„Literatur darf niemals Instrument des Politischen werden“

Ist Kunst politisch? Und wie wichtig sind eigentlich Buchpreise? Ich habe bei der engagierten Programmleiterin Miryam Schellbach nachgefragt. Ein Gespräch über ungerade Lebenswege, Kleckerhonorare und Ungerechtigkeiten in der Literaturbranche.

© Holger Priesemuth

Frau Schellbach, Sie haben eine großartige Karriere hingelegt: vom Literaturstudium in Leipzig und Lyon bis zur Programmleiterin bei Claassen. War der 18-jährigen Miryam klar, dass sie irgendwas mit Literatur machen will?

Es war ihr gar nicht klar. Ich halte viel von ungeraden Lebenswegen! Ich wollte nach dem Abi ins Ausland, und zwar möglichst weit weg von zu Hause. Ich war für ein Jahr in Israel und von dort aus habe ich mich in irgendeiner Stadt für irgendeinen Studiengang beworben. Es ist damals Soziologie in Leipzig geworden. Obwohl ich vorher nie dort gewesen war, war Leipzig die ideale Stadt für mich. Der Studiengang eher weniger, weshalb ich immer wieder die Studienfächer gewechselt habe. Mein einziger Anker waren die literaturwissenschaftlichen Seminare, die mir wahnsinnig viel Spaß gemacht haben. Deshalb bin ich schlussendlich zur Germanistik übergewechselt und habe es geliebt. Ich hätte noch 20 Jahre weiter studieren können – wenn ich das hätte bezahlen können!

Sie haben scheinbar so viele Jobs gleichzeitig gemacht: Lektorin, Moderatorin, und freie Literaturkritikerin. Wie geht das?

Und Mutter. Der ultimative Vollzeitjob.

Und Mutter!

Ich habe ein sehr entgrenztes Verhältnis zur Arbeit, so wie viele Leute im kulturellen Bereich. Das geht damit einher, dass dieser Arbeitsbereich mit einem sehr hohen kulturellen Kapital einhergeht. Man bekommt viel Anerkennung, nimmt aber auch alles persönlich und arbeitet viel. Deswegen ist ganz unklar, wann ich eigentlich arbeite. Lese ich eigentlich noch im Privaten oder das ist jetzt Arbeit? Das ist auf jeden Fall ineinander übergegangen. Und in Bezug auf die vielen verschiedenen Tätigkeiten: Es ist keine besonders heldenhafte Sache so viele Berufe parallel auszuüben. Es war zu einem gewissen Zeitpunkt meines Lebens schlichte Notwendigkeit. Freie Literaturkritiker:innen
können sich nur finanzieren, wenn sie viele Standbeine haben. Denn man kann vom Schreiben für Zeitungen nicht leben – das sind meist Kleckerhonorare. Also muss man ganz viele Dinge nebenbei machen: moderieren, PR und Marketingtätigkeiten ausüben oder eben Jurys besetzen.

Sie waren schon zweimal Teil der Jury des Leipziger Buchpreis, nicht wahr?

Einmal. Außerdem bin ich in vielen kleinen Übersetzer-Gremien und aktuell in der Jury des Wortmeldungen Ulrike Crespo Literaturpreises. Dafür wurden übrigens tolle Text eingereicht, ich war sehr beeindruckt. Die Jury war wunderbar breitgefächert; die Diskussionen haben viel Spaß gemacht.

Wie wichtig schätzen Sie die Rolle des Wortmeldungen Literaturpreises für die Branche und die Preisträger:innen ein?

Der Wortmeldungen-Preis der Crespo-Foundation ist besonders deshalb wichtig, weil er auch Essays oder dem Genre nach eher hybride Kurztexte prämiert. Außerdem ist er ziemlich hoch dotiert. Literaturpreise haben kurz gesagt zwei Funktionen. Die eine Funktion ist Sichtbarkeit zu erzeugen, für die Literatur im Allgemeinen und für die konkrete Autor:in im Speziellen. Die zweite Funktion ist es, die Autor:innen zu mitzufinanzieren; viele sind darauf angewiesen. Es sollte mehr Preise geben. Ich hätte nichts dagegen, wenn jede Stiftung einen Literaturpreis zu vergeben hätte.

Am 11. Februar hat in Hanau die Soli-Lesung stattgefunden, eine Spendenaktion, die die Betroffenen des Anschlags vor drei Jahren bei der Aufklärung unterstützen soll. Ist das auch eine von Ihnen organisierte Aktion?

Das haben Fatma Aydemir, Asal Dardan und ich zu dritt gemacht. Wir haben tolle Unterstützung von vielen Autor:innen und der Crespo Foundation bekommen. Das ist die Stiftung, die auch den Wortmeldungen Preis ausgibt. Dank der Stiftung kann das gesamte Geld an die „Initiative 19. Februar Hanau“ gehen.

Sehen Sie Literatur in diesem Fall als politisches Instrument?

Die Frage würde ich mit einem absoluten Nein beantworten! Literatur darf niemals Instrument des Politischen werden. Literatur ist eine Form der Kunst. Und Kunst sollte keinen Vehikelcharakter haben, denn dann ist sie Propaganda – ganz egal für welche politische Richtung. Die andere Frage wäre: Ist Kunst politisch? Und die würde ich sofort mit Ja beantworten. Für mich ist Literatur eine höchst politische Angelegenheit. Gleichzeitig können Literatur und Kunst dafür sorgen, dass Aufmerksamkeit auf ein politisches Feld gelegt wird.

Lassen Sie uns über Ihren aktuellen Job als Programmleiterin bei Claassen sprechen. Wie war der Übergang vom freiberuflichen Arbeiten in eine klassische 40 Stunden Woche für Sie?

Claassen hat eine lange Geschichte mit vielen spannenden Autorinnen. Irmgard Keun erschien hier in den 20er Jahren, Marlen Haushofer auch viele Jahre später. Heute haben neben deutschsprachigen Autorinnen wie Antonia Baum oder Bov Bjerg auch ganz tolle literarische Stimmen in der Übersetzung dabei. Hanya Yanagihara etwa oder Saidiya Hartman, die am Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Literatur entlangschreibt. Diese beeindruckenden Stimmen zu begleiten, ist mir die größte Freude. Trotzdem gibt es schon ab und an Momente, in denen mir das literaturkritische Schreiben fehlt, nur ließ es sich – gerade mit Kind – so schlecht davon leben. Ich wünsche allen
Literaturkritiker:innen, dass sie sich mit dem Schreiben finanzieren können. Die Anerkennung in diesem Beruf ist jedenfalls eher symbolisch (Prestige, Öffentlichkeit usf.). Zudem wird in der Literaturkritik immer gesagt, es gibt ein Nachwuchsproblem, was einfach nicht stimmt. Es gibt so viele junge Leute, die gerne schreiben würden. Aber von den Honoraren können sie ihre Mieten nicht zahlen.

Ihre neue Position bietet Ihnen also vor allem finanzielle Stabilität?

Nicht nur. Es ist eben auch aufregend, so viel Gestaltungspotential zu haben, um überhaupt darüber nachdenken zu können: Welche Autor:innen interessieren mich? Mit welchen Übersetzer:innen möchte ich gerne zusammenarbeiten? Welche Debatten und literarischen Strömungen möchte ich aufgreifen? Diese Position bietet mir einen unglaublichen Gestaltungsraum, was sehr inspirierend ist.

Was sind denn Ihre konkreten Ziele und Gestaltungswünsche?

Claassen hat bereits eine beeindruckende Backlist. Eine meiner Herausforderungen besteht darin, deutschsprachige Autor:innen zu finden, die einen hohen Anspruch an ihre sprachliche Form haben. Natürlich gilt das auch für den Inhalt. Aber ich erfinde nicht alles neu, sondern kann mich an den Vorarbeiten von vielen tollen Denkern und Kritikern bedienen. Das zusammenzuführen, und zu schauen, was für ein Claassen „Imperium“ daraus wächst, ist eine schöne Tätigkeit.

Karsten Kredel, der verlegerische Geschäftsführer Ullsteins, hat in den letzten Monaten vielen jungen Frauen in verantwortungsvolle Führungspositionen geholt. Trotzdem: Wie renovierungsbedürftig ist die Verlagsbranche in Bezug auf ihre personellen Konstellationen?

Interessant ist, dass es meiner Meinung nach gar nicht so viele Verlage gibt, die Frauen an der Spitze haben. Dabei ist es gar nicht so, dass es eine Geschlechterungleichheit gibt. Es arbeiten viel mehr Frauen in der Verlagsbranche als Männer. Aber eben nicht in den Führungspositionen! Letztlich wird man mit einer einzelnen Personalentscheidung niemals das Ungleichgewicht lenken können. Aber die Entscheidungen, die Karsten Kredel getroffen hat, sind durchaus unkonventionell und mutig – auch heute noch. Ich glaube, das ist eine strategische Entscheidung gewesen, die sich auszahlen wird.

Es tut sich etwas, aber nicht schnell genug?

Auf jeden Fall. Man müsste fragen: Welche Ungleichgewichte gibt es noch? Die Ungerechtigkeiten des Buchmarkts werden oft über die Ungerechtigkeiten der literarischen Veröffentlichung diskutiert. Warum gibt es so wenig schwarze Übersetzer:innen? Warum gibt es so wenig PoC-Autor:innen? Ich mache mir keine Illusionen. Meine Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass etwa schwarze Übersetzer:innen ein besseres Standing auf dem Buchmarkt kriegen, geht gegen Null. Natürlich kann ich beim nächsten Buch überlegen, ob ich eine schwarze Übersetzerin engagiere. Aber das Problem ist ja eher, dass die Leute schon vorher aussteigen. Sie können gar nicht erst Übersetzer:innen werden, weil sie nicht die Zeit und Ressourcen haben, um diese Kompetenzen auszubauen.

Geben Sie uns einen kleinen Ausblick in die Zukunft: Werden Sie weiterhin freiberuflich arbeiten oder möchten Sie sich auf die Programmarbeit konzentrieren?

Ich kann gar nicht nur eine Sache machen. [lacht] Dafür faszinieren mich zu viele Dinge. Ich werde weiterhin moderieren. Ich liebe es sehr mit Autor:innen über ihre Bücher zu sprechen, weil das eine ganz besondere Art der Begegnung ist und häufig Gedanken entstehen, auf die man sonst nicht so schnell kommen würde.

Miryam Schellbach, Jahrgang 1988, hat als Lektorin, Moderatorin und Redakteurin der
Literaturzeitschrift
Edit gearbeitet. Als freie Literaturkritikerin schrieb sie u.a. für die Süddeutsche
Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung – unter anderem die SZ-Kolumne „Was lesen Sie?“. Seit Oktober 2022 ist sie Programmleiterin bei Claassen, einem Imprint des Berliner Ullstein Verlags.

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