit: YOYI! Care, Repair, Heal, die aktuelle Ausstellung im @gropiusbau, sammelt Arbeiten verschiedener Künstler*innen zum Thema Heilen. Die Auswahl der Kunstwerke verdeutlicht die Relevanz dieser Praxis als Schnittpunkt verschiedener aktueller Debatten. Ob es mit Abtreibung, Muttersein und sexueller Gewalt die Rolle der Frau reflektiert oder durch psychoanalytische Ansätze individuelle und geschichtliche Ereignisse verknüpft.

In der medial und museal sehr durchdachten Ausstellung ist ein Highlight eine zunächst unscheinbare Videoarbeit, die eine algerische Psychoanalytikerin und einen deutschen Psychoanalytiker durch Nebeneinanderstellen der Interviews in einen Dialog bringt. Themen sind dabei Trauma beziehungsweise Psychologie der Kolonialgeschichte und der Ostdeutschen nach dem Mauerfall. 

Ausstellung: YOYI! Care, Repair, Heal, 16. September 2022 bis 15. Januar 2023 im Gropius Bau – Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst

Von Cara Enders @caranoiia

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Timur Vermes – Comic Verführer

„Wie viele Menschen aus Ihrem Bekanntenkreis haben Ihnen in den letzten vier Wochen eine TV-Serie empfohlen? Wie viele ein Buch? Wie viele einen Film? Und wie viele einen Comic?“
Und woran liegt das wohl? Deutschland ist traditionell das Land der Dichter und Denker (natürlich männlich gegendert). Deutschland ist traditionell skeptisch gegenüber Comics. Ist ja keine Literatur. Kann ja gar nicht den gleichen Stellenwert haben. Oder? Der „Comicverführer“ dürfte diese Ansicht schnell auf den Kopf stellen.

Der ultimative Comic-Guide für Anfänger:innen, Wiedereinsteiger:innen UND Fortgeschrittene – das ist ein hoher Anspruch mit dem der Timur Vermes seinen Streifzug durch die internationale Comicgeschichte beginnt. Kurz zur Einordnung: Timur Vermes, das ist der Typ aus dessen Feder die Hitler-Satire „Er ist wieder da“ stammt. Die kann man nun mögen oder nicht, mit dem „Comicverführer“ gelingt Vermes ein reichhaltiger und dabei höchst unterhaltsamer Überblick über die Weiten der Comicwelt.

Gekonnt mäandert er zwischen Genreerklärungen und Einzelkritik, Empfehlungen und wohlportionierten Infohäppchen. Dabei deckt er eine so große Themenbreite ab (mein Favorite war das Kapitel über Comicjournalismus!) und schreibt mit solcher Begeisterung, dass tatsächlich für jede:n etwas dabei sein dürfte. Dass Vermes ganz persönlicher Geschmack das Maß der Dinge ist, stellt er gleich im Vorwort heraus. Seinen Texten verleiht das eine glaubhafte und mitreißende Leidenschaft. Gleichzeitig wird seine Auswahl dadurch leider beschränkt. Ja ja, jetzt kommt wieder die Litanei vom alten, weißen Mann…

Nur leider ist da was dran. Eine kurze Selbstreflexion über die eigene weiße, männliche Perspektive hätte den ein oder anderen sexistischen oder rassismusunkritischen Kommentar verhindern können. Wenig überraschend kommen daher auch die Comics von und über BIPoCs und Queerios in seiner Auswahl zu kurz – was schade ist, da es mittlerweile großartige Titel gibt. Hier ist man als Leser:in also selbst in der Pflicht, sich online oder in einer gut sortierten Buchhandlung auf Entdeckungstour zu begeben. Wer bereit ist, sich in dieses rabbit hole zu stürzen, der:dem kann ich eins schon mal verraten: Es lohnt sich! Für Anfänger:innen, Wiedereinsteiger:innen UND Fortgeschrittene!

Von N.n. Wetzel @krakelkladde

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Carmen Maria Machado – In the Dream House

Geschichten, die sich tiefergehend mit einer Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen auseinandersetzen, sind noch immer rar gesät – und noch viel seltener kommt es vor, dass Missbrauch in einer lesbischen Beziehung als Thema im literarischen Fokus steht. „In the Dream House“ ist Carmen Maria Machados Versuch, eine Sprache zu finden für die Gewalt, die sie selbst innerhalb der Beziehung mit ihrer Ex-Partnerin erlebt hat. In fragmentarischer Form, teils tagebuchhaft, teils essayistisch, rekonstruiert Machado diese hochintensive Beziehung, in der große Verliebtheit sich mit emotionaler Abhängigkeit, Gaslighting und psychischer Gewalt abwechseln. Machado, deren Kurzgeschichten-Debüt „Her Body and Other Parties“ bereits zum preisgekrönten Erfolg wurde, hat mit „In the Dream House“ gleichzeitig ein persönliches Memoir und ein Archiv einer toxischen Beziehung geschaffen, in dem sie nicht nur auf ihre eigenen Erfahrungen zurückgreift, sondern sich auch bei Filmen, Märchen, Mythen und weiteren cultural tropes bedient. Ein Beziehung wie ein Gefängnis – „In the Dream House“ ist ein faszinierendes Leseerlebnis, das einen so schnell nicht wieder loslässt. 2021 erschien das Buch unter dem deutschen Titel „Das Archiv der Träume“ bei Klett-Cotta, aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll. 

Von Marit Blossey @marittyyy

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See How They Run (Film)

1953 West End (London). Im St. Martin’s Theatre feiert man die 100. Aufführung von Agatha Christies Drama „Die Mausefalle“. Es herrscht ausgelassene Stimmung, bis es zu einer Rangelei zwischen dem Hauptdarsteller Richard Attenborough (Harris Dickinson) und dem amerikanischen Filmregisseur Leo Köpernick (Adrien Brody) kommt. Der unverschämte Regisseur, der sich auf der Feier keiner Beliebtheit erfreut, landet kurzerhand in der Torte. Auf der Suche nach sauberer Kleidung geht er in den verlassenen Kostümfundus und wird dort von einer dunklen Gestalt im Herrenmantel und Hut hinterrücks erschlagen. Köpernicks Leiche wird anschließend auf der Bühne gefunden. Alle, die am Tatort, anwesend waren, versammeln sich in den Zuschauerrängen. Man wartet auf die Polizei. Nun taucht das Ermittlerduo auf, Inspektor Stoppard (Sam Rockwell) und Constable Stalker (Saoirise Ronam).

„Es ist ein Whodunit. Hat man eins gesehen, hat man alle gesehen.“ Die Kriminalkomödie „See How They Run“ erzählt die klassische Kriminalgeschichte: Es gibt ein Mordopfer und eine Anzahl an Verdächtigen, die zur Tatzeit am Tatort waren, unter ihnen der Mörder. Und ein Ermittlerduo macht sich daran, den Fall zu lösen. Die Geschichte klingt einfach, nichts neues wird erzählt, ein Kriminalfall wie er im Buche steht. Und dennoch überzeugt der Film mit seinem Witz und seiner Ästhetik. Als Zuschauer*in begleitet man das Ermittlerduo in ihrem quietschblauen Ford Anglia, einem kleinen Kastenwagen, durch London. Inspector Stoppard, der müde und abgearbeitet wirkt, ist von der übereifrigen Constable Stalker genervt, die alles wirklich alles in ihr kleines rotes Notizbuch schreibt und die Ermittlung mit ihren voreiligen Schlüssen unterhält. 

Ein Film mit witzigen Charakteren, der sein eigenes Genre nicht zu ernst nimmt. Seine Ästhetik erinnert stark an die Wes Anderson Filme (symmetrische Kameraführung, detailreiche Filmsets). „See How They Run“, eine Kriminalkomödie, die für Unterhaltung sorgt.

Von Inga @luing_a

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Lucia Leidenfrost – Mir ist die Zunge so schwer

Heiligabend ist da – die oft anstrengende Vorweihnachtszeit ist vorüber. Doch auch in diesen Tagen, in den Ferien von Lohnarbeit und Uni-Kursen, kommen nur wenige intensiv zum Lesen. Verwandte werden besucht, die Wohnung muss mal wieder geputzt werden, man wollte schon lange das neue Badregal anbohren… Gründe, warum die Lesezeit (zu) kurz ausfällt, gibt es viele. Und es gibt Mittel dagegen. Zum einen natürlich: sich Zeit nehmen, das Badregal in der Ecke stehen lassen und ab mit Anna Karenina oder Unendlicher Spaß auf die Couch. Oder zum anderen: die Lücken nutzen. Kurze Texte genießen, die sich auch auf der Rückfahrt von den Großeltern durchlesen lassen und bei denen man nicht zwingend zwei Dutzend russischer Spitz- und Kosenamen über tausend Seiten im Gedächtnis behalten muss.

Die Rede ist von Erzählungen. Viel zu sehr steht diese Gattung im deutschsprachigen Raum im Schatten ihres großen Geschwisterkindes, dem Roman, obwohl Erzählungsbände doch unheimlich viel zu bieten haben: spannende, dramatische oder erhebende Geschichten, auf kurzen Raum verknappt, intensiv und nie langatmig oder voll überflüssiger Ornamente. Auf den Punkt geschrieben, im besten Fall.

Um einen solchen besten Fall handelt es sich auch bei dem vorliegenden Band „Mir ist die Zunge so schwer“ von Lucia Leidenfrost. Auf 190 Seiten versammelt die österreichische Schriftstellerin 18 kurze Texte, die alle vom Erzählen handeln. Von Erinnerungen am Ende des Lebens, lange verkramt hinter Alltagsdingen, weggeschlossen im Schweigen, und doch immer noch da. Es geht um Kriegserfahrungen, verlorene Liebe und Schuld. Um die Mühseligkeit, die Vergangenheit in Worte zu fassen. Und die Notwendigkeit, das zu tun.

Lucia Leidenfrost fängt diese Geschichten in klarer Sprache ein, erzählt ohne Klischees in den verschiedensten Tonlagen und aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Viele der Erzählungen trage ich auch lange nach dem Auslesen mit mir umher, als sei etwas in mir mit den Texten eine Verbindung eingegangen. Dabei geholfen hat auch die schöne Gestaltung des Bandes durch den Verlag Kremayr & Scheriau. Allen, die die kurze Form schon wertschätzen oder das noch lernen wollen, kann ich „Mir ist die Zunge so schwer“ jedenfalls nur vollumfänglich empfehlen.

Von Steffen Bach @steffen_pueckoff

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