Wehrhafte Texte, lose Fäden

Wehrhafte Texte, lose Fäden

Die Frage danach, was einen guten Essay ausmacht, ist wie so viele Fragen der Geistesgeschichte eine Altherrenfrage: Michel de Montaigne wusste es – er wurde für seine Essays viel gerühmt – und natürlich wusste es auch Theoriegott Theodor W. Adorno. Der hat sogar (Spiegel im Spiegel!) einen Essay über die Kunst des Essays geschrieben. »Der Essay als Form« heißt er und ist eine Ode an diese Textform, die, mit Adorno, »in Freiheit zusammen denkt, was sich zusammenfindet in dem frei gewählten Gegenstand.« Der Essay ist also, so würde Enis Maci vielleicht sagen, das Produkt einer »folgenreichen Weigerung« . Von ihr kann man lernen, dass diese Textform längst keine Altherrenangelegenheit mehr ist und ein Essay schön, zart, poetisch, derb, klug und dabei sehr politisch sein kann – das zeigt die 26-Jährige in ihrem ersten Essayband Eiscafé Europa.

von Marie Kraja

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Von Sommern und Kriegen

Von Sommern und Kriegen

Wo ist man Zuhause mit einem jesidischen Vater und einer deutschen Mutter? Was tun, wenn man sich zwischen den Welten zerrissen fühlt? Und wie lebt es sich mit der täglichen Angst um die fernen Verwandten im Bürgerkrieg in Syrien? Ronya Othmann erzählt in ihrem Debütroman DIE SOMMER von der Identitätssuche einer jungen Frau und den Schrecken einer Verfolgung, die kein Ende nehmen will.

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Feminismus ganz ohne Hashtag?

Feminismus ganz ohne Hashtag?

Dass Gleichberechtigung im Literaturbetrieb längst noch ein Fremdwort ist, möchte der Roman Hippocampus von Gertraud Klemm aufzeigen. Die österreichische Autorin entwirft das Bild einer sensationslüsternen, patriarchalen und korrupten Literaturbranche – und legt, wie es der Klappentext verspricht, ihren Finger dahin, wo es wehtut. Doch Klemms Finger kratzt nur an der Oberfläche.

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Die Gespenster von Demmin

Die Gespenster von Demmin

Wie aufwachsen am Ort des größten Massensuizids der deutschen Geschichte? Larry hat einen Berufswunsch: sie will Kriegsreporterin werden. Das hat sie zwar noch nicht allen erzählt, ihrem Vater zum Beispiel nicht, aber das hat auch seine Gründe: Ihre beste Freundin Sarina kann mit Larrys Plänen so gar nichts anfangen. Als Gegenfigur zu dem Mädchen zeichnet Autorin Verena Keßler Larrys Nachbarin, eine Zeitzeugin, die 1945 dabei war. Ihre Mutter ertränkte sich damals im Fluss Peene und nahm die kleine Schwester mit in den Tod. Der Autorin gelingt es, in ihrem Debüt anhand des ungewöhnlichen Mädchens und der alten Frau eine Coming-of-Age-Geschichte mit den Ereignissen von 1945 zu verknüpfen und sie beweist, dass Erinnerungen unerlässlich sind, um auf die Gegenwart zu blicken.

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Streulicht

Streulicht

Jetzt ist sie zurück: Die Protagonistin in Deniz Ohdes Debüt Streulicht besucht ihren Vater in der Industriestadt, in der sie aufwuchs. Sie ist angereist, um die Hochzeit ihrer Sandkastenfreund*innen zu feiern: Sophia und Pikka. Sie selbst, die der Stadt den Rücken kehrte, blickt zurück und erzählt den Leser*innen von ihrer Kindheit zwischen Arbeiter*innenmilieu, Klassismus und Rassismus – auch wenn die Autorin diese Worte nicht explizit nennt. Ein ruhiges, lesenswertes und wahnsinnig eindringliches Debüt.

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Bezimena – Für die Namenlosen

Bezimena – Für die Namenlosen

Nina Bunjevac hat ein beachtliches Graphic Novel gezeichnet und geschrieben. In Bezimena verarbeitet sie eigene Erfahrungen von sexualisierter Gewalt mit dem griechischen Mythos von Artemis, die von dem jungen Siproites heimlich beim Baden beobachtet wird und ihn zur Strafe in eine Frau verwandelt. Nina Bunjevacs Buch ist explizit, schmerzhaft, stark, metaphorisch und lebt durch die unglaublich präzisen Bilder.

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Land in Sicht

Land in Sicht

Jana hat eine Mission: sie will ihren Vater Milan kennenlernen. Der ihr unbekannte Mann ist Kapitän auf dem Donau-Kreuzfahrtschiff MS Mozart. Jana bucht sich ein Kreuzfahrt-Ticket und findet sich plötzlich auf dem Schiff zwischen Passagier*innen 60+, Mahlzeiten als Hauptattraktion und Landausflügen an den Ufern der Donau wieder. Doch einen Haken hat die Sache: wie den eigenen Vater ansprechen, der einen nicht erkennt? Ilona Hartmanns kurzweiliges Debüt Land in Sicht ist witzig, ironisch, flapsig und könnte an der ein oder anderen Stelle gern noch tiefer gehen.

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Und jetzt ist sie hier

Und jetzt ist sie hier

Sie war in London, um Literatur zu studieren, sie hat versucht, ihre Familie und ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen, in der großen Stadt anzukommen und ihre Herkunft aus der Working Class im Norden Englands ein Stück zu vergessen. Sie hat unter den gierigen Blicken verschiedener Männer in Kneipen gearbeitet und versucht, sich und ihren Körper kennenzulernen, sie hat probiert, ihren alkoholkranken Vater zu retten und dabei vergessen, sich selbst zu beschützen. Und jetzt ist sie hier, in dem alten Cottage ihres verstorbenen Großvaters in Irland. Hier versucht sie, Lucy, die vielen kleinen Mechanismen ihrer Vergangenheit zu erzählen und zu verstehen und kommt sich und ihrer Familie ein kleines Stück näher. Jessica Andrews Debüt Und jetzt bin ich hier ist ein sinnlicher Roman über ein Mädchen, eine junge Frau voller Höhen und Tiefen, über eine Suche und manchmal ein Finden.

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Fehlstart

Fehlstart

Eine junge Frau wird verlassen, bricht ihr Jura-Studium ab und geht nach Paris, um hier dem Glück hinterherzujagen. Statt des Glücks findet sie einen prekären Hostessen-Job im Hosenanzug, keine Wohnung und die immergleichen klassistischen Strukturen, aus denen das Entweichen beinahe unmöglich scheint. Marion Messinas scharfer Blick portraitiert Aurélie und die Hürden, die verhindern, dass sie sich vom Arbeiter*innenmilieu der Eltern entfernen kann.

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