Emma Jane Unsworth: Adults

Dieses Erwachsensein

Emma Jane Unsworths neuer Roman „Adults“ zeigt schonungslos die Tücken unserer heutigen Gesellschaft auf. Social-Media-Abhängigkeit, ungesunde Arbeitshaltung und die kaputte Beziehung zur Mutter sind nur einige der Verwicklungen, denen Protagonistin Jenny McLaine ausgeliefert ist. Als sie dann noch entlassen wird, ihr Freund sie ausgerechnet für ihr Instagram-Idol verlässt und ihre Mutter bei ihr einzieht, ist das Chaos perfekt und die Midlife-Crisis in vollem Gange. Ein rasanter, witziger und brutal ehrlicher Roman, der sich als ziemlich tiefgründig entpuppt.

Adults von Emma Jane Unsworth
© Victoria Lückemann

Das Leben der Jenny McLaine …

Sie mietet ein eigenes Haus in London, ist mit dem umwerfenden Fotografen Art zusammen, arbeitet als Kolumnistin für das feministische Magazin „The Foof“ und hat eine wirklich beste Freundin Kelly. Halt. Das war mal Jenny McLaines Leben. Wir begegnen hingegen einer Mittdreißigerin, die sich dank Overthinking-Syndrom und Instagram-Obsession über ein ganzes Kapitel lang an einer authentischen Insta-Caption für ein spontan fotografiertes Croissant versucht, während sie beim Bäcker in der Schlange steht.

„GEBÄCK, JUHU! #GEBÄCK

Ist das wirklich die perfekte Darstellung meiner gegenwärtigen Erfahrung?Ich streiche das JUHU und das Komma.

GEBÄCK! #GEBÄCK

Ich starre erneut auf den Bildschirm. Ich versuche, zu meiner ursprünglichen Eingebung zurückzufinden; mich von ihr leiten zu lassen. Das ist das Mindeste, was ich tun kann. Darum sollte es bei uns Mittdreißigern ja schließlich gehen: um die unablässige Befragung unser selbst.“

… und wie es gen Abgrund lief

Während Likes, Kommentare und Influencerinnen das Einzige sind, womit sie sich komfortabel fühlt, begegnet sie der Wirklichkeit abseits des Handybildschirms mit Angstzuständen, Missmanagement und ungefilterter Emotionalität. Statt mit ihrem Freund wohnt Jenny mittlerweile mit drei jungen Frauen zusammen, um sich die Miete leisten zu können. Ihr Job als Kolumnistin steht auf Messers Schneide, ihre langjährige Freundschaft zu Kelly gerät ins Wanken und dann steht urplötzlich ihre esoterische Mutter im Flur, zu der sie kaum noch Kontakt hatte. Hautnah bekommen wir dabei mit, wie sich die einzelnen Misslagen entwickeln. Kelly etwa gegenüber verhält sich Jenny unloyal und selbstbezogen, geht nicht auf deren Probleme ein und stellt sich mit ihren in den Fokus. Ein Grund, warum Art sie verlässt, ist ihre Social-Media-Sucht. Völlig zwanghaft lässt Jenny weiterhin ihre Instagram-Captions von Kelly gegenlesen und ignoriert die sich anbahnende Trennung der beiden Freundinnen. Als Leser:in stehen wir hilflos daneben und würden ihr am liebsten ins Ohr schreien, was sie tun und lassen sollte. Jenny bewegt sich derweil immer weiter auf einen Abgrund zu.

Der Abgrund

Und der kommt prompt, als sie feststellt, dass ihr Ex-Freund und ihre lang verehrte Influencerin Suzy Brambles ein Paar sind. Währenddessen wurde Jenny der Job gekündigt und immer und immer wieder gleiten ihre Gedanken zu ihrem ihr so fremd gewordenen Körper, der bisher nicht in der Lage war, ein Kind zu behalten. Nun ist es tatsächlich ihre Mutter (die in Jenny Haus übrigens Séancen hält und Kund:innen dabei hilft, Kontakt zu Verstorbenen aufzunehmen), die sie auffängt und sich um sie kümmert. Zwischen Vorwürfen und Missachtung wächst langsam ein zartes Pflänzchen neuer Vertrautheit zwischen Mutter und Tochter.

Unendlich viel Handlung, Textvariation und direkte Rede

In Unsworths Roman passiert wahnsinnig viel. Über die Handlungen in der Gegenwart hinaus bieten asynchrone collagenhafte Auszüge aus Jennys Kindheit Aufklärung über ihre aktuellen Angstzustände, Bindungshemmungen, ihre verzweifelte Suche nach Bestätigung und ihre Selbstsucht. Ihr ständiges Überdenken wird an E-Mails deutlich gemacht, die sie nicht abschickt, sondern nur für sich schreibt. An ihrer Art, SMS zu schreiben, und nicht zuletzt an ihrem Gedankenfluss, an dem wir ungefiltert teilhaben. Erinnernd an die Serie „Fleabag“ spricht Jenny teilweise (beinahe heimlich) den/die Leser:in sogar direkt an.

„Ich habe sie dabei erwischt, wie sie während des Studierens der Speisekarte einen unbedachten Moment hatten (Ray entschied sich für die Ente, um deine Frage zu beantworten) […]“

Durch die direkte Rede entwickelt sich ein persönliches Verhältnis zwischen Erzählerin und Leser:in, was die Distanz zu ihrer Innenwelt noch einmal mehr verringert.

Emma Jane Unsworths schonungsloser Humor

So frustrierend, deprimierend und ernsthaft problematisch die Lage von Jenny ist, umso witziger, derber und schonungsloser ist die Sprache.

„Normalerweise bin ich kein Draußenmensch, aber ich finde, unter den richtigen Umständen und wenn dir elend genug zumute ist, lässt es sich ganz gut mit der Natur kommunizieren. Ich hatte ein paar intensive Momente mit Ratten, Füchsen und Eichhörnchen: Augenkontakt, einen kurzen Moment lang waren wir füreinander der absolute Mittelpunkt.“

„a) Suzy Brambles hat mich verlassen.
b) Meine Mutter ist bei mir eingezogen.
c) Ich habe den Tampon dringelassen und bin ausgelaufen. Das Laken sieht aus wie die japanische Flagge.“

„Kurz vor der Haustür steigt mir der untrügliche Geruch von verbranntem Salbei in die Nase. Es schüttelt mich. Das kann nur eins bedeuten: Sie geht wieder der Geisterwelt auf die Nerven. Und tatsächlich, als ich die Tür aufruckele, höre ich sie. Ist da jemand? Ist da jemand? Ziemlich wahllos, oder? So ähnlich wie Chatroulette, nur mit Geistern. Die Chancen stehen buchstäblich drei zu eins, dass du auf einen Wichser triffst.“

Dies erzeugt einen krassen Kontrast zwischen dem Verdeutlichen von Jennys ernsten Psychosen und dem gleichzeitigen Überspielen sowohl auf inhaltlicher Ebene (Social-Media-Inszenierungen) als auch auf textueller Ebene (mit Witzen und derbem Humor). Übrig bleibt letzten Endes eine Frau in ihren Dreißigern, die am Boden zerstört ist, weil ihr Freund sie verlassen hat, sie noch immer keine Kinder hat und sie einmal als junges Mädchen allein Weihnachten feiern musste, weil ihre selbstsüchtige Mutter mit ihrem damaligen Freund Urlaub auf den Bahamas machen wollte. 

Das ehrliche Portrait einer Verzweifelten

Über die zahllosen verschiedenen Textsorten, die sich uns in Form von Kolumnen-Entwürfen, Postkarten, SMS-Konversationen, dramaturgisch aufgebauten Szenen, flüchtigen Erinnerungen oder auch mal zwei komplett leeren Seiten zeigen, entsteht puzzleartig das Portrait einer traurigen und verzweifelten Frau. Was anfangs störte, nämlich gerade die ständig variierenden Textsorten, Einschübe und exzentrischen Instagram-Posts, entpuppte sich über die Handlung hinweg als genialer Kunstgriff. Denn das ist die Art und Weise, wie uns Emma Jane Unsworth die Krise deutlich machen möchte, in der Jenny McLaine steckt. Je mehr einem dies bewusst wird, desto mehr wächst die Protagonistin ans Herz. Und wir beginnen zu reflektieren. Unser eigenes Social-Media-Verhalten. Unsere eigenen Bewertungsmechanismen. Unsere eigene Sucht nach Bestätigung. Was zunächst übertrieben wirkt, macht auf einmal Sinn.

Humorvoll, unkonventionell und manchmal etwas drüber

„Adults“ von Emma Jane Unsworth wirkt zunächst wie eine seichte, sprachlich sehr gewollte Unterhaltungslektüre. Doch mit der Zeit entwickelt sich ein gar nicht so leicht verdaulicher Roman über verschiedene Traumata und die Überforderung, die unsere Gesellschaft gerade bei Frauen in ihren Dreißigern auslöst. Stichwort: Arbeit, Beziehung, Kinder. Dabei wird die Ernsthaftigkeit bis zur letzten Seite von derbem Humor und schonungsloser Ehrlichkeit teilweise aufgebrochen, teilweise übertüncht. Der Roman wirft viele Fragen auf und entwirft komplexe Charaktere. Dennoch kann die ständig wechselnde Textsorte (zum Glück jedoch immer aus der gleichbleibenden Ich-Perspektive) und die beinahe durchgehend humoristische Sprache abschreckend wirken. Mit etwas Toleranz gegenüber unkonventionellen Textspielereien und zügellosem Humor bringt dieses Buch durchaus Spaß und regt zum Reflektieren an.


© Victoria Lückemann
Emma Jane Unsworth: Adults. Eichborn, 2021.

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Victoria Lückemann
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